Bildbewusstsein und Einbildungskraft

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
Version vom 19. Juni 2020, 18:24 Uhr von Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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Hauptpunkt zu: Bild und Wahrnehmung


Zum Begriff des Bild­bewusst­seins

Wer sich einem Bild gegenüber­sieht, ist sich dessen in der Regel bewusst. Dies zeigt sich beispiels­weise darin, dass eine Person bei der Wahrneh­mung des Bildes eines Apfels für gewöhn­lich nicht auf die Idee kommen wird, nach der darge­stellten Frucht zu greifen, um anschlie­ßend in diese hinein­zubei­ßen. Ganz im Gegen­teil darf damit gerech­net werden, dass über die beson­dere bildli­che Quali­tät des wahrge­nomme­nen Objekts Klarheit besteht, inso­fern das, was im Modus der Bildlich­keit gege­ben ist, nicht mit der leibhaf­tigen Präsenz des betref­fenden Gegen­standes verwech­selt wird. Um in unse­rem Beispiel zu bleiben: Der in einem Bild wahrge­nomme­ne Apfel wird gemein­hin ledig­lich als das Bild eines Apfels aufge­fasst, nicht als der Apfel selbst, mit dem bekannt­lich in ganz ande­rer Weise umge­gangen werden kann als mit dessen bildli­cher Darstel­lung.

Nun hat erfahrungsgemäß jede Regel eine Ausnah­me. So lassen sich selbstver­ständlich Fälle denken, in denen einer bildbe­trachten­den Person das Ziehen einer klaren Grenze zwischen arti­fiziel­ler Bildprä­senz[1] einer­seits und leibhaf­tiger Objekt­präsenz ande­rerseits offen­kundig nicht gelun­gen ist. Es ist durchaus möglich, einem Bild gegen­über­zuste­hen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Wie die berühm­te Zeuxis-Anek­dote ([Plinius 2004a]: S. 57ff.) oder die Kunst des trompe l’œil bezeu­gen, verweist die Fähig­keit, Bilder wie ›echte‹ Dinge erschei­nen zu lassen, auf ein konti­nuierli­ches Faszi­nosum der abend­ländi­schen Kultur­geschich­te.

Gleichwohl widerspricht diese Tatsa­che nicht der These, dass der Modus der Bildwahr­nehmung stets an ein beson­deres Bildbe­wusstsein gekop­pelt ist; sie bestä­tigt sie vielmehr. Wer sich von einem trompe l’œil täuschen lässt, sieht sich offen­sichtlich keinem Bild, sondern einem leibhaf­tigen Objekt gegen­über (vgl. [Hala­wa 2008a]: S. 124ff., sowie ⊳ Dezep­tiver und immer­siver Modus). Erst im Moment der Auf­deckung der zunächst nicht als solche erfass­ten Illu­sion tritt ein Bildbe­wusstsein in Kraft, durch welches das wahrge­nomme­ne Objekt aus dem Raum des Realen zurück­tritt, um sodann in den Modus der Bildlich­keit über­führt zu werden (vgl. [Geimer 2007a]: S. 103f.). Wo es ein solches Bildbe­wusstsein nicht gibt, gibt es auch keine Bildwahr­nehmung. Oder um es mit Bernhard Rang zu sagen:

[…] nichts [kann] ein Bild sein, ohne auch als Bild gewußt oder verstan­den zu werden. ([Rang 1990a]: S. 203, zitiert nach [Kapust 2009a]: S. 257)

Bildlichkeit konstituiert sich mithin allei­ne in Korres­pondenz zu einem spezi­fischen Bildbe­wusstsein. Die Frage, inwie­weit Bilder – ana­log zum Phäno­men des trompe l’œil – über ein illu­sori­sches oder simu­lato­risches Poten­zial verfü­gen, kann von daher nicht unab­hängig von dem Phäno­men des Bildbe­wusstseins disku­tiert werden (Simu­lation / Illu­sion).


Der Konnex von Bildbe­wusstsein und Einbil­dungskraft

Worin zeichnet sich nun die Beson­derheit eines solchen Bildbe­wusstseins aus? Wie kommt es zustan­de? Welchen Bedin­gungen unter­liegt es? Welche kogni­tiven und perzep­tiven Kompe­tenzen erfor­dert es?

Fragen wie diese nehmen in zahlrei­chen Zweigen der gegen­wärti­gen bildwis­senschaft­lichen Forschung einen wichti­gen Stellen­wert ein, darun­ter beson­ders in phäno­meno­logi­schen und kogni­tionswis­senschaft­lichen Strömun­gen der Bildthe­orie. Die Antwor­ten auf diese Fragen können dabei höchst unter­schiedlich ausfal­len.

Eine Position, die disziplinen­über­greifend weitge­hend Zustim­mung erfährt, stammt von dem Philo­sophen Hans Jonas, der im Rahmen seiner bild­anthro­polo­gischen Studien behaup­tete, dass nur solche Wesen zur Produk­tion und Rezep­tion von bildlichen Darstel­lungen in der Lage seien, die über ein beson­deres Vorstel­lungsver­mögen verfü­gen würden ([Jonas 1961a]: S. 174). Die Fähig­keit, Bilder zu produ­zieren und im Rahmen der Wahrneh­mung als solche (d.h.: als Bilder und nicht als leibhaf­tige Objek­te) zu rezi­pieren, wird damit an die Viru­lenz einer beson­deren (für Jonas: spezi­fisch menschli­chen) Einbil­dungskraft gekop­pelt. Bildbe­wusstsein und Einbil­dungskraft wären für eine allge­meine Bild­theorie inso­fern vor allem im Hinblick auf die Frage nach den kogni­tiven und perzep­tuellen Voraus­setzun­gen einer genu­inen Bildfä­higkeit bzw. Bildkom­petenz unab­dingba­re Ausgangs­punkte.

Doch auch diese These lässt eine Reihe von Fragen aufkom­men: In welchem Verhält­nis stehen Bildbe­wusstsein und Einbil­dungskraft zuein­ander? Gehen beide Phäno­mene inein­ander auf oder müssen auch hier genau­ere Grenzen gezo­gen werden?

Berücksichtigt man, dass gewöhnlich auch bei Vorstel­lungs-, Phanta­sie- oder sogar Traum­bildern von dem Wirken einer Einbil­dungskraft die Rede ist, stellt sich zudem noch eine weite­re Frage: Sind die Vorstel­lungen, die laut Jonas die Bedin­gung der Möglich­keit von bildli­chen Darstel­lungen sein sollen, selbst schon bildhaft? Diese Frage berührt zum einen die so genannte im­agery de­bate, die in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhun­derts in den Kogni­tionswis­senschaf­ten und der Philo­sophie des Geistes kontro­vers geführt worden ist. Zum ande­ren greift sie auf philo­sophi­sche Proble­me zurück, die spätes­tens seit Imma­nuel Kants berühm­ten Über­legun­gen zum Verhält­nis zwischen Anschau­ung und Begriff in dessen «Kritik der reinen Vernunft» (vgl. [Kant 1968a]) bis heute inten­siv disku­tiert und im Rahmen der in dieser Sektion versam­melten Unter­punkte ausführ­licher erör­tert werden.

Anmerkungen
  1. Der Aus­druck der ar­ti­fi­zi­el­len Prä­senz wur­de von Lam­bert Wie­sing in Re­kurs auf Ed­mund Hus­serl, Jean-Paul Sar­tre und an­de­re phä­no­me­no­lo­gi­sche Au­to­ren in die Bild­the­o­rie ein­ge­führt. Vgl. [Wie­sing 2005a].
Literatur                             [Sammlung]

[Geimer 2007a]:
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[Hala­wa 2008a]:
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[Jonas 1961a]: Jonas, Hans (1961). Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, Band: 15, S. 161–176, Wieder abgedruckt in: Jonas, Hans: Zwischen Nichts und Ewigkeit – Zur Lehre vom Menschen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1987, 26–43.

[Kant 1968a]:
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[Kapust 2009a]:
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[Plinius 2004a]:
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[Rang 1990a]:
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[Wie­sing 2005a]:
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Ausgabe 1: 2013

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [24], Mark A. Halawa [17] und Eva Schürmann [3] — (Hinweis)