Auswirkungen der Bildlichkeit

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
Version vom 3. Juli 2013, 15:40 Uhr von Klaus Sachs-Hombach (Diskussion | Beiträge) (Arten von Auswirkungen der Begriffssynthese)
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Hauptpunkt zu: Bildlichkeit: Bedingungen und Folgen


Bildkompetenz in begriffsgenetischer Betrachtung

Die Bildlichkeit eines Gegenstands und damit die Bildkompetenz desjenigen, der mit jenem Teil seiner Umgebung (dem Gegenstand) als Bild umgeht, ist keine Eigenschaft, die einfach als additiv neben andere gesetzt betrachtet werden kann. Sie steht mit anderen Eigenschaften bzw. Kompetenzen in vielfältigen Wechselbeziehungen und ihre begriffliche Konstitution beeinflusst folglich auch die Begriffe, die wir uns von jenen machen sollten. Diese Auswirkungen stehen nun im Zentrum.

Die begriffsgenetische Betrachtung beruht darauf, das Zusammensetzen eines fraglichen Begriffsfeldes aus einfacheren, gemeinsam bereits etablierten Begriffsfeldern als Vorschlag zu nutzen, um einem skeptischen Gegenüber einen rationalen Weg zur Übernahme des fraglichen Begriffsfeldes aufzuzeigen: Dass nämlich die Muster, die wir dazu benutzen, uns über gemeinsame Gliederungen der Welt zu verständigen, sich durch bestimmte Kombinationen so erweitern lassen, dass mit den so gewonnenen Begriffen eine interessante Gruppe von Phänomenen überhaupt erst als systematische Zusammenhänge ‘begriffen’ werden können.

Eine begriffsgenetische Rekonstruktion einer Einführungssituation des Bildbegriffs mag beispielsweise auf unterschiedliche Entwicklungsstufen von Zeichenverhalten abheben, oder präziser: auf eine Folge von Begriffsfeldern, die uns erlauben, etwas in der Welt als Wesen mit Zeichenverhalten eines bestimmten Komplexitätsgrades zu ‘begreifen’ – als etwas also, das sich auf eine bestimmte mehr oder weniger komplexe Weise gleichzeitig zu sich selbst, seinen Artgenossen und seiner Umwelt zu verhalten in der Lage ist. Dabei mag es bei einem der Übergänge beispielsweise eine Rolle spielen, dass Wesen der gerade betrachteten Stufe manchmal eine eigentlich fehlerhafte Wahrnehmung ihrer Umgebung in eine ihrer Zeichenhandlungen einbeziehen. Wird ein solches Verhalten nicht nur als kontingentes Zusammentreffen zweier an sich unabhängiger Verhaltensinstanzen gesehen, sondern als ein Anzeichen für eine mögliche systematische Kombination von Verhaltensweisen, so ist eine Brücke für einen entsprechend kombinierten Begriff eines komplexeren Verhaltens gebaut.

Handlungssubjekt eines solchen Verhaltens ist dann allerdings nicht einfach ein Wesen derselben Art, wie die zuvor betrachteten Wesen: Infolge der systematischen Zusammenhänge der Begriffe in einem Begriffsfeld verändern sich durch eine solche begriffliche Kombination auch der Begriff der Entität, die zu solchem komplexeren Verhalten fähig ist ([Ros 1979a]Ros, Arno (1979).
Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Königstein/Ts.: Hain.

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).


Arten von Auswirkungen der Begriffssynthese

Neben dem hier zentralen Begriff – dem Begriff der Bildkompetenz – determiniert eine begriffsgenetische Konstitution also unter Umständen auch eine ganze Reihe anderer Begriffe, die zunächst nicht ohne Weiteres mit jenem in Zusammenhang zu stehen scheinen, aber trotzdem zum gleichen Begriffsfeld gehören. Doch sind das nicht die einzigen Auswirkungen.

Weitere Begriffe desselben Begriffsfeldes

Diese “Nebenwirkungen” der Begriffssynthese betreffen neben dem eigentlichen Träger der Bildkompetenz, der hier unter der Überschrift ‘homo pictor’ verhandelt wird, vor allem die Begriffe der Ähnlichkeit und der sachbezogenen Sprache, die hier unter der Bezeichnung ‘dezeptiver und immersiver Modus’ betrachtet werden.

Betroffen ist aber auch der Begriff der Gegenstände im engeren Sinn, die zumindest für eine wichtige Teilklasse von Bildern genau den Bildinhalt liefern, sowie der Fähigkeit, sich aus dem jeweiligen Hier und Jetzt zu befreien und damit in ein (mit Plessners Worten) exzentrisches Verhältnis zu sich selbst und seiner Umwelt treten zu können ([Plessner 1928a]Plessner, Helmuth (1928).
Die Stufen des Organischen und der Mensch. Berlin: W. de Gruyter, 31975.

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). Oft treten diese Begriffe als der eine Ast einer Differenzierung einer bereits bei nicht-bildfähigen Wesen vorhandenen Kompetenz zutage. Eine solche Ausdifferenzierung von Grundbegriffen betrifft insbesondere das Verhältnis von Gleichheit, Ähnlichkeit und Identität.

Elementare Bildbegriffe und Bildbegriffe höherer Ordnung

Eine weitere Folge einer begriffsgenetischen Betrachtung der als Bildkompetenz verstandenen Bildlichkeit besteht darin, dass auf dem so gewonnenen elementaren Bildbegriff weitere, komplexere Stufen (über fortgesetzte begriffsgenetische Rekonstruktionen) aufgebaut werden können. Zwischen welchen Stufen des Bildhaften wäre also zu differenzieren? Kandidaten für höherstufige Bildbegriffe sind etwa der des Strukturbildes, des reflexiv verwendeten Bildes, aber auch des bewegten oder interaktiven Bildes. Gibt es überhaupt eine einzige elementare Bildfunktion?

Die Antwort auf die Frage nach der eigentlichen elementaren Bildfunktion, die jedem einzelnen Bildgebrauch letztlich zugrunde liegt (siehe hierzu vor allem unter Prädikation, Nomination, Proposition und Kontextbildung), kann dabei über die begriffsgenetischen Relationen motiviert werden: Die Verwendungsweisen, die gemäß dem am einfachsten begriffsgenetisch zu rekonstruierenden Begriffsfeld für Wesen, denen zurecht Bildkompetenz zugeschrieben wird, möglich sind, werden in mehr oder weniger ausdifferenzierter Form auch allen höherstufigen Bildbegriffen zugrunde liegen.

Partielle Strukturübertragung auf andere Begriffsfelder

Ob Begriffe wie der der Anschauung, der des Vorstellungsbildes oder der der Bildvorstellung ebenfalls als höherstufige Bildbegriffe zu verstehen sind, sei hier dahingestellt. Sehr gut möglich wäre auch, dass es sich dabei um eine Folge der Begriffssynthese des Bildbegriffs ganz anderer Art handelt: einer partiellen Strukturübertragung nämlich auf Begriffsfelder für ganz andere Phänomenbereiche, d.h.: eine Metapher im Sinn der Kognitiven Linguistik ([Lakoff 1987a]Lakoff, George (1987).
Women, fire, and dangerous things – What categories reveal about the mind. Chicago: Chicago University Press.

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).[1]

Wer eine Metapher als ein Sprach“bild” bezeichnet wird meist doch zugestehen, dass damit keineswegs ein Bild im üblichen Sinn gemeint ist: vielmehr wird der Ausdruck gemeinhin selbst als ein “Sprachbild” verstanden. Allerdings ist die Bezeichnung dabei auch nicht rein zufällig äquivok, wie es etwa bei ‘Bank’ als Gartenmöbel und als Finanzinstitut der Fall ist. Vielmehr ist die Ähnlichkeit des Ausdrucks durch bestimmte Ähnlichkeiten in der Erscheinungsweise der beiden betrachteten Phänomenbereiche – bzw. genauer: unserer Argumentationen zu den Bereichen motiviert. Dass ein Teil der begrifflichen Struktur, also der Argumente stiftenden Zusammenhänge zwischen eng verbundenen Begriffen eines unserer Begriffsfelder, in einer mehr oder weniger weiten, aber stets unvollständigen Isomorphie-Beziehung mit der begrifflichen Struktur eines ganz anderen von uns verwendeten Begriffsfeldes steht ermöglicht uns, über die Phänomene, die unter ersteres fallen, in gewissen Grenzen so zu reden und so zu argumentieren, als würde es um Phänomene unter dem zweiten Begriffsfeld gehen.

Es handelt sich also um Phänomene, die wir als uneigentliche Bilder auffassen können, sofern nur der Bildbegriff verfügbar ist. So kann beispielsweise von ‘Lebensform’ als ‘Weltbild’ nur dann die Rede sein, wenn der Begriff der Lebensform als partiell strukturgleich zu dem des betrachteten Bildbegriffs verstanden wird: Man kann aber auch ganz ohne Verwendung des Bildbegriffs über dasselbe Phänomen reden, sofern nicht behauptet werden soll, es würde sich dabei tatsächlich um eine echte Art von Bild handeln.

Ob und in welchem Sinn schließlich mit dem Ausdruck “mentales Bild” eine Metapher artikuliert wird ist Thema des Unterpunkts logische Kontextbildung und mentale Bilder, der zugleich zur Diskussion der Auswirkungen der begriffsgenetischen Betrachtungen der Bildlichkeit auf die Begriffe der Ähnlichkeit und der Sprache zurückverweist.


Anmerkungen
  1. Zu diesem Thema existiert ein eigenes Lemma (⊳ sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie), so dass an dieser Stelle auf seine ausführliche Diskussion verzichtet werden kann.
Literatur                             [Sammlung]

[Lakoff 1987a]: Lakoff, George (1987). Women, fire, and dangerous things – What categories reveal about the mind. Chicago: Chicago University Press.

[Plessner 1928a]: Plessner, Helmuth (1928). Die Stufen des Organischen und der Mensch. Berlin: W. de Gruyter, 31975. [Ros 1979a]: Ros, Arno (1979). Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Königstein/Ts.: Hain.

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [32], Klaus Sachs-Hombach [1] und Emilia Didier [1] — (Hinweis)