Bildmorphologie: Unterschied zwischen den Versionen

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K (Einordnung der Bildmorphologie)
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Allerdings legt es die Unterscheidung von im engeren Sinne grammatischen gegenüber morphologischen Aspekten bei der Betrachtung von Sprache (⊳ [[Morphologie und Syntax]]) nahe, den Ausdruck ‘Bildmorphologie’ mit einem spezifischeren Sinn aufzuladen und ihn so von der Bildgrammatik (die eben damit zu einer ''Bildgrammatik im engeren Sinn'' wird) abzuheben. Die Bildgrammatik im engeren Sinn versucht vor allem syntaktische Kompositionalität bei Bildern im Sinne der formalen (Chomsky-) Grammatiken nachzuweisen, die die Unterscheidung von »Satz« und »Wort« voraussetzen<ref>Das bedeutet: Die [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen dieser Zeichensysteme]] werden als aus [[Interaktion und Kommunikation|kommunikativ]] wirkenden Einheiten zusammengesetzt verstanden, denen zumindest zum Teil selbst wiederum Zeichencharakter zukommt. Eine Komposition aus kommunikativen Elementen, die nicht bereits selber Zeichen sind, wird dabei nicht berücksichtigt.</ref> und durch ein begrenztes Set von Ersetzungsregeln über einer endlichen Menge von Satzkonstituenten als Zwischenstufen („nonterminale Symbole“, etwa ‘Nominalphrase’) aus endlichen vielen Wörtern (im ''mentalen Lexikon'') auf eindeutige Weise unendlich viele Sätze abzuleiten oder zu analysieren gestatten (<bib id='Chomsky 1957a'></bib>). Dagegen ist eine Bildmorphologie im hier verwendeten Sinn an einer syntaktischen Bildkompositionalität anderer Art interessiert: Können Bildträger mithilfe allgemeiner Gruppierungsregeln – etwa analog zu den wesentlich “weicheren”, im geometrischen Kontinuum wirkenden [[Gestalt]]gesetzen – als aus “piktorialen Primitiven” bestehend beschrieben werden, die nicht bereits als Zeichen (Wörter) begriffen werden und aus einer möglicherweise unbegrenzten Grundmenge stammen, wobei auch die Bedingung der Eindeutigkeit der Ableitung abgeschwächt sein könnte? In Analogie zu den Wortbildungsregeln bei extrem [[Morphologie und Syntax#Isolierende, polysynthe­tische, fusio­nieren­de und agglu­tinie­rende Sprach­syste­me|polysynthetisch-fusionierenden]] Sprachen, ohne dabei aber schon vorauszusetzen, dass eine Anwendung der Unterscheidung zwischen »Satz« und »Wort« auf bildhafte Zeichensysteme sinnvoll sei, müsste eine solche Bildmorphologie der charakteristischen Eigenschaft der [[Syntaktische Dichte|syntaktischen Dichte]] von bildlichen Zeichensystemen gerecht werden.
 
Allerdings legt es die Unterscheidung von im engeren Sinne grammatischen gegenüber morphologischen Aspekten bei der Betrachtung von Sprache (⊳ [[Morphologie und Syntax]]) nahe, den Ausdruck ‘Bildmorphologie’ mit einem spezifischeren Sinn aufzuladen und ihn so von der Bildgrammatik (die eben damit zu einer ''Bildgrammatik im engeren Sinn'' wird) abzuheben. Die Bildgrammatik im engeren Sinn versucht vor allem syntaktische Kompositionalität bei Bildern im Sinne der formalen (Chomsky-) Grammatiken nachzuweisen, die die Unterscheidung von »Satz« und »Wort« voraussetzen<ref>Das bedeutet: Die [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen dieser Zeichensysteme]] werden als aus [[Interaktion und Kommunikation|kommunikativ]] wirkenden Einheiten zusammengesetzt verstanden, denen zumindest zum Teil selbst wiederum Zeichencharakter zukommt. Eine Komposition aus kommunikativen Elementen, die nicht bereits selber Zeichen sind, wird dabei nicht berücksichtigt.</ref> und durch ein begrenztes Set von Ersetzungsregeln über einer endlichen Menge von Satzkonstituenten als Zwischenstufen („nonterminale Symbole“, etwa ‘Nominalphrase’) aus endlichen vielen Wörtern (im ''mentalen Lexikon'') auf eindeutige Weise unendlich viele Sätze abzuleiten oder zu analysieren gestatten (<bib id='Chomsky 1957a'></bib>). Dagegen ist eine Bildmorphologie im hier verwendeten Sinn an einer syntaktischen Bildkompositionalität anderer Art interessiert: Können Bildträger mithilfe allgemeiner Gruppierungsregeln – etwa analog zu den wesentlich “weicheren”, im geometrischen Kontinuum wirkenden [[Gestalt]]gesetzen – als aus “piktorialen Primitiven” bestehend beschrieben werden, die nicht bereits als Zeichen (Wörter) begriffen werden und aus einer möglicherweise unbegrenzten Grundmenge stammen, wobei auch die Bedingung der Eindeutigkeit der Ableitung abgeschwächt sein könnte? In Analogie zu den Wortbildungsregeln bei extrem [[Morphologie und Syntax#Isolierende, polysynthe­tische, fusio­nieren­de und agglu­tinie­rende Sprach­syste­me|polysynthetisch-fusionierenden]] Sprachen, ohne dabei aber schon vorauszusetzen, dass eine Anwendung der Unterscheidung zwischen »Satz« und »Wort« auf bildhafte Zeichensysteme sinnvoll sei, müsste eine solche Bildmorphologie der charakteristischen Eigenschaft der [[Syntaktische Dichte|syntaktischen Dichte]] von bildlichen Zeichensystemen gerecht werden.
 
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Besitzen Bilder eine solche Kompositionalität, so sind sie, obschon ebenfalls komplexe Zeichensysteme, sehr deutlich von Sprachzeichensystemen unterschieden (⊳ [[Ikonische Differenz]]). Ihnen fehlt die Aufgliederung der einzelnen [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem#Sprachliche Zeichen|Gesamtzeichenhandlungen]] in partiell unabhängige, wenn auch im Sinne Freges mehr oder minder ungesättigte, d.h. immer Ergänzungen bedürfender Teil''zeichen''handlungen – eben den Wörtern. Insbesondere bleibt dabei offen, ob die Verwendung isolierter syntaktischer Elemente bildhafter Zeichensysteme immer selbst bereits ungesättigte ''Zeichen''handlungen sind.
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Besitzen Bilder syntaktische Dichte, so sind sie, obschon ebenfalls komplexe Zeichensysteme, sehr deutlich von Sprachzeichensystemen unterschieden (⊳ [[Ikonische Differenz]]). Ihnen fehlt die Aufgliederung der einzelnen [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem#Sprachliche Zeichen|Gesamtzeichenhandlungen]] in partiell unabhängige, wenn auch im Sinne Freges mehr oder minder ungesättigte, d.h. immer Ergänzungen bedürfender Teil''zeichen''handlungen – eben den Wörtern. Insbesondere bleibt dabei offen, ob die Verwendung isolierter syntaktischer Elemente bildhafter Zeichensysteme immer selbst bereits ungesättigte ''Zeichen''handlungen sind.
 
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Sicherlich lassen sich die für ein Objekt in seiner Funktion ''als Bildträger'' relevanten physischen Eigenschaften vor allem in der visuell wahrnehmbaren geometrischen Anordnung von Farbflächen finden. In diesem Sinn können die syntaktischen Elemente, in die bei einer [[Eigenwerte, Abbildungswerte und Darstellungswerte syntaktischer Einheiten|eigenwertlichen Betrachtung der Bildsyntax]] der Bildträger zerlegt wird, als piktoriale morphologische Elemente betrachtet werden. Diese sind über ihren Eigenwert hinaus weder notwendiger Weise mit einer bestimmten Bedeutung – einem bestimmten Abbildungswert – aufgeladen, noch kommt ihnen unbedingt eine genau definierte pragmatische Funktion – ein festgelegter Darstellungswert – zu.
 
Sicherlich lassen sich die für ein Objekt in seiner Funktion ''als Bildträger'' relevanten physischen Eigenschaften vor allem in der visuell wahrnehmbaren geometrischen Anordnung von Farbflächen finden. In diesem Sinn können die syntaktischen Elemente, in die bei einer [[Eigenwerte, Abbildungswerte und Darstellungswerte syntaktischer Einheiten|eigenwertlichen Betrachtung der Bildsyntax]] der Bildträger zerlegt wird, als piktoriale morphologische Elemente betrachtet werden. Diese sind über ihren Eigenwert hinaus weder notwendiger Weise mit einer bestimmten Bedeutung – einem bestimmten Abbildungswert – aufgeladen, noch kommt ihnen unbedingt eine genau definierte pragmatische Funktion – ein festgelegter Darstellungswert – zu.

Version vom 14. November 2013, 17:33 Uhr

Unterpunkt zu: Bildsyntax


Einordnung der Bildmorphologie

Der Ausdruck ‘Bildmorphologie’ wird im allgemeinen nicht mit einer spezifischen, von ‘Bildgrammatik’ oder ‘Bildkomposition’ verschiedenen Bedeutung gebraucht. Angesprochen wird mit all diesen Termini eine analytische Betrachtung des Bildträgers als zusammengesetzt aus für die Bildfunktion relevanten, im wesentlichen durch visuell wahrnehmbare Eigenschaften bestimmten Teilen, die auch in anderen Bildträgern, die sich durch die Zusammenstellung der Teile unterscheiden, Verwendung finden können. Es ist die Zusammenstellung der Teile zu einem Ganzen, die zusammen mit anderen (nicht-syntaktischen) Faktoren die (Typ-) Identität des Bildträgers und damit letztlich auch die möglichen Verwendungen des Bildträgers als Bild determiniert.

Allerdings legt es die Unterscheidung von im engeren Sinne grammatischen gegenüber morphologischen Aspekten bei der Betrachtung von Sprache (⊳ Morphologie und Syntax) nahe, den Ausdruck ‘Bildmorphologie’ mit einem spezifischeren Sinn aufzuladen und ihn so von der Bildgrammatik (die eben damit zu einer Bildgrammatik im engeren Sinn wird) abzuheben. Die Bildgrammatik im engeren Sinn versucht vor allem syntaktische Kompositionalität bei Bildern im Sinne der formalen (Chomsky-) Grammatiken nachzuweisen, die die Unterscheidung von »Satz« und »Wort« voraussetzen[1] und durch ein begrenztes Set von Ersetzungsregeln über einer endlichen Menge von Satzkonstituenten als Zwischenstufen („nonterminale Symbole“, etwa ‘Nominalphrase’) aus endlichen vielen Wörtern (im mentalen Lexikon) auf eindeutige Weise unendlich viele Sätze abzuleiten oder zu analysieren gestatten ([Chomsky 1957a]Literaturangabe fehlt.
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). Dagegen ist eine Bildmorphologie im hier verwendeten Sinn an einer syntaktischen Bildkompositionalität anderer Art interessiert: Können Bildträger mithilfe allgemeiner Gruppierungsregeln – etwa analog zu den wesentlich “weicheren”, im geometrischen Kontinuum wirkenden Gestaltgesetzen – als aus “piktorialen Primitiven” bestehend beschrieben werden, die nicht bereits als Zeichen (Wörter) begriffen werden und aus einer möglicherweise unbegrenzten Grundmenge stammen, wobei auch die Bedingung der Eindeutigkeit der Ableitung abgeschwächt sein könnte? In Analogie zu den Wortbildungsregeln bei extrem polysynthetisch-fusionierenden Sprachen, ohne dabei aber schon vorauszusetzen, dass eine Anwendung der Unterscheidung zwischen »Satz« und »Wort« auf bildhafte Zeichensysteme sinnvoll sei, müsste eine solche Bildmorphologie der charakteristischen Eigenschaft der syntaktischen Dichte von bildlichen Zeichensystemen gerecht werden.

Besitzen Bilder syntaktische Dichte, so sind sie, obschon ebenfalls komplexe Zeichensysteme, sehr deutlich von Sprachzeichensystemen unterschieden (⊳ Ikonische Differenz). Ihnen fehlt die Aufgliederung der einzelnen Gesamtzeichenhandlungen in partiell unabhängige, wenn auch im Sinne Freges mehr oder minder ungesättigte, d.h. immer Ergänzungen bedürfender Teilzeichenhandlungen – eben den Wörtern. Insbesondere bleibt dabei offen, ob die Verwendung isolierter syntaktischer Elemente bildhafter Zeichensysteme immer selbst bereits ungesättigte Zeichenhandlungen sind.

Sicherlich lassen sich die für ein Objekt in seiner Funktion als Bildträger relevanten physischen Eigenschaften vor allem in der visuell wahrnehmbaren geometrischen Anordnung von Farbflächen finden. In diesem Sinn können die syntaktischen Elemente, in die bei einer eigenwertlichen Betrachtung der Bildsyntax der Bildträger zerlegt wird, als piktoriale morphologische Elemente betrachtet werden. Diese sind über ihren Eigenwert hinaus weder notwendiger Weise mit einer bestimmten Bedeutung – einem bestimmten Abbildungswert – aufgeladen, noch kommt ihnen unbedingt eine genau definierte pragmatische Funktion – ein festgelegter Darstellungswert – zu.

Visuelle Gestalten, Coloreme und Pixeme

Abbildung 1: Als Beispiel: Gloria Temarre Petyarre: «Arnkerrthe(Berg-Teufel-Eidechse)-Traum»

Kurz gefasst bilden also genau die Entitäten, in die der Bildträger – oder genauer: der durch Rahmung ausgezeichnete Teil seiner Oberfläche – in der visuellen Wahrnehmung eingeteilt erscheint, das morphologische Repertoire bei Bildern. Psychologisch wird diese Einteilung durch die Gestaltgesetze bestimmt: Sie determinieren, welche Raumstellen als zusammenhängend gesehen werden, und zwar nicht nur im Sinne eines in sich ungeteilten, gleichfarbigen und zusammenhängenden Gebiets, sondern auch im Sinne von Gruppierungen höherer Ordnung, etwa Folgen von gleichfarbigen Strichen. Dies führt beispielsweise in Abbildung 1 dazu, dass neben den roten, braunen, schwarzen, gelben und weißen Elementargebieten auch die Gruppen von gelb- bzw. weiß-gefassten, dunkel gefüllten Bögen und Balken als zusammengehörige visuelle Gestalten wahrgenommen werden.

In ihrem einflußreichen Buch zur Bildsyntax ([Saint-Martin 1990a]Literaturangabe fehlt.
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) führt Fernande Saint-Martin als morphologische Basiseinheit die sogenannten ‘Coloreme’ ein:

[A coloreme] corresponds to that aggregate of visual variables perceived in the visual representation by the way of an ocular fixation, or focus of the gaze. … A coloreme is defined […] as the zone of the visual linguistic field correlated to a centration of the eye. It is constituted by a mass of energetic matter presenting a given set of visual variables. ([Saint-Martin 1990a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 5).[2]
Abbildung 2: Visualisierung eines Colorems nach Saint-Martin (schematische Darstellung): Das das Colorem bestimmende kreisförmige foveale Zentrierungsgebiet ist herausgehoben und vergrößert, der Rest hingegen etwas abgedunkelt dargestellt

Saint-Martins Verständnis der Coloreme konzentriert sich offensichtlich auf momentane psychophysische Aspekte: Zu jedem Zeitpunkt kann jeweils nur eine okulare Fixation erfolgen und folglich nur ein Colorem wahrgenomen werden (vgl. Abb. 2). Allerdings soll auf dieser Basis eine „colorematische (oder coloremische) Analyse“ aufbauen, die

describes the transformations which a coloreme undergoes by its interrelations with the other coloremes of its immediate entourage through macular centrations. The analyses proceeds thus at a first regrouping of coloremes through the topological relations which establish the first perceptual construction and structure the energetic exchanges between coloremes. ([Saint-Martin 1990a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 194).

In ihrer Dynamik und direkter Abhängigkeit von den psychophysischen Eigenheiten eines wahrnehmenden Individuums sind Coloreme vor allem theoretische Entitäten. Praktisch schlägt Saint-Martin vor, die Bildfläche in ein regelmäßiges 5*5-Raster aufzuteilen, das als Basis für eine angenäherte Beschreibung der möglichen oder wahrscheinlichen Coloreme dient: Jedes Raster ist wiederum in ein 5*5-Subraster aufgeteilt, das die Gliederung in foveale Zentren und makulare Randbereiche aufgreift (ibid.: S. 197ff).

Um nicht zu stark an die recht spezifische Konzeption Saint-Martins gebunden zu sein, empfiehlt es sich allgemeiner, die – letztlich auf einen hypothetischen Normalbetrachter bezogenen – visuellen Gestalten im bildsyntaktischen Zusammenhang zunächst eher strukturalistisch zu betrachten und in Analogie zu dem linguistischen Ausdruck ‘Morphem’ als ‘Pixeme’ zu bezeichnen. Dabei kann in erster Näherung auch von der Dynamik abgesehen werden, die bei Saint-Martin die morphologische Beschreibung eines Bildträgers erschwert.[3]


Pixem-Attribute

Saint-Martin unterscheidet zwei Arten von Eigenschaften der syntakto-morphologischen Elemente bildhafter Zeichen, die häufig auf folgende Weise interpretiert werden (vgl. z.B. [Dölling 1999a]Literaturangabe fehlt.
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): Plastische Eigenschaften gehören zum Material des Bildträgers, während andere Eigenschaften im Auge des Betrachters liegen und von eher visueller also wahrnehmungsabhängiger Art sind. Die geometrischen Formen und ihre topologischen Relationen werden als typische Beispiele für den letzteren Eigenschaftstyp gegeben, während Farben und Texturen als Beispiele für Eigenschaften des Materials selbst betrachtet werden. Coloreme sind stets Kombinationen von plastischen und visuell-perzeptiven Eigenschaften.

Tatsächlich kann auch der allgemeinere Begriff des Pixems logisch analysiert werden in eine rein geometrische Basisstruktur einerseits und ein Begriffsfeld von diese Strukturen sichtbar machenden Markerdimensionen andererseits, denn Raum als solcher wäre ja nicht wahrnehmbar. Erst die Segmentation in zusammengehörige – nämlich gleich markierte – Gebiete ergibt eine Strukturierung in die räumlichen Elemente eines Ganzen.[4]

Allerdings ist die Unterscheidung zwischen Geometrie (d.h. Räumlichkeit) und Farbe nicht (oder jedenfalls nicht wesentlich) abhängig von der Differenzierung zwischen Eigenschaften, die zum Material des Bildträgers gehören – und daher als objektive Eigenschaften zu betrachten wären – und Eigenschaften, die vom Betrachter konstruiert werden – und folglich als subjektive Eigenschaften zu bewerten wären.[5] Vielmehr können Bildphilosophen über Farben und die Beziehungen zwischen ihnen einerseits und über räumliche Entitäten und die geometrischen oder topologischen Beziehungen zwischen ihnen andererseits diskutieren, ohne dabei die beiden Argumentationen miteinander vermischen zu müssen. Sie können als unabhängig voneinander betrachtet und als von – jedenfalls auf den ersten Blick – autonomen Begriffsfeldern geregelt behandelt werden.[6] Argumentationen über Pixeme müssen hingegen die Logik der Farben und die Logik des Raums miteinander kombinieren, d.h. in einer begrifflichen Synthese vereinigen.

Grundlegende Eigenschaften von Pixemen sind mithin genau die Attribute, die beliebige gefärbte Entitäten der zweidimensionalen Geometrie aufweisen, sowie die Relationen, die sie untereinander einnehmen können. Neben den charakteristischen Eigenschaften geometrischer Entitäten – insbesondere topologische, metrische und direktionale Relationen zwischen ihren Teilen (Form) und zu anderen Gebieten (Lage) – und den etwa durch Farbton, Helligkeit und Sättigung näher bestimmten Farbmarkierungen im engeren Sinn[7] können auch homogene Farbverläufe oder spezielle Farbvariationen – Texturen – als Attribute höherer Ordnung relevant sein. Zudem treten Wechselwirklungen auf, die sich aus der räumlichen Anordnung verschiedener Farben zueinander ergeben, vor allem Kontrast-Effekte.

Kombinationen von Pixemen, Maximalpixem

Da die Unterteilung in »Wort« und »Satz« für eine morphologische Analyse von Bildern irrelevant ist, können auch Zusammensetzungen aus mehreren Pixemen ohne weiteres wieder als Pixeme betrachtet werden: Die Morphologie von Bildern besteht damit aus Teil-Ganzes-Ordnungen von Pixemen, die sich zwischen dem Bildganzen – als Maximalpixem – und den als minimal betrachteten Gebieten mit jeweils nur einer einzigen homogenen Markerbelegung in meist mehreren Stufen aufspannen.

Pixemen höherer Ordnung kommt mithin nicht nur eine Markerbelegung im oben erwähnten Sinn zu. Sie haben vielmehr eine quasi-pikturale Substruktur. So bilden beispielsweise in Abbildung 1 die mittig angeordneten bandförmigen, braun gefüllt und gelb umrandeten Pixeme ein säulenartiges komplexes Pixem höherer Ordnung. Seine geometrische Basisstruktur wird nicht einfach durch Farb- oder Texturwerte, sondern gerade durch die es konstituierenden Pixeme niederer Ordnung markiert.

Obwohl die Pixeme “mittlerer” Ordnung in ihrer morphologischen Struktur einem Bildträger gleichen, sind sie noch nicht ohne weiteres als Bildträger zu verwenden. Das liegt insbesondere an zwei zusammenhängenden Faktoren:

  • a) Gestalttheoretisch gesprochen bilden Pixeme jeweils Figuren: der Hintergrund, vor dem sie als solche unausweichlich betrachtet werden, gehört entsprechend nicht zu ihnen. Im oben erwähnten Beispiel sind die die gelb-braunen Bänder umschließenden roten Bereiche nicht eingeschlossen. Obwohl durch die Pixem-Segmentierung prinzipiell in eine Vielfalt von Figur-Grund-Paaren zerlegbar, gilt doch für den Bildträger, dass er insgesamt nur in einer Hinsicht Figur ist, nämlich vor dem Rahmen. Das gilt unter allen beteiligten Pixemen nur für das Maximalpixem und hat dort eine besondere Wirkung.
Abbildung 3: Pixem-Ausschnitt als Bild
  • b) Die Rahmung des Maximalpixems setzt letzteres nämlich in den Verwendungszusammenhang, der diese Figur als Ganze zu einer Zeichenmarke in einer Zeichenhandlung macht, d.h.: zu einem Bildträger. Natürlich ist es prinzipiell durchaus möglich, diese Rahmungshandlung auch bei jedem der Pixeme niederer Ordnung zu vollziehen, sie also als separierte Bildträger (und damit als andere Bilder) zu betrachten. Doch bleiben bei einem solchen Vorgehen die pragmatischen und semantischen Bezüge nicht erhalten:[8] Schnitte man eines der gelb-umrandeten, braun gefüllten Bänder aus dem Mittelteil von Abb. 1 aus und montierte es alleine auf den Hintergrund einer neutral gefärbten Fläche (oder auch freischwebend im Raum), so kann man das Resultat durchaus als ein Bild mit etwas ungewöhnlich gewölbtem Rand (also eine Rahmung ohne expliziten Rahmen) begreifen (Abb. 3). Verwendungszusammenhänge und Bedeutungszuschreibungen dieses Bildes hängen indes bestenfalls sehr locker mit denen von Abbildung 1 zusammen.

Pixem-bildende Operationen

Die Pixem-bildenden Operationen gehen letztlich auf die elementaren Pixem-Attribute zurück. Begründet in den psychophysiologischen Wahrnehmungsmechanismen, laufen sie in der Regel unbewußt ab. Dabei sind besonders zwei gegenläufige Aspekte wichtig: Kontrastverstärkung und Gestaltbildung.

Die Konstitution von Pixemen bei der Betrachtung eines Bildträgers ist – als Variante der Segmentierung beim Sehen ganz allgemein – stark kontextsensitiv: So führen lokal wirksame kontrastverstärkende Komponenten des Wahrnehmungsapparates zu Grenzen zwischen als einheitlich wahrgenommenen Gebieten. Bemerkbar werden diese Operationen vor allem dann, wenn sie zu Täuschungen, d.h. zu zusätzlichen Pixemen (bzw. allgemeiner: Wahrnehmungssegmenten[9]) führen, etwa bei der Kontrasttäuschung.[10]

Die Mechanismen der Kontrastverstärkung unterstützen andererseits das Zusammenfassen homogener Gebiete durch Gestaltbildung im Sinne der Gestaltgesetze. Deren unbewußtes Wirken bestimmt die wahrgenommenen Teil-Ganzes-Hierarchien der zusammengesetzen Pixeme. Das Wechselspiel von Grenzziehung durch Kontrastverstärkung und Integration gemäß der Gestaltgesetze führt letztlich zur Konstitution einer bildmorphologischen (Normal-)Struktur zwischen Maximalpixem und elementaren Gebieten, die allerdings bei der alltäglichen Bildwahrnehmung bereits beim Aufbau sehr stark von semantischen und pragmatischen Randbedingungen determiniert wird. Eben aus diesem Grund heben etwa Gestaltungslehrbücher stets besonders hervor, dass “das Auge” in der gestalterischen Sehweise geschult werden müsse, die gerade von solchen Einflüssen absieht und letztlich einen rein eigenwertlichen Zugang zur Bildmorphologie erreichen will (etwa [Klee 1956a]Literaturangabe fehlt.
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).


Anwendungen

Abbildung 4: Ergebnis einer automatischen Segmentierung: Texturbasierte Pixembildung. Rechts sind die gefundenen Pixeme farblich markiert dargestellt.

Das algorithmische Nachbilden pixem-bildender Operationen führt zur Möglichkeit bildmorphologischer Analysen in der Computervisualistik und bildt einen zentralen Bestandteil der digitalen Bildverarbeitung: Auf informatische Kodierungen (Notationen) von Bildträgern können entsprechende Segmentierungsverfahren programmiert werden, die (in der entsprechenden Literatur oft als ‘Objekte’ bezeichnete) Pixeme zu bestimmen erlauben (Abb. 4). Hierbei werden vor allem die Gestaltgesetze der Nähe, Ähnlichkeit und Guten Kontinuität über den Farb- und Texturmarkern operationalisiert.

Auf lange Sicht mag es möglich sein, der Bildwissenschaft auf diese Weise ein Set von technischen Standardwerkzeugen zur morphologischen Bildanalyse bereitzustellen. Dies ist insbesondere sinnvoll, insofern die Pixem-Komposition des Bildträgers, wie oben erwähnt, auf einen theoretisch vorausgesetzten Normalbetrachter bezogen werden muss. Zu bedenken bleibt dabei allerdings, dass die menschliche Wahrnehmung von Bildern, wie u.a. von Saint Martin beschrieben, neben den möglichen individuellen Abweichungen vom Normalbetrachter auch dynamische Aspekte umfasst, die durch eine solche rein strukturelle Analyse ebenfalls ausgeblendet bleiben.

Auf begrifflicher Ebene erlaubt die Synthese der bildlichen Morphosyntax aus geometrischem Basiskalkül und dem Begriffsfeld der farblichen Markerwerte schließlich, eine lange gehegte Vermutung zu widerlegen: dass nämlich der Begriff der syntaktischen (Nicht-)Wohlgeformtheit auf Bilder überhaupt nicht anzuwenden wäre (vgl. [Plümacher 1999a]Literaturangabe fehlt.
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). Da durch Beschädigungen des Bildträgers die geometrische Basisstruktur des Maximalpixems gestört werden kann, ist der Begriff eines syntaktisch unkorrekten Bildes sehr wohl sinnvoll.

Anmerkungen
  1. Das bedeutet: Die Zeichen dieser Zeichensysteme werden als aus kommunikativ wirkenden Einheiten zusammengesetzt verstanden, denen zumindest zum Teil selbst wiederum Zeichencharakter zukommt. Eine Komposition aus kommunikativen Elementen, die nicht bereits selber Zeichen sind, wird dabei nicht berücksichtigt.
  2. Vgl. hierzu auch den Eintrag Kolorem im «Lexikon der Filmbegriffe».
  3. In neurophysiologischer Perspektive verschiebt sich dabei der Fokus vom Auge zu den sogenannten neuralen Karten des visuellen Kortex oder besser der logischen Struktur der dort enkodierten visuellen Muster.
  4. Auf den ersten Blick mag dieser Analyse sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit einer grammatischen Struktur im engeren Sinn eignen, wobei der geometrische Kalkül gewissermaßen als Grammatik fungiert und die Regeln zur Ableitung non-terminaler “Satz”-Tiefenstrukturen bereitstellt, während die möglichen Ausprägungen der Markerdimensionen das piktoriale “Lexikon” – die terminalen Symbole – zufügen, die die bildliche Oberflächenstruktur ergibt.
  5. Es erscheint schon merkwürdig, dass ausgerechnet »Farbe« – gemeinhin als Paradebeispiel für eine sekundäre Qualität angeführt – bei Saint-Martin zu den objektiven Materialeigenschaften gehört und nicht dem Wahrnehmungsapparat zugeschlagen wird.
  6. Eben aus diesem Grund ist eine von Farbtheorien unabhängige Geometrie möglich. Zwar kommen in Farbtheorien oft geometrische Begriffe vor (»Farbraum«, »Farbdistanz«, »Farbkörper«), doch sind diese raummetaphorisch gemein und beziehen sich gerade nicht auf die geometrischen Eigenschaften farbiger Gegenstände.
  7. Zu beach­ten ist aller­dings, dass die Dimen­sionen »Farb­ton«, »Hellig­keit« und »Sätti­gung« zur Charak­teri­sierung eines pikto­rialen Marker­werts nicht abso­lut gesehen werden können, sondern in starker Weise von ihrer Umge­bung abhängen: sowohl Beleuchtung (objektiv) als auch die Farben der umgebenden Pixeme (subjektiv) beeinflussen die Wahrnehmung von Farbe.
  8. Eine Ausnahme zu dieser Regel dürften diejenigen Pixeme bilden, die abbildungswertlich als Bild im Bild interpretiert werden. Deren pragmatische und semantische Relationen sind dann allerdings in die Szene des Bildraumes verschoben.
  9. Der Hinweis auf den möglichen Unterschied zwischen visueller Wahrnehmung ganz allgemein und Bildwahrnehmung im Besonderen ist im Zusammenhang mit “optischen” Täuschungen (⊳ Wahrnehmungsillusion) durchaus erwähnenswert, finden doch die psychologischen Tests etwa zur Kontrasttäuschung wie auch die Experimente zur Gestaltbildung in der Regel mithilfe von Bildmaterial statt, während die Schlußfolgerungen daraus sich auf die visuelle Wahrnehmung ganz unabhängig von Bildern beziehen sollen.
  10. Ein gut präsentiertes Beispiel der Kontrasttäuschung findet sich auf der folgenden Seite: Kontrasttäuschung bei sehtestbilder.de.
Literatur                             [Sammlung]

[Chomsky 1957a]:
Literaturangabe fehlt.
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[Plümacher 1999a]:
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Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

Verantwortlich:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [45] und Klaus Sachs-Hombach [10] — (Hinweis)