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Ästhetik der Moderne
[2001] [3770536312]

Autor: Vietta, Silvio

Verlag: Fink

Disziplin: Literatur,Kunst

Schlagworte: literatur,kunst,bild

Beschreibung:
Neue Zürcher Zeitung
Das Sehen des Sehens
kru. Silvio Viettas grosse systematische Untersuchung geht der Frage nach, wie sich die ästhetische Moderne in Literatur und bildender Kunst definieren lässt. Definieren, also begrenzen, zunächst auch im zeitlichen Sinn: Laut Vietta beginnt diese «Makro-Epoche» mit der Frühromantik, also dem Ende des 18. Jahrhunderts, und endet mit unserer Gegenwart. Nur in diesem Rahmen sei es sinnvoll, von «Moderne» zu sprechen; denn bis 1790 sei ein klassizistisches Schönheitsideal stilbildend gewesen, während erst mit Schlegel, Tieck, Novalis u. a. der Wahrnehmungsprozess und seine Subjektivität produktiv in den künstlerischen Prozess einfliesse – ein «Systembruch», den Vietta zum Kriterium der Moderne erhebt. Kleists sogenannte «Kant-Krise» (1801) mag hier eines von vielen symptomatischen Daten sein. Anhand zahlreicher Werkanalysen zeigt Vietta, was als modern gelten könne: In der Malerei Caspar David Friedrichs ist es der Wahrnehmungsakt selbst, das «Sehen des Sehens», das signifikant ins Landschaftsbild rückt; ein weiteres Merkmal der romantischen Bildwelt ist ihr «kompositorischer Konstruktivismus» (die scheinbar «nach der Natur» gemalten Lokalitäten lassen sich topographisch nicht exakt verorten). Damit korrespondierend, verlangt der Literaturbegriff der Romantik, die «Subjektivität des darstellenden Ich mit zur Darstellung [zu] bringen». Subjektivität, Reflexivität und Experiment sind die «innovativen Sprechformen der literarischen Moderne» – eine Tendenz, die Vietta bis hin zum «Tod des Autors» (Roland Barthes) detailreich belegen kann. Erst die Postmoderne scheint die «reflexive Epoche der Künste» beenden zu wollen. Michel Houellebecq indes gilt mit den reflektierenden Passagen in «Elementarteilchen» dem Forscher als ein letzter Kronzeuge dessen, was die Ästhetik der Moderne über 200 Jahre hinweg geleistet habe.

eingetragen von: Sylvia Meyer