Kontextbildung

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
Version vom 25. Juli 2013, 13:51 Uhr von Klaus Sachs-Hombach (Diskussion | Beiträge) (Der Zugang zu nicht-gegenwärtigen Situationen)
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Unterpunkt zu: Bildpragmatik


Der Zugang zu nicht-gegenwärtigen Situationen

Lebewesen beschäftigen sich gemeinhin ausschließlich mit der ihnen direkt gegebenen Umwelt. Vergangenes erscheint allenfalls implizit in gerade aktivierten Verhaltensweisen, insofern diese vorgängig durch bestimmte Situationen verändert worden sind, Zukünftiges als Erfüllungsbedingungen aktueller Wünsche. Demgegenüber beherrscht der Mensch die Fähigkeit, sich spontan aus dem Hier und Jetzt zu lösen und sein aktuelles Verhalten auch explizit an nicht-gegenwärtigen Situationen auszurichten. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Verwendung von Propositionen, also von Zeichenhandlungen, die über einen Sachbezug verfügen, insbesondere den Aussagen.

Der spezifische Kontextbezug, der eine zentrale funktionale Voraussetzung für Aussagen darstellt (⊳ Modalität), wird in der Regel durch eine eigene Komponente in der Gesamtzeichenhandlung, die die Aussage bildet, hergestellt. Das ist die Kontextbildung. Teilzeichenhandlungen, die Hinweise darauf geben, dass nun über eine bestimmte vergangene oder zukünftige, hypothetische oder fiktive Situation gesprochen wird oder über eine Situation aus der Perspektive eines anderen, sind typische Formen der Kontextbildung (dazu unten mehr).

Das, was linguistisch oft verallgemeinert das ‘Diskursuniversum’ einer Gruppe miteinander Kommunizierender genannt wird, besteht, genauer besehen, aus einer dynamischen Struktur von verschiedenen Kontexten, die auf vielfältige Weise miteinander verbunden und ineinander geschachtelt sein können. Zum einen können individuelle sortale Objekte die Kontexte über ihre raumzeitliche Entwicklung miteinander verbinden. Zum anderen bestehen Einbettungsverhältnisse, wenn ein Kontext von einem anderen Kontext aus erreichbar ist, d.h. aus ihm abgeleitet werden kann. Die unmittelbare Äußerungssituation stellt meist den Ausgangspunkt für Kontextbildungen dar, die andere Kontexte so in jene einbetten, dass die Kommunikationspartner sich nicht nur auf Objekte in entweder dem aktuellen oder dem eingebetteten Kontext beziehen können (⊳ Nomination). Vielmehr sind sie auch in der Lage, Beziehungen zwischen beiden (bzw. zwischen den so verfügbaren Erscheinungsweisen ein und desselben Gegenstands) herzustellen.[1]

Abbildung 1: ‘Orson Welles ist Alfred Hitchcock’ – Beispiel für uneigentliche Identitätsaussagen mit zwei mentalen Räumen bei Fauconnier
Die Bezeichnung ‘Kontextbil­dung’ schließt an die Terminologie von Gilles Fauconnier an, der in [Fauconnier 1985a]Faucon­nier, Gilles (1985).
Mental Spaces. Aspects of Meaning Con­struc­tion in Natural Lan­guage. Cam­bridge, MA: MIT Press.

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einen linguistischen Ansatz zum sprachlichen Sachbezug ausgearbeitet hat: Ein ‘mental space’ bezeichnet dort eine intentionale Menge von Gegenständen, auf die man sich sprachlich bezieht. Sie werden linguistisch durch so genannte ‘space builder’ erzeugt und können dann komplexe Einbettungsstrukturen bilden mit verschiedenen Arten von Verbindungen zwischen Gegenständen in unterschiedlichen mentalen Räumen. Mit dieser Konzeption kann Fauconnier eine Reihe von Schwierigkeiten, die sich unter anderem bei der linguistischen Analyse der Referenzbeziehung für kontrafaktische Aussagen und bei uneigentlichen Identitätsaussagen (vgl. Abb. 1) stellen, auf elegante Weise lösen.[2]

Kontextbildung und Kontextreferenzierung

Der Akt der Kontextbildung umfasst, genau genommen, zwei Unterarten. Zum einen kann durch eine (Teil-)Zeichenhandlung ein unabhängig davon zugänglicher Kontext ins Spiel gebracht werden: Dies heißt Kontextreferenzierung. Kontextreferenzierung geschieht etwa durch explizite oder implizite Hinweise auf Ort und Zeit. Bereits Tempusangaben können so implizit einen zeitlich bestimmten Kontext in den Fokus rücken, ihn von der Äußerungssituation aus “zugänglich” machen.[3]

Zum anderen kann ein Kontext durch die (Teil-)Zeichenhandlung zuallererst erzeugt werden: Es handelt sich dann um eine Kontextbildung im engeren Sinn. Beispielsweise stellt eine Erzählung eine (sehr komplexe) Form der Kontextbildung im engeren Sinn dar, da die Menge der darin erwähnten Gegenstände, ihre Verhältnisse zueinander und deren zeitliche Entwicklung nicht unabhängig von der Gesamtzeichenhandlung, die die Erzählung bildet, bestehen. Die Wahrheit einer Aussage über diese Gegenstände kann letztlich nur anhand der Sachbezüge der Sätze im Text der Erzählung (relativ zu einer angenommenen Kommunikationssituation bei der Rezeption des Textes; ⊳ Bildrezeption als Kommunikationsprozess) überprüft werden. Der durch eine solche Kontextbildung vermittelte Kontext umfasst nicht einfach die Menge der Sachbezüge, die im Verlauf des erzählten Textes explizit angegeben werden. Vielmehr handelt es sich um einen der Kontexte, in denen unter anderem all jene Sachbezüge gelten und weitere Sachverhalte, die die Rezipienten als hier gültig voraussetzen (Präsuppositionen), sowie die daraus insgesamt möglichen Implikationen (deduktive Vollständigkeit der Situation); der vermittelte Kontext ist also zu einem gewissen Grad abhängig von den Zeichenhandelnden und damit von der Äußerungssituation (hermeneutischer Zirkel).

Ein medienverweisendes Satzadverb, wie etwa ‘in Uwe Johnsons Roman «Jahrestage»’ ist damit ein auf eine solche Kontextbildung im engeren Sinn verweisende Kontextreferenzierung. Analoges gilt für Verweise auf andere Medien, insbesondere Bilder und Filme: ‘in Leonardo da Vincis Gemälde «Die Dame mit dem Hermelin»’, ‘in Alfred Hitchcocks Film «Vertigo»’. Das legt die Vermutung nahe, dass Kontextbildung im engeren Sinn eine grundlegende kommunikative Funktion des Bildgebrauchs darstellt (⊳ modale Bildtheorie).

Ungesättigte oder gesättigte Kontextbildung

Ein augenfälliger Unterschied zwischen den oben erwähnten Beispielen für Kontextbildungen liegt darin, dass Tempusangaben, temporale und lokale Satzadverbien und adverbiale Ergänzungen mit Verweisen auf mediale Werke für sich alleine nicht vorkommen können: Sie sind (im Sinne Freges) ungesättigt und bedürfen weiterer Teilzeichenhandlungen, die in der Regel eine Proposition relativ zu dem gebildeten Kontext vollziehen. Demgegenüber ergibt eine Erzählung insgesamt eine gesättigte, d.h. für sich alleine stehende Form der Kontextbildung. Wiederum lässt sich diese Abgeschlossenheit auch für andere mediale Formen der Kontextbildung im engeren Sinn (auf die, wie oben angegeben, durch sprachliche Kontextreferenzierungen verweisen werden kann) annehmen, insbesondere Bilder. Ihre Verwendung entspräche dann einer gesättigten Kommunikationshandlung mit dem Ziel, einen neuen nun gemeinsam verfügbaren (komplexen) Kontext im Diskursuniversum der Kommunikationspartner einzuführen.

Gleichwohl ist zu beachten, dass eine solche Kontextbildung in aller Regel nicht nur zum Selbstzweck durchgeführt wird: Sie hat zunächst prinzipiell den Sinn, die neu eingeführten Kontexte als Basis für weiteres gemeinschaftliches Handeln (insbesondere auch Reden darüber) nutzen zu können. Die gesättigte Kontextbildung steht mithin immer im Rahmen weiterer kommunikativer Interaktionen zwischen den Beteiligten.

Sachbezug und Wahrheit bei Kontextbildung

Da Kontextbildungen die Basis für Propositionen bilden, handelt es sich zumindest bei den Kontextbildungen im engeren Sinn um Zeichenhandlungen, die selbst keinen Sachbezug aufweisen, da ansonsten ein infiniter Regress aufträte. Die Kontextbildung im engeren Sinn führt den Kontext zuallererst ein, auf den sich ein potentieller Sachbezug der Zeichenhandlung beziehen müsste: Die Kontextbildung eröffnet überhaupt die Möglichkeit, eine andere Zeichen(teil)handlung mit Sachbezug zu vollziehen. Anders gefasst: Da eine Situation nicht einfach einer endlichen Menge von zutreffenden Sachverhalten (Tatsachen) entspricht, sondern interpretationsoffen ist, d.h. prinzipiell das Potential für unendlich viele Beschreibungen relativ zu ganz verschiedenen Begriffsfeldern umfasst, macht es keinen Sinn, eine endgültige endliche Menge von propositionalen Beschreibungen anzunehmen, die einen durch Kontextbildung intersubjektiv eingeführten Kontext vollständig erfasste und deren Sachbezug daher als Sachbezug der kontextbildenden Zeichen(teil)handlung aufgefasst werden könnte (⊳ auch Ekphrasis).

In der Folge ist es auch nicht ohne Weiteres sinnvoll, den Begriff der Wahrheit auf Kontextbildungen anzuwenden, wird dieser Begriff doch als Maß dafür verwendet, ob ein relativ zu einem Kontext behaupteter Sachverhalt entweder deduktiv mit einer akzeptierten Menge von Behauptungen über jene Situation verträglich ist (Kohärenztheorie der Wahrheit) oder in dem Kontext nachweislich (empirisch) zutrifft (Korrespondenztheorie der Wahrheit).

Selbstbezug bei Kontextbildung

Infolge des fehlenden Sachbezugs spielt der Selbstbezug bei kontextbildenden Zeichenhandlungen eine besonders wichtige Rolle, denn nur die Selbstdarstellung des eine Kontextbildung vollziehenden Kommunikationsteilnehmers kann die Aufgabe übernehmen, eine intersubjektiv verfügbare Bezugsbasis für darauf aufbauende Sachbezüge zu liefern. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass es zwar auch möglich (und in Bemerkungen über Kontextbildung sogar unumgänglich) ist, über Situationen/Kontexte propositional zu reden und sich dabei nominatorisch auf sie zu beziehen. Doch bedeutet das auch, Situationen als Gegenständen gegenüberzutreten, die dann ihrerseits also wieder als Gegenstände nur in bestimmen abstrakten Räumen (d.h. speziellen metaphorischen Situationen = Kontexten) vorkommen, welche dann ihrerseits erst durch einen Akt der Kontextbildung verfügbar gemacht werden müssen. Der Akt der Kontextbildung selbst muss daher in der damit vollzogenen Selbstdarstellung kulminieren. In der Kombination von fehlendem Sachbezug und dem Fokus auf den Selbstbezug gehört die Kontextbildung zu den Bekundungen bzw. zum bekundenden Anteil einer Zeichenhandlung.

Der Selbstbezug von Kontextbildungen muss ganz allgemein offensichtlich in einer Selbstdarstellung bestehen, die man durch folgende Phrase umschreiben kann: ‘Sich darstellen als jemand, dessen Aufmerksamkeit sich explizit einer anderen Situation zuwendet’. Zwar gehört das ostentative Zeigen spezifischer Spontanreaktionen auf die gemeinte Situation nur im Grenzfall zur Selbstdarstellung, doch zeigt dieser sich darin besonders deutlich.

Logische und empirische Kontextbildung

Man kann sich natürlich auch darstellen als einer, der sich der aktuellen Situation auf diese distanzierte Weise zuwendet. Allerdings gibt es in diesem Fall einen deutlichen Unterschied zu anderen Kontextbildungen: Nur im aktuellen Kontext ist es nämlich möglich, eine auf den Kontext bezogene konkrete Proposition empirisch zu überprüfen. Die sensomotorischen Testroutinen, die mit der Unterscheidungsgewohnheit assoziiert sind, die ihrerseits durch die Prädikation der Proposition bestimmt wird, können auf die durch die Nominationen der Proposition im Kontext identifizierten Gegenstände unmittelbar angewendet werden und liefern so empirische Erkenntnisse. Wird etwa behauptet, der Apfel in der entfernten heimischen Küche sei rotbackig, ist, der Entfernung wegen, ein Anschauen jenes Apfels und Beurteilen auf Rotbackigkeit nicht ohne Weiteres möglich. Wird hingegen behauptet, der Apfel hier sei rotbackig, genügt ein Blick auf den anwesenden Apfel: Unsere sensomotorische Ausstattung erlaubt es, die Prädikation zu bestätigen oder ihr begründet zu widersprechen.

Die distanzierte Zuwendung zur aktuellen Situation ist daher eine Kontextbildung mit empirischer Vergegenwärtigung: kurz empirische Kontextbildung. Ihr stehen die Kontextbildungen mit lediglich logischer Vergegenwärtigung (kurz: logische Kontextbildungen) gegenüber: Ohne empirischen Zugang kann hier die Wahrheit einer Behauptung relativ zu dem Kontext nur kohärenztheoretisch über logische Kompatibilität mit anderen Aussagen über den Kontext beurteilt werden.[4]


Piktoriale Kontextbildung

Wie oben bereits erwähnt können adverbiale Ergänzungen, die auf ein Bild verweisen, als Kontextreferenzierungen verwendet werden. So mag etwa der Ausdruck ‘in Picassos «Les Demoiselles d'Avignon»’ ganz zwanglos als Kontextbildung etwa für die Behauptung, dass ‘drei Frauen eine Art afrikanische Masken tragen’, dienen. In Abwesenheit des Bildes bleibt die Kontextbildung allerdings rein logisch. Angesichts des Bildes aber kann jene Behauptung als empirisch offensichtlich falsch entschieden werden. Die Vermutung liegt nahe, dass die Kontextreferenzierung durch den Verweis auf das Bild tatsächlich sekundär gegenüber der ursprünglicheren Kontextbildung im engeren Sinne durch die Präsentation des Bildes selbst ist. In der Tat werden mit Bildern in der Regel individuierte Gegenstände in einer Art gemeinsamer Situation dargestellt – eine Äußerung, die durchaus auch für Romane zutrifft, auch wenn es ansonsten viele Unterschiede gibt. Insbesondere handelt es sich bei der piktorialen Kontextbildung im Gegensatz zu der rein logischen Kontextbildung durch einen Text um eine zumindest partiell empirisch Kontextbildung, denn die Geltung der Prädikationen von visuellen Merkmalen oder davon abhängigen anderen Unterscheidungen können im Bildraum mehr oder weniger unmittelbar überprüft werden. Die piktorial vermittelten Kontexte erscheinen also als partiell mit der je aktuellen Verhaltenssituation verschmolzen.

Dass ‘Bildverwendung grundlegend visuell-empirische Kontextbildung im engeren Sinne’ sei ist daher die Kernthese der modalen Bildtheorie. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Kontexte für verschiedene Bildarten durchaus unterschiedlich gebildet werden.

Piktoriale Kontextbildung bei darstellenden Bildern

Mit Hilfe von darstellenden Bildern werden in aller Regel vornehmlich visuelle Aspekte möglicher Verhaltenssituationen als Kontexte für gemeinsames sprachliches oder nicht-sprachliches Handeln zur Verfügung gestellt. Analog zur Interpretation der je aktuellen Erscheinungsweisen sortaler Gegenstände im Wahrnehmungsraum als persistente Individuen werden auch in den durch piktoriale Kontextbildung in einer immerwährenden Gegenwart präsentierten Erscheinungen Gegebenheitsweisen zeitlich-ausdauernder individueller Gegenstände begriffen: Obwohl von abgebildeten Gegenständen meist keine andere Gegebenheitsweisen vorliegen – also keine Begegnungen in anderem Kontext möglich sind – verstehen wir sie als Gegenstände mit Geschichte, als Objekte, denen wir zumindest im Prinzip auch in anderen Situationen wieder (als denselben Objekten) begegnen könnten.[5]

Diese Interpretation spielt insbesondere bei Abbildungen realer Gegenstände eine zentrale Rolle, etwa einem Fahndungsphoto. Gesucht wird ja nicht ein Mensch, der der Pigmentfläche des Bildträgers ähnelt, sondern diesem Menschen im Bildraum. Die Nomination ‘dieser Mensch’ ist auf den Kontext bezogen, der mit dem Bild eröffnet wird.

Piktoriale Kontextbildung bei trompe l'œils

Die Besonderheiten der speziellen darstellenden Bilder vom Typ des trompe l'œils (oder des immersiven Bildes) liegen nicht daran, dass bei der unreflektierten Rezeption keine Kontextbildung stattfindet, da das Bild ja in dem Fall gar nicht als Bild erkannt wird. Tatsächlich handelt es sich vielmehr um eine zu gut gelungene und dadurch disfunktionale piktoriale Kontextbildung, die sowohl bei der Herstellung wie beim reflektierten Betrachten wieder als ganz normalen visuelle Kontextbildung wirkt (⊳ Dezeptiver und immersiver Modus).

Piktoriale Kontextbildung bei logischen Bildern

Da mit logischen Bildern wenigstens zum Teil etwas an sich nicht visuell Wahrnehmbares präsentiert wird, liegt ihrer Semantik eine metaphorische Begriffsübertragung vom dargestellten Bereich in den Bereich sichtbarer und somit bildlich direkt darstellbarer Entitäten zugrunde. Mithin wird eine durch piktoriale Kontextbildung bereitgestellte Verhaltenssituation als ein Modell für einen mehr oder weniger komplexen nicht-visuellen Zusammenhang verwendet. Die kontextbildende Funktion erweitert sich damit auf den an sich nicht-wahrnehmbaren Phänomenbereich: Insbesondere werden auf diese Weise auch beliebige abstrakte Zusammenhänge als eine (potentielle) Verhaltenssituation visuell erfahrbar und interindividuell empirisch zugänglich (⊳ Image Schemata).

Piktoriale Kontextbildung bei Bildzitaten und anderen reflexiv verwendeten Bildern

Reflexive Zeichenverwendungen sind allgemein abgeleitete Verwendungsweisen (⊳ Bild in reflexiver Verwendung). Das nun primäre exemplarische Vorführen von Eigenarten der jeweiligen Zeichennutzung setzt insbesondere die eigentliche pragmatische Funktion des zitierten oder reflexiv verwendeten Zeichens außer Kraft. Das gilt analog auch für Bilder. Eine ursprünglich kontextbildende Funktion wäre daher bei reflexiv verwendeten Bildern – sofern sie nicht gerade das zu exemplifizierende Merkmal darstellt – nicht mehr wirksam oder jedenfalls nicht mehr unmittelbar wirksam. Gleichwohl steht dieser Verwendungszweck mit vielen anderen Aspekten des Bildgebrauchs in engem Zusammenhang, so dass zwar die eigentliche kontextbildende Funktion aufgehoben ist, da die Präsentation des Bildes nun einem anderen Zweck dient, aber eingebettet in dieser Exemplifikation gleichwohl ein zentraler Faktor bleibt.

Piktoriale Kontextbildung bei ungegenständlichen Bildern

Der fehlende Verweis auf räumliche Gegenstände im üblichen (sortalen) Sinn setzt bei ungegenständlichen Bildern zunächst den Mechanismus außer Kraft, der den Bildraum als visuell wahrgenommene Verhaltenssituation etabliert. Daher erscheint es auf den ersten Blick unplausibel, auch bei dieser Art von Bildern von Kontextbildung als ihrer pragmatischen Grundfunktion auszugehen.

Allerdings können ungegenständliche Bilder sehr gut als reflexiv genutzte Bilder mit negativer Exemplifikation begriffen werden, so dass ihr Verwendungszweck einerseits (infolge der reflexiven Verwendung) ohnehin von der grundlegenden Verwendung von Bildern abgesetzt wäre und mehr im Exemplifizieren von Aspekten der Bildverwendung besteht, als in der Kontextbildung. Andererseits betrifft die negative Exemplifikation bei ihnen gerade auch die nicht funktionierende Kontextbildungsfähigkeit, die damit wiederum ex negativo als typisch für Bilder im Normalfall bestätigt wäre.


Primäre Kontextbildung

In anthropologischen Bildtheorien geht es vor allem darum, die Rolle der Fähigkeit, Bilder verwenden zu können, in den Rahmen der differentiae specificae philosophischer Menschenbegriffe einzuordnen. Aus Sicht der modalen Bildtheorie ist daher insbesondere zu klären, ob und auf welche Weise die Bildkompetenz bereits beim Übergang zum Begriff eines Wesens mit der Fähigkeit zur Kontextbildung – der primären Kontextbildung – eine systematische Funktion übernimmt.

In der Tat lassen sich gute Gründe dafür anführen, dass sich eine primäre Kontextbildung nicht rational konzipieren lässt ohne die Verwendung mindestens einer Art wahrnehmungsnaher Zeichen zu berücksichtigen, die als interindividuell verfügbare Grundlage für die empirische Verankerung der Referenzfunktion propositionaler Sprache dient ([Schirra & Sachs-Hombach 2006b]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hom­bach, Klaus (2006).
Fähig­keiten zum Bild- und Sprachge­brauch. In Deutsche Zeitschrift für Philo­sophie, 54, 6, 887-905.

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, [Schirra & Sachs-Hombach 2011a]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hom­bach, Klaus (2011).
Anthro­pologie in der syste­mati­schen Bildwis­senschaft: Auf der Spur des homo pictor.
In Diszi­plinen der Anthro­pologie, 145-177.

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und [Schirra & Sachs-Hombach 2013a]Schirra, Jörg R.J. & Sachs-Hom­bach, Klaus (2013).
The Anthro­polo­gical Function of Pic­tures.
In Ori­gins of Pic­tures. Anthro­pologi­cal Discour­ses in Image Science, 132-159.

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). Die empirisch-kontextbildende Funktion dieser Prä-Bilder kann gleichwohl nur über eine damit verschaltete verbale (d.i. logische) Kontextbildung stabilisiert werden: Bildkompetenz und Sprachkompetenz gelten daher als gleichursprünglich und logisch voneinander abhängig. Im Zentrum dieser Abhängigkeit steht der Zusammenhang zwischen dem Begriff »mentales Bild« und der Situation der primären Kontextbildung (⊳ logische Kontextbildung und mentale Bilder).
Anmerkungen
  1. Aussagen mit Identitätssätzen sind typische Beispiele für Zeichenhandlungen mit einem Sachbezug, der Gegenstände in verschiedenenen Gegebenheitsweisen – d.h. aus unterschiedlichen Kontexten – betrifft. Wie Freges Analyse klar gemacht hat, sind Äußerungen mit Sätzen wie ‘Der Morgenstern ist (identisch mit dem) der Abendstern’ nur dann sinnvoll (sprich: informativ), wenn die behauptete Identität nicht bereits aus dem Verstehen der Nominationen analytisch folgt. Informativ ist dann, dass ‘Morgenstern’ und ‘Abendstern’ – als zwei in verschiedenen (Klassen von) Kontexten (nämlich einmal nur ‘morgens’ und einmal nur ‘abends’) auftretende Gegenstände – als Aspekte desselben sortalen Gegenstand (‘Planet Venus’) betrachtet werden sollen; vgl. [Frege 1892a]Frege, Gottlob (1892).
    Über Sinn und Bedeu­tung. In Zeitschrift für Philo­sophie und philo­sophi­sche Kritik, 100, 25-50.

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    .
  2. Der Begriff des Kontextes geht über Fauconniers Begriff des mentalen Raums insbesondere in der Hinsicht hinaus, dass Kontexte auf die Verhaltensmöglichkeiten des betrachteten Wesens in der kontextuellen Situation bezogen sind. Kontextbildung eröffnet entsprechend über den Begriff »space builder« hinaus die Perspektive auf gemeinschaftlich erweiterte Handlungsspielräume mit Bezug auf andere Situationen.
  3. Da Nominationen immer nur relativ zu einem als bekannt vorausgesetzten Kontext funktionieren, können zumindest Kennzeichnungen ebenfalls als implizite, wenn auch in der Regel sehr vage Kontext­referen­zierungen verwendet werden, sofern weder die Äußerungssituation noch ein anderer bislang eingeführter Kontext als Bezug wahrscheinlich ist (d.h. wenn kein Gegenstand des entsprechenden Typs dort vorhanden ist). Beispielsweise könnte im aktuellen Kontext plötzlich von ‘dem König von Kulestra’ die Rede sein. In einem solchen Fall wird – als Ausgangspunkt für weitere informative Äußerungen bzw. Äußerungsteile – ein neutraler, d.h. weitgehend unspezifischer Kontext mit einem (proto-)typischen Exemplar der angegebenen Art eröffnet, mitsamt dem für Auftreten dieser Gegenstände typischen Umfeld. Dieser Kontext dient dann u.a. als Hintergrund für Präsuppositionen zu und Schlussfolgerungen über das Mitgeteilte.
  4. Die Unterscheidung von logischer und empirischer Kontextbildung modifiziert einen Aspekt der Gegenüberstellung von diegesis und mimesis aus Platons «Staat» bzw. Aristoteles' «Poetik»; ⊳ Mimesis; ⊳ Kontext: Kontext und Diegese; vgl. Wikipedia:Diegesis.
  5. Die Verwendung darstellender Bilder, etwa in Bedienungs­anleitungen, wäre ansonsten nicht nachvollziehbar.
Literatur                             [Sammlung]

[Fauconnier 1985a]: Faucon­nier, Gilles (1985). Mental Spaces. Aspects of Meaning Con­struc­tion in Natural Lan­guage. Cam­bridge, MA: MIT Press.

[Frege 1892a]: Frege, Gottlob (1892). Über Sinn und Bedeu­tung. Zeitschrift für Philo­sophie und philo­sophi­sche Kritik, Band: 100, S. 25-50. [Schirra & Sachs-Hombach 2006b]: Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hom­bach, Klaus (2006). Fähig­keiten zum Bild- und Sprachge­brauch. Deutsche Zeitschrift für Philo­sophie, Band: 54, Nummer: 6, S. 887-905. [Schirra & Sachs-Hombach 2011a]: Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hom­bach, Klaus (2011). Anthro­pologie in der syste­mati­schen Bildwis­senschaft: Auf der Spur des homo pictor. In: Meyer, S. & Owzar, A. (Hg.): Diszi­plinen der Anthro­pologie. Münster: Waxmann, S. 145-177. [Schirra & Sachs-Hombach 2013a]: Schirra, Jörg R.J. & Sachs-Hom­bach, Klaus (2013). The Anthro­polo­gical Function of Pic­tures. In: Sachs-Hom­bach, K. & Schirra, J.R.J. (Hg.): Ori­gins of Pic­tures. Anthro­pologi­cal Discour­ses in Image Science. Köln: Halem, S. 132-159.


Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

Verantwortlich:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [73], Klaus Sachs-Hombach [5] und Emilia Didier [1] — (Hinweis)