Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
Version vom 24. Oktober 2012, 18:24 Uhr von Mark A. Halawa (Diskussion | Beiträge) (Der Begriff der Wahrnehmungsnähe in Relation zu verwandten Begriffen)
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Unterpunkt zu: Bildsemantik


Zur Typologie der Zeichen

Nach traditioneller Vorstellung werden Begriffe durch die Angabe des relevanten Oberbegriffs und der jeweiligen spezifischen Differenz im Verhältnis zu diesem untergeordneten Begriffen expliziert. Bilder können diesem Verfahren gemäß als spezielle Zeichen eingeführt werden. Hierbei dient der Zeichenbegriff als Oberbegriff, der in einem zweiten Schritt durch ein spezifisches, die unterschiedlichen Zeichen unterscheidendes Merkmal eingegrenzt werden muss. Wahrnehmungsnähe ist als ein solches Merkmal intendiert, das nur den bildlichen Zeichen zukommen und das daher als spezifische Differenz zu anderen Zeichen dienen soll. Die Eigenschaft der Wahrnehmungsnähe besitzt eine gewisse Nähe zum Begriff der Ähnlichkeit, ist aber keineswegs mit Ähnlichkeit zu identifizieren. Gegenstände, die nach Ähnlichkeitskriterien interpretiert werden, müssen keine wahrnehmungsnahen Zeichen sein, zudem ist Ähnlichkeit auch nicht das einzige Kriterium einer wahrnehmungsnahen Rezeption.

Die Explikation von Bildern als wahrnehmungsnahe Zeichen (vgl. [Sachs-Hombach 2003]Sachs-Hombach, Klaus (2003).
Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Köln: Herbert von Halem.

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) geht auf die einflussreiche Typologie von Charles S. Peirce zurück, nach dem die ikonischen Zeichen eine von drei Zeichenklassen (neben den indexikalischen und symbolischen Zeichen) bilden. Das Ikonische soll mit dem Begriff der Wahrnehmungsnähe genauer spezifiziert werden, ohne damit den Gedanken von Peirce aufzugeben, dass der Status des jeweiligen Zeichen nicht an sich besteht, sondern durch die besondere Rezeption, insbesondere durch das jeweils verwendete Schlussverfahren, zustande kommt. Ein und derselbe Gegenstand kann nach Peirce daher Index, Ikon oder Symbol sein, je nachdem ob er in kausalen Zusammenhängen (als Wirkung und damit als Anzeichen) oder in assoziativen, ähnlichkeitsbedingten Zusammenhängen oder auch in regelgeleiteten, konventionellen Zusammenhängen interpretiert wird. Entsprechend ist Wahrnehmungsnähe eine Eigenschaft, mit der diejenigen Schlussverfahren charakterisiert werden sollen, die auf wahrnehmungseigene Standards beruhen.
Der Begriff der Wahrnehmungsnähe als spezifische Eigenschaft von Bildern

Was zeichnet bildliche Zeichen aus? Die spezifische Differenz, die Bilder vor allem von sprachlichen Zeichen abhebt, liegt dem Kriterium der Wahrnehmungsnähe zufolge darin, dass ihre Verwendung in besonderer Weise an bestimmte Wahrnehmungsprozesse gekoppelt ist. Diese Koppelung muss natürlich mehr als die Wahrnehmung der Zeichenträger sein, denn auch sprachliche Zeichen müssen natürlich wahrgenommen werden. Über die Wahrnehmung der Zeichenträger hinaus soll Wahrnehmungsnähe für die Zeicheninterpretation relevant sein: Zumindest einige Aspekte der Bedeutung, die mit Bildern vermittelt werden sollen, müssen sich demnach aus der Struktur der Zeichenträger ergeben, während die Zeichenträger arbiträrer Zeichen in der Regel keinerlei Hinweise auf die entsprechende Bedeutung enthalten. Dies entspricht dem semiotischen Begriff der Motiviertheit. Ein Gegenstand kann also immer dann als ein wahrnehmungsnahes Zeichen aufgefasst werden, wenn wir ihm einen Inhalt auf Grundlage unserer Wahrnehmungskompetenzen zuweisen.

Dem Begriff der Wahrnehmungsnähe ist der Begriff der Wahrnehmung logisch vorgeschaltet. Während der Wahrnehmungsbegriff eine spezielle Klasse psychischer Erlebnisse umfasst, bezeichnet der Begriff der Wahrnehmungsnähe eine Relation, die wir einem Gegenstand mit Bezug auf eine spezifische Einstellung bzw. Wahrnehmung zuschreiben: Ein Zeichen ist wahrnehmungsnah relativ zum Wahrnehmenden und zu dessen Wahrnehmungskompetenzen, seien diese nun kulturinvariant oder nicht. Der Begriff der Wahrnehmungsnähe meint sodann eine vom Zeichenverwender abhängige graduelle Eigenschaft.

Die Besonderheit einer wahrnehmungsnahen Interpretation liegt am stärksten bei illusionistischen Bildern vor. Zwar müssen wir auch hier bereits verstanden haben, dass es sich um ein Bild handelt, und damit eine allgemeine Zeichenkompetenz besitzen, die auch konventionelle Vorgaben enthält; aber um zu bestimmen, was im Bild dargestellt ist, können wir im Wesentlichen auf die Prozesse zurückgreifen, die wir mit der Fähigkeit zur Gegenstandswahrnehmung bereits besitzen. Wahrnehmungsnähe meint in diesem Fall also eine weitgehende Identität von Gegenstands- und Bildwahrnehmung.

Exemplarisch kommt die Wahrnehmungsnähe entsprechend immer ins Spiel, wenn wir einen Gegenstand als figürliches Bild und damit in Relation zur üblichen Gegenstandswahrnehmung rezipieren. Der Begriff der Wahrnehmungsnähe ist aber durchaus weiter gefasst. Er betrifft nicht nur die übrigen Wahrnehmungsmodalitäten, sondern ist zudem auf Gegenstände anwendbar, die wir üblicherweise gar nicht als Zeichen auffassen. Dies ist der Fall, wenn wir etwa in beliebigen Gegenständen etwas anderes erkennen, als es tatsächlich ist. Eine spezielle Form hiervon liegt bei Wahrnehmungstäuschungen vor, wenn wir beispielsweise im Dämmerlicht einen Strauch für eine Person halten. Mit Bezug auf den Begriff der Wahrnehmungsnähe sehen wir den Strauch als etwas, das er selber nicht ist, weil er auf Grund seiner visuellen Eigenschaften und relativ zu unseren Wahrnehmungsstandards eine Wahrnehmungsgestalt zu evozieren vermag, die üblicherweise für die Wahrnehmung von Personen vorgesehen ist.

Die Fähigkeit zur wahrnehmungsnahen Rezeption wird bewusst eingesetzt, wenn wir beispielsweise im wolkendurchzogenen Abendhimmel ausgedehnte Landschaften erkennen oder – einer Empfehlung Leonardo da Vincis folgend (vgl. [Leonardo da Vinci 1990a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 385) – bei der Betrachtung alter Mauern die verschiedensten phantastischen und wundersamen Gestalten erblicken. Hierbei bleibt uns in der Regel bewusst, dass wir Wolken oder Mauern anschauen, offensichtlich lassen sich ihre Oberflächenstrukturen aber in mehr oder weniger phantasievoller Weise interpretieren, da sie einen mitunter sehr plastischen Eindruck von selbst nicht anwesenden Gegenständen bieten. Das so beschriebene Phänomen ist ein Wahrnehmungserlebnis, bei dem wir von der Wahrnehmungsnähe Gebrauch machen, die Gegenstände relativ zu unserer bestehenden Wahrnehmungskompetenz anderen Gegenständen gegenüber aufweisen.

Der Begriff der Wahrnehmungsnähe in Relation zu verwandten Begriffen
Der Begriff der Wahrnehmungsnähe steht in enger Beziehung zu den in der Semiotik gebräuchlichen Begriffen der Motiviertheit und der Ikonizität (vgl. [Sonesson 1989]Sonesson, Göran (1989).
Pictorial Concepts. In .

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). In neueren Arbeiten zur semiotischen Bildtheorie, die sich nicht selten kritisch zur Goodman-Tradition verhalten, lässt sich eine enge Verbindung des Ikonizitätsmodells sowohl zu pragmatischen als auch zu wahrnehmungstheoretischen und kognitionswissenschaftlichen Fragestellungen feststellen (vgl. [Blanke 2003]Blanke, Börries (2003).
Vom Bild zum Sinn. Das ikonische Zeichen zwischen strukturalistischer Semiotik und analytischer Philosophie. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag, Reihe Bildwissenschaft, Bd. 4.

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). Entsprechend sind diese Modelle gleichermaßen perzeptuellen und semiotischen Intuitionen verpflichtet.
Die Explikation des Begriffs der Wahrnehmungsnähe orientiert sich zudem und insbesondere an Richard Wollheims Theorie der Bildwahrnehmung, für die er den Ausdruck „Seeing-in“ vorgeschlagen hat (vgl. [Wollheim 1980]Wollheim, Richard (1982).
Sehen-als, sehen-in und bildliche Darstellung.
In Objekte der Kunst, 192-210, übersetzt von Looser, Max.

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und [Wollheim 1987]Literaturangabe fehlt.
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). Die Bildwahrnehmung zeichnet sich nach Wollheim dadurch aus, dass wir etwas in etwas sehen. Sie enthält deshalb notwendig zwei Komponenten: Die Wahrnehmung des als Bild geltenden Gegenstandes als Oberfläche und die Wahrnehmung eines weiteren Gegenstandes oder Sachverhaltes in bzw. auf dieser Oberfläche. Hierbei wird vorausgesetzt, dass beide Komponenten beständig bewusst bleiben, auch wenn der Betrachter auf einen dieser Aspekte fokussiert ist (vgl. [Hopkins 1998]Hopkins, Robert (1998).
Picture, Image and Experience. Cambridge:  ???.

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, 15-20). Diese Eigenschaft der Bildwahrnehmung hat Wollheim als „Twofoldness“ bezeichnet.
Wollheims Theorie des „Seeing-In“ wird oft der Gombrich zugeschriebenen Illusionstheorie gegenübergestellt. Gombrich hatte in Art and Illusion die Bildwahrnehmung in Zusammenhang mit dem Aspektsehen erläutert (vgl. [Gombrich 1962]Literaturangabe fehlt.
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, 6) und gefolgert, dass der Bildbetrachter entweder nur die Oberflächenstruktur oder aber diese als etwas anderes wahrnimmt (wie wir beim Hasen-Enten-Bild entweder nur den Hasen oder nur die Ente sehen). Gegen diese Ansicht richtet sich berechtigterweise Wollheims Twofoldness-Bedingung, die ihrerseits aber dem Vorwurf ausgesetzt ist, dass sie den Unterschied zu anderen Formen der Wahrnehmung nicht plausibel machen kann und daher keine inhaltliche Aussage darüber trifft, in welcher Weise Bilder abbilden (vgl. [Lopes 1996]Lopes, Dominic (1996).
Understanding Pictures. Oxford: Claredon Press.

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: S. 43-51, insbes. S. 50). Wollheims Theorie ist damit indifferent gegenüber den bestehenden Theorien.

Die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bildtheorie, wie sie etwa Wollheim beschreibt, wird von phänomenologischer Seite üblicherweise akzeptiert. Differenzen gibt es in der Regel mit der Goodman nahe stehenden Tradition der semiotischen Bildtheorie, wenn diese als dezidiert anti-perzeptualistisch verstanden wird. Legt man jedoch Wollheims Charakterisierung der Bildwahrnehmung zugrunde, dann bleibt beim derzeitigen Stand der Überlegungen offen, ob sie mit Goodmans Theorie in Konflikt steht. Denn Goodman bestreitet nicht generell die Relevanz von Wahrnehmungsaspekten für die Bildrezeption, sondern lediglich die ähnlichkeitstheoretische Variante der perzeptuellen Bildtheorie.

Anmerkungen
Literatur                             [Sammlung]

[Blanke 2003]: Blanke, Börries (2003). Vom Bild zum Sinn. Das ikonische Zeichen zwischen strukturalistischer Semiotik und analytischer Philosophie. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag, Reihe Bildwissenschaft, Bd. 4.

[Gombrich 1962]:
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[Hopkins 1998]: Hopkins, Robert (1998). Picture, Image and Experience. Cambridge:  ???. [Leonardo da Vinci 1990a]:
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[Lopes 1996]: Lopes, Dominic (1996). Understanding Pictures. Oxford: Claredon Press. [Sachs-Hombach 2003]: Sachs-Hombach, Klaus (2003). Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Köln: Herbert von Halem. [Sonesson 1989]: Sonesson, Göran (1989). Pictorial Concepts. . [Wollheim 1980]: Wollheim, Richard (1982). Sehen-als, sehen-in und bildliche Darstellung. In: Wollheim, Richard (Hg.): Objekte der Kunst. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 192-210, übersetzt von Looser, Max. [Wollheim 1987]:
Literaturangabe fehlt.
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Verantwortlich:

Klaus Sachs-Hombach

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [18], Mark A. Halawa [3] und Stefan Kahl [1] — (Hinweis)