Kontext

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht


Zeichenhandlungen und ihr Kontext

Allgemein werden als Kontext einer Zeichen­handlung Aspek­te der Äuße­rungssi­tuati­on betrach­tet, von denen das Gelin­gen der Zeichen­handlung abhängt ([Levin­son 1983a]). Das ist beson­ders augen­fällig bei den deikti­schen Zeichen­kompo­nenten, bei denen der Zeichen­nutzer direkt (etwa gestisch) auf Teile der Äuße­rungssi­tuati­on zeigt, oder den ana­phori­schen Zeichen­kompo­nenten, bei denen er Verwei­se auf ande­re, unmit­telbar vorher durchge­führte Zeichen­handlun­gen (eige­ne und ande­re, insbe­sonde­re an ihn gerich­tete) verwen­det.

Es wird aber auch dem Einfluss des jewei­ligen Kontex­tes zuge­schrieben, wenn eigent­lich mehrdeu­tige Aus­drücke ohne entspre­chende Erläu­terung verstan­den werden: Ist etwa im Zusam­menhang mit einer Finanz­krise von einer ‘Bank’ die Rede, wird, wegen dieses Kontex­tes, niemand an ein Parkmö­bel denken. Auch bei Bildern können Inhalt und Verwen­dungswei­se von Aspek­ten der Gebrauchs­situa­tion abhän­gig sein.


Kontext und Sachbezug

Darüber hinaus kann nur im Zusam­menhang mit einem zuge­höri­gen Kontext vom Sachbe­zug einer Zeichen­handlung die Rede sein, denn der Sachbe­zug hängt von der Moda­lität der Zeichen­handlung ab. Das heißt, er lässt sich nur rela­tiv zu einer Situ­ation bestim­men, die man wahr­nehmen oder zu der man sich verhal­ten kann. Dies gilt insbe­sonde­re für die Nomi­nation, mit der, als einer notwen­digen Teilhand­lung jeder Propo­sition, versucht wird, einen Gegen­stand aus dem jeweils aktu­ellen Diskurs­uni­versum zu iden­tifi­zieren (vgl. [Tugend­hat 1976a]).

Kontexte in diesem Sinn sind also von der Verwen­dungssi­tuation eines Zeichens auf belie­bige Situa­tionen verall­gemei­nert. Zeichen­handlun­gen mit Sachbe­zug haben daher prinzi­piell einen doppel­ten Kontext­bezug, nämlich einer­seits hinsicht­lich ihrer Verwen­dungssi­tuation und ande­rerseits hinsicht­lich des (in der Regel davon abwei­chenden) Kontex­tes für ihren Sachbe­zug. Forma­le lingu­istisch-logi­sche Ansät­ze zu Kontex­ten finden sich etwa als Situ­ation Seman­tics ([Bar­wise & Perry 1984a]), Possible World Seman­tics ([Kripke 1972a]), Mental Spaces Theory ([Faucon­nier 1985a]) oder auch inner­halb der Dis­course Struc­ture Theory ([Kamp 1990a]).[1]

Kontexte lassen sich zwar in erster Annä­herung umschrei­ben als struktu­rierte Mengen von inten­tiona­len Gegen­ständen, auf die man sich unter günsti­gen Bedin­gungen kommu­nika­tiv bezie­hen kann.[2] Adä­quater ist aller­dings die Festle­gung als poten­tielle Verhal­tenssi­tuati­onen, auf die jemand seine Aufmerk­samkeit richtet. Denn einer­seits erfül­len Verhal­tenssi­tuati­onen intrin­sisch die Eigen­schaft der deduk­tiven Vollstän­digkeit, die über belie­bigen Gegen­standsmen­gen erst extrin­sisch erzeugt werden muss: Eine Situ­ation wird in ihrer Tota­lität stets als in sich konsis­tent voraus­gesetzt,[3] was für schlichte Mengen von Gegen­ständen nicht notwen­dig gilt. Ande­rerseits sind Verhal­tenssi­tuatio­nen inter­preta­tionsof­fen: Eine Situ­ation, in der man sich befin­det, legt als solche bekannt­lich noch nicht fest, ob man sie als Konfi­gura­tion mitein­ander wechsel­wirken­der Ele­mentar­teilchen, als Ansam­mlung mitein­ander reagie­render Mole­küle, als inter­agieren­de Lebe­wesen oder als mehr oder weni­ger sachlich mitein­ander argu­mentie­rende Partei­vorsit­zende begreift. Um was für eine Art von Gegen­standsmen­ge es sich handelt, kann bei einem Kontext entspre­chend unbe­stimmt bleiben. Es sind die auf den Kontext bezo­genen Sachbe­züge von Zeichen­handlun­gen, durch deren Prädi­katio­nen eine Zuord­nung zu bestimm­ten Begriffs­feldern erfolgt. Speziell in der moda­len Bildthe­orie spielt der Begriff des Kontex­tes eine zentra­le Rolle ([Schirra 2001a]).

Als potentiell inter­indi­viduell geteil­te Situ­atio­nen stehen Kontex­te mithin in den folgen­den Zusam­menhän­gen:

  • Sie sind das, worauf sich Aussa­gen (allge­meiner: Propo­sitio­nen) bezie­hen;
  • Sie sind das, was in der Wahrneh­mung Figur/Grund-Unter­scheidun­gen unter­worfen wird;
  • Sie sind das, worauf man reagiert (im Sinne Uex­külls: die jewei­lige Umwelt);
  • Sie sind das, worin Gegen­stände (im enge­ren Sinn, oder meta­phorisch) jeweils erschei­nen.

Da die jeweils aktu­elle Umwelt eines Wesens die Basis für den Kontext­begriff liefert und damit alles einschließt, was es in der Situ­ation wahrnimmt, kann man sich Kontex­te grob verein­facht als Raumzeit-Blasen vorstel­len, die das Indi­viduum umhül­len und in denen es agiert.

Abgesehen von der je aktu­ellen Verhal­tenssi­tuation eröff­net uns nur Zeichen­gebrauch den Zugang zu ande­ren, nicht-gegen­wärti­gen Kontex­ten: Die menschli­che Aufmerk­samkeit kann auf ande­re Situ­ationen – räumlich oder zeitlich verscho­bene, abstrak­te, hypo­theti­sche, fikti­ve, etc. – nur dadurch gerich­tet werden, dass wir uns gegen­seitig (oder uns selbst in der Rolle eines ande­ren) durch eine Zeichen­handlung auf jenen Kontext aufmerk­sam machen. Eine Zeichen­handlung, die das ermög­licht, erfüllt die pragma­tische Funktion der Kontext­bildung.


Gegenstände und Verhal­tenssi­tuatio­nen

Der Zusammenhang zwischen konkre­ten Gegen­ständen und Verhal­tenssi­tuatio­nen ist für den Kontext­begriff von großer Rele­vanz: Konkre­te Gegen­stände kommen nie iso­liert vor, sondern begeg­nen uns stets in raumzeit­lichen Zusam­menhän­gen mit ande­ren Gegen­ständen. Die je aktu­ellen Situ­atio­nen sind daher gegen­über den Gegen­ständen primär. Als Gegen­stände (im enge­ren Sinn) erschei­nen sie nur, inso­fern sie als Teil verschie­dener Situ­atio­nen verstan­den werden – inso­fern sie uns in verschie­denen Gege­benheits­weisen begeg­nen ([Frege 1892a]). Wahrneh­mung bedeu­tet dabei insbe­sonde­re auch, dass – auf wechseln­de Weise – etwas aus der aktu­ellen Situ­ation als Figur vor den Grund der umge­benden Restsi­tuation geho­ben wird.

In der Tat stehen uns konkre­te Gegen­stände empi­risch ja stets nur in ihrer gera­de beobacht­baren, daher instan­tanen (auf den aktu­ellen Verhal­tenskon­text beschränk­ten) Weise zur Verfü­gung. Denn die jedem Beobach­tungsbe­griff zugrun­de liegen­de Unter­scheidungs­praxis greift nur in der Gegen­wart. Dass ein Gegen­stand tatsäch­lich über den jewei­ligen Moment der Beobach­tung hinaus exis­tiert, d.h. als ein Gegen­stand mit einer indi­vidu­ellen Bahn durch die Raumzeit für einen Beobach­ter besteht, kann dieser nur durch eine Zuord­nung der jeweils aktu­ellen Erschei­nung unter einen entspre­chenden Objekt­begriff erfas­sen.

Ein solcher Begriff eines persis­tenten Gegen­stands wird zudem benö­tigt, will man das Phäno­men der Verwechs­lung bzw. Täuschung nicht nur erleben, sondern auch begrei­fen: Dass manche Gegen­stände ganz anders gear­teten Gegen­ständen (täuschend) ähnlich sehen können, kann nämlich nur erken­nen, wer momen­tane Erschei­nungswei­se und zeit­über­greifen­de Iden­tität mit­einan­der in Bezie­hung zu setzen versteht. Daher beru­hen auch anspruchs­volle Ähnlich­keitsbe­griffe auf der Fähig­keit des Urtei­lenden, mit verschie­denen Kontex­ten mit unter­schiedli­chen Gege­benheits­weisen von indi­vidu­ierten Gegen­ständen umzu­gehen (⊳ Gleichheit, Ähnlich­keit und Iden­tität).

Im Umkehrung davon hatte Frege darauf hinge­wiesen, dass Iden­titäts­behaup­tungen (etwa: ‘Der Morgen­stern ist der Abend­stern’) nur dann infor­mativ sind (und also als Behaup­tungen wirken können), wenn damit (anschei­nend unver­bunde­ne) Erschei­nungen in verschie­denen Kontex­ten zu Gege­benheits­weisen dessel­ben persis­tenten, indi­vidu­ellen Gegen­stands verbun­den werden. In der Philo­sophie werden Gegen­standbe­griffe dieser Art oft ‘sorta­le Begrif­fe’ genannt, entspre­chende Gegen­stände daher auch ‘sorta­le Gegen­stände’ (⊳ Sorta­le Gegen­stände und Indi­vidu­ation).

Durch Raum-Meta­phorik ist es zudem möglich, auch abstrak­te Gegen­stände in Ana­logie zu konkre­ten, indi­vidu­ierten Objek­ten als in quasi-raumzeit­lichen Zusam­menhän­gen befind­lich zu situ­ieren, so dass man (scheinbar) auf sie zeigen und sie auf entspre­chende Weise in Propo­sitio­nen anspre­chen kann.[4] Der Schule der «cogni­tive linguis­tics» folgend sind derar­tige meta­phori­sche Über­tragun­gen sogar die eigent­liche Basis dafür, über­haupt mit Abstrak­ta umge­hen zu können (vgl. etwa [Lakoff & Johnson 1980a]). Der meta­phori­sche Raum liefert den Kontext: eine ima­ginä­re Verhal­tenssi­tuation, in der solche eigent­lich nicht raumzeit­lich einge­ordne­te Gegen­stände über­haupt erschei­nen können, so dass es möglich wird, über sie inter­indi­vidu­ell mittels Zeichen­handlun­gen mit Sachbe­zug zu kommu­nizie­ren.


Bild und Kontext

Der Zusammenhang zwischen den Begrif­fen »Bild« und »Kontext«  besteht auf zwei Ebe­nen: Zum einen ist die Bildver­wendung selbst kontext­abhän­gig. Zum ande­ren werden Bilder oft, wenn nicht gar grundsätz­lich, zur Kontext­bildung verwen­det.

Situations­abhän­gigkeit der Bild­ver­wen­dung

Abgesehen davon, dass ein Gegen­stand nur, inso­fern einer ihn auf bestimm­te Weise verwen­det, über­haupt zum Bild wird, macht sich auch inner­halb seiner Verwen­dung als Bild der Einfluss des jewei­ligen Verwen­dungskon­textes unum­gänglich bemerk­bar. Einer­seits hängt die Bildver­wendung etwa direkt von den Lichtver­hältnis­sen im jewei­ligen Kontext ab: Ein Tafel­bild beispiels­weise in einer dämmri­gen Kathe­drale unter durch bunte Glasfens­ter einge­färbtem Licht oder bei flackern­dem Kerzen­schein zu sehen oder aber in einem gut und neutral ausge­leuchte­ten Museums­saal prägt dem jewei­ligen Bilder­lebnis zweifels­ohne einen je eige­nen Stempel auf. Dass die Bildfläche selbst gege­benen­falls durch Refle­xion, Transpa­renz oder textur­beding­ten Schatten­wurf inde­xika­lische Momen­te aufweist, kann dabei als eine ledig­lich beson­ders ausge­prägte Form dieser eher auf syntak­tische Aspek­te bezo­genen Art von Kontext­abhän­gigkeit verstan­den werden. Soll in dieser Hinsicht also mit Blick auf einen Bildträ­ger von dem Bild gespro­chen werden, so wird impli­zit eine Standard­situ­ation für Beleuch­tung und inde­xika­lisch wirksa­me Umge­bungsein­flüsse voraus­gesetzt, die keines­wegs inter­kultu­rell eindeu­tig ist.

Andererseits konsti­tuieren die jewei­ligen Verwen­dungsab­sichten der Betei­ligten über­haupt erst die aktu­ell wirksa­men Bildin­halte und Bildre­feren­zen: Ein und dersel­be Bildträ­ger mag daher tatsäch­lich in unter­schiedli­cher Absicht als verschie­dene Bilder erschei­nen. Der in Zeitun­gen publi­zierte Ausschnitt eines von Nick Ut aufge­nomme­nen Photos aus dem Vietnam­krieg wurde entspre­chend sowohl von Kriegsgeg­nern wie -befür­wortern mit ganz unter­schiedli­chen Rollen­zuwei­sungen der abge­bilde­ten Figu­ren verwen­det. Auch hier bleibt bei der Rede von dem Bild ange­sichts eines Bildträ­gers nur zu oft eine voraus­gesetz­te Standard­situ­ation von Verwen­dungs­inten­tionen und benö­tigtem Kontext­wissen impli­zit. Entspre­chend verwei­sen die neue­ren kunsthis­tori­schen Ansät­ze zurecht auf die Bedeu­tung der expli­ziten Kontex­tuali­sierung bei jeder Bild­analy­se.

Des weiteren können im Umfeld vorhan­dene Bilder die Verwen­dung eines Bildträ­gers beein­flussen: Die Hängung in einer Ausstel­lung, das Zusam­menstel­len in einer Bilder­folge etwa im Rahmen einer Gebrauchs­anwei­sung oder als Comic sind hierfür typi­sche Beispie­le. Zusam­menstel­lungen mit Texten oder Zeichen in ande­ren Medien kommen für diese Art der Kontext­abhän­gigkeit eben­falls in Frage. Aller­dings ist bei solchen Anord­nungen – seien es nun nur Bilder oder Bilder mit ande­ren Medien – darauf zu achten, ob der wechsel­seiti­ge kontex­tuelle Einfluss über­geht zu einer neuen Zeichen­bildung auf höhe­rer Ebene.[5]

Bildinhalt als Kontext

Von der Renaissance-Vorstel­lung von Alber­tis “Fenster” bis zur Konzep­tion von Gegen­ständen in “reiner Sichtbar­keit” in phäno­meno­logi­schen Bildthe­orien des 20. Jh.s sind die mithil­fe von Bildern evo­zierten und inter­indi­vidu­ell vor Augen geführ­ten Szenen als Kontex­te verstan­den worden. Über sie kann man sich etwa mittels sachbe­zügli­cher Sprechak­te austau­schen, auf darin enthal­tene Gegen­stände (oder bestimm­te derer Eigen­schaften) mit Zeige­gesten aufmerk­sam machen. Sofern es sich dabei um sorta­le Gegen­stände handelt, können die im Bild vorge­führten Erschei­nungen mit Erschei­nungen in ande­ren Kontex­ten iden­tifi­ziert werden, etwa mithil­fe von Iden­titäts­behaup­tungen.[6] Gera­de auch beim bildli­chen Zugang zu abstrak­ten “Gegen­ständen” in Struktur­bildern werden diese an sich nicht raumzeit­lich einord­ba­ren Gegen­stände als (mehr oder weni­ger) eindeu­tig abgrenz­bare räumli­che (oder raumzeit­liche) Enti­täten in einer Situ­ation, einem meta­phori­schen Kontext präsen­tiert, wo sie und bestimm­te ihrer Eigen­schaften und Rela­tionen unter­einan­der in (visu­elle) Erschei­nen treten.[7]

Allerdings bleiben die oben genann­ten Konzep­tionen der Spezi­fität pikto­rialer Kontex­te wichti­ge Aspek­te schuldig: Die Konzep­tion von Alber­tis Fenster igno­riert, dass mit dem Bildge­brauch ein Kontext eröff­net wird, der gemein­hin nicht mit dem Verwen­dungskon­text iden­tisch ist: Die Szene hinter einem echten Fenster bleibt hinge­gen stets einfach nur ein Teil des je aktu­ellen Kontex­tes. Die Bildflä­che wird hier als transpa­rente Glasschei­be missver­standen, wobei die scheinba­re “Transpa­renz des Mediums”, wie sie nur für trompe l'oeils typisch wäre, eine wesent­lichen Kompo­nente der Bildfunk­tion verschlei­ert: Das Heraus­treten aus dem Gege­benen des “Hier und Jetzt”.

Die Konzeption von Gegen­ständen in reiner Sichtbar­keit bezieht sich im Grunde zwar gera­de auf Gegen­ständen, die unter sorta­le Begrif­fe fallen.[8] Doch wird dabei außer Acht gelas­sen, dass etwa ein nur sichtba­res Haus, das also weder Gewicht hat noch Wider­stand leistet, wenn man sich daran anlehnt, und sich insge­samt also nicht nach den für (sorta­le) Häuser norma­lerwei­se gelten­den physi­kali­schen Geset­zen verhal­ten würde, über­haupt nicht unter unse­ren übli­chen Begriff eines Hauses fallen würde und somit auch gar nicht ohne Weite­res als Haus klassi­fiziert werden kann: Was aber in einem entspre­chenden Bild erscheint, wird gemein­hin durchaus als ein solches sortales Indi­viduum begrif­fen – oder genau­er: als aktu­elle Erschei­nung eines solchen, denn sorta­le Gegen­stände begeg­nen uns nie anders. Andern­falls würden alle entspre­chenden Sprechak­te, die sich mit ihrem Sachbe­zug auf den Inhalt des Bildraums richten, entwe­der unver­ständlich oder stark erklä­rungsbe­dürftig, denn eine Regel für einen von der Norm abwei­chenden Sonder­gebrauch ist hier keines­wegs offen­sichtlich. So bleibt bei jenen “Gegen­ständen in reiner Sichtbar­keit” also unklar, was für Gegen­stände das eigent­lich sein sollen.

Die modale Bildtheorie versucht, diese Unzu­länglich­keiten der älte­ren Ansät­ze zu vermei­den, indem Bildge­brauch ausdrück­lich als kontext­bilden­de Nutzung von Bildträ­gern ange­setzt wird. Mit dem Bild versucht einer, eine in der Regel nicht anwe­sende Situ­ation als inter­indi­vidu­ell verfüg­baren Kontext zu etab­lieren. Auch für diesen Kontext gelten natür­lich die oben erwähn­ten vier Gebrauchs­zusam­menhän­ge, wobei hier insbe­sonde­re auch die Gestalt­bildung durch visu­elle Wahrneh­mung der Situ­ation verfüg­bar wird (empi­rische Kontext­bildung).


Kontext und Diegese

Der Kontextbegriff der modalen Bildthe­orie ist eng verwandt mit der film- und lite­ratur­wissen­schaftli­chen Verwen­dung des Ausdrucks ‘Diege­se’.[9] Nach [Wulff 2007a] „hat sich die Bezeich­nung Diege­se für die Weltvor­stellung, die eine Fiktion anbie­tet, seit Etienne Souriau einge­bürgert“ (S. 40; vgl. [Souriau 1951a]; [Souriau 1953a]). Für Souriau ist „alles, was man als vom Film darge­stellt betrach­tet und was zur Wirklich­keit, die er in seiner Bedeu­tung voraus­setzt, gehört“ Teil der ‘diégèse’ ([Souriau 1951a]: (dt.) S. 151). Ganz entspre­chend begreift auch Domi­nique Chateau die Diege­se eines Films als eine durch diver­se Vorga­ben vorstruk­turier­te Menge von Verhal­tenssi­tuatio­nen, die wechsel­seitig zugäng­lich sind ([Chateau 1976a]: S. 215). Dabei werden die jewei­ligen Zugän­ge vor allem durch film-narra­tive Ele­mente etab­liert. Von seiner filmwis­senschaft­lichen Einfüh­rung in den 50er Jahren des 20. Jahrhun­derts ist der Diege­sebe­griff beson­ders in Frankreich in den 1970er und 1980er-Jahren in die Lite­ratur­wissen­schaft über­nommen worden (etwa [Genet­te 1972a]).[10]

Wulff verweist in dem bereits erwähn­ten Arti­kel unter ande­rem darauf, dass das Diege­tische eines Films in der Regel als ausge­sprochen komple­xe, raumzeit­liche, zudem auf mehre­re Ebe­nen verteil­te Struktur von Situ­atio­nen zu verste­hen ist, in denen die Akteu­re handeln, die von ihnen (und bei Filmen in Grenzen eben auch von den Zuschau­ern) wahrge­nommen werden können – und schließlich: über die (propo­sitio­nal) gespro­chen werden kann. Es handelt sich also, anders gesagt, um eine Vielzahl von mit­einan­der verbun­denen Verhal­tenssi­tuatio­nen – Kontex­ten im oben ausge­führten Sinn.

Im Gegensatz zum Kontext­begriff der moda­len Bildthe­orie mit ihren über Einzel­analy­sen weit hinaus­reichen­den Bezü­gen zur logi­schen Propä­deutik, Sprachphi­loso­phie und Bildanth­ropo­logie wird der Begriff der Diege­se bislang hauptsäch­lich dazu einge­setzt, die Struktu­ren eines Werkes zu ana­lysie­ren.[11]

Anmerkungen
  1. In die­sen Zu­sam­men­hang ge­hört auch der Be­griff des opa­ken Kon­tex­tes, wie er in der Sprach­phi­lo­so­phie ver­wen­det wird: vgl. et­wa Wi­ki­pe­dia: Opa­ker Kon­text.
  2. In­ten­ti­o­na­ler Ge­gen­stand ist al­les, wo­rauf je­mand sei­ne Auf­merk­sam­keit rich­tet, un­ab­hän­gig da­von, ob es sich um ein re­a­les, fik­ti­ves, hal­lu­zi­nier­tes oder zu­künf­ti­ges ge­plan­tes Ob­jekt han­delt; vgl. ins­be­son­de­re [Bren­ta­no 1874a], [Mei­nong 1907a] und [Hus­serl 1929a]. Vgl. auch Wi­ki­pe­dia: In­ten­ti­o­na­li­tät.
  3. In­kon­sis­tent sind höchs­tens In­ter­pre­ta­ti­o­nen ei­ner Si­tu­a­ti­on.
  4. Im stren­gen Sinn ge­hö­ren auch die zeit­lich aus­ge­dehn­ten sor­ta­len In­di­vi­du­en zu den Ab­s­trak­ta. Die Ver­ge­gen­wär­ti­gung ih­rer raum­zeit­li­chen Spu­ren ist letzt­lich eben­falls ei­ne Raum­me­ta­pher der Zeit.
  5. In ei­nem dann zu be­trach­ten­den kom­p­le­xen Zei­chen kön­nen die Ele­ment­zei­chen ei­nen Teil ih­rer je­wei­li­gen Cha­rak­te­ris­ti­ken ver­lie­ren: So wer­den vir­tu­el­le Räu­me in im­mer­si­ven Sys­te­men zwar mit Hil­fe von Bil­dern im Zu­sam­men­hang mit Ge­räu­schen auf­ge­baut, doch ver­lie­ren die­se Bil­der da­bei zu­min­dest ten­den­zi­ell den Bild­cha­rak­ter, nimmt man sie im im­mer­si­ven Zu­sam­men­hang doch meist nicht mehr als Bil­der wahr (⊳ in­ter­ak­ti­ves Bild, Cy­ber­space).
  6. Ei­nen Son­der­fall stel­len hier si­cher Bil­der dar, bei de­nen meh­re­re Er­schei­nun­gen des­sel­ben sor­ta­len In­di­vi­du­ums vor­kom­men: Al­ler­dings kön­nen sol­che Exem­pla­re auch als Bild­fol­gen mit un­kla­ren Bild­gren­zen in­ter­pre­tiert wer­den, de­ren Zweck es ins­be­son­de­re ist, Be­zie­hun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Kon­tex­ten her­zu­stel­len.
  7. Le­dig­lich für die re­fle­xiv ver­wen­de­ten Bil­der sind Aus­nah­men mög­lich; ⊳ auch Kontext­bildung.
  8. Hier­für spre­chen die von den zu­ge­hö­ri­gen Au­to­ren an­ge­führ­ten Bei­spie­le ei­ne ein­deu­ti­ge Spra­che, geht es doch et­wa um Häu­ser; vgl. [Wie­sing 2008a].
  9. Vgl. Wi­ki­pe­dia: Di­e­ge­se.
  10. Man be­ach­te den Be­deu­tungs­wan­del ge­gen­über dem äl­te­ren, di­rek­ter auf die an­ti­ke Phi­lo­so­phie zu­rück­ge­hen­den Di­e­ge­sis-Be­griff in der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft (vgl. Wi­ki­pe­dia: Di­e­ge­sis): Di­e­ge­sis be­zeich­net ei­nen be­stimm­ten Mo­dus der po­e­ti­schen Hand­lung, der im Ge­gen­satz zur Mi­me­sis steht. Nicht durch Nach­ah­mung son­dern durch Be­richt wird ein Teil der Welt mo­del­liert. Der mo­der­ne Di­e­ge­se-Be­griff ver­weist hin­ge­gen auf die (als lo­gisch ab­ge­schlos­sen be­grif­fe­ne) Welt­struk­tur, die durch ei­ne po­e­ti­sche Hand­lung “zu­gäng­lich” wird. Da­mit steht Di­e­ge­se dem Kon­text­be­griff na­he, Di­e­ge­sis dem Be­griff der Kon­text­bil­dung.
  11. Vgl. aber auch den Über­sichts­ar­ti­kel zur For­ma­li­sie­rung di­e­ge­ti­scher Be­trach­tun­gen durch mo­dal­lo­gi­sche An­sät­ze in [Kacz­ma­rek 2007a].
Literatur                             [Sammlung]

[Bar­wise & Perry 1984a]: Barwise, Jon & Perry, John (1984). Situations and Attitudes. Cam­bridge, MA: MIT Press.

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Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [28], Klaus Sachs-Hombach [3] und Emilia Didier [1] — (Hinweis)