Massenmedien

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
Version vom 27. Oktober 2012, 13:06 Uhr von Florian Sprenger (Diskussion | Beiträge) (Genealogie der Massenmedienforschung)
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Unterpunkt zu: Medientheorien: Übersicht


Der „iconic“ und „pictorial turn“ der 1990er Jahre artikulierten ein Beschreibungsdefizit angesichts der von den sogenannten Massenmedien erzeugten ‚Bilderschwemme’. Die Dringlichkeit, mit der eine Hinwendung zu den Bildern gefordert wurde, speiste sich aus einer Reihe von Beobachtungen, die die zunehmend invasive Bedeutung von Bildern, die Ersetzung von Schrift durch Bild und eine neue Art der Verteilung von Bildern durch das Internet zum Gegenstand hatten - Beobachtungen, denen überlieferte theoretische Ansätze nur ungenügend begegnen konnten. Ohne Berücksichtigung der Massenmedien, so der Tenor, würde man Bildproduktion und Bildpraktiken zukünftig kaum beschreiben können.


Massenmedien, „iconic“ und „pictorial turn“

Ein wesentliches Moment bildwissenschaftlicher Betätigung bezieht sich damit auf Medien, die der Kunstgeschichte lange Zeit als minderwertig und als zu vernachlässigen galten: den Massenmedien, einem äußert unscharfen, ambivalenten und kulturpessimistisch besetzten Gegenstand. Als Massenmedien werden gemeinhin technische Medien bezeichnet, die ihre Inhalte nicht nur wie etwa ein Brief zwischen einem Sender und einem Empfänger vermitteln, sondern eine große Menge von – zumeist anonymen – Empfängern zugleich erreichen. 'Broadcasting', wie es seit dem Radio aufkommt und mit dem Fernsehen verstärkt wird, wendet sich von einem zentralen Sendepunkt aus an möglichst viele oder letztlich alle Empfangsgeräte bzw. Teilnehmer, ohne zu differenzieren. [1] Die paradigmatischen Massenmedien sind Radio und Fernsehen, die sich etwa vom Internet mit seiner Netzstruktur (die durchaus bestimmte massenmediale Aspekte beinhaltet) dadurch unterscheiden, dass sie sich nicht nur an viele Empfänger wenden, sondern an viele Empfänger im gleichen Moment mit dem gleichen Inhalt, wenn auch nicht auf die gleiche Weise. Parallel zur technischen Verringerung der Übertragungsgeschwindigkeit durch beständig neue technische Entwicklungen stieg die Anzahl der Empfänger ins potentiell Unendliche; ein Prozess, der seit Ende des 19. Jahrhunderts alle Bereiche der Kultur grundlegend verändert hat und darin kulminiert, dass Kultur heute ohne Massenmedien kaum noch denkbar erscheint. Er lässt sich jedoch weniger auf einzelne Techniken zurückführen, sondern ist Bestandteil einer grundlegenden Transformation zur Massenkultur, in der industrielle Produktions-, Reproduktions- und Distributionsweisen [2] zusammen mit neuen Medien (Fotografie seit 1826, Telegraphie seit 1837, Film seit 1895), Transportmitteln, Urbanisierung und dem modernen Pressewesen zusammentreten. Dabei werden soziale, politische und ökonomische Ordnungen grundlegend umgestaltet.

Ein Resultat dieser Prozesse ist um 1900 das Auftauchen eines neuen sozialen Phänomens: der gestaltlosen, indifferenten, affektiven Masse, wie sie etwa Gustave Le Bon oder Gabriel Tarde beschreiben [Gamper 2007a]. Sie trifft auf neue Medien, die Bilder für alle verteilen, jeden Menschen adressierbar machen, wenigen Personen Zugang zu allen verschaffen und damit zum mächtigen Faktor der Politik des 20. Jahrhunderts werden. Die Masse ist seit ihrem Auftauchen mit Fragen von Herrschaft und Macht verbunden [Canetti 2011a]. Zudem stellt sich die Frage, ob Medien jeweils eigene Massen hervorbringen oder ob sie im Gegenteil nur die Bedürfnisse der Masse befriedigen, in welchem Konstitutionsverhältnis also Medien und Masse zueinander stehen.

Massenmedien stehen damit im Gegensatz zu einer Kommunikation „face to face“, die sich nur an die begrenzte Zahl der Anwesenden richten kann. Die Kommunikation „face to face“ gilt seit der Schriftkritik in Platons „Phaidros“ als Modell der ‚guten‘, unvermittelten Kommunikation. Auf diesen Topos rekurrierte die Medienkritik stets dann, wenn neue Medien das Gefüge alter Medien in Unordnung brachten [Sprenger 2010a]. Sokrates kritisiert im genannten Dialog an der Schrift, sie antworte nicht, sage nur immer ein und dasselbe, könne nicht interagieren, richte sich an Beliebige, schwäche das Erinnerungsvermögen und sei nicht wie der Dialog geeignet, mit dem Gegenüber in der Gegenwart die Wahrheit aufzudecken. Die Schrift - oder in der folgenden platonistischen Medienkritik: das gedruckte Buch, das Foto, der Film usw. - ist demnach gefährlich und schlecht, weil sie (er) sich an alle wendet und allen das Gleiche überträgt.

Massenmedien und Gesellschaft

Massenmedien, so ein weit verbreiteter Verdacht, nehmen Einfluss auf die Massen, kontrollieren oder manipulieren sie.[3] Die Frage nach dem Einfluss von Medien auf Gesellschaft und Individuen ist mit den Massenmedien im 20. Jahrhundert zum Angelpunkt kultureller Selbstbeschreibungen und ihrer Krisenszenarios aufgestiegen. Zumeist wird die Konstitution von Massen kulturkritisch aufgeladen und mit Manipulation, Meinungsmache und Machtmissbrauch assoziiert. Die unidirektionale Struktur von Sender und Empfänger hat Bertolt Brecht schon um 1930 am Radio kritisiert und darauf hingewiesen, dass dem Radio aufgrund seiner technischen Besonderheit, potentiell auch ein Sendegerät zu sein, als Massenmedium auch emanzipatorische Kraft zukommen könne #. Diese Kraft wird heute in sozialen Medien verortet und soll noch im ‚arabischen Frühling’ am Werk sein. Der Begriff „Massenmedien“ kann dahingehend als Feld der Auseinandersetzung um den politischen Status von Medien in modernen Gesellschaften gelten. Besonders einflussreich waren in dieser Hinsicht die Erklärungsmodelle der Frankfurter Schule, die die Massenmedien als Kulturindustrie identifizierten (Theodor W. Adorno, Hans Magnus Enzensberger). Vor allem Günther Anders hat die Massenmedien für die Zerstörung der Urteilsfähigkeit und für den Kollaps der Differenz zwischen Ereignis und Abbild verantwortlich gemacht [Anders 2009a] - einen Kollaps, den dann Jean Baudrillard mithilfe der Begriffe „Simulakrum“ und „Simulation“ beschrieben hat [Baudrillard 1978a].

Ganz anders haben die englischsprachigen Cultural Studies seit den 1960er Jahren Massenmedien und vor allem das Fernsehen beschrieben [Fiske 2003a]. Ihnen geht es weniger um Verblendung und Manipulation als um Produktivität und Kreativität, aber auch um die hegemoniale Struktur von Rezeptionskontexten im alltäglichen Gebrauch, ohne in Hoch- und Popkultur zu unterscheiden. Massenmedien geben demnach ihren Rezeptionskontext nicht vor und ihre Verwendung ist offen und unvorhersehbar.

Genealogie der Massenmedienforschung

Der Begriff „Massenmedien“ ist in den letzten Jahren zunehmend einer kritischen Historisierung unterzogen worden und hat dabei viel von dem vormaligen Kredit eingebüßt, der ihn vor allem in der Publizistik zum Grundbegriff werden ließ und der dazu führte, dass er sogar mit „Medien“ allgemein in eins gesetzt wurde. Zur gegenwärtigen Neuorientierung haben zwei Tendenzen beigetragen: Erstens haben eine Reihe historischer Untersuchungen gezeigt, wie der Begriff „mass media“ in den 1950er und 1960er Jahren in den USA in bestimmten Interessenskontexten geprägt und politisch ausgerichtet wurde [Hagen 2003a]. Massenmedien werden seit den 1940er Jahren als funktionalistisches Mittel der Massenkommunikation verstanden, was nicht ohne die Ausweitung des Kommunikationsbegriffs zum Basisbegriff der Nachkriegszeit zu verstehen ist [Schüttpelz 2002a].

Zweitens erscheint der Begriff angesichts der sozialen Medien und der Technologien des Tracings und Trackings wie RFID und GPS kaum mehr brauchbar, die zur Identifikation von Objekten oder zur Lokalisierung mittels Satellit enorme Datenmengen sammeln und verarbeiten, dabei aber Daten über Objekte oder Menschen je einzeln verarbeiten. Nicht nur weil der Begriff der Masse unscharf wird, sondern auch weil die vermeintlichen ‚Massen’ dieser Medien dezentral organisiert und gestaffelt sind, verliert der Begriff an Einfluss. In dieser Hinsicht ist auch das Korrespondenzverhältnis von Massen und Medien erforscht und die Frage thematisiert worden, welche Relation das vielschichtige Objekt Masse zu den historischen Etappen seiner Erforschung hat.

John Durham Peters hat jüngst drei Kriterien identifiziert, anhand derer sich Massemmedien historisch untersuchen lassen, ohne bestimmte Medien zu privilegieren [Peters 2011a]. Ausgangspunkt ist die These, dass sowohl der Begriff der Masse als auch der Begriff des Mediums einer grundlegenden Revision bedürfen. Er hat für eine Ausweitung des Begriffs der Massenmedien plädiert, weil sich die gängige Identifikation von Massenmedien mit bestimmten Technologien erschöpft habe. Massenmedien seien gekennzeichnet a) durch ihre Verfahren der Adressierung ihrer Öffentlichkeit, Massen oder Rezipienten, b) durch ihre Verteilung in Raum und Zeit aufgrund von Reichweite und Dauer sowie c) ihre jeweils spezifische Form der Interaktion. Damit ließen sich historisch verschiedenste Technologien als Massenmedien identifizieren und in ihrer jeweiligen Spezifik bestimmen. Dem wäre hinzuzufügen, dass der Begriff der Massenmedien – wie auch die Begriffe von Masse und von Medien im engeren Sinne – selbst Produkte des 20. Jahrhunderts sind, die alle drei historisiert werden müssen.


Anmerkungen
  1. Amphitheaterstruktur#; vgl. [Flusser 2003a].
  2. James Beniger hat die Medienentwicklungen des 19. Jahrhunderts auf eine 'Krise der Kontrolle' zurückgeführt, die auf den unterschiedlichen Zeitregimen der neuen Technologien beruht, welche in langwierigen technischen und sozialen Synchronisationsprozessen aufeinander abgestimmt werden mussten; vgl. [Beniger 1986a].
  3. Vgl. dazu kritisch [Eco 1984a].
Literatur                             [Sammlung]

[Anders 2009a]: Anders, Günther (2009). Die Antiquiertheit des Menschen 1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München: Beck.

[Baudrillard 1978a]: Baudrillard, Jean (1978). Ago­nie des Realen. Berlin: Merve. [Beniger 1986a]: Beni­ger, James (1986). The Control Revo­lution. Techno­logical and Eco­nomic Origins of the Infor­mation Soci­ety. Cam­bridge: Har­vard Uni­versity Press. [Canetti 2011a]: Canetti, Elias (2011). Masse und Macht. Frank­furt/M.: Fischer. [Eco 1984a]: Eco, Umber­to (1984). Massen­kultur und ‘Kultur-Niveaus’. In: Eco, U. (Hg.): Apo­kalyp­tiker und Inte­grierte. Ham­burg: DTB, S. 37-59. [Fiske 2003a]: Fiske, John (2003). Lesarten des Populären. Stutt­gart: Löcker. [Flusser 2003a]: Flusser, Vilém (2003). Kommu­niko­logie. Frank­furt/M.: Fischer. [Gamper 2007a]: Gamper, Michael (2007). Masse lesen, Masse schreiben: Eine Diskurs- und Ima­gina­tionsge­schichte der Menschen­menge 1765-1930. München: Fink. [Hagen 2003a]: Hagen, Wolfgang (2003). Gegen­wartsver­gessen­heit. Lazars­feld. Ador­no. Innis. Luhmann. Berlin: Merve. [Peters 2011a]: Peters, John Durham (2011). Mass Media. In: Mitchell, W.J.T. & Hansen, M.B.N. (Hg.): Criti­cal Terms for Media Studies. Chica­go: Uni­versi­ty of Chica­go Press, S. 266-279. [Schüttpelz 2002a]: Schüttpelz, Erhard (2002). Frage nach der Frage, auf die das Medium eine Antwort ist. In: Kümmel, A. & Schüttpelz, E. (Hg.): Signa­le der Störung. München: Fink, S. 15-28. [Sprenger 2010a]: Sprenger, Florian (2010). Zu einer plato­nisti­schen Rekur­renzfi­gur der Medien­kritik. In: Gruber, K. & Meister, M. & Stern, F. (Hg.): Sinne - Technik - Insze­nierung. Wien: Böhlau, S. 53-67.


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