Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen

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Unterpunkt zu: Bildsemantik


Zur Typologie der Zeichen

Nach traditioneller Vorstellung werden Begriffe durch die An­gabe des rele­vanten Ober­begriffs und der jewei­ligen spezi­fischen Differenz im Ver­hältnis zu diesem unter­geordneten Begriffen expli­ziert. Bilder können diesem Ver­fahren gemäß als spezielle Zeichen einge­führt werden. Hier­bei dient der Zeichen­begriff als Ober­begriff, der in einem zweiten Schritt durch ein spezi­fisches, die unter­schiedlichen Zeichen unter­scheidendes Merk­mal einge­grenzt werden muss. Wahr­nehmungs­nähe ist als ein solches Merk­mal intendiert, das nur den bild­lichen Zeichen zu­kommen und das daher als spezi­fische Differenz zu anderen Zeichen dienen soll. Die Eigen­schaft der Wahr­nehmungs­nähe besitzt eine gewisse Nähe zum Begriff der Ähn­lich­keit, ist aber keineswegs mit Ähn­lich­keit zu iden­tifi­zieren. Gegen­stände, die nach Ähn­lich­keits­krite­rien inter­pretiert werden, müssen keine wahr­nehmungs­nahen Zeichen sein, zudem ist Ähn­lich­keit auch nicht das einzige Kriterium einer wahr­nehmungs­nahen Rezep­tion.

Die Explikation von Bildern als wahr­nehmungs­nahe Zeichen (vgl. [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-​Hom­bach, Klaus (2003).
Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Köln: Halem.

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) geht auf die ein­fluss­reiche Typo­logie von Charles S. Peirce zurück, nach dem die ikoni­schen Zeichen eine von drei Zeichen­klassen (neben den indexi­kalischen und symbo­lischen Zeichen) bilden. Das Ikoni­sche soll mit dem Begriff der Wahr­nehmungs­nähe genauer spezi­fiziert werden, ohne damit den Gedanken von Peirce aufzu­geben, dass der Status des jewei­ligen Zeichen nicht an sich besteht, sondern durch die beson­dere Rezep­tion, insbe­sondere durch das jeweils verwen­dete Schluss­verfahren, zustande kommt. Ein und derselbe Gegen­stand kann nach Peirce daher Index, Ikon oder Symbol sein, je nachdem ob er in kausalen Zusammen­hängen (als Wirkung und damit als An­zeichen) oder in assozia­tiven, ähn­lich­keits­beding­ten Zusammen­hängen oder auch in regel­geleiteten, konven­tionellen Zusammen­hängen inter­pretiert wird. Entsprechend ist Wahr­nehmungs­nähe eine Eigen­schaft, mit der die­jenigen Schluss­verfahren charakte­risiert werden sollen, die auf wahr­nehmungs­eigene Standards beruhen.


Der Begriff der Wahrnehmungsnähe als spezi­fische Eigen­schaft von Bildern

Was zeichnet bildliche Zeichen aus? Die spezi­fische Differenz, die Bilder vor allem von sprach­lichen Zeichen abhebt, liegt dem Krite­rium der Wahr­nehmungs­nähe zufolge darin, dass ihre Ver­wendung in beson­derer Weise an bestimmte Wahr­nehmungs­prozesse gekoppelt ist. Diese Koppe­lung muss natür­lich mehr als die Wahr­nehmung der Zeichen­träger sein, denn auch sprach­liche Zeichen müssen offen­sicht­lich wahrge­nommen werden. Über die Wahr­nehmung der Zeichen­träger hinaus soll Wahr­nehmungs­nähe für die Zeichen­inter­preta­tion rele­vant sein: Zumin­dest einige Aspekte der Bedeu­tung, die mit Bildern vermittelt werden sollen, müssen sich dem­nach aus der Struktur der Zeichen­träger ergeben, während die Zeichen­träger arbi­trärer Zeichen in der Regel keiner­lei Hin­weise auf die ent­sprechen­de Bedeu­tung ent­halten. Dies entspricht dem semio­tischen Begriff der Moti­viert­heit. Ein Gegen­stand kann also immer dann als ein wahr­nehmungs­nahes Zeichen aufge­fasst werden, wenn wir ihm einen Inhalt auf Grund­lage unserer Wahr­nehmungs­kompe­tenzen zuweisen.

Dem Begriff der Wahrnehmungsnähe ist der Begriff der Wahr­nehmung logisch vorge­schaltet. Während der Wahr­nehmungs­begriff eine spezielle Klasse psychi­scher Erleb­nisse umfasst, be­zeichnet der Begriff der Wahr­nehmungs­nähe eine Relation, die wir einem Gegen­stand mit Bezug auf eine spezi­fische Ein­stellung bzw. Wahr­nehmung zu­schreiben: Ein Zeichen ist wahr­nehmungs­nah relativ zum Wahr­nehmen­den und zu dessen Wahr­nehmungs­kompe­tenzen, seien diese nun kultur­inva­riant oder nicht. Der Begriff der Wahr­nehmungs­nähe meint so­dann eine vom Zeichen­ver­wender ab­hängige gradu­elle Eigen­schaft.

Die Besonderheit einer wahrnehmung­snahen Inter­pretation liegt am stärksten bei illu­sionisti­schen Bildern vor. Zwar müssen wir auch hier bereits ver­standen haben, dass es sich um ein Bild handelt, und damit eine all­gemeine Zeichen­kompetenz besitzen, die auch konven­tionelle Vor­gaben enthält; aber um zu bestimmen, was im Bild darge­stellt ist, können wir im Wesent­lichen auf die Prozesse zurück­greifen, die wir mit der Fähig­keit zur Gegen­stands­wahr­nehmung bereits besitzen. Wahr­nehmungs­nähe meint in diesem Fall also eine weit­gehende Iden­tität von Gegen­stands- und Bild­wahr­nehmung.

Exemplarisch kommt die Wahrnehmungsnähe entsprechend immer ins Spiel, wenn wir einen Gegen­stand als figür­liches Bild und damit in Relation zur üblichen Gegen­stands­wahrnehmung rezipieren. Der Begriff der Wahr­nehmungs­nähe ist aber durch­aus weiter gefasst. Er betrifft nicht nur die übrigen Wahr­nehmungs­modalitäten, sondern ist zudem auf Gegen­stände anwendbar, die wir üblicher­weise gar nicht als Zeichen auf­fassen. Dies ist der Fall, wenn wir etwa in beliebigen Gegen­ständen etwas anderes erkennen, als es tatsächlich ist. Eine spezielle Form hier­von liegt bei Wahr­nehmungs­täuschungen vor, wenn wir beispiels­weise im Dämmer­licht einen Strauch für eine Person halten. Mit Bezug auf den Begriff der Wahr­nehmungs­nähe sehen wir den Strauch als etwas, das er selber nicht ist, weil er auf Grund seiner visu­ellen Eigen­schaften und relativ zu unseren Wahr­nehmungs­standards eine Wahr­nehmungs­gestalt zu evo­zieren ver­mag, die üblicher­weise für die Wahr­nehmung von Per­sonen vorge­sehen ist (⊳ Dezep­tiver und immer­siver Modus).

Die Fähigkeit zur wahrnehmungsnahen Rezeption wird bewusst einge­setzt, wenn wir beispiels­weise im wolken­durch­zogenen Abend­himmel ausge­dehnte Land­schaften erkennen oder – einer Empfeh­lung Leo­nardo da Vincis folgend (vgl. [da Vinci 1990a]da Vinci, Leonardo (1990).
Sämt­liche Gemäl­de und die Schriften zur Male­rei. München: Schirmer/​Mosel.

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: S. 385) – bei der Betrach­tung alter Mauern die verschie­densten phan­tastischen und wunder­samen Gestalten erblicken. Hier­bei bleibt uns in der Regel bewusst, dass wir Wolken oder Mauern anschauen, offen­sichtlich lassen sich ihre Ober­flächen­strukturen aber in mehr oder weniger phantasie­voller Weise inter­pretieren, da sie einen mit­unter sehr plastischen Eindruck von selbst nicht anwesenden Gegen­ständen bieten. Das so beschriebene Phänomen ist ein Wahr­nehmungs­erleb­nis, bei dem wir von der Wahr­nehmungs­nähe Gebrauch machen, die Gegen­stände relativ zu unserer beste­henden Wahr­nehmungs­kompe­tenz anderen Gegen­ständen gegenüber aufweisen.


Der Begriff der Wahrnehmungsnähe in Relation zu ver­wandten Be­griffen

Der Begriff der Wahrnehmungsnähe steht in enger Beziehung zu den in der Semio­tik gebräuch­lichen Begriffen der Moti­viert­heit und der Ikoni­zität (vgl. [Sonesson 1989a]Sonesson, Göran (1989).
Pic­torial Concepts: In­quiries into the Semi­otic Her­itage and its Rele­vance to the Inter­preta­tion of the Visual World. Lund: Lund Uni­ver­sity Press.

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). In neueren Arbeiten zur semio­tischen Bild­theorie, die sich nicht selten kritisch zur Goodman-Tradi­tion verhalten, lässt sich eine enge Verbin­dung des Ikoni­zitäts­modells sowohl zu pragma­tischen als auch zu wahr­nehmungs­theore­tischen und kogni­tions­wissen­schaft­lichen Frage­stellungen fest­stellen (vgl. [Blanke 2003a]Blanke, Börries (2003).
Vom Bild zum Sinn. Das iko­nische Zeichen zwi­schen struktu­ralis­tischer Semio­tik und ana­lyti­scher Philo­sophie. Wies­baden: Deut­scher Uni­versi­tätsver­lag.

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). Ent­sprechend sind diese Modelle gleicher­maßen perzep­tuellen und semio­tischen Intui­tionen verpflichtet.
Die Explikation des Begriffs der Wahrnehmungsnähe orientiert sich zudem und insbe­sondere an Richard Wollheims Theorie der Bild­wahr­nehmung, für die er den Ausdruck ‘Seeing-in’ vorge­schlagen hat (vgl. [Wollheim 1982a]Wollheim, Richard (1982).
Se­hen-als, sehen-in und bild­liche Darstel­lung.
In Objek­te der Kunst, 192-210.

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und [Wollheim 1987a]Wollheim, Richard (1987).
Paint­ing, Meta­phor, and the Body: Titian, Belli­ni, De Koon­ing, etc..
In Paint­ing as an Art, 305-356.

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). Die Bild­wahr­nehmung zeichnet sich nach Woll­heim dadurch aus, dass wir etwas in etwas sehen. Sie ent­hält deshalb not­wendig zwei Kompo­nenten: Die Wahr­nehmung des als Bild geltenden Gegen­standes als Ober­fläche und die Wahr­nehmung eines weiteren Gegen­standes oder Sach­verhaltes in bzw. auf dieser Ober­fläche. Hierbei wird voraus­gesetzt, dass beide Kompo­nenten beständig bewusst bleiben, auch wenn der Betrachter auf einen dieser Aspekte fokussiert ist (vgl. [Hopkins 1998]Hopkins, Robert (1998).
Picture, Image and Experience. Cam­bridge: Cam­bridge Uni­versity Press.

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: S. 15-20). Diese Eigen­schaft der Bild­wahr­nehmung hat Wollheim als ‘Two­fold­ness’ bezeichnet.
Wollheims Theorie des Seeing-In wird oft der Gombrich zuge­schriebe­nen Illusions­theorie gegen­über­gestellt. Gombrich hatte in «Art and Illusion» die Bild­wahr­nehmung in Zusammen­hang mit dem Aspekt­sehen erläu­tert (vgl. [Gombrich 1962a]Gombrich, Ernst H. (1962).
Art and Illu­sion. A Study in the Psycho­logy of Picto­rial Re­presen­tation. London: Phaidon.

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: S. 6) und gefol­gert, dass der Bild­betrachter entweder nur die Ober­flächen­struktur oder aber diese als etwas anderes wahrnimmt (wie wir beim Hasen-Enten-Bild entweder nur den Hasen oder nur die Ente sehen). Gegen diese Ansicht richtet sich berech­tigter­weise Wollheims Two­foldness-Bedingung, die ihrer­seits aber dem Vorwurf ausge­setzt ist, dass sie den Unter­schied zu anderen Formen der Wahr­nehmung nicht plausibel machen kann und daher keine inhalt­liche Aussage darüber trifft, in welcher Weise Bilder abbilden (vgl. [Lopes 1996a]Lopes, Dominic (1996).
Under­stand­ing Pic­tures. Ox­ford: Clare­don Press.

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: S. 43-51, insbes. S. 50). Woll­heims Theorie ist damit indiffe­rent gegen­über den beste­henden Theorien.

Die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bild­theorie, wie sie etwa Woll­heim beschreibt, wird von phäno­meno­logischer Seite üblicher­weise akzep­tiert. Diffe­renzen gibt es in der Regel mit der Good­man nahe stehenden Tradi­tion der semio­tischen Bild­theorie, wenn diese als dezi­diert anti-perzep­tual­istisch verstanden wird. Legt man jedoch Woll­heims Charak­teri­sierung der Bild­wahr­nehmung zugrunde, dann bleibt beim derzeitigen Stand der Über­legungen offen, ob sie mit Good­mans Theorie in Konflikt steht. Denn Good­man bestrei­tet nicht generell die Rele­vanz von Wahr­nehmungs­aspek­ten für die Bild­rezep­tion, sondern ledig­lich die ähn­lich­keits­theore­tische Variante der perzep­tuellen Bild­theorie.

Anmerkungen
Literatur                             [Sammlung]

[Blanke 2003a]: Blanke, Börries (2003). Vom Bild zum Sinn. Das iko­nische Zeichen zwi­schen struktu­ralis­tischer Semio­tik und ana­lyti­scher Philo­sophie. Wies­baden: Deut­scher Uni­versi­tätsver­lag.

[da Vinci 1990a]: da Vinci, Leonardo (1990). Sämt­liche Gemäl­de und die Schriften zur Male­rei. München: Schirmer/​Mosel. [Gombrich 1962a]: Gombrich, Ernst H. (1962). Art and Illu­sion. A Study in the Psycho­logy of Picto­rial Re­presen­tation. London: Phaidon. [Hopkins 1998]: Hopkins, Robert (1998). Picture, Image and Experience. Cam­bridge: Cam­bridge Uni­versity Press. [Lopes 1996a]: Lopes, Dominic (1996). Under­stand­ing Pic­tures. Ox­ford: Clare­don Press. [Sachs-Hombach 2003a]: Sachs-​Hom­bach, Klaus (2003). Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Köln: Halem. [Sonesson 1989a]: Sonesson, Göran (1989). Pic­torial Concepts: In­quiries into the Semi­otic Her­itage and its Rele­vance to the Inter­preta­tion of the Visual World. Lund: Lund Uni­ver­sity Press. [Wollheim 1982a]: Wollheim, Richard (1982). Se­hen-als, sehen-in und bild­liche Darstel­lung. In: Woll­heim, R. (Hg.): Objek­te der Kunst. Frank­furt/M.: Suhr­kamp, S. 192-210. [Wollheim 1987a]: Wollheim, Richard (1987). Paint­ing, Meta­phor, and the Body: Titian, Belli­ni, De Koon­ing, etc.. In: Woll­heim, R. (Hg.): Paint­ing as an Art. Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­sity Press, S. 305-356.


Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

Ausgabe 1: 2013

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Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [17], Mark A. Halawa [3] und Stefan Kahl [1] — (Hinweis)