Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen: Unterschied zwischen den Versionen

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
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Nach traditioneller Vorstellung werden Begriffe durch die Angabe des relevanten Oberbegriffs und der jeweiligen spezifischen Differenz expliziert. Bilder können diesem Verfahren gemäß als spezielle Zeichen eingeführt werden. Hierbei dient der Zeichenbegriff als Oberbegriff, der in einem zweiten Schritt durch ein spezifisches, die unterschiedlichen Zeichen unterscheidendes Merkmal eingegrenzt werden muss. Wahrnehmungsnähe ist als ein solches Merkmal intendiert, das nur den bildlichen Zeichen zukommen und das daher als spezifische Differenz zu anderen Zeichen dienen soll. Die Eigenschaft der Wahrnehmungsnähe besitzt eine gewisse Nähe zum Begriff der Ähnlichkeit, ist aber keineswegs mit Ähnlichkeit zu identifizieren. Gegenstände, die nach Ähnlichkeitskriterien interpretiert werden, müssen keine wahrnehmungsnahen Zeichen sein, zudem ist Ähnlichkeit auch nicht das einzige Kriterium einer wahrnehmungsnahen Rezeption.
  
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Die Explikation von Bildern als wahrnehmungsnahe Zeichen (vgl. <bib id='Sachs-Hombach 2003a'>Sachs-Hombach 2003</bib>) geht auf die einflussreiche Typologie von Peirce zurück, nach dem die ikonischen Zeichen eine von drei Zeichenklassen (neben den indexikalischen und symbolischen Zeichen) bilden. Das Ikonische soll mit dem Begriff der Wahrnehmungsnähe genauer spezifiziert werden, ohne damit den Gedanken von Peirce aufzugeben, dass der Status des jeweiligen Zeichen nicht an sich besteht, sondern durch die besondere Rezeption, insbesondere durch das jeweils verwendete Schlussverfahren, zustande kommt. Ein und derselbe Gegenstand kann nach Peirce daher Index, Ikon oder Symbol sein, je nachdem ob er in kausalen Zusammenhängen (als Wirkung und damit als Anzeichen) oder in assoziativen, ähnlichkeitsbedingten Zusammenhängen oder auch in regelgeleiteten, konventionellen Zusammenhängen interpretiert wird. Entsprechend ist Wahrnehmungsnähe eine Eigenschaft, mit der diejenigen Schlussverfahren charakterisiert werden sollen, die auf wahrnehmungseigene Standards beruhen.
  
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=====Der Begriff der Wahrnehmungsnähe als spezifische Eigenschaft von Bildern=====
  
=====Engere Begriffsbestimmung=====
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Was zeichnet ''bildliche'' Zeichen aus? Die spezifische Differenz, die Bilder vor allem von sprachlichen Zeichen abhebt, liegt dem Kriterium der Wahrnehmungsnähe zufolge also darin, dass ihre Verwendung in besonderer Weise an bestimmte Wahrnehmungsprozesse gekoppelt ist. Diese Koppelung muss natürlich mehr als die Wahrnehmung der Zeichenträger sein, denn auch sprachliche Zeichen müssen natürlich wahrgenommen werden. Über die Wahrnehmung der Zeichenträger hinaus soll Wahrnehmungsnähe für die Zeicheninterpretation relevant sein: Zumindest einige Aspekte der Bedeutung, die mit Bildern vermittelt werden sollen, müssen sich demnach aus der Struktur der Zeichenträger  ergeben, während die Zeichenträger arbiträrer Zeichen in der Regel keinerlei Hinweise auf die entsprechende Bedeutung enthalten.  Dies entspricht dem semiotischen Begriff der Motiviertheit. Ein Gegenstand kann also immer dann als ein wahrnehmungsnahes Zeichen aufgefasst werden, wenn wir ihm einen Inhalt auf Grundlage unserer Wahrnehmungskompetenzen zuweisen.
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Dem Begriff der Wahrnehmungsnähe ist der Begriff der Wahrnehmung logisch vorgeschaltet. Während der Wahrnehmungsbegriff eine spezielle Klasse psychischer Erlebnisse umfasst, bezeichnet der Begriff der Wahrnehmungsnähe eine Relation, die wir einem Gegenstand mit Bezug auf eine spezifische Einstellung bzw. Wahrnehmung zuschreiben: Ein Zeichen ist wahrnehmungsnah relativ zum Wahrnehmenden und zu dessen Wahrnehmungskompetenzen, seien diese nun kulturinvariant oder nicht. Der Begriff der Wahrnehmungsnähe meint also eine vom Zeichenverwender abhängige graduelle Eigenschaft.
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Die Besonderheit einer wahrnehmungsnahen Interpretation liegt am stärksten bei illusionistischen Bildern vor. Zwar müssen wir auch hier bereits verstanden haben, dass es sich um ein Bild handelt, und damit eine allgemeine Zeichenkompetenz besitzen, die auch konventionelle Vorgaben enthält; aber um zu bestimmen, was im Bild dargestellt ist, können wir im wesentlichen auf die Prozesse zurückgreifen, die wir mit der Fähigkeit zur Gegenstandswahrnehmung bereits besitzen. Wahrnehmungsnähe meint in diesem Fall also eine weitgehende Identität von Gegenstands- und Bildwahrnehmung.
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Exemplarisch kommt die Wahrnehmungsnähe entsprechend immer ins Spiel, wenn wir einen Gegenstand als figürliches Bild und damit in Relation zur üblichen Gegenstandswahrnehmung rezipieren. Der Begriff der Wahrnehmungsnähe ist aber durchaus weiter gefasst. Er betrifft nicht nur die übrigen Wahrnehmungsmodalitäten, sondern ist zudem auf Gegenstände anwendbar, die wir üblicherweise gar nicht als Zeichen auffassen. Dies ist der Fall, wenn wir etwa in beliebigen Gegenständen etwas anderes erkennen, als es tatsächlich ist. Eine spezielle Form hiervon liegt bei Wahrnehmungstäuschungen vor, wenn wir beispielsweise im Dämmerlicht einen Strauch für eine Person halten. Mit Bezug auf den Begriff der Wahrnehmungsnähe sehen wir den Strauch als etwas, das er selber nicht ist, weil er auf Grund seiner visuellen Eigenschaften und relativ zu unseren Wahrnehmungsstandards eine Wahrnehmungsgestalt zu evozieren vermag, die üblicherweise für die Wahrnehmung von Personen vorgesehen ist.
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Die Fähigkeit zur wahrnehmungsnahen Rezeption wird bewusst eingesetzt, wenn wir beispielsweise im wolkendurchzogenen Abendhimmel ausgedehnte Landschaften erkennen oder (einer Empfehlung Leonardo da Vincis folgend) bei der Betrachtung alter Mauern die verschiedensten phantastischen und wundersamen Gestalten erblicken. Hierbei bleibt uns in der Regel bewusst, dass wir Wolken oder Mauern anschauen, offensichtlich lassen sich ihre Oberflächenstrukturen aber in mehr oder weniger phantasievoller Weise interpretieren, da sie einen mitunter sehr plastischen Eindruck selber nicht anwesender Gegenstände bieten. Das so beschriebene Phänomen ist ein Wahrnehmungserlebnis, bei dem wir von der Wahrnehmungsnähe Gebrauch machen, die Gegenstände relativ zu unserer bestehenden Wahrnehmungskompetenz anderen Gegenständen gegenüber aufweisen.
  
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=====Der Begriff der Wahrnehmungsnähe in Relation zu verwandten Begriffen=====
  
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Der Begriff der Wahrnehmungsnähe steht in enger Beziehung zu den in der Semiotik gebräuchlichen Begriffen der Motiviertheit und der Ikonizität (vgl. <bib id='Sonesson 1989a'>Sonesson 1989</bib>). In neueren Arbeiten innerhalb der semiotischen Bildtheorie, die sich nicht selten kritisch zur Goodman-Tradition verhalten, lässt sich eine enge Verbindung des Ikonizitätsmodells sowohl zu pragmatischen als auch zu wahrnehmungstheoretischen und kognitionswissenschaftlichen Fragestellungen feststellen (vgl. <bib id='Blanke 2003'>Blanke 2003</bib>). Entsprechend sind diese Modelle gleichermaßen perzeptuellen und semiotischen Intuitionen verpflichtet.
  
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Die Explikation des Begriffs der Wahrnehmungsnähe orientiert sich zudem und insbesondere an Wollheims Theorie der Bildwahrnehmung, für die er den Ausdruck „Seeing-in“ vorgeschlagen hat (vgl. <bib id='Wollheim 1982a'>Wollheim 1980</bib> und <bib id='Wollheim 1987a'>Wollheim 1987</bib>). Die Bildwahrnehmung zeichnet sich nach Wollheim dadurch aus, dass wir etwas in etwas sehen. Sie enthält deshalb notwendig zwei Komponenten: Die Wahrnehmung des als Bild geltenden Gegenstandes als Oberfläche und die Wahrnehmung eines weiteren Gegenstandes oder Sachverhaltes in dieser Oberfläche. Hierbei ist vorausgesetzt, dass beide Komponenten beständig bewusst bleiben, auch wenn der Betrachter auf einen dieser Aspekte fokussiert (vgl. <bib id='Hopkins 1998a'>Hopkins 1998</bib>, 15-20). Diese Eigenschaft der Bildwahrnehmung hat Wollheim als „Twofoldness“ bezeichnet.
  
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Wollheims Theorie des „Seeing-In“ wird oft der Gombrich zugeschriebenen Illusionstheorie gegenübergestellt. Gombrich hatte in Art and Illusion die Bildwahrnehmung in Zusammenhang mit dem Aspektsehen erläutert (vgl. <bib id='Gombrich 1962a'>Gombrich 1960</bib>, 6) und gefolgert, dass der Bildbetrachter entweder nur die Oberflächenstruktur oder aber diese als etwas anderes wahrnimmt (wie wir beim Hasen-Enten-Bild entweder nur den Hasen oder nur die Ente sehen). Gegen diese Ansicht richtet sich berechtigterweise Wollheims Twofoldness-Bedingung, die ihrerseits aber dem Vorwurf ausgesetzt ist, dass sie den Unterschied zu anderen Formen der Wahrnehmung nicht plausibel machen kann und daher keine inhaltliche Aussage darüber trifft, in welcher Weise Bilder abbilden (vgl. <bib id='Lopes 1996a'>Lopes 1996</bib>, 43-51; insbesondere 50). Wollheims Theorie ist damit indifferent gegenüber den bestehenden Theorien.
  
=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
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Die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bildtheorie, wie sie etwa Wollheim beschreibt, wird von phänomenologischer Seite üblicherweise akzeptiert. Differenzen gibt es in der Regel mit der Goodman nahe stehenden Tradition der semiotischen Bildtheorie, wenn diese als dezidiert anti-perzeptualistisch verstanden wird. Legt man jedoch Wollheims Charakterisierung der Bildwahrnehmung zugrunde, dann bleibt beim derzeitigen Stand der Überlegungen offen, ob sie mit Goodmans Theorie in Konflikt steht. Denn Goodman bestreitet nicht generell die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bildrezeption, sondern lediglich die ähnlichkeitstheoretische Variante der perzeptuellen Bildtheorie.
  
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Version vom 20. März 2012, 13:37 Uhr


Unterpunkt zu: Bildsemantik


Zur Typologie der Zeichen

Nach traditioneller Vorstellung werden Begriffe durch die Angabe des relevanten Oberbegriffs und der jeweiligen spezifischen Differenz expliziert. Bilder können diesem Verfahren gemäß als spezielle Zeichen eingeführt werden. Hierbei dient der Zeichenbegriff als Oberbegriff, der in einem zweiten Schritt durch ein spezifisches, die unterschiedlichen Zeichen unterscheidendes Merkmal eingegrenzt werden muss. Wahrnehmungsnähe ist als ein solches Merkmal intendiert, das nur den bildlichen Zeichen zukommen und das daher als spezifische Differenz zu anderen Zeichen dienen soll. Die Eigenschaft der Wahrnehmungsnähe besitzt eine gewisse Nähe zum Begriff der Ähnlichkeit, ist aber keineswegs mit Ähnlichkeit zu identifizieren. Gegenstände, die nach Ähnlichkeitskriterien interpretiert werden, müssen keine wahrnehmungsnahen Zeichen sein, zudem ist Ähnlichkeit auch nicht das einzige Kriterium einer wahrnehmungsnahen Rezeption.

Die Explikation von Bildern als wahrnehmungsnahe Zeichen (vgl. [Sachs-Hombach 2003]Sachs-​Hom­bach, Klaus (2003).
Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Köln: Halem.

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) geht auf die einflussreiche Typologie von Peirce zurück, nach dem die ikonischen Zeichen eine von drei Zeichenklassen (neben den indexikalischen und symbolischen Zeichen) bilden. Das Ikonische soll mit dem Begriff der Wahrnehmungsnähe genauer spezifiziert werden, ohne damit den Gedanken von Peirce aufzugeben, dass der Status des jeweiligen Zeichen nicht an sich besteht, sondern durch die besondere Rezeption, insbesondere durch das jeweils verwendete Schlussverfahren, zustande kommt. Ein und derselbe Gegenstand kann nach Peirce daher Index, Ikon oder Symbol sein, je nachdem ob er in kausalen Zusammenhängen (als Wirkung und damit als Anzeichen) oder in assoziativen, ähnlichkeitsbedingten Zusammenhängen oder auch in regelgeleiteten, konventionellen Zusammenhängen interpretiert wird. Entsprechend ist Wahrnehmungsnähe eine Eigenschaft, mit der diejenigen Schlussverfahren charakterisiert werden sollen, die auf wahrnehmungseigene Standards beruhen.
Der Begriff der Wahrnehmungsnähe als spezifische Eigenschaft von Bildern

Was zeichnet bildliche Zeichen aus? Die spezifische Differenz, die Bilder vor allem von sprachlichen Zeichen abhebt, liegt dem Kriterium der Wahrnehmungsnähe zufolge also darin, dass ihre Verwendung in besonderer Weise an bestimmte Wahrnehmungsprozesse gekoppelt ist. Diese Koppelung muss natürlich mehr als die Wahrnehmung der Zeichenträger sein, denn auch sprachliche Zeichen müssen natürlich wahrgenommen werden. Über die Wahrnehmung der Zeichenträger hinaus soll Wahrnehmungsnähe für die Zeicheninterpretation relevant sein: Zumindest einige Aspekte der Bedeutung, die mit Bildern vermittelt werden sollen, müssen sich demnach aus der Struktur der Zeichenträger ergeben, während die Zeichenträger arbiträrer Zeichen in der Regel keinerlei Hinweise auf die entsprechende Bedeutung enthalten. Dies entspricht dem semiotischen Begriff der Motiviertheit. Ein Gegenstand kann also immer dann als ein wahrnehmungsnahes Zeichen aufgefasst werden, wenn wir ihm einen Inhalt auf Grundlage unserer Wahrnehmungskompetenzen zuweisen.

Dem Begriff der Wahrnehmungsnähe ist der Begriff der Wahrnehmung logisch vorgeschaltet. Während der Wahrnehmungsbegriff eine spezielle Klasse psychischer Erlebnisse umfasst, bezeichnet der Begriff der Wahrnehmungsnähe eine Relation, die wir einem Gegenstand mit Bezug auf eine spezifische Einstellung bzw. Wahrnehmung zuschreiben: Ein Zeichen ist wahrnehmungsnah relativ zum Wahrnehmenden und zu dessen Wahrnehmungskompetenzen, seien diese nun kulturinvariant oder nicht. Der Begriff der Wahrnehmungsnähe meint also eine vom Zeichenverwender abhängige graduelle Eigenschaft.

Die Besonderheit einer wahrnehmungsnahen Interpretation liegt am stärksten bei illusionistischen Bildern vor. Zwar müssen wir auch hier bereits verstanden haben, dass es sich um ein Bild handelt, und damit eine allgemeine Zeichenkompetenz besitzen, die auch konventionelle Vorgaben enthält; aber um zu bestimmen, was im Bild dargestellt ist, können wir im wesentlichen auf die Prozesse zurückgreifen, die wir mit der Fähigkeit zur Gegenstandswahrnehmung bereits besitzen. Wahrnehmungsnähe meint in diesem Fall also eine weitgehende Identität von Gegenstands- und Bildwahrnehmung.

Exemplarisch kommt die Wahrnehmungsnähe entsprechend immer ins Spiel, wenn wir einen Gegenstand als figürliches Bild und damit in Relation zur üblichen Gegenstandswahrnehmung rezipieren. Der Begriff der Wahrnehmungsnähe ist aber durchaus weiter gefasst. Er betrifft nicht nur die übrigen Wahrnehmungsmodalitäten, sondern ist zudem auf Gegenstände anwendbar, die wir üblicherweise gar nicht als Zeichen auffassen. Dies ist der Fall, wenn wir etwa in beliebigen Gegenständen etwas anderes erkennen, als es tatsächlich ist. Eine spezielle Form hiervon liegt bei Wahrnehmungstäuschungen vor, wenn wir beispielsweise im Dämmerlicht einen Strauch für eine Person halten. Mit Bezug auf den Begriff der Wahrnehmungsnähe sehen wir den Strauch als etwas, das er selber nicht ist, weil er auf Grund seiner visuellen Eigenschaften und relativ zu unseren Wahrnehmungsstandards eine Wahrnehmungsgestalt zu evozieren vermag, die üblicherweise für die Wahrnehmung von Personen vorgesehen ist.

Die Fähigkeit zur wahrnehmungsnahen Rezeption wird bewusst eingesetzt, wenn wir beispielsweise im wolkendurchzogenen Abendhimmel ausgedehnte Landschaften erkennen oder (einer Empfehlung Leonardo da Vincis folgend) bei der Betrachtung alter Mauern die verschiedensten phantastischen und wundersamen Gestalten erblicken. Hierbei bleibt uns in der Regel bewusst, dass wir Wolken oder Mauern anschauen, offensichtlich lassen sich ihre Oberflächenstrukturen aber in mehr oder weniger phantasievoller Weise interpretieren, da sie einen mitunter sehr plastischen Eindruck selber nicht anwesender Gegenstände bieten. Das so beschriebene Phänomen ist ein Wahrnehmungserlebnis, bei dem wir von der Wahrnehmungsnähe Gebrauch machen, die Gegenstände relativ zu unserer bestehenden Wahrnehmungskompetenz anderen Gegenständen gegenüber aufweisen.


Der Begriff der Wahrnehmungsnähe in Relation zu verwandten Begriffen
Der Begriff der Wahrnehmungsnähe steht in enger Beziehung zu den in der Semiotik gebräuchlichen Begriffen der Motiviertheit und der Ikonizität (vgl. [Sonesson 1989]Sonesson, Göran (1989).
Pic­torial Concepts: In­quiries into the Semi­otic Her­itage and its Rele­vance to the Inter­preta­tion of the Visual World. Lund: Lund Uni­ver­sity Press.

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). In neueren Arbeiten innerhalb der semiotischen Bildtheorie, die sich nicht selten kritisch zur Goodman-Tradition verhalten, lässt sich eine enge Verbindung des Ikonizitätsmodells sowohl zu pragmatischen als auch zu wahrnehmungstheoretischen und kognitionswissenschaftlichen Fragestellungen feststellen (vgl. [Blanke 2003]Literaturangabe fehlt.
Bitte in der Bibliographie-Sammlung einfügen als:
- Buch,
- Artikel in Zeitschrift,
- Beitrag in Sammelband,
- Sammelband,
- andere Publikation,
- Glossarlemma.
). Entsprechend sind diese Modelle gleichermaßen perzeptuellen und semiotischen Intuitionen verpflichtet. Die Explikation des Begriffs der Wahrnehmungsnähe orientiert sich zudem und insbesondere an Wollheims Theorie der Bildwahrnehmung, für die er den Ausdruck „Seeing-in“ vorgeschlagen hat (vgl. [Wollheim 1980]Wollheim, Richard (1982).
Se­hen-als, sehen-in und bild­liche Darstel­lung.
In Objek­te der Kunst, 192-210.

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und [Wollheim 1987]Wollheim, Richard (1987).
Paint­ing, Meta­phor, and the Body: Titian, Belli­ni, De Koon­ing, etc..
In Paint­ing as an Art, 305-356.

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). Die Bildwahrnehmung zeichnet sich nach Wollheim dadurch aus, dass wir etwas in etwas sehen. Sie enthält deshalb notwendig zwei Komponenten: Die Wahrnehmung des als Bild geltenden Gegenstandes als Oberfläche und die Wahrnehmung eines weiteren Gegenstandes oder Sachverhaltes in dieser Oberfläche. Hierbei ist vorausgesetzt, dass beide Komponenten beständig bewusst bleiben, auch wenn der Betrachter auf einen dieser Aspekte fokussiert (vgl. [Hopkins 1998]Hopkins, Robert (1998).
Picture, Image and Experience. Cam­bridge: Cam­bridge Uni­versity Press.

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, 15-20). Diese Eigenschaft der Bildwahrnehmung hat Wollheim als „Twofoldness“ bezeichnet. Wollheims Theorie des „Seeing-In“ wird oft der Gombrich zugeschriebenen Illusionstheorie gegenübergestellt. Gombrich hatte in Art and Illusion die Bildwahrnehmung in Zusammenhang mit dem Aspektsehen erläutert (vgl. [Gombrich 1960]Gombrich, Ernst H. (1962).
Art and Illu­sion. A Study in the Psycho­logy of Picto­rial Re­presen­tation. London: Phaidon.

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, 6) und gefolgert, dass der Bildbetrachter entweder nur die Oberflächenstruktur oder aber diese als etwas anderes wahrnimmt (wie wir beim Hasen-Enten-Bild entweder nur den Hasen oder nur die Ente sehen). Gegen diese Ansicht richtet sich berechtigterweise Wollheims Twofoldness-Bedingung, die ihrerseits aber dem Vorwurf ausgesetzt ist, dass sie den Unterschied zu anderen Formen der Wahrnehmung nicht plausibel machen kann und daher keine inhaltliche Aussage darüber trifft, in welcher Weise Bilder abbilden (vgl. [Lopes 1996]Lopes, Dominic (1996).
Under­stand­ing Pic­tures. Ox­ford: Clare­don Press.

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, 43-51; insbesondere 50). Wollheims Theorie ist damit indifferent gegenüber den bestehenden Theorien.

Die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bildtheorie, wie sie etwa Wollheim beschreibt, wird von phänomenologischer Seite üblicherweise akzeptiert. Differenzen gibt es in der Regel mit der Goodman nahe stehenden Tradition der semiotischen Bildtheorie, wenn diese als dezidiert anti-perzeptualistisch verstanden wird. Legt man jedoch Wollheims Charakterisierung der Bildwahrnehmung zugrunde, dann bleibt beim derzeitigen Stand der Überlegungen offen, ob sie mit Goodmans Theorie in Konflikt steht. Denn Goodman bestreitet nicht generell die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bildrezeption, sondern lediglich die ähnlichkeitstheoretische Variante der perzeptuellen Bildtheorie.


Anmerkungen
Literatur                             [Sammlung]

[Blanke 2003]:
Literaturangabe fehlt.
Bitte in der Bibliographie-Sammlung einfügen als:
- Buch,
- Artikel in Zeitschrift,
- Beitrag in Sammelband,
- Sammelband,
- andere Publikation,
- Glossarlemma.
[Gombrich 1960]: Gombrich, Ernst H. (1962). Art and Illu­sion. A Study in the Psycho­logy of Picto­rial Re­presen­tation. London: Phaidon.

[Hopkins 1998]: Hopkins, Robert (1998). Picture, Image and Experience. Cam­bridge: Cam­bridge Uni­versity Press. [Lopes 1996]: Lopes, Dominic (1996). Under­stand­ing Pic­tures. Ox­ford: Clare­don Press. [Sachs-Hombach 2003]: Sachs-​Hom­bach, Klaus (2003). Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Köln: Halem. [Sonesson 1989]: Sonesson, Göran (1989). Pic­torial Concepts: In­quiries into the Semi­otic Her­itage and its Rele­vance to the Inter­preta­tion of the Visual World. Lund: Lund Uni­ver­sity Press. [Wollheim 1980]: Wollheim, Richard (1982). Se­hen-als, sehen-in und bild­liche Darstel­lung. In: Woll­heim, R. (Hg.): Objek­te der Kunst. Frank­furt/M.: Suhr­kamp, S. 192-210. [Wollheim 1987]: Wollheim, Richard (1987). Paint­ing, Meta­phor, and the Body: Titian, Belli­ni, De Koon­ing, etc.. In: Woll­heim, R. (Hg.): Paint­ing as an Art. Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­sity Press, S. 305-356.


Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

Verantwortlich:

Klaus Sachs-Hombach

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [18], Mark A. Halawa [3] und Stefan Kahl [1] — (Hinweis)