Arnheim versus Panofsky/Modernismus versus Ikonologie. Eine exemplarische Diskursanalyse zum Verhältnis der Kunstgeschichte zum filmischen Bild


Autor: Norbert M. Schmitz
[erschienen in: IMAGE 17 (Ausgabe Januar 2013)]

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This article wants to analyse, in the historical case of early film theory, which methodical options art history offers for a specification of the moving image. Perhaps the accurate differentiation is between a history of art as a description of the functional usage of the image in the modern culture that found prosecution in the industrially repeatable mass media and of aesthetic of fine arts, which evolves in an opposite dimension.
It turns out, that the history of art in the perspective of modernism, represented by the film theory of the young Rudolf Arnheim as a counterpart to the historical avantgarde of its time in the classical media, mostly failed the specific elements of the young medium. In contrast iconology, represented by the film enthusiast Erwin Panofsky, was able to describe cinema as a medium of social communication and symbolic selfimprovement of society in an inspiring way. In actual debates on the character of the moving image, in the context of an image science discussion, this fact is not well reflected and perhaps a mode of unconsciousness in discourse.
Simple confrontations of theory models such as dynamic and static images, auratic artefacts and ephemeral reproductions are indicated as aesthetic strategies that could not define the character of pictorial images or moving images. They show instead of images or imaginations as components of different subsystems like art, design or mass communication. The assumption is, that the history of art of modernism fails the specific element of the dispositive cinema and the potential of iconology is not yet utilised.

Der Aufsatz will am historischen Fall der frühen Filmtheorie untersuchen, welche methodischen Optionen die Kunstgeschichte hinsichtlich der Spezifik des filmischen Bildes bietet. Die vielleicht treffende Unterscheidung ist die zwischen einer Kunstgeschichte als Beschreibung des funktionalen Bildgebrauchs in der neuzeitlichen Kultur, die gewissermaßen in den Bildern der industriell reproduzierbaren Massenmedien nur ihre zwanglose Fortsetzung fand, und einer Ästhetik autonomer Kunst, die sich ja geradezu als Gegensatz zum selben entwickelte.
Dabei stellt sich heraus, dass die Kunstgeschichte des Modernismus, hier vorgestellt durch die Filmtheorie des jungen Rudolf Arnheim als Pendent zur historischen Avantgarde ihrer Zeit in den klassischen Medien, das Spezifische des jungen Medium häufig verfehlte. Dagegen konnte die Ikonologie, namentlich der Filmenthusiast Erwin Panofsky, das Kino als ein Medium der sozialen Kommunikation und symbolischen Selbstvergewisserung der Gesellschaft in einer bis heute anregenden Thesenbildung beschreiben. Dies wird auch noch in den aktuellen Debatten um das ›Wesen‹ des filmischen Bildes im Rahmen einer bildwissenschaftlichen Diskussion bis heute wenig reflektiert und stellt – essayistisch gesprochen – wohl das Unbewusste des Diskurses dar.
Allzu schlichte Konfrontationen der Theoriemodelle wie die zwischen dynamischen und statischen Bildern, auratischen Artefakten und ephemeren Reproduktionen werden dann als ästhetische Strategien erkennbar, die keinesfalls ein ›Wesen‹ des bildnerischen Bildes oder des filmischen Bildes erschließen, sondern Bilder bzw. Bildvorstellungen als Bestandteile unterschiedlicher Subsysteme wie Kunst, Design und Massenkommunikation erkennbar machen. These ist kurz gesagt, dass gerade die Kunstgeschichtswissenschaft des Modernismus das Spezifische des modernen Mediums Film verfehlte, das Potenzial der Ikonologie noch lange nicht ausgeschöpft ist.

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