Medialität: Unterschied zwischen den Versionen

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‘Medialität’ ist keineswegs erst mit den Entwicklungen moderner Medientechnik eine für entsprechende Diskurse grundlegende Begrifflichkeit geworden. Bereits seit der Antike wird sie als essenzielles Element des menschlichen Weltverhältnisses ebenso intensiv reflektiert, wie auch diskutiert. Paradigmatisch in dieser Hinsicht sind die Auffassungen von Platon und Aristoteles über Bilder und die Art, wie diese mit der Wirklichkeit verbunden sind. Für Aristoteles besteht die Medialität eines Bildes in einem Darstellen, einem Vermitteln einer als solchen gegeben Wirklichkeit. Bilder erinnern also im eigentlichen Sinn an sie, funktionieren anamnetisch. Für Platon hingegen sind Bilder [[Mimesis|mimetisch]]. Sie ahmen eine Wirklichkeit nach, die jedoch nicht für sich selbst steht, sondern selbst ein Bild, eine Nachahmung ideeller Urformen ist. Medialität ist nach diesen Überlegungen keine direkte Erinnerung an Wirklichkeit wie bei Aristoteles, sondern eine Art metaphysische Rückbesinnung auf die sogenannte Ideenschau, die nach dem platonischen Modell präexistent erfahren wird. Dies wird von Platon aber keineswegs positiv bewertet. Künstler als Hersteller von Bildern und anderen Kunstformen haben für ihn keinen Zugang zu den Ideen. In der von Bildern verkörperten Nachahmung einer Nachahmung, ihrer Reproduktion von Scheinbildern, ist ihre in dieser Hinsicht ontologische Medialität negativ konnotiert. Aristoteles beginnt demgegenüber, Medialität von einer ontologischen Vereinnahmung zu lösen und sieht sie stattdessen als Manifestation menschlicher Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten. (Vgl. <bib id='Matzker 2008a'>Matzker 2008a</bib>: 11ff.)
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„Medialität“ ist keineswegs erst mit den Entwicklungen moderner Medientechnik eine für entsprechende Diskurse grundlegende Begrifflichkeit geworden. Bereits seit der Antike wird sie als essenzielles Element des menschlichen Weltverhältnisses ebenso intensiv reflektiert, wie auch diskutiert. Paradigmatisch in dieser Hinsicht sind die Auffassungen von Platon und Aristoteles über Bilder und die Art, wie diese mit der Wirklichkeit verbunden sind. Für Aristoteles besteht die Medialität eines Bildes in einem Darstellen, einem Vermitteln einer als solchen gegeben Wirklichkeit. Bilder erinnern also im eigentlichen Sinn an sie, funktionieren anamnetisch. Für Platon hingegen sind Bilder mimetisch. Sie ahmen eine Wirklichkeit nach, die jedoch nicht für sich selbst steht, sondern selbst ein Bild, eine Nachahmung ideeller Urformen ist. Medialität ist nach diesen Überlegungen keine direkte Erinnerung an Wirklichkeit wie bei Aristoteles, sondern eine Art metaphysische Rückbesinnung auf die sogenannte Ideenschau, die nach dem platonischen Modell präexistent erfahren wird. Dies wird von Platon aber keineswegs positiv bewertet. Künstler als Hersteller von Bildern und anderen Kunstformen haben für ihn keinen Zugang zu den Ideen. In der von Bildern verkörperten Nachahmung einer Nachahmung, ihrer Reproduktion von Scheinbildern, ist ihre in dieser Hinsicht ontologische Medialität negativ konnotiert. Aristoteles beginnt demgegenüber, Medialität von einer ontologischen Vereinnahmung zu lösen und sieht sie stattdessen als Manifestation menschlicher Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten. (Vgl. <bib id='Matzker 2008a'>Matzker 2008a</bib>: 11ff.)
 
 
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Ausgehend von den beiden hier gegenübergestellten Denkrichtungen lässt sich auf dem Weg zur Moderne ein grundlegender Wandel im Verständnis von Medialität <ref>Mit dieser Formulierung soll jedoch explizit keine Linearität im Denken über Medialität suggeriert werden. Wie auch in zahlreichen anderen Diskursen konkurrierten mehrere Positionen miteinander.</ref> konstatieren: von einer mimetischen Medialität der Wirklichkeitsnachahmung hin zu einer interpretativen Medialität der Wirklichkeitserzeugung und -objektivierung. Ernst Cassirer (<bib id='Cassirer 1996a'>Cassirer 1996a</bib>: 221) fasst das Mediale der Kunst in ähnlicher Weise als „Intensivierung von Wirklichkeit“ und sieht sie als „kontinuierlichen Konkretionsprozeß“. John Dewey (<bib id='Dewey 2006a'>Dewey 2006a</bib>: 97) verortet sie in seiner Ästhetik sowohl als Zeichen als auch als konstitutives Element „für ein vereintes Kollektivleben“. Medialität oszilliert gemäß dieser Vorstellungen zwischen einer Bestimmung als Realisierungsoption und als (technischer) Möglichkeitsraum (vgl. <bib id='Hubig 2006a'>Hubig 2006</bib>:148f.).
 
Ausgehend von den beiden hier gegenübergestellten Denkrichtungen lässt sich auf dem Weg zur Moderne ein grundlegender Wandel im Verständnis von Medialität <ref>Mit dieser Formulierung soll jedoch explizit keine Linearität im Denken über Medialität suggeriert werden. Wie auch in zahlreichen anderen Diskursen konkurrierten mehrere Positionen miteinander.</ref> konstatieren: von einer mimetischen Medialität der Wirklichkeitsnachahmung hin zu einer interpretativen Medialität der Wirklichkeitserzeugung und -objektivierung. Ernst Cassirer (<bib id='Cassirer 1996a'>Cassirer 1996a</bib>: 221) fasst das Mediale der Kunst in ähnlicher Weise als „Intensivierung von Wirklichkeit“ und sieht sie als „kontinuierlichen Konkretionsprozeß“. John Dewey (<bib id='Dewey 2006a'>Dewey 2006a</bib>: 97) verortet sie in seiner Ästhetik sowohl als Zeichen als auch als konstitutives Element „für ein vereintes Kollektivleben“. Medialität oszilliert gemäß dieser Vorstellungen zwischen einer Bestimmung als Realisierungsoption und als (technischer) Möglichkeitsraum (vgl. <bib id='Hubig 2006a'>Hubig 2006</bib>:148f.).
  
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Die Medialität eines Mediums wird nach Knut Hickethier (vgl. <bib id='Hickethier 2010a'>Hickethier 2010a</bib>: 25) vor allem durch drei miteinander zusammenhängende Aspekte bestimmt:
 
Die Medialität eines Mediums wird nach Knut Hickethier (vgl. <bib id='Hickethier 2010a'>Hickethier 2010a</bib>: 25) vor allem durch drei miteinander zusammenhängende Aspekte bestimmt:
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Als eine der gegenwärtig wichtigsten Formen der Medialität ist die Audiovisualität zu betrachten. Nicht nur mit Film und Fernsehen, sondern seit Mitte der 2000er Jahre zunehmend auch mit dem Internet in Form des „Web 2.0“ kann die damit bezeichnete Verbindung von Sprache, Geräusch und Musik mit stehenden sowie bewegten Bildern als bedeutendes Paradigma gegenwärtiger Medientechnik und Medienerfahrung gelten. Wichtige technische Standards für die Audiovisualität sind zum einen die Elektrifizierung des in seinen Anfängen optomechanischen Films (und damit auch die Ermöglichung von Radio und Fernsehen) sowie zum anderen die mit dem Computer eingeführte Digitalisierung, die mehr und mehr auch in anderen Medien wie Film, Fernsehen und Radio, aber auch in Buch (E-Book) und Zeitung (E-Paper) Anwendung findet. (Vgl. <bib id='Hickethier 2010a'>Hickethier 2010a</bib>: 28ff.)
 
Als eine der gegenwärtig wichtigsten Formen der Medialität ist die Audiovisualität zu betrachten. Nicht nur mit Film und Fernsehen, sondern seit Mitte der 2000er Jahre zunehmend auch mit dem Internet in Form des „Web 2.0“ kann die damit bezeichnete Verbindung von Sprache, Geräusch und Musik mit stehenden sowie bewegten Bildern als bedeutendes Paradigma gegenwärtiger Medientechnik und Medienerfahrung gelten. Wichtige technische Standards für die Audiovisualität sind zum einen die Elektrifizierung des in seinen Anfängen optomechanischen Films (und damit auch die Ermöglichung von Radio und Fernsehen) sowie zum anderen die mit dem Computer eingeführte Digitalisierung, die mehr und mehr auch in anderen Medien wie Film, Fernsehen und Radio, aber auch in Buch (E-Book) und Zeitung (E-Paper) Anwendung findet. (Vgl. <bib id='Hickethier 2010a'>Hickethier 2010a</bib>: 28ff.)
  
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Medialität wird neben ihrer technischen und gesellschaftlichen Bedingtheit auch unter anderen Gesichtspunkten betrachtet. Verschiedene Beiträge befassen sich etwa mit ihren Relationen zu Realität (vgl. <bib id='Fromme et al. 2011a'>Fromme et al. 2011a</bib>) und Performativität (vgl. <bib id='Kleiner & Wilke 2013a'>Kleiner & Wilke 2013a</bib>, <bib id='Krämer 2004c'>Krämer 2004c</bib>), nehmen eine dezidiert ästhetische Perspektive ein (vgl. <bib id='Matzker 2008a'>Matzker 2008a</bib>) oder untersuchen die Art, wie menschliches Sein im Allgemeinen durch sie ausgestaltet wird (vgl. <bib id='Pietraß & Funiok 2010a'>Pietraß & Funiok 2010a</bib>). Überschneidungen sind dabei unvermeidlich, dennoch kann jeder der genannten Ansätze dem unscharfen Bild der Medialität weitere Details hinzufügen. Definitionen haben demgemäß immer nur temporäre Gültigkeit und sind als Annäherungsversuche anzusehen. Einer dieser Versuche fasst Medialität als
 
Medialität wird neben ihrer technischen und gesellschaftlichen Bedingtheit auch unter anderen Gesichtspunkten betrachtet. Verschiedene Beiträge befassen sich etwa mit ihren Relationen zu Realität (vgl. <bib id='Fromme et al. 2011a'>Fromme et al. 2011a</bib>) und Performativität (vgl. <bib id='Kleiner & Wilke 2013a'>Kleiner & Wilke 2013a</bib>, <bib id='Krämer 2004c'>Krämer 2004c</bib>), nehmen eine dezidiert ästhetische Perspektive ein (vgl. <bib id='Matzker 2008a'>Matzker 2008a</bib>) oder untersuchen die Art, wie menschliches Sein im Allgemeinen durch sie ausgestaltet wird (vgl. <bib id='Pietraß & Funiok 2010a'>Pietraß & Funiok 2010a</bib>). Überschneidungen sind dabei unvermeidlich, dennoch kann jeder der genannten Ansätze dem unscharfen Bild der Medialität weitere Details hinzufügen. Definitionen haben demgemäß immer nur temporäre Gültigkeit und sind als Annäherungsversuche anzusehen. Einer dieser Versuche fasst Medialität als
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„Wenn die medialen Möglichkeiten eines interaktiven Bildes um der Möglichkeiten willen verwirklicht werden, wird das Geschehen und Tun im virtuellen Raum zur Performance.“
 
„Wenn die medialen Möglichkeiten eines interaktiven Bildes um der Möglichkeiten willen verwirklicht werden, wird das Geschehen und Tun im virtuellen Raum zur Performance.“
  
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Der Begriff der Medialität ist, wie dieser grobe Überblick gezeigt hat, kaum in allgemein verbindlicher Weise zu fassen. Zu weit und zu vielseitig ist das mit ihm bezeichnete Feld, zu groß die qualitativen Unterschiede innerhalb desselben. Dennoch soll an dieser Stelle zumindest eine grundsätzliche Unterscheidung expliziert und hervorgehoben werden: Medialität steht zum einen für die spezifischen Eigenschaften der technischen Zeichenvermittlung und kann damit zum Gegenstand der (vergleichenden) Untersuchung einzelner Medien werden. Zum anderen steht sie aber für das per se mittelbare (mediale) Weltverhältnis des Menschen und entzieht sich damit, da jeglicher Wahrnehmung vorausgehend, einem direkten Zugang. (vgl. <bib id='Pietraß & Funiok 2010b'>Pietraß & Funiok 2010b</bib>: 7)
 
Der Begriff der Medialität ist, wie dieser grobe Überblick gezeigt hat, kaum in allgemein verbindlicher Weise zu fassen. Zu weit und zu vielseitig ist das mit ihm bezeichnete Feld, zu groß die qualitativen Unterschiede innerhalb desselben. Dennoch soll an dieser Stelle zumindest eine grundsätzliche Unterscheidung expliziert und hervorgehoben werden: Medialität steht zum einen für die spezifischen Eigenschaften der technischen Zeichenvermittlung und kann damit zum Gegenstand der (vergleichenden) Untersuchung einzelner Medien werden. Zum anderen steht sie aber für das per se mittelbare (mediale) Weltverhältnis des Menschen und entzieht sich damit, da jeglicher Wahrnehmung vorausgehend, einem direkten Zugang. (vgl. <bib id='Pietraß & Funiok 2010b'>Pietraß & Funiok 2010b</bib>: 7)
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Die anthropologische Relevanz der Medialität lässt sich demnach in mehrfacher Hinsicht konstatieren. Ihre technische Ausprägung lässt sie in der Gegenwart nicht nur zu einer „Grunddimension menschlichen Wesensvollzugs“ (<bib id='Pietraß & Funiok 2010b'>Pietraß & Funiok 2010b</bib>: 13) werden, sondern sie gestaltet „die Möglichkeiten des Menschseins“ (<bib id='Pietraß & Funiok 2010b'>Pietraß & Funiok 2010b</bib>: 14) auch in bestimmter Weise aus. Auch Christoph Hubig (vgl. <bib id='Hubig 2010a'>Hubig 2010a</bib>: 1517) konstatiert den prägenden Einfluss der nicht nur ontologischen, sondern auch epistemischen Mittelbarkeit des menschlichen Weltzugangs für die Analyse technischer Medialität, wobei diese Mittelbarkeit selbst „einer absoluten (nicht medial bedingten) Erkenntnis oder Reflexion“ (<bib id='Hubig 2010a'>Hubig 2010a</bib>: 1517) entzogen bleibt.
 
Die anthropologische Relevanz der Medialität lässt sich demnach in mehrfacher Hinsicht konstatieren. Ihre technische Ausprägung lässt sie in der Gegenwart nicht nur zu einer „Grunddimension menschlichen Wesensvollzugs“ (<bib id='Pietraß & Funiok 2010b'>Pietraß & Funiok 2010b</bib>: 13) werden, sondern sie gestaltet „die Möglichkeiten des Menschseins“ (<bib id='Pietraß & Funiok 2010b'>Pietraß & Funiok 2010b</bib>: 14) auch in bestimmter Weise aus. Auch Christoph Hubig (vgl. <bib id='Hubig 2010a'>Hubig 2010a</bib>: 1517) konstatiert den prägenden Einfluss der nicht nur ontologischen, sondern auch epistemischen Mittelbarkeit des menschlichen Weltzugangs für die Analyse technischer Medialität, wobei diese Mittelbarkeit selbst „einer absoluten (nicht medial bedingten) Erkenntnis oder Reflexion“ (<bib id='Hubig 2010a'>Hubig 2010a</bib>: 1517) entzogen bleibt.
  
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Version vom 9. September 2013, 15:44 Uhr

Unterpunkt zu: Medientheorien: Übersicht


Ausgangspunkte

‘Medialität’ ist keineswegs erst mit den Entwicklungen moderner Medientechnik eine für entsprechende Diskurse grundlegende Begrifflichkeit geworden. Bereits seit der Antike wird sie als essenzielles Element des menschlichen Weltverhältnisses ebenso intensiv reflektiert, wie auch diskutiert. Paradigmatisch in dieser Hinsicht sind die Auffassungen von Platon und Aristoteles über Bilder und die Art, wie diese mit der Wirklichkeit verbunden sind. Für Aristoteles besteht die Medialität eines Bildes in einem Darstellen, einem Vermitteln einer als solchen gegeben Wirklichkeit. Bilder erinnern also im eigentlichen Sinn an sie, funktionieren anamnetisch. Für Platon hingegen sind Bilder mimetisch. Sie ahmen eine Wirklichkeit nach, die jedoch nicht für sich selbst steht, sondern selbst ein Bild, eine Nachahmung ideeller Urformen ist. Medialität ist nach diesen Überlegungen keine direkte Erinnerung an Wirklichkeit wie bei Aristoteles, sondern eine Art metaphysische Rückbesinnung auf die sogenannte Ideenschau, die nach dem platonischen Modell präexistent erfahren wird. Dies wird von Platon aber keineswegs positiv bewertet. Künstler als Hersteller von Bildern und anderen Kunstformen haben für ihn keinen Zugang zu den Ideen. In der von Bildern verkörperten Nachahmung einer Nachahmung, ihrer Reproduktion von Scheinbildern, ist ihre in dieser Hinsicht ontologische Medialität negativ konnotiert. Aristoteles beginnt demgegenüber, Medialität von einer ontologischen Vereinnahmung zu lösen und sieht sie stattdessen als Manifestation menschlicher Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten. (Vgl. [Matzker 2008a]: 11ff.)

Ausgehend von den beiden hier gegenübergestellten Denkrichtungen lässt sich auf dem Weg zur Moderne ein grundlegender Wandel im Verständnis von Medialität [1] konstatieren: von einer mimetischen Medialität der Wirklichkeitsnachahmung hin zu einer interpretativen Medialität der Wirklichkeitserzeugung und -objektivierung. Ernst Cassirer ([Cassirer 1996a]: 221) fasst das Mediale der Kunst in ähnlicher Weise als „Intensivierung von Wirklichkeit“ und sieht sie als „kontinuierlichen Konkretionsprozeß“. John Dewey ([Dewey 2006a]: 97) verortet sie in seiner Ästhetik sowohl als Zeichen als auch als konstitutives Element „für ein vereintes Kollektivleben“. Medialität oszilliert gemäß dieser Vorstellungen zwischen einer Bestimmung als Realisierungsoption und als (technischer) Möglichkeitsraum (vgl. [Hubig 2006]:148f.).


Gegenwart

Die Medialität eines Mediums wird nach Knut Hickethier (vgl. [Hickethier 2010a]: 25) vor allem durch drei miteinander zusammenhängende Aspekte bestimmt:

  1. Die spezifischen Eigenschaften des betreffenden Mediums, die oft in eine charakteristische Ästhetik münden. Man könnte hier von einer Medialität im engeren Sinn sprechen, die sowohl durch die
  2. zur Realisierung des Mediums verwendeten Techniken als auch
  3. seine gesellschaftliche Institutionalisierung und Verwendungsweise bestimmt wird.

„Medialität“ kann somit sowohl zur Abgrenzung der Medien untereinander dienen als auch Eigenschaften bezeichnen, die allen Medien gemeinsam sind. Man kann sich damit also einerseits auf das „Bildspezifische“ des Bildes, andererseits auf medienübergreifende Phänomene beziehen. Die für ein bestimmtes Medium als charakteristisch erkannte Medialität ist dabei, wie bereits angedeutet, oft auch von technischen Entwicklungen sowie bestimmten historisch-kulturellen Verhältnissen abhängig. So definierte Marshall McLuhan ([McLuhan 1998a]: 22) in den sechziger Jahren das Fernsehen als „kaltes Medium“, also als eines, das eine hohe ergänzend-interpretative Beteiligung des Nutzers erfordert, um es überhaupt verstehen zu können. Diese Einschätzung beruht im Wesentlichen auf dem damaligen Entwicklungsstand des Fernsehens, dessen auf der Kathodenstrahlröhre präsentiertes Bild relativ detailarm und oft noch schwarz-weiß war. Angesichts der anhaltenden Tendenz zu immer besseren Aufnahme- und Wiedergabetechniken wäre Fernsehen, wenn man McLuhans Unterscheidung folgt, mittlerweile vielmehr als sehr detailreiches, „heißes Medium“ zu betrachten.

Demgegenüber sind traditionelle Formen der Medialität nicht an bestimmte Medien gekoppelt, sondern verweisen auf die Kultur als Ganzes: so wird in der Regel die ältere, vorrangig über Gespräche vermittelte Kultur der Oralität gegenüber der jüngeren, durch Schrift geprägten Kultur der Literalität abgegrenzt. Beide Formen schließen sich jedoch keineswegs aus, sondern koexistieren in der heutigen Welt. Dabei ist zu beachten, dass die etwa im Radio vorkommende Oralität eine nur scheinbare ist. Dies ist zum einen auf den Aspekt der technischen Transformation, zum anderen aber auch auf die schriftlichen Vorformulierungen, auf denen Sprache im Radio häufig basiert, zurückzuführen. (Vgl. [Hickethier 2010a]: 27)

Als eine der gegenwärtig wichtigsten Formen der Medialität ist die Audiovisualität zu betrachten. Nicht nur mit Film und Fernsehen, sondern seit Mitte der 2000er Jahre zunehmend auch mit dem Internet in Form des „Web 2.0“ kann die damit bezeichnete Verbindung von Sprache, Geräusch und Musik mit stehenden sowie bewegten Bildern als bedeutendes Paradigma gegenwärtiger Medientechnik und Medienerfahrung gelten. Wichtige technische Standards für die Audiovisualität sind zum einen die Elektrifizierung des in seinen Anfängen optomechanischen Films (und damit auch die Ermöglichung von Radio und Fernsehen) sowie zum anderen die mit dem Computer eingeführte Digitalisierung, die mehr und mehr auch in anderen Medien wie Film, Fernsehen und Radio, aber auch in Buch (E-Book) und Zeitung (E-Paper) Anwendung findet. (Vgl. [Hickethier 2010a]: 28ff.)


Perspektiven

Medialität wird neben ihrer technischen und gesellschaftlichen Bedingtheit auch unter anderen Gesichtspunkten betrachtet. Verschiedene Beiträge befassen sich etwa mit ihren Relationen zu Realität (vgl. [Fromme et al. 2011a]) und Performativität (vgl. [Kleiner & Wilke 2013a], [Krämer 2004c]), nehmen eine dezidiert ästhetische Perspektive ein (vgl. [Matzker 2008a]) oder untersuchen die Art, wie menschliches Sein im Allgemeinen durch sie ausgestaltet wird (vgl. [Pietraß & Funiok 2010a]). Überschneidungen sind dabei unvermeidlich, dennoch kann jeder der genannten Ansätze dem unscharfen Bild der Medialität weitere Details hinzufügen. Definitionen haben demgemäß immer nur temporäre Gültigkeit und sind als Annäherungsversuche anzusehen. Einer dieser Versuche fasst Medialität als

„die jedem Medium zugrunde liegenden Dispositive, Performanzen, Materialitäten, symbolischen Ordnungen, Imaginationen, Diskurse, Archive, Techniken, Disziplinen usw., die mediale Prozesse begleiten, rahmen und in sie eingehen, ohne sich direkt mitzuteilen“ ([Zahn 2011a]: 60)

und lässt erahnen, was Christoph Hubig (vgl. [Hubig 2010a]: 1517) meint, wenn er jegliches Denken als medial vollzogen beschreibt. Um zu einer klaren Vorstellung von Medialität zu gelangen, müsste eben diese Vorstellung demnach bereits Teil ihrer selbst sein. Die Realität des Medialen lässt sich danach als die einer „abwesenden Anwesenheit“ ([Zahn 2011a]: 60) beschrieben: Anwesend, insofern sie menschliche Sinneseindrücke, Gedanken, Gefühle und Handlungen prägt; abwesend, insofern sie sich dabei einer direkten Bestimmung entzieht. Dieter Mersch ([Mersch 2009a]: 225ff.) schlägt daher vor, von einer medientheoretischen Erschließung zunächst abzusehen und stattdessen auf die Herangehensweise der Kunst zu setzen. Deren ästhetische Mittel können Medialität, sofern sie durch entsprechende Erfahrung auf ihre Bruchstellen abzielen, sicht- und begreifbar machen.

Die „Vermittlung zwischen künstlerischen Welten und ästhetischen Theorien“ ist für Reiner Matzker (vgl. [Matzker 2008a]: 228) eine notwendige Bedingung des Versuchs einer ästhetischen Betrachtung der Medialität. Diese erkennt er als von den verwendeten Techniken, den symbolischen Modi und vom semantischen Inhalt geprägt. Eine als solche ernst zu nehmende Ästhetik der Medialität darf sich demnach nicht nur mit einem dieser Bereiche auseinandersetzen, sondern muss neben der Frage nach dem „womit“ auch die nach dem „wodurch“ und dem „worüber“ stellen.

Eine Frage, die sich ebenfalls durch eine große Relevanz in Hinblick auf Medialität auszeichnet, ist die nach ihrer Performativität: Zum einen sind weite Teile menschlicher (Inter-)Aktionen medial geprägt und rücken sie damit in die Nähe des Performativitätskonzepts, zum anderen ermöglicht dieses Konzept auch den Blick auf das ebenso vielschichtige wie interdependente Spannungsfeld der „Performance in den Medien und der Performativität der Medien“ ([Kleiner 2013a]: 21) selbst. Ein nicht zuletzt unter diesem Gesichtspunkt in den letzten Jahren immer stärker in die Aufmerksamkeit gerücktes Phänomen ist das der Computerspiele, deren Handlungsraum nicht nur eine performative, sondern auch eine ästhetische Dimension aufspannt (vgl. [Wiesing 2004a]: 127). Es kommt also weniger auf den Vollzug einer Handlung an, als darauf, diesen Vollzug auch wahrzunehmen. Lambert Wiesing ([Wiesing 2004a]: 127) hält diesbezüglich fest:

„Wenn die medialen Möglichkeiten eines interaktiven Bildes um der Möglichkeiten willen verwirklicht werden, wird das Geschehen und Tun im virtuellen Raum zur Performance.“


Zusammenfassung

Der Begriff der Medialität ist, wie dieser grobe Überblick gezeigt hat, kaum in allgemein verbindlicher Weise zu fassen. Zu weit und zu vielseitig ist das mit ihm bezeichnete Feld, zu groß die qualitativen Unterschiede innerhalb desselben. Dennoch soll an dieser Stelle zumindest eine grundsätzliche Unterscheidung expliziert und hervorgehoben werden: Medialität steht zum einen für die spezifischen Eigenschaften der technischen Zeichenvermittlung und kann damit zum Gegenstand der (vergleichenden) Untersuchung einzelner Medien werden. Zum anderen steht sie aber für das per se mittelbare (mediale) Weltverhältnis des Menschen und entzieht sich damit, da jeglicher Wahrnehmung vorausgehend, einem direkten Zugang. (vgl. [Pietraß & Funiok 2010b]: 7)

Die anthropologische Relevanz der Medialität lässt sich demnach in mehrfacher Hinsicht konstatieren. Ihre technische Ausprägung lässt sie in der Gegenwart nicht nur zu einer „Grunddimension menschlichen Wesensvollzugs“ ([Pietraß & Funiok 2010b]: 13) werden, sondern sie gestaltet „die Möglichkeiten des Menschseins“ ([Pietraß & Funiok 2010b]: 14) auch in bestimmter Weise aus. Auch Christoph Hubig (vgl. [Hubig 2010a]: 1517) konstatiert den prägenden Einfluss der nicht nur ontologischen, sondern auch epistemischen Mittelbarkeit des menschlichen Weltzugangs für die Analyse technischer Medialität, wobei diese Mittelbarkeit selbst „einer absoluten (nicht medial bedingten) Erkenntnis oder Reflexion“ ([Hubig 2010a]: 1517) entzogen bleibt.

Siehe auch:

Inhaltsverzeichnis        

Anmerkungen
  1. Mit dieser Formulierung soll jedoch explizit keine Linearität im Denken über Medialität suggeriert werden. Wie auch in zahlreichen anderen Diskursen konkurrierten mehrere Positionen miteinander.
Literatur                             [Sammlung]

[Cassirer 1996a]: Cassirer, Ernst (1996). Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg: Meiner.

[Dewey 2006a]: Dewey, John (2006). Kunst als Erfahrung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. [Fromme et al. 2011a]: Fromme, Johannes; Iske, Stefan & Marotzki, Winfried (Hg.) (2011). Medialität und Realität. Zur konstitutiven Kraft der Medien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / Springer Fachmedien. [Hickethier 2010a]: Hickethier, Knut (2010). Einführung in die Medienwissenschaft. Stuttgart: Metzler. [Hubig 2006]: Hubig, Christoph (2006). Technikphilosophie als Reflexion der Medialität. Bielefeld: Transcript. [Hubig 2010a]: Hubig, Christoph (2010). Medialität/Medien. In: Sandkühler, H.-J. (Hg.): Enzyklopädie Philosophie. Hamburg: Meiner, S. 1516-1522. [Kleiner & Wilke 2013a]: Kleiner, Marcus S. & Wilke, Thomas (Hg.) (2013). Performativität und Medialität Populärer Kulturen. Theorien, Ästhetiken, Praktiken. Wiesbaden: Springer VS.. [Kleiner 2013a]: Kleiner, Marcus S. (2013). Populäre Kulturen, Popkulturen, Populäre Medienkulturen als missing link im Diskurs zur Performativität von Kulturen und Kulturen des Performativen. In: Kleiner, M. S. & Wilke, T. (Hg.): Performativität und Medialität Populärer Kulturen. Wiesbaden: Springer VS, S. 13-48. [Krämer 2004c]: Krämer, Sybille (Hg.) (2004). Performativität und Medialität. München: Fink. [Matzker 2008a]: Matzker, Reiner (2008). Ästhetik der Medialität. Zur Vermittlung von künstlerischen Welten und ästhetischen Theorien. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt. [McLuhan 1998a]: McLuhan, Marshall (1998). Understanding Media. The Extensions of Man. Cambridge, Mass.: MIT Press. [Mersch 2009a]: Mersch, Dieter (2009). Medientheorien zur Einführung. Hamburg: Junius. [Pietraß & Funiok 2010a]: Pietraß, Manuela & Funiok, Rüdiger (Hg.) (2010). Mensch und Medien. Philosophische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.. [Pietraß & Funiok 2010b]: Pietraß, Manuela & Funiok, Rüdiger (2010). Medialität als Ausgangspunkt für die Frage nach dem Menschsein. In: Pietraß, M. & Funiok, R. (Hg.): Mensch und Medien. Philosophische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss., S. 7-22. [Wiesing 2004a]: Wiesing, Lambert (2004). Pragmatismus und Performativität des Bildes. In: Krämer, S. (Hg.): Performativität und Medialität. München: Fink, S. 115-128. [Zahn 2011a]: Zahn, Manuel (2011). mediales denken – Von Heideggers Technikdenken zu Deleuzes Filmphilosophie. In: Pietraß, M. & Funiok, R. (Hg.): Medialität und Realität. Zur konstitutiven Kraft der Medien. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss., S. 53-66.


Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

Verantwortlich:

Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Toni Eichler [105], Joerg R.J. Schirra [26] und Tobias Schöttler [1] — (Hinweis)