Gesichtsdarstellung

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Bildverwendungstypen


Allgemeiner Horizont: Kultur­histo­ri­sches

Wir überblicken zurzeit eine Bild­geschich­te des mensch­lichen Gesich­tes über einen Zeitraum von ca. 30.000 Jahren. Der „ältes­te Kunstge­genstand der Welt“ ([Morris 1994a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 187) aller­dings, der soge­nannte Maka­pansgat-Stein, ist ein Kiesel aus Südaf­rika, der auf ein Alter von 3 Milli­onen Jahren geschätzt ist. Er trägt die Höhlun­gen von zwei Augen und einem Mund, die ihn als Gesicht erschei­nen lassen und vermut­lich ein Grund sind, warum er in eine Höhle getra­gen, dort aufbe­wahrt und später auch gefun­den wurde. Dass der Stein durch Einwir­ken von Vormen­schen ein Gesicht erhielt, ist unwahr­scheinlich und keine Annah­me, die notwen­dig erschei­nen lassen müsste, warum der Stein für den Finder wichtig war. Es handelt sich weit eher um natür­liche Vertie­fungen, und die Tatsa­che, dass ein menschli­ches Gesicht darin erkenn­bar wurde, weist auf die Rolle der Wahrneh­mung für die zentra­le Bedeu­tung des Bildmo­tivs Gesicht hin.

Es gibt vielerlei Gründe für ein bildne­risches Inte­resse am Motiv. Das Gesicht stellt zweifels­frei das inte­ressan­teste, persön­lichste und aufschluss­reichste Merkmal des Menschen dar. In keinem Bereich der physi­schen mensch­lichen Erschei­nung treten die indi­viduel­len Eigen­schaften so dicht gehäuft zutage wie in der Physio­gnomie eines Menschen, sie bilden die wesent­lichen Marker seiner Persön­lichkeit und Iden­tität.

Abb. 1: H. Holbein: Bild­nis ei­nes jun­gen Kauf­manns (1541), KHM Wien

Darü­ber hin­aus ist das Ge­sicht auch der ex­pres­siv­ste und kom­mu­ni­ka­tiv­ste Teil des mensch­li­chen Kör­pers und we­sent­li­cher Trä­ger des Aus­drucks von Stim­mun­gen, Be­find­lich­kei­ten und Ge­fühl, die im Mie­nen­spiel auf dif­fe­ren­zier­te Wei­se mit­ge­teilt wer­den (⊳ Af­fekt und Kom­mu­ni­ka­ti­on). Auch Al­ter, Ge­sund­heit und Ge­schlecht wer­den am Ge­sicht ab­ge­le­sen, sodass sich damit eine Ressou­rce für vieler­lei Nachrich­ten erschließt, die bildlich genutzt werden können. Seltsa­merwei­se dauert es histo­risch ver­hältnis­mäßig lange, bis diese Quelle erschlos­sen wurde.

Was wir mit Entwick­lungen der Gesichts­darstel­lung verbin­den, die in der Kunst von Holbein, Raffael, Rembrandt und Goya ihren Höhe­punkt erreicht hat, geht auf die vergan­genen 500 bis 2.000 Jahre zurück, eine erstaun­lich kurze Zeit­spanne für ein Motiv von dieser Bedeu­tung (Abb. 1).

Von frühen Darstellungen ...

Abb. 2: Frauen­statu­ette («Venus») von Dolni Vesto­nice (Süd-Mähren). Kera­mik, Gravet­tien, mit rudi­mentä­rer Gesichts­einzeich­nung (ca. 25.000 v.Chr.)

Über wei­te Strecken der Vor- und Früh­ge­schich­te er­scheint die Dar­stel­lung des mensch­li­chen Ge­sich­tes un­ter­drückt, mas­ken­haft oder mar­gi­nal, als ru­di­men­tä­re Ein­zeich­nung auf dem oft amor­phen Fort­satz (Kopf) von recht ein­fa­chen, sche­ma­ti­sie­ren­den Kör­per­dar­stel­lun­gen aus Stein und Kno­chen (Vo­gel­herd, Au­rig­na­cien; Dol­ni Ves­to­ni­ce, Gra­vet­tien). Es han­delt sich um ein ver­all­ge­mei­ner­tes Ge­sichts­sche­ma, um Merk­ma­le, die von ei­nem spe­zi­fi­schen mor­pho­lo­gi­schen Ty­pus ab­se­hen (Abb. 2). Auf eine cha­rak­te­ris­ti­sche Kenn­zeich­nung wird auch dann ver­zich­tet, als die Ma­te­ri­a­lien (Ton, Mar­mor) leich­ter zu be­ar­be­iten sind, etwa auf su­me­ri­schen Sie­geln oder ky­kla­di­schen Ido­len. Auf eine Darstel­lung von Indi­viduen scheint es lange nicht anzu­kommen. Die Gesichts­darstel­lung bleibt emble­matisch, stereo­typ bis typi­sierend. Dies gilt selbst noch für die griechi­sche Plastik, wobei sich eine Aus­prägung verschie­dener Typen, diffe­renziert nach geschlecht­lichen und sozia­len Rollen etab­liert. Auch finden sich erste “ideal-typi­sche” Ausprä­gungen, wo es sich um die Darstel­lung von Göttern handelt.

... zu personen-orien­tierten Gesichts­darstel­lungen

Abb. 3: Por­trait einer Frau. Rö­misch (4. Jh.)

Der Be­ginn ei­ner per­so­nen-ori­en­tier­ten Ge­sichts­dar­stel­lung fin­det sich in den ägyp­ti­schen Mu­mien­bil­dern der pto­le­mä­i­schen Zeit (Fa­yum), den To­ten-Bild­nis­sen in hel­le­nis­ti­scher sowie den Herr­scher­bild­nis­sen in rö­mi­scher Zeit (Abb. 3). Mu­mi­en- wie To­ten­bild­nis sind funk­ti­o­nell stär­ker an der Sub­sti­tu­ti­on der Per­son ori­en­tiert, wäh­rend die Kai­ser­bild­nis­se durch die Aus­deh­nung des rö­mi­schen Rei­ches als bild­li­che Ver­tre­tung (Sym­bol) der kon­kre­ten Herr­scher­per­son in den Pro­vin­zen wich­tig wur­den. In der rö­mi­schen Plas­tik spie­gelt sich die­se Ten­denz durch ei­ne stär­ke­re In­di­vi­du­a­li­sie­rung bis hin zum Port­rait wieder.

Was wir mit Portrait-Darstel­lung verbin­den, ist aber erst eine Frucht der Renais­sance­kunst, welche dem Ausdruck der souve­ränen Persön­lichkeit erstmals eine eige­ne Bühne berei­tet. Das perso­nenbe­zoge­ne Bildnis bleibt bis ins 20. Jahrhun­dert und darü­ber hinaus (A. Jaw­lenski, P. Picas­so, E.L. Kirchner, M. Beck­mann etc.) eine viel gepfleg­te Bildgat­tung der Kunst. In der mehr bildbe­zoge­nen Rezep­tion moder­ner Darstel­lungen gewinnt das mensch­liche Gesicht als Motiv die Bedeu­tung einer neu zu er­schließen­den Reiz-Land­schaft, als semio­tisches Expe­rimen­tier­feld sowie als Stim­mungs- und Werbe­träger mit höchst vielfäl­tigem Nachrich­tenpo­tential. Im Grunde jedoch geht es um die Er­schließung einer visu­ellen Wirkungs­dimen­sion, die im Menschen präfi­guriert ist und sich auch in viel frühe­ren Gesichts­darstel­lungen wie in einem Buddha-Kopf der Khmer oder einer hölzer­nen Idol­statue der Baule (Afri­ka) längst mani­festiert hat.


Cerebrale Deutungsschichten: Zur Neuro­psycho­logie der Gesichts­wahrneh­mung

Gesichtsschema als ange­bore­ne Wahr­nehmungs­kate­gorie

Das menschliche Gesicht stellt visu­ell auf verschie­dene Ebe­nen mögli­cher Ausdeu­tungen ab, welche sich in der kultur­histo­rischen Matrix seiner Reprä­senta­tion durchaus abbil­den. Die lange währen­de und uni­versell über viele Kultu­ren zu beobach­tende Präsenz des strengen masken­haften Schema­gesich­tes in der frühen Bildge­schichte lässt sich einer­seits mit der Darstel­lungsfunk­tion der persön­lichen Verhül­lung (Indif­ferenz) im Kult bzw. mit gött­licher oder spiri­tuel­ler Bedeu­tung (Unbe­stimmbar­keit) im Bild verknüp­fen. Auf das Indi­viduum kam es kultur­geschicht­lich offen­bar nicht an, weit eher auf einen Umgang mit den höhe­ren Mächten.

Neuropsychologisch gibt es offen­bar eine sehr alte Grund­lage (Struktur), welche auf das visu­elle Zeichen oder Emblem ‘Gesicht’ in auto­nomer Weise anspricht. Säug­linge bis zu einem Alter von 12 Wochen rea­gieren zunächst auf einfa­che Gesichts­attrap­pen stärker als auf bild­liche Ausprä­gungen eines komple­xeren oder indi­viduel­len Gesich­tes, ausge­nommen auf das der Mutter oder Bezugs­person ([Fantz 1966a]Literaturangabe fehlt.
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; [Goren et al. 1975a]Literaturangabe fehlt.
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; [de Schonen et al. 1994a]Literaturangabe fehlt.
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). Eine neue­re Studie bestä­tigt den Zusam­menhang auf einer weite­ren Ebene. Gezeigt wurden sechs Mona­te alten Säug­lingen Gesichts­schemen mit verschie­denen Merkmals­varian­ten (Gesichts- und Nasen­länge, Nasen­breite und Augen­abstand) sowie Gesich­ter, die einen präzi­se errech­neten Mittel­wert aus diesen Muster­gesich­tern darstell­ten, so genannte Proto­typen. Die Bevor­zugung galt signi­fikant den Proto­typen und unter­schied sich in nichts von jener in Tests mit erwach­senen Versuchs­perso­nen ([Strauss 1979a]Literaturangabe fehlt.
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). Auch sind bereits Neuge­bore­ne imstan­de, gesichts­ähnli­che von gesichts­unähn­lichen Attrap­pen zu unter­scheiden. In der gesichts­ähnli­chen Attrap­pe waren zwei Augen­flecken über einem Mundfleck ange­ordnet, in der Vergleichs­form diese Vertei­lung um 180° gedreht ([Valenza et al. 1996a]Literaturangabe fehlt.
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). Krite­rium der Aufmerk­samkeit war immer die Betrach­tungsdau­er. Proto­typen, d.h. Durchschnitts­gesich­ter, spielen auch eine Rolle bei der Schönheits­bewer­tung von Gesich­tern (s. weiter unten). Es könnte sein, dass das rudi­mentä­re Ele­mentar­gesicht auf einer eige­nen alten Wahrneh­mungsstruk­tur beruht, die mögli­cherwei­se unter dem Selek­tionsdruck entstanden ist, Menschen auf große Distanz als Menschen erken­nen und von größe­ren Tieren unter­scheiden zu können. Man spricht auch von Wahrneh­mungs­kate­gorie ([Pöppel 1982a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 126 f ([Groß et al. 1981a]Literaturangabe fehlt.
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)). Dazu genü­gen weni­ge Merkma­le.

Grundlage der Wahrneh­mung indi­vidu­eller Gesich­ter

Die Ausprägung diffe­renzier­ter persön­licher Gesichts­merkma­le, wie sie mit der Entwick­lung des Portraits einher­geht und in der Male­rei wie Skulptur zu unge­ahnten künstle­rischen Höhe­punkten geführt hat, hängt kultur­histo­risch mit der wachsen­den Geltung indi­viduel­ler Leistun­gen des Menschen als Kultur­träger wie auch als Verant­wortungs­träger in Wirtschaft und Wissen­schaft zusam­men.

Neuropsychologisch gibt es auch dafür den Nachweis eige­ner Wahr­nehmungs­struktu­ren im mensch­lichen Gehirn. Aus der Patho­logie sind Hinwei­se bekannt, nach welchen offen­bar korti­kale Zellpo­pula­tionen im Tempo­ralhirn für die Speiche­rung indi­vidu­eller Gesich­ter (Physio­gnomien) zustän­dig sind. Bei deren Beschä­digung sind Menschen nicht mehr imstan­de, ande­re Menschen an ihrem Gesicht zu erken­nen, wohl aber an zusätz­lichen Merkma­len wie Stimme, Schritt, Haar­tracht etc. Dieser Ausfall nennt sich Proso­pagno­sie (Gesichts­blindheit).

Nicht davon betroffen ist dabei das Erken­nen mimi­scher Signa­le wie Lachen, Lächeln, Ausdruck von Zorn, Über­raschung, Ekel etc., welches zu den grundle­genden Leistun­gen des Gehirns gehört und offen­bar an einem ande­ren Ort statt­findet. Menschen mit dieser Beein­trächti­gung sind also nicht mehr imstan­de zu sagen, ob sie das Gesicht einer Person schon einmal gese­hen haben (kennen), wohl aber, ob es sich um ein fröhli­ches, trauri­ges oder zorni­ges Gesicht handelt. Mit diesen auto­nomen Formen der Gesichts­verar­beitung ist das Gehirn gegen einen ganzheit­lichen Ausfall der Gesichts­wahrneh­mung gut abge­sichert.

Dass für die Wahrnehmung indi­vidu­eller Gesich­ter eine eige­ne neuro­nale Struktur aufge­baut wurde weist auf die zentra­le Bedeu­tung des Erken­nens einzel­ner Perso­nen hin, das mit dem Wachsen mensch­licher Verbän­de und Gesell­schaften notwen­dig wurde. Kate­goria­le (Was-)Erken­nung und physio­gnomi­sche (Wer-)Unter­scheidung stellen zwei verschie­dene Leistun­gen der Gesichts­wahrneh­mung dar, welche unab­hängig entstan­den sind und auf neuro­nalen Struktu­ren beruhen. Die Annah­me, dass das lange Vorherr­schen des Ele­mentar­gesich­tes in der Bildent­wicklung auf einer verzö­gerten Entwick­lung der entspre­chenden korti­kalen Struktu­ren für physio­gnomi­sches Erken­nen beru­he, wäre aller­dings ein Fehl­schluss. Indi­vidu­elles Erken­nen ist sicher­lich so alt wie schema­tisch-kate­goria­les und war von Anbe­ginn für eine Homi­nisa­tion in der Klein­gruppe wichtig. Kultur­geschicht­liche Fakto­ren spielen bei allen kultu­rellen Prozes­sen eine hemmen­de oder fördern­de Rolle.

Mimik als art­spezi­fisches Aus­drucks­mittel

Ausdruck und Mimik sind ein weiteres diffe­renzier­tes Gesichts­merkmal, das zu den mensch­lichen Uni­versa­lien gehört. Das Grund­reper­toire ist art­spezi­fisch ange­legt und über alle Kultu­ren vergleich­bar, vor allem in den Basis-Emo­tionen Angst, Zorn, Freude, Trauer, Ekel und Er­schrecken. Grund­lage dafür sind 23 Muskel­paare, deren Kontrak­tion je nach Emo­tion nach gleichem Muster erfolgt ([Darwin 1872a]Literaturangabe fehlt.
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, [Ekman 1973a]Literaturangabe fehlt.
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; [Musterle & Roessler 1986a]Literaturangabe fehlt.
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). Auch Taub­blinde zeigen dieses Ausdrucks­verhal­ten, obwohl sie es an keinem sozia­len Modell erler­nen konnten ([Eibl-Eibesfeldt 1973a]Literaturangabe fehlt.
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). Zusätz­lich gibt es kultu­relle Vari­anten. Inter­kultu­relle Überein­stimmung gibt es auch im Beur­teilen und Verste­hen der Gesichts­aus­drücke durch Vertre­ter unter­schied­licher kultu­reller Herkunft ([Ekman 1973b]Literaturangabe fehlt.
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; [Eibl-Eibesfeldt 1995a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 219 ff; 639). Dies macht die Mimik zu einem verläss­lichen nonver­balen kommu­nika­tiven System.


Moderne Gesichts­deutun­gen

Auch die moderne Gesichts­darstel­lung zeigt sich in der Ausdeu­tung der drei verschie­denen Reprä­senta­tionen in Kunst und ande­ren Bildmedien ergie­big.

Bildende Kunst

Abb. 4: Paul Klee: «Stig­ma­ti­siert»

Das Ele­men­tar­ge­sicht er­weist sich ge­ra­de­zu als ein bild­li­cher Ar­che­typ in sehr per­si­sten­ter Auf­la­ge, etwa bei P. Klee, J. Du­buf­fet, A. Jaw­lens­ki u.a.. (Abb. 4) Ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­tion von öf­fent­li­chen Zei­chen und Hin­weis­schil­dern be­dient sich über­dies des pu­ren Ge­sichts­sche­mas, bis hin zu den Smi­lies auf ur­ba­nen Leer­flä­chen (Graf­fi­ti) ([Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 221f). Nach­rich­ten mit öf­fent­li­chem Cha­rak­ter lei­hen sich mit der Beistel­lung eines belie­bigen, für die Sache zumeist uner­hebli­chen “persön­lichen” Gesich­tes den Charak­ter der Glaub­würdig­keit und Haftbar­keit.

Die Malerei selbst enthebt sich seit gerau­mer Zeit der konkre­ten Physio­gnomie, weil der Perso­nenbe­zug nicht mehr wichtig erscheint; selbst im Foto­realis­mus (Ch. Close, F. Gertsch) geht es weni­ger um Portraits als um die Dar­stellung des physio­gnomi­schen Events als Beispiel unse­rer Gesell­schaft. Physio­gnomie als Reiz über­dauert das Inte­resse an der Person, indem sie per se eine Aussa­ge ist. Ausnah­men bilden mit Sicher­heit Francis Bacon und Lucian Freud, bei welchen die Gesich­ter in der darge­stellten existen­tiellen Bild-Situ­ation gleich­sam für nichts anderes als für sich selber stehen.

Abb. 5: Roy Lich­ten­stein: «Blon­de Wai­ting» (1964)

Physio­gno­mien spie­len al­ler­dings ge­mein­sam mit mi­mi­schen Zei­chen in den mo­der­nen Co­mics ei­ne tra­gen­de Rol­le, hier wie­de­rum im Dien­ste ei­nes Nar­ra­tivs, wel­ches Funk­ti­on und Rol­le der Fi­gu­ren be­stimmt («Hard Boiled» von F. Mil­ler und G. Dar­row). Nicht ein­mal die gra­phi­schen Ste­reo­ty­pen von Roy Lich­ten­stein und Julian Opie ver­mö­gen es, phy­sio­go­mi­sche Zei­chen und Mi­mik völ­lig aus den Ge­sich­tern ih­rer Pro­ta­go­nis­ten zu ne­hmen – weil wir sie auch in mi­ni­ma­len Zei­chen le­sen wol­len und kön­nen (Abb. 5).

Werbung

Ausdruck und Mimik gehören hinge­gen wie die Gesichts­schönheit zum zentra­len Instru­menta­rium der Bild­werbung. Nach Studien von B. De­Paulo wirken Menschen mit einer ausdrucks­starken Mimik sympa­thischer als solche mit wenig Mimik ([Depaulo 1992a]Literaturangabe fehlt.
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). Außer­dem kann Mimik eine Mittei­lung enorm verstär­ken. Redu­zierte Mimik ist u.a. auch Zeichen einer klini­schen Depres­sion ([Ellgring 1989a]Literaturangabe fehlt.
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). Physio­gnomi­sche Merkma­le lassen sich vor allem als ‘Schön­heit’ oder ‘markan­te Männlich­keit’ mit Bild-Bedeu­tung aufla­den, bis hin zur poli­tischen Propa­ganda. Ein ausge­prägtes Kinn (Testos­teron) wird an Führungs­persön­lichkei­ten betont, Jugend und Schönheit an Befür­wortern eines Produkts oder poli­tischen Systems (⊳ Bildpo­litik).

Film

Ein neueres Medium, das die Reize des Gesich­tes seman­tisiert, ist der Film. Die volle Band­breite der mögli­chen Charak­tere vom Böse­wicht und Feig­ling bis zum Helden wird hier physio­gnomisch ausge­schöpft, wobei die Hauptrollen meist durch “attrak­tive” Darstel­ler besetzt werden ([Etcoff 2001a]Literaturangabe fehlt.
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; [Renz 2006a]Literaturangabe fehlt.
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). Expe­rimen­tell wurden hohe Symme­triewer­te als Krite­rium der Schön­heit belegt, wobei bio­logisch ein Zusam­menhang mit Hetero­zygotie (Mischer­bigkeit und Para­sitenre­sistenz) vermutet wird ([Thornhill & Gangestad 1993a]Literaturangabe fehlt.
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). Auch Ave­rage (Durch­schnitt­lichkeit) wurde biomet­risch als konsis­tentes Merkmal ermit­telt ([Langlois & Roggman 1990a]Literaturangabe fehlt.
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). Diese Proto­typen-Bildung ist gleich­zeitig ein Kenn­zeichen unse­rer visu­ellen Wahrneh­mung, die unent­wegt die Vari­anzen einzel­ner Vorkom­men kate­gori­siert und “mittelt” ([Rosch 1978a]Literaturangabe fehlt.
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; [Sütterlin 1998a]Literaturangabe fehlt.
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). Bio­metrisch ermit­telte Durch­schnitts­gesich­ter einer Popu­lation werden in vielen Kultu­ren als attrak­tiver beur­teilt als die indi­viduel­len Gesich­ter, wobei auch gerne unter­schieden wird zwischen der Persön­lichkeit und Ausstrah­lung eines Gesich­tes und seiner bloßen physi­schen Schönheit ([Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 301).

Perfekte Formen von Symmet­rie und Durch­schnitt­lichkeit können aller­dings noch opti­miert werden. Die Tendenz geht dabei in Richtung Grazi­lisierung ([Johnston & Franklin 1993a]Literaturangabe fehlt.
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; [Grammer et al. 2002a]Literaturangabe fehlt.
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). Grazi­lisierung spielt bei der Attrak­tivität beider Geschlech­ter – als “Jugend­merkmal” – eine wichti­ge Rolle und ist aus evo­lutions­biolo­gischer Sicht gut belegt.[1] Inte­ressant ist dabei, dass diese allge­meinen Schönheits­merkma­le inter­kultu­rell als konsis­tent gelten ([Cunningham et al. 1995a]Literaturangabe fehlt.
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; [Dion 2002a]Literaturangabe fehlt.
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).

Das Gesicht ist von den altstein­zeitli­chen und Mega­lith-Kultu­ren bis in die Moder­ne ein Motiv von einzig­arti­ger Aussa­gekraft für die vielfäl­tige bild­liche Ausdeut­barkeit des Menschen (⊳ Maske).

Anmerkungen
  1. [Cunningham 1986a]Literaturangabe fehlt.
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    ; [Eibl-Eibesfeldt 1995a]Literaturangabe fehlt.
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    : S. 921f.; [Johnston et al. 2001a]Literaturangabe fehlt.
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    . Sie kom­bi­niert of­fen­bar ty­pi­sche “Kind­chen­merk­ma­le” (große Au­gen, klei­ner Mund) mit sol­chen der (hor­mo­nel­len) Rei­fe (ho­he pro­mi­nen­te Wan­gen­kno­chen).
Literatur                             [Sammlung]

[Cunningham 1986a]:
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[Cunningham et al. 1995a]:
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[Darwin 1872a]:
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[Depaulo 1992a]:
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[de Schonen et al. 1994a]:
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[Dion 2002a]:
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[Eibl-Eibesfeldt & Sütterlin 2008a]:
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[Eibl-Eibesfeldt 1973a]:
Literaturangabe fehlt.
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[Eibl-Eibesfeldt 1995a]:
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[Ekman 1973a]:
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[Ekman 1973b]:
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[Ellgring 1989a]:
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[Etcoff 2001a]:
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[Fantz 1966a]:
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[Goren et al. 1975a]:
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[Grammer et al. 2002a]:
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[Groß et al. 1981a]:
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[Johnston & Franklin 1993a]:
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[Johnston et al. 2001a]:
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[Langlois & Roggman 1990a]:
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[Morris 1994a]:
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[Musterle & Roessler 1986a]:
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[Pöppel 1982a]:
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[Renz 2006a]:
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[Rosch 1978a]:
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[Strauss 1979a]:
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[Sütterlin 1998a]:
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[Thornhill & Gangestad 1993a]:
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[Valenza et al. 1996a]:
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Ausgabe 1: 2013

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Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [56] und Dimitri Liebsch [10] — (Hinweis)