Modalität: Unterschied zwischen den Versionen

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
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==Die raumzeitliche Situierung von Zeichenhandlungen und ihrer Sachbezüge==
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==Die raumzeitliche Situierung von Zeichen&shy;handlun&shy;gen und ihrer Sachbe&shy;züge==
Neben anderen hier irrelevanten Sachgebieten begegnet einem der Ausdruck ‘Modalität’ auch im Grenzgebiet von Logik und Zeichentheorie: Ist von der Modalität einer Zeichenhandlung die Rede, wird zunächst an die Qualifikation einer [[Proposition]] als ''notwendig'' oder ''möglich'' gedacht (alethische Modalität).<ref> Vgl. etwa auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Modalit%C3%A4t_%28Philosophie%29 Wikipedia: Modalität (Philosophie)].</ref>  
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Neben anderen hier irrelevanten Sachge&shy;bieten begeg&shy;net einem der Ausdruck ‘Moda&shy;lität’ auch im Grenzge&shy;biet von Logik und Zeichen&shy;theorie: Ist von der Moda&shy;lität einer [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen&shy;handlung]] die Rede, wird zunächst an die Quali&shy;fika&shy;tion einer [[Proposition|Propo&shy;sition]] als ''notwen&shy;dig'' oder ''möglich'' gedacht (ale&shy;thische Moda&shy;lität).<ref> Vgl. et&shy;wa auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Modalit%C3%A4t_%28Philosophie%29 Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Mo&shy;da&shy;li&shy;tät (Phi&shy;lo&shy;so&shy;phie)].</ref>  
 
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In einem allgemeineren Sinn wird mit dem Ausdruck darüber hinaus die ''situative'' (insbesondere raumzeitliche) Einordnung einer Zeichenhandlung insgesamt bezeichnet. Sowohl für Zeichenhandlungen mit als auch ohne [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug|Sachbezug]] ist die Situation, in der sie geäußert werden, von großer Bedeutung: Bei den Zeichenhandlungen ''ohne'' Sachbezug spielt diese Verhaltensumgebung im Grunde sogar die einzige Rolle. Bei den Zeichenhandlungen ''mit'' Sachbezug werden allerdings weitere [[Kontext]]e berücksichtigt, auf die sich die [[Proposition]] bezieht. Wenn diese zusätzlichen Situationen nicht aus der Äußerungssituation implizit ableitbar sind, müssen sie explizit angegeben werden (⊳ [[Kontextbildung]]). Im weiten Sinn meint ‘Modalität einer Zeichenhandlung’ daher das Angeben dieser zusätzlichen, in der Regel [[Absenz und Präsenz|abwesenden]] Kontexte.
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In einem allgemeineren Sinn wird mit dem Ausdruck darüber hinaus die ''situ&shy;ative'' (insbe&shy;sonde&shy;re raumzeit&shy;liche) Einord&shy;nung einer Zeichen&shy;handlung insge&shy;samt bezeich&shy;net. Sowohl für Zeichen&shy;handlun&shy;gen mit als auch ohne [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug|Sachb&shy;ezug]] ist die Situ&shy;ation, in der sie ge&shy;äußert werden, von großer Bedeu&shy;tung: Bei den Zeichen&shy;handlun&shy;gen ''ohne'' Sachbe&shy;zug spielt diese Verhal&shy;tensum&shy;gebung im Grunde sogar die einzi&shy;ge Rolle. Bei den Zeichen&shy;handlun&shy;gen ''mit'' Sachbe&shy;zug werden aller&shy;dings weite&shy;re [[Kontext|Kontex&shy;te]] berück&shy;sichtigt, auf die sich die [[Proposition|Propo&shy;sition]] bezieht. Wenn diese zusätz&shy;lichen Situ&shy;atio&shy;nen nicht aus der Äuße&shy;rungssi&shy;tuation impli&shy;zit ableit&shy;bar sind, müssen sie expli&shy;zit ange&shy;geben werden (⊳ [[Kontextbildung|Kontext&shy;bildung]]). Im weiten Sinn meint ‘Moda&shy;lität einer Zeichen&shy;handlung’ daher das Ange&shy;ben dieser zusätz&shy;lichen, in der Regel [[Absenz und Präsenz|abwe&shy;senden]] Kontex&shy;te.
  
  
==Aspekte des Kontextbezugs von Propositionen==
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==Aspekte des Kontext&shy;bezugs von Propo&shy;sitio&shy;nen==
  
Natürlich sind Aussagen, wie übrigens ja auch jeder Bildgebrauch, notwendigerweise situativ eingebunden: Die entsprechenden Zeichenhandlungen finden stets in einem bestimmten raumzeitlichen [[Kontext]] statt, auf den sie sich unter Umständen auch direkt beziehen. Doch diese Einbindung ist nicht gemeint, wenn von ‘Modalität’ die Rede ist. Gemeint ist vielmehr, dass Aussagen selbst notwendig mit einer (in der Regel anderen) Bezugssituation assoziiert sind, die mehr oder weniger frei gewählt und ausdrücklich oder implizit kommuniziert wird. Diese Situation liefert den Rahmen für das Zusammenspiel von Nomination und Prädikation.<ref>Es ist wichtig, sich den Unterschied zwischen Modalität und Indexikalität klarzumachen. Indexikalische Ausdrücke, insbesondere ‚diese/r/s’, sind normalerweise Teil einer [[Nomination]]. Dabei wird der gemeinte Gegenstand durch eine konkret ausgeführte (oder auch eine nur abstrakt vorgestellte) Zeigehandlung also durch eine Richtungsangabe insbesondere mit Finger, Hand, Arm, Kopf, Augen oder (wie etwa in Navajo) Lippen ausgewählt. Dieses [[Zeigen]] richtet sich daher bereits auf die Bezugssituation der [[Proposition]], die schon vorher, etwa durch Orts- und Zeitangaben, bereitgestellt worden sein muss. Modalität (im hier verfolgten Sinn) betrifft hingegen genau die Handlung, mit der dieser Bezugskontext zuallererst bereitgestellt wird: die [[Kontextbildung]].</ref>
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Natürlich sind Aussagen, wie übri&shy;gens ja auch jeder Bildge&shy;brauch, notwen&shy;diger&shy;weise situ&shy;ativ einge&shy;bunden: Die entspre&shy;chenden Zeichen&shy;handlun&shy;gen finden stets in einem bestimm&shy;ten raumzeit&shy;lichen [[Kontext]] statt, auf den sie sich unter Umstän&shy;den auch direkt bezie&shy;hen. Doch diese Einbin&shy;dung ist nicht gemeint, wenn von ‘Moda&shy;lität’ die Rede ist. Gemeint ist vielmehr, dass Aussa&shy;gen selbst notwen&shy;dig mit einer (in der Regel ande&shy;ren) Bezugs&shy;situa&shy;tion asso&shy;ziiert sind, die mehr oder weni&shy;ger frei gewählt und ausdrück&shy;lich oder impli&shy;zit kommu&shy;niziert wird. Diese Situ&shy;ation liefert den Rahmen für das Zusam&shy;menspiel von Nomi&shy;nation und Prädi&shy;kation.<ref>Es ist wich&shy;tig, sich den Un&shy;ter&shy;schied zwi&shy;schen Mo&shy;da&shy;li&shy;tät und In&shy;de&shy;xi&shy;ka&shy;li&shy;tät klar&shy;zu&shy;ma&shy;chen. In&shy;de&shy;xi&shy;ka&shy;li&shy;sche Aus&shy;drü&shy;cke, ins&shy;be&shy;son&shy;d&shy;ere ‘die&shy;se/r/s’, sind nor&shy;ma&shy;ler&shy;wei&shy;se Teil ei&shy;ner [[Nomination|No&shy;mi&shy;na&shy;ti&shy;on]]. Da&shy;bei wird der ge&shy;mein&shy;te Ge&shy;gen&shy;stand durch ei&shy;ne kon&shy;kret aus&shy;ge&shy;führ&shy;te (oder auch ei&shy;ne nur ab&shy;strakt vor&shy;ge&shy;stell&shy;te) Zei&shy;ge&shy;hand&shy;lung al&shy;so durch ei&shy;ne Rich&shy;tungs&shy;an&shy;ga&shy;be ins&shy;be&shy;son&shy;de&shy;re mit Fin&shy;ger, Hand, Arm, Kopf, Au&shy;gen oder (wie et&shy;wa in Na&shy;va&shy;jo) Lip&shy;pen aus&shy;ge&shy;wählt. Die&shy;ses [[Zeigen|Zei&shy;gen]] rich&shy;tet sich da&shy;her be&shy;reits auf die Be&shy;zugs&shy;si&shy;tu&shy;a&shy;ti&shy;on der [[Proposition|Pro&shy;po&shy;si&shy;ti&shy;on]], die schon vor&shy;her, et&shy;wa durch Orts- und Zeit&shy;an&shy;ga&shy;ben, be&shy;reit&shy;ge&shy;stellt wor&shy;den sein muss. Mo&shy;da&shy;li&shy;tät (im hier ver&shy;folg&shy;ten Sinn) be&shy;trifft hin&shy;ge&shy;gen ge&shy;nau die Hand&shy;lung, mit der die&shy;ser Be&shy;zugs&shy;kon&shy;text zu&shy;al&shy;ler&shy;erst be&shy;reit&shy;ge&shy;stellt wird: die [[Kontextbildung|Kon&shy;text&shy;bil&shy;dung]].</ref>
 
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Die Aufteilung der [[Pragmatik|pragmatischen]] Teilfunktionen einer [[Proposition]], die wir heute [[Prädikation]] und [[Nomination]] nennen, geht im Wesentlichen auf die Philosophie des antiken Griechenlands und insbesondere auf Aristoteles zurück. Neben jenen grundlegenden Aspekten verweist <bib id='Aristoteles 1949a'></bib> (12 squ.) auch darauf, dass eine Aussage häufig durch weitere Angaben zu Ort und Zeit oder zu Notwendigkeit und Möglichkeit ergänzt ist. Diese modalen Aspekte wurden in der formalen Logik lange als lediglich optionale Zusätze zum Kern einer Aussage (Proposition) angesehen.<ref>Entsprechend wurden reine Aussagen- und Prädikatenlogiken unabhängig von speziellen ''Modallogiken'' betrachtet (vgl. [http://de.wikipedia.org/wiki/Modallogik Wikipedia: Modallogik]). Letztere blieben dabei fast ausschließlich auf die Aspekte Notwendigkeit und Möglichkeit beschränkt. Lediglich die (später verschiedentlich aufgegriffene) „mögliche Welten“-Interpretation von Leibniz stellt zumindest eine gewisse Verbindung zwischen Notwendigkeit/Möglichkeit und der raumzeitlichen Situiertheit her, indem über die möglichen Geltungs­situationen quantifiziert wird (Notwendigkeit als Allquantifizierung, Möglichkeit als Existenzquantifizierung); vgl. etwa <bib id='Kripke 1972a'></bib> sowie [http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%B6gliche_Welt Wikipedia: Mögliche Welt]. </ref> Dabei trat im Laufe der Zeit auch eine Verkürzung von Modalität auf das Aspektpaar Notwendigkeit und Möglichkeit ein.  
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Die Aufteilung der [[Pragmatik|pragma&shy;tischen]] Teilfunk&shy;tionen einer [[Proposition|Propo&shy;sition]], die wir heute [[Prädikation|Prädi&shy;kation]] und [[Nomination|Nomi&shy;nation]] nennen, geht im Wesent&shy;lichen auf die Philo&shy;sophie des anti&shy;ken Griechen&shy;lands und insbe&shy;sonde&shy;re auf Aris&shy;tote&shy;les zurück. Neben jenen grundle&shy;genden Aspek&shy;ten verweist <bib id='Aristoteles 1949a'>Aris&shy;tote&shy;les 1949a</bib> (12 squ.) auch darauf, dass eine Aussa&shy;ge häufig durch weite&shy;re Anga&shy;ben zu Ort und Zeit oder zu Notwen&shy;digkeit und Möglich&shy;keit ergänzt ist. Diese moda&shy;len Aspek&shy;te wurden in der forma&shy;len Logik lange als ledig&shy;lich optio&shy;nale Zusät&shy;ze zum Kern einer Aussa&shy;ge (Propo&shy;sition) ange&shy;sehen.<ref>Ent&shy;spre&shy;chend wur&shy;den rei&shy;ne Aus&shy;sa&shy;gen- und Prä&shy;di&shy;ka&shy;ten&shy;lo&shy;gi&shy;ken un&shy;ab&shy;hän&shy;gig von spe&shy;zi&shy;el&shy;len ''Mo&shy;dal&shy;lo&shy;gi&shy;ken'' be&shy;trach&shy;tet (vgl. [http://de.wikipedia.org/wiki/Modallogik Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Mo&shy;dal&shy;lo&shy;gik]). Letz&shy;te&shy;re blie&shy;ben da&shy;bei fast aus&shy;schließ&shy;lich auf die As&shy;pek&shy;te Not&shy;wen&shy;dig&shy;keit und Mög&shy;lic&shy;hkeit be&shy;schränkt. Le&shy;dig&shy;lich die (spä&shy;ter ver&shy;schie&shy;dent&shy;lich auf&shy;ge&shy;grif&shy;fe&shy;ne) „mög&shy;li&shy;che Wel&shy;ten“-In&shy;ter&shy;pre&shy;ta&shy;ti&shy;on von Leib&shy;niz stellt zu&shy;min&shy;dest ei&shy;ne ge&shy;wis&shy;se Ver&shy;bin&shy;dung zwi&shy;schen Not&shy;wen&shy;dig&shy;keit/Mög&shy;lich&shy;keit und der raum&shy;zeit&shy;li&shy;chen Si&shy;tu&shy;iert&shy;heit her, in&shy;dem über die mög&shy;li&shy;chen Gel&shy;tungs&shy;­si&shy;tu&shy;a&shy;ti&shy;o&shy;nen quan&shy;ti&shy;fi&shy;ziert wird (Not&shy;wen&shy;dig&shy;keit als All&shy;quan&shy;ti&shy;fi&shy;zie&shy;rung, Mög&shy;lich&shy;keit als Exis&shy;tenz&shy;quan&shy;ti&shy;fi&shy;zie&shy;rung); vgl. etwa <bib id='Kripke 1972a'>Krip&shy;ke 1972a</bib> so&shy;wie [http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%B6gliche_Welt Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Mög&shy;li&shy;che Welt]. </ref> Dabei trat im Laufe der Zeit auch eine Verkür&shy;zung von Moda&shy;lität auf das Aspekt&shy;paar Notwen&shy;digkeit und Möglich&shy;keit ein.  
 
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Doch führen die Analysen der modernen Sprachphilosophie dazu, Modalität im weiten Sinn als eine wesentliche Komponente von Propositionen zu konzipieren, ohne die die Funktionen von Nomination und Prädikation gar nicht sinnvoll eingeführt werden können (s. etwa <bib id='Tugendhat 1976a'></bib>). Abgesehen davon, dass Aussagen in natürlicher Sprache in der Regel schon grammatisch (über Tempusmarker) zumindest zeitlich gegenüber der Äußerungssituation positioniert werden, wäre es auch logisch unmöglich, die Nominationen mit Kennzeichnungen oder deiktischen Partikeln unabhängig von einem wenigstens implizit gegebenen Kontextbezug durchzuführen: Ob der König von Frankreich tatsächlich kahl ist, wie mit einem oft verwendeten Beispielsatz behauptet wird, hängt natürlich davon ab, von welchem Zeitpunkt bzw. allgemeiner von welchem situativen Kontext dabei die Rede sein soll. Auch Eigennamen helfen offensichtlich nicht, denn ob Mathilde Französin ist oder nicht hängt wieder davon ab, auf welchen Zusammenhang mit jemandem namens Mathilde durch die entsprechende Kombination von [[Nomination]] (‘Mathilde’) und [[Prädikation]] (‘ist Französin’) Bezug genommen wird, kurz: von der (im weiten Sinn verstandenen) Modalität der Aussage.
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Doch führen die Analysen der moder&shy;nen Sprachphi&shy;loso&shy;phie dazu, Moda&shy;lität im weiten Sinn als eine wesent&shy;liche Kompo&shy;nente von Propo&shy;sitio&shy;nen zu konzi&shy;pieren, ohne die die Funkti&shy;onen von Nomi&shy;nation und Prädi&shy;kation gar nicht sinnvoll einge&shy;führt werden können (s. etwa <bib id='Tugendhat 1976a'>Tugend&shy;hat 1976a</bib>). Abge&shy;sehen davon, dass Aussa&shy;gen in natür&shy;licher Sprache in der Regel schon gramma&shy;tisch (über Tempus&shy;marker) zumin&shy;dest zeitlich gegen&shy;über der Äuße&shy;rungssi&shy;tuati&shy;on posi&shy;tioniert werden, wäre es auch logisch unmög&shy;lich, die Nomi&shy;natio&shy;nen mit Kennzeich&shy;nungen oder deikti&shy;schen Parti&shy;keln unab&shy;hängig von einem wenig&shy;stens impli&shy;zit gege&shy;benen Kontext&shy;bezug durchzu&shy;führen: Ob der König von Frankreich tatsäch&shy;lich kahl ist, wie mit einem oft verwen&shy;deten Beispiel&shy;satz behaup&shy;tet wird, hängt natür&shy;lich davon ab, von welchem Zeitpunkt bzw. allge&shy;meiner von welchem situ&shy;ativen Kontext dabei die Rede sein soll. Auch Eigen&shy;namen helfen offen&shy;sichtlich nicht, denn ob Mathil&shy;de Franzö&shy;sin ist oder nicht hängt wieder davon ab, auf welchen Zusam&shy;menhang mit jeman&shy;dem namens Mathil&shy;de durch die entspre&shy;chende Kombi&shy;nation von [[Nomination|Nomi&shy;nation]] (‘Mathil&shy;de’) und [[Prädikation|Prädi&shy;kation]] (‘ist Franzö&shy;sin’) Bezug genom&shy;men wird, kurz: von der (im weiten Sinn verstan&shy;denen) Moda&shy;lität der Aussa&shy;ge.
 
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Die Wahrheit einer Proposition kann offensichtlich nur relativ zu dem gemeinten Kontext angegeben werden. Bei einer ''singulären konkreten'' Proposition ergibt sich Wahrheit (und Falschheit) aus dem Verhältnis zwischen dem behauptetem Sachverhalt und den Tatsachen in dem gemeinten Kontext. Dabei muss unterschieden werden, ob es möglich ist, die Geltung des behaupteten Sachverhalts in dem Kontext ''empirisch'' zu überprüfen, oder ob direkter Zugang zu dem Kontext nicht möglich ist und daher nur ein ''logischer'' Abgleich mit dem Vorwissen gelingt.<ref> Siehe hierzu [[Exkurse:Verifikationsverfahren]].</ref>
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Die Wahrheit einer Propo&shy;sition kann offen&shy;sichtlich nur rela&shy;tiv zu dem gemein&shy;ten Kontext ange&shy;geben werden. Bei einer ''singu&shy;lären konkre&shy;ten'' Propo&shy;sition ergibt sich Wahrheit (und Falschheit) aus dem Verhält&shy;nis zwischen dem behaup&shy;teten Sachver&shy;halt und den Tatsa&shy;chen in dem gemein&shy;ten Kontext. Dabei muss unter&shy;schieden werden, ob es möglich ist, die Geltung des behaup&shy;teten Sachver&shy;halts in dem Kontext ''empi&shy;risch'' zu über&shy;prüfen, oder ob direk&shy;ter Zugang zu dem Kontext nicht möglich ist und daher nur ein ''logi&shy;scher'' Abgleich mit dem Vorwis&shy;sen gelingt.<ref> Sie&shy;he hier&shy;zu [[Exkurs:Verifikationsverfahren|Ex&shy;kurs: Ve&shy;ri&shy;fi&shy;ka&shy;ti&shy;ons&shy;ver&shy;fah&shy;ren]].</ref>
 
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Der Zusammenhang zwischen Notwendigkeit und Möglichkeit einer Proposition einerseits und dem Kontextbezug der Proposition andererseits wird besonders sinnfällig in der Interpretation von Leibniz (<bib id='Leibniz 1710a'></bib>): Eine Proposition ist notwendig, wenn sie in ''allen'' möglichen Kontexten gilt. Sie ist möglich, wenn es ''mindestens eine'' Situation gibt, in der sie gilt. Modalität im engeren Sinn ist also verständlich zu machen als Quantifikation<ref>Vgl. auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4dikatenlogik#Quantoren Wikipedia: Quantoren].</ref> über die Kontexte, in denen mit der Proposition ein Sachverhalt behauptet wird.
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Der Zusammenhang zwischen Notwen&shy;digkeit und Möglich&shy;keit einer Propo&shy;sition einer&shy;seits und dem Kontext&shy;bezug der Propo&shy;sition ande&shy;rerseits wird beson&shy;ders sinnfäl&shy;lig in der Inter&shy;preta&shy;tion von Leibniz (<bib id='Leibniz 1710a'></bib>): Eine Propo&shy;sition ist notwen&shy;dig, wenn sie in ''allen'' mögli&shy;chen Kontex&shy;ten gilt. Sie ist möglich, wenn es ''mindes&shy;tens eine'' Situ&shy;ation gibt, in der sie gilt. Moda&shy;lität im enge&shy;ren Sinn ist also verständ&shy;lich zu machen als Quanti&shy;fika&shy;tion<ref>Vgl. auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4dikatenlogik#Quantoren Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Quan&shy;to&shy;ren].</ref> über die Kontex&shy;te, in denen mit der Propo&shy;sition ein Sachver&shy;halt behaup&shy;tet wird.
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==Modalität der Bildverwendung==
 
  
===Sind Bilder Zeichenhandlungen ohne Kontextbildung?===
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==Modalität der Bildver&shy;wendung==
  
Eng verbunden mit dem Problem, ob Bildverwendungen als Zeichengebräuche in der Regel über [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug|Sachbezüge]] verfügen, stellt sich die Frage, ob bei Bildverwendungen wie bei Aussagen modale Aspekte auftreten. Anders gefragt: Setzt jeder Bildgebrauch einen Akt der Kontextbildung voraus, durch den der Kontext mitgeteilt wird, auf den sich ein bildlicher Sachbezug richten sollte?  
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===Sind Bilder Zeichen&shy;handlun&shy;gen ohne Kontext&shy;bildung?===
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Eng verbunden mit dem Problem, ob Bildver&shy;wendun&shy;gen als Zeichen&shy;gebräu&shy;che in der Regel über [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug|Sachbe&shy;züge]] verfü&shy;gen, stellt sich die Frage, ob bei Bildver&shy;wendun&shy;gen wie bei Aussa&shy;gen moda&shy;le Aspek&shy;te auftre&shy;ten. Anders gefragt: Setzt jeder Bildge&shy;brauch einen Akt der Kontex&shy;tbildung voraus, durch den der Kontext mitge&shy;teilt wird, auf den sich ein bildli&shy;cher Sachbe&shy;zug richten sollte?  
 
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[[Datei:Fahndungsphoto.jpg|thumb|Abb. 1: Ein Fahndungsphoto]]
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[[Datei:Fahndungsphoto.jpg|thumb|Ab&shy;bil&shy;dung 1: Ein Fahn&shy;dungs&shy;pho&shy;to]]
  
Das ist zwar offensichtlich möglich – man denke etwa an ein Bild mit einem Titel, der aus einer Orts- und Zeitangabe besteht<ref>Auch beim Einblenden von Datum und Uhrzeit in die Aufnahme, wie es bei neueren Photoapparaten möglich ist, handelt es sich um eine entsprechende (partielle) Kontextspezifizierung.</ref> –, nicht aber notwendig der Fall: Bei einem Fahndungsphoto etwa geht es gemeinhin nicht darum, auf nicht-bildliche Weise auf einen bestimmten Kontext zu verweisen, in dem dann gelten soll, dass dort der gesuchte Mensch so posiert und so ausgesehen hat. Dass das Photo bei einer ganz bestimmten Gelegenheit entstanden ist, ist für die Verwendung als Fahndungsphoto weitgehend irrelevant (Abb. 1).
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Das ist zwar of&shy;fen&shy;sicht&shy;lich mög&shy;lich – man den&shy;ke et&shy;wa an ein Bild mit ei&shy;nem Ti&shy;tel, der aus ei&shy;ner Orts- und Zeit&shy;an&shy;ga&shy;be be&shy;steht<ref>Auch beim Ein&shy;blen&shy;den von Da&shy;tum und Uhr&shy;zeit in die Auf&shy;nah&shy;me, wie es bei neu&shy;e&shy;ren Pho&shy;to&shy;ap&shy;pa&shy;ra&shy;ten mög&shy;lich ist, han&shy;delt es sich um ei&shy;ne ent&shy;spre&shy;chen&shy;de (par&shy;tiel&shy;le) Kon&shy;text&shy;spe&shy;zi&shy;fi&shy;zie&shy;rung.</ref> –, nicht aber not&shy;wen&shy;dig der Fall: Bei ei&shy;nem Fahn&shy;dungs&shy;pho&shy;to et&shy;wa geht es ge&shy;mein&shy;hin nicht da&shy;rum, auf nicht-bild&shy;li&shy;che Wei&shy;se auf ei&shy;nen be&shy;stimm&shy;ten Kon&shy;text zu ver&shy;wei&shy;sen, in dem dann gel&shy;ten soll, dass dort der ge&shy;such&shy;te Mensch so po&shy;siert und so aus&shy;ge&shy;se&shy;hen hat. Dass das Pho&shy;to bei ei&shy;ner ganz be&shy;stimm&shy;ten Ge&shy;le&shy;gen&shy;heit ent&shy;stan&shy;den ist ist für die Ver&shy;wen&shy;dung als Fahn&shy;dungs&shy;pho&shy;to weit&shy;ge&shy;hend ir&shy;re&shy;le&shy;vant (Abb. 1). Vielmehr scheint die Bildver&shy;wendung selbst den entsprechenden Kontext zu eröf&shy;fnen.
Vielmehr scheint die Bildverwendung selbst den entsprechenden Kontext zu eröffnen.
 
  
===Die modale Theorie der Bildverwendung===
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===Die modale Theorie der Bildver&shy;wendung===
  
Offenbar stellt der nicht-reflexive Gebrauch eines darstellenden Bildes selbst ebenfalls einen zusätzlichen situativen Kontext zur Verfügung, der als Ausgangspunkt für Nominationen und Prädikationen dienen kann und in aller Regel auch dient (<bib id='Schirra 1995a'></bib>). Der Gebrauch des Bildes liefert den Kommunikationspartnern jedenfalls genau den Kontext, der für die Aussagen über den Bildinhalt (d.h. das Abgebildete) benötigt wird. [[Kontextbildung]] wäre demnach die primäre Funktion jener Bildverwendungen (<bib id='Schirra 2001a'></bib>). Ähnlich wie die Erwähnung eines Romans den Gesprächspartnern einen ganz bestimmten (fiktiven) Kontext für die anschließenden Nominationen und Prädikationen über die Romanhandlung und deren Protagonisten eröffnet, versucht jemand durch die Präsentation eines Bildes, die Aufmerksamkeit des Gegenübers (oder seine eigene in der Rolle eines vorgestellten Gegenübers) auf eine reale oder fiktive Wahrnehmungssituation zu richten, die in den meisten Fällen nicht mit der tatsächlichen Situation der Zeichenhandlung übereinstimmt. Die Kontextbildung mit Hilfe von Bildern bietet dabei zumindest innerhalb gewisser Grenzen (etwa der Sinnesmodalität) durchaus auch die Möglichkeit, die entsprechenden Nominationen und ihr Zusammenspiel mit der erwähnten Prädikation unmittelbar auf Wahrnehmung gestützt – also wie im aktuellen Äußerungskontext – zu verankern.  
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Offenbar stellt der nicht-refle&shy;xive Gebrauch eines darstel&shy;lenden Bildes selbst eben&shy;falls einen zusätz&shy;lichen situ&shy;ati&shy;ven Kontext zur Verfü&shy;gung, der als Ausgangs&shy;punkt für Nomi&shy;natio&shy;nen und Prädi&shy;katio&shy;nen dienen kann und in aller Regel auch dient (<bib id='Schirra 1995a'></bib>). Der Gebrauch des Bildes liefert den Kommu&shy;nika&shy;tionspart&shy;nern jeden&shy;falls genau den Kontext, der für die Aussa&shy;gen über den Bildin&shy;halt (d.h. das Abge&shy;bilde&shy;te) benö&shy;tigt wird. [[Kontextbildung|Kontext&shy;bildung]] wäre demnach die primä&shy;re Funktion jener Bildver&shy;wendun&shy;gen (<bib id='Schirra 2001a'></bib>). Ähnlich wie die Erwäh&shy;nung eines Romans den Gesprächs&shy;partnern einen ganz bestimm&shy;ten (fikti&shy;ven) Kontext für die an&shy;schließen&shy;den Nomi&shy;nati&shy;onen und Prädi&shy;kati&shy;onen über die Roman&shy;handlung und deren Prota&shy;gonis&shy;ten eröff&shy;net, versucht jemand durch die Präsen&shy;tation eines Bildes, die Aufmerk&shy;samkeit des Gegen&shy;übers (oder seine eige&shy;ne in der Rolle eines vorge&shy;stellten Gegen&shy;übers) auf eine reale oder fikti&shy;ve Wahrneh&shy;mungssi&shy;tuation zu richten, die in den meisten Fällen nicht mit der tatsäch&shy;lichen Situ&shy;ation der Zeichen&shy;handlung über&shy;einstimmt. Die Kontext&shy;bildung mit Hilfe von Bildern bietet dabei zumin&shy;dest inner&shy;halb gewis&shy;ser Grenzen (etwa der Sinnes&shy;moda&shy;lität) durchaus auch die Möglich&shy;keit, die entspre&shy;chenden Nomi&shy;natio&shy;nen und ihr Zusam&shy;menspiel mit der erwähn&shy;ten Prädi&shy;kation unmit&shy;telbar auf Wahrneh&shy;mung gestützt – also wie im aktu&shy;ellen Äuße&shy;rungskon&shy;text – zu veran&shy;kern.  
 
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Dass in der Tat jeder andere Gebrauch eines Gegenstandes als Bild auf der Verwendung zur Kontextbildung beruht liegt nahe: Denn es ist stets zunächst das scheinbare sinnliche Vergegenwärtigen einer meist nicht zugleich anwesenden Situation, das speziellere Bildgebräuche überhaupt erst möglich macht. Das Primat der Kontextbildung bei der Bildhandlung gemäß der modalen Bildtheorie gilt auch für [[Strukturbild]]er, wenn davon ausgegangen wird, dass zusätzlich eine [[sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|metaphorische Übertragung]] räumlich-visuell darstellbarer Entitäten auf die an sich nicht-visuell wahrnehmbaren Aspekte des dargestellten Sujets im Spiel ist: Wieder werden die räumlich-visuellen Stellvertreter in einem durch die Bildverwendung zuallererst eröffneten Kontext – dem ''Bildraum'' – präsentiert und damit unter anderem für weitere Zeichenhandlungen mit entsprechendem Sachbezug, der dabei teilweise empirisch verifiziert werden kann, zur Verfügung gestellt.
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Dass in der Tat jeder andere Gebrauch eines Gegen&shy;standes als Bild auf der Verwen&shy;dung zur Kontext&shy;bildung beruht liegt nahe: Denn es ist stets zunächst das scheinba&shy;re sinnli&shy;che Verge&shy;genwär&shy;tigen einer meist nicht zugleich anwe&shy;senden Situ&shy;ation, das spezi&shy;ellere Bildge&shy;bräuche über&shy;haupt erst möglich macht. Das Primat der Kontext&shy;bildung bei der Bildhand&shy;lung gemäß der moda&shy;len Bildthe&shy;orie gilt auch für [[Strukturbild|Struktur&shy;bilder]], wenn davon ausge&shy;gangen wird, dass zusätz&shy;lich eine [[sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|meta&shy;phori&shy;sche Über&shy;tragung]] räumlich-visu&shy;ell darstell&shy;barer Enti&shy;täten auf die an sich nicht-visu&shy;ell wahrnehm&shy;baren Aspek&shy;te des darge&shy;stellten Sujets im Spiel ist: Wieder werden die räumlich-visu&shy;ellen Stellver&shy;treter in einem durch die Bildver&shy;wendung zual&shy;lererst eröff&shy;neten Kontext – dem ''Bildraum'' – präsen&shy;tiert und damit unter ande&shy;rem für weite&shy;re Zeichen&shy;handlun&shy;gen mit entspre&shy;chendem Sachbe&shy;zug, der dabei teilwei&shy;se empi&shy;risch veri&shy;fiziert werden kann, zur Verfü&shy;gung gestellt.
 
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Für die modale Theorie ist es die grundlegende Aufgabe einer Bildverwendung, den [[Theorien des Bildraums|Bildraum]] als eine neben die Äußerungssituation tretende weitere gemeinsame Wahrnehmungs- und Handlungssituation zu öffnen.<ref>Dabei kann der Bildraum auch metaphorisch für nichträumliche bzw. nichtvisuelle Bereiche stehen, wie im Fall der Strukturbilder; oder ein Bild erhält in [[Bild in reflexiver Verwendung|reflexiver Verwendung]] gerade durch das Verweigern eines Bildraumes seine kommunikative Funktion höherer Ordnung (⊳ [[Semantik ungegenständlicher Bilder|ungegenständliche Bilder]]).</ref> Erst wenn die von der Prädikationstheorie fokussierten Prädikationen auf diesen abgetrennten Kontext bezogen werden, sind sie in die Verwendung eines Gegenstands als Bild einbezogen. Denn das Charakteristische der Bildverwendung ist weniger, dass damit etwas zu sehen gegeben wird, als vielmehr, dass damit etwas zu sehen gegeben wird, was als ''an ganz anderer Stelle oder Zeit gesehen'' gelten soll.
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Für die modale Theorie ist es die grundle&shy;gende Aufga&shy;be einer Bildver&shy;wendung, den [[Theorien des Bildraums|Bildraum]] als eine neben die Äuße&shy;rungssi&shy;tuation treten&shy;de weite&shy;re gemein&shy;same Wahrneh&shy;mungs- und Handlungs&shy;situ&shy;ation zu öffnen.<ref>Da&shy;bei kann der Bild&shy;raum auch me&shy;ta&shy;pho&shy;risch für nicht&shy;räum&shy;li&shy;che bzw. nicht&shy;vi&shy;su&shy;el&shy;le Be&shy;rei&shy;che ste&shy;hen, wie im Fall der Struk&shy;tur&shy;bil&shy;der; oder ein Bild erhält in [[Bild in reflexiver Verwendung|re&shy;fle&shy;xi&shy;ver Ver&shy;wen&shy;dung]] ge&shy;ra&shy;de durch das Ver&shy;wei&shy;gern ei&shy;nes Bild&shy;rau&shy;mes sei&shy;ne kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;ti&shy;ve Funk&shy;ti&shy;on hö&shy;he&shy;rer Ord&shy;nung (⊳ [[Semantik ungegenständlicher Bilder|un&shy;ge&shy;gen&shy;ständ&shy;li&shy;che Bil&shy;der]]).</ref> Erst wenn die von der Prädi&shy;kations&shy;theorie fokus&shy;sierten Prädi&shy;kati&shy;onen auf diesen abge&shy;trennten Kontext bezo&shy;gen werden, sind sie in die Verwen&shy;dung eines Gegen&shy;stands als Bild einbe&shy;zogen. Denn das Charak&shy;teris&shy;tische der Bildver&shy;wendung ist weni&shy;ger, dass damit etwas zu sehen gege&shy;ben wird, als vielmehr, dass damit etwas zu sehen gege&shy;ben wird, was als ''an ganz ande&shy;rer Stelle oder Zeit gese&shy;hen'' gelten soll.
 
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Entsprechend kann man sich bei der Verwendung eines Fahndungsphotos zusammen mit den Worten ‘Haben Sie eine Person gesehen, die aussieht wie diese Person da’ durchaus vorstellen, dass eine konkrete Zeigegeste die verwendeten deiktischen Ausdrücke (‘diese ... da’) unterstützt. Aber auf welche Person sollte dabei denn gezeigt werden, ist an der Stelle ›da‹ im aktuellen Verhaltenskontext der Kommunikations­partner doch tatsächlich nur ein Stück bedrucktes Papier? Die Person ist natürlich “im” Bild, das heißt: zu sehen in dem mithilfe des Bildes vergegenwärtigten situativen Kontext. Auch beim Einsatz als Passbild evoziert das Vorzeigen des Bildträgers zunächst einen anderen Kontext. In diesem Fall erlaubt es dieser Kontext (im Prinzip), eine andere, raumzeitlich meist weit entfernte Erscheinung der anwesenden und zu identifizierenden Person als Referenz für eine visuelle Identitätsprüfung zu nutzen.<ref>Natürlich kann diese visuelle Identitätsprüfung nur funktionieren, weil entsprechende soziale Institutionen wenigstens im Prinzip sicherstellen, dass der gezeigte Kontext tatsächlich den Abgebildeten zu einem früheren Zeitpunkt enthält, also nicht fiktiv ist.</ref>
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Entsprechend kann man sich bei der Verwen&shy;dung eines Fahndungs&shy;photos zusam&shy;men mit den Worten ‘Haben Sie eine Person gese&shy;hen, die aussieht wie diese Person da’ durchaus vorstel&shy;len, dass eine konkre&shy;te Zeige&shy;geste die verwen&shy;deten deikti&shy;schen Aus&shy;drücke (‘diese ... da’) unter&shy;stützt. Aber auf welche Person sollte dabei denn gezeigt werden, ist an der Stelle ›da‹ im aktu&shy;ellen Verhal&shy;tenskon&shy;text der Kommu&shy;nika&shy;tions­part&shy;ner doch tatsäch&shy;lich nur ein Stück bedruck&shy;tes Papier? Die Person ist natür&shy;lich “im” Bild, das heißt: zu sehen in dem mithil&shy;fe des Bildes verge&shy;genwär&shy;tigten situ&shy;ati&shy;ven Kontext. Auch beim Einsatz als Passbild evo&shy;ziert das Vorzei&shy;gen des Bildträ&shy;gers zunächst einen ande&shy;ren Kontext. In diesem Fall erlaubt es dieser Kontext (im Prinzip), eine ande&shy;re, raumzeit&shy;lich meist weit entfern&shy;te Erschei&shy;nung der anwe&shy;senden und zu iden&shy;tifi&shy;zieren&shy;den Person als Refe&shy;renz für eine visu&shy;elle Iden&shy;titäts&shy;prüfung zu nutzen.<ref>Na&shy;tür&shy;lich kann die&shy;se vi&shy;su&shy;el&shy;le Iden&shy;ti&shy;täts&shy;prü&shy;fung nur funk&shy;ti&shy;o&shy;nie&shy;ren, weil ent&shy;spre&shy;chen&shy;de so&shy;zi&shy;a&shy;le In&shy;sti&shy;tu&shy;ti&shy;o&shy;nen we&shy;nigs&shy;tens im Prin&shy;zip si&shy;cher&shy;stel&shy;len, dass der ge&shy;zeig&shy;te Kon&shy;text tat&shy;säch&shy;lich den Ab&shy;ge&shy;bil&shy;de&shy;ten zu ei&shy;nem frü&shy;he&shy;ren Zeit&shy;punkt ent&shy;hält, al&shy;so nicht fik&shy;tiv ist.</ref>
  
===Sachbezüge bei Bildverwendungen===
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===Sachbezüge bei Bildver&shy;wendun&shy;gen===
  
Aus der modalen Theorie der Bildverwendung folgt nun allerdings, dass eine Bildhandung selbst keinen Sachbezug im gleichen Sinn, wie eine Aussage, haben kann. Denn der Sachbezug der Propositionen richtet sich stets auf die Sachverhalte in einem (vor-)gegebenen Kontext. Mit Bildern wird gemäß der modalen Theorie hingegen ein Kontext überhaupt eröffnet, auf den sich die Sachbezüge weiterer Zeichenhandlungen beziehen können. Vom Sachbezug einer Bildverwendung kann daher nur in einem abgeleiteten Sinn die Rede sein: Insofern sich über dem durch das Bild gegebenen Kontext und einem anderweitig (etwa durch einen Text oder durch direkte Wahrnehmung) gegebenen Kontext die gleiche Menge an wahren Propositionen bilden lässt. Da die Mächtigkeit dieser Menge aber notwendig unendlich groß ist – jeder Kontext kann durch unbeschränkt viele Propositionen beschrieben werden (⊳ [[Ekphrasis]]) – ist dieser abgeleitete Sachbezug im Gegensatz zu dem Sachbezug der Aussagen nicht auf endliche Weise verifizierbar. Bei Bildern sollte entsprechend nicht ohne Weiteres von Wahrheit geredet werden.  
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Aus der modalen Theorie der Bildver&shy;wendung folgt nun aller&shy;dings, dass eine Bildhand&shy;lung selbst keinen Sachbe&shy;zug im gleichen Sinn haben kann, wie eine Aussa&shy;ge. Denn der Sachbe&shy;zug der Propo&shy;sitio&shy;nen richtet sich stets auf die Sachver&shy;halte in einem (vor-)gege&shy;benen Kontext. Mit Bildern wird gemäß der moda&shy;len Theorie hinge&shy;gen ein Kontext über&shy;haupt eröff&shy;net, auf den sich die Sachbe&shy;züge weite&shy;rer Zeichen&shy;handlun&shy;gen bezie&shy;hen können. Vom Sachbe&shy;zug einer Bildver&shy;wendung kann daher nur in einem abge&shy;leite&shy;ten Sinn die Rede sein: Inso&shy;fern sich über dem durch das Bild gege&shy;benen Kontext und einem ander&shy;weitig (etwa durch einen Text oder durch direk&shy;te Wahrneh&shy;mung) gege&shy;benen Kontext die gleiche Menge an wahren Propo&shy;sitio&shy;nen bilden lässt. Da die Mächtig&shy;keit dieser Menge aber notwen&shy;dig unend&shy;lich groß ist – jeder Kontext kann durch unbe&shy;schränkt viele Propo&shy;sitionen beschrie&shy;ben werden (⊳ [[Ekphrasis|Ekphra&shy;sis]]) – ist dieser abge&shy;leite&shy;te Sachbe&shy;zug im Gegen&shy;satz zu dem Sachbe&shy;zug der Aussa&shy;gen nicht auf endli&shy;che Weise veri&shy;fizier&shy;bar. Bei Bildern sollte entspre&shy;chend nicht ohne Weite&shy;res von Wahrheit gere&shy;det werden.
  
  
==Referenz und Situiertheit bei Medien==
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==Referenz und Situiert&shy;heit bei Medien==
  
Der Begriff der [[Bedeutung und Referenz|Referenz]] eines Zeichens hängt direkt von der jeweils gemeinten Bezugssituation ab. Der Situationsbezug von Kommunikationshandlungen kann zudem dazu benutzt werden, [[Typologien der Medien]] zu bilden.
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Der Begriff der [[Bedeutung und Referenz|Refe&shy;renz]] eines Zeichens hängt direkt von der jeweils gemein&shy;ten Bezugs&shy;situ&shy;ation ab. Der Situ&shy;ations&shy;bezug von Kommu&shy;nika&shy;tionshand&shy;lungen kann zudem dazu benutzt werden, [[Typologien der Medien|Typo&shy;logien der Medien]] zu bilden.
  
 
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Aktuelle Version vom 15. Dezember 2019, 17:01 Uhr

Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht


Die raumzeitliche Situierung von Zeichen­handlun­gen und ihrer Sachbe­züge

Neben anderen hier irrelevanten Sachge­bieten begeg­net einem der Ausdruck ‘Moda­lität’ auch im Grenzge­biet von Logik und Zeichen­theorie: Ist von der Moda­lität einer Zeichen­handlung die Rede, wird zunächst an die Quali­fika­tion einer Propo­sition als notwen­dig oder möglich gedacht (ale­thische Moda­lität).[1]

In einem allgemeineren Sinn wird mit dem Ausdruck darüber hinaus die situ­ative (insbe­sonde­re raumzeit­liche) Einord­nung einer Zeichen­handlung insge­samt bezeich­net. Sowohl für Zeichen­handlun­gen mit als auch ohne Sachb­ezug ist die Situ­ation, in der sie ge­äußert werden, von großer Bedeu­tung: Bei den Zeichen­handlun­gen ohne Sachbe­zug spielt diese Verhal­tensum­gebung im Grunde sogar die einzi­ge Rolle. Bei den Zeichen­handlun­gen mit Sachbe­zug werden aller­dings weite­re Kontex­te berück­sichtigt, auf die sich die Propo­sition bezieht. Wenn diese zusätz­lichen Situ­atio­nen nicht aus der Äuße­rungssi­tuation impli­zit ableit­bar sind, müssen sie expli­zit ange­geben werden (⊳ Kontext­bildung). Im weiten Sinn meint ‘Moda­lität einer Zeichen­handlung’ daher das Ange­ben dieser zusätz­lichen, in der Regel abwe­senden Kontex­te.


Aspekte des Kontext­bezugs von Propo­sitio­nen

Natürlich sind Aussagen, wie übri­gens ja auch jeder Bildge­brauch, notwen­diger­weise situ­ativ einge­bunden: Die entspre­chenden Zeichen­handlun­gen finden stets in einem bestimm­ten raumzeit­lichen Kontext statt, auf den sie sich unter Umstän­den auch direkt bezie­hen. Doch diese Einbin­dung ist nicht gemeint, wenn von ‘Moda­lität’ die Rede ist. Gemeint ist vielmehr, dass Aussa­gen selbst notwen­dig mit einer (in der Regel ande­ren) Bezugs­situa­tion asso­ziiert sind, die mehr oder weni­ger frei gewählt und ausdrück­lich oder impli­zit kommu­niziert wird. Diese Situ­ation liefert den Rahmen für das Zusam­menspiel von Nomi­nation und Prädi­kation.[2]

Die Aufteilung der pragma­tischen Teilfunk­tionen einer Propo­sition, die wir heute Prädi­kation und Nomi­nation nennen, geht im Wesent­lichen auf die Philo­sophie des anti­ken Griechen­lands und insbe­sonde­re auf Aris­tote­les zurück. Neben jenen grundle­genden Aspek­ten verweist [Aris­tote­les 1949a]Aris­tote­les (1949).
De inter­preta­tione.
In Aris­tote­lis cate­goriae et liber de inter­preta­tione, 47-72.

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(12 squ.) auch darauf, dass eine Aussa­ge häufig durch weite­re Anga­ben zu Ort und Zeit oder zu Notwen­digkeit und Möglich­keit ergänzt ist. Diese moda­len Aspek­te wurden in der forma­len Logik lange als ledig­lich optio­nale Zusät­ze zum Kern einer Aussa­ge (Propo­sition) ange­sehen.[3] Dabei trat im Laufe der Zeit auch eine Verkür­zung von Moda­lität auf das Aspekt­paar Notwen­digkeit und Möglich­keit ein.
Doch führen die Analysen der moder­nen Sprachphi­loso­phie dazu, Moda­lität im weiten Sinn als eine wesent­liche Kompo­nente von Propo­sitio­nen zu konzi­pieren, ohne die die Funkti­onen von Nomi­nation und Prädi­kation gar nicht sinnvoll einge­führt werden können (s. etwa [Tugend­hat 1976a]Tugend­hat, Ernst (1976).
Vorle­sungen zur Einfüh­rung in die sprach­ana­lyti­sche Philo­sophie. Frank­furt/M.: Suhr­kamp.

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). Abge­sehen davon, dass Aussa­gen in natür­licher Sprache in der Regel schon gramma­tisch (über Tempus­marker) zumin­dest zeitlich gegen­über der Äuße­rungssi­tuati­on posi­tioniert werden, wäre es auch logisch unmög­lich, die Nomi­natio­nen mit Kennzeich­nungen oder deikti­schen Parti­keln unab­hängig von einem wenig­stens impli­zit gege­benen Kontext­bezug durchzu­führen: Ob der König von Frankreich tatsäch­lich kahl ist, wie mit einem oft verwen­deten Beispiel­satz behaup­tet wird, hängt natür­lich davon ab, von welchem Zeitpunkt bzw. allge­meiner von welchem situ­ativen Kontext dabei die Rede sein soll. Auch Eigen­namen helfen offen­sichtlich nicht, denn ob Mathil­de Franzö­sin ist oder nicht hängt wieder davon ab, auf welchen Zusam­menhang mit jeman­dem namens Mathil­de durch die entspre­chende Kombi­nation von Nomi­nation (‘Mathil­de’) und Prädi­kation (‘ist Franzö­sin’) Bezug genom­men wird, kurz: von der (im weiten Sinn verstan­denen) Moda­lität der Aussa­ge.

Die Wahrheit einer Propo­sition kann offen­sichtlich nur rela­tiv zu dem gemein­ten Kontext ange­geben werden. Bei einer singu­lären konkre­ten Propo­sition ergibt sich Wahrheit (und Falschheit) aus dem Verhält­nis zwischen dem behaup­teten Sachver­halt und den Tatsa­chen in dem gemein­ten Kontext. Dabei muss unter­schieden werden, ob es möglich ist, die Geltung des behaup­teten Sachver­halts in dem Kontext empi­risch zu über­prüfen, oder ob direk­ter Zugang zu dem Kontext nicht möglich ist und daher nur ein logi­scher Abgleich mit dem Vorwis­sen gelingt.[4]

Der Zusammenhang zwischen Notwen­digkeit und Möglich­keit einer Propo­sition einer­seits und dem Kontext­bezug der Propo­sition ande­rerseits wird beson­ders sinnfäl­lig in der Inter­preta­tion von Leibniz ([Leibniz 1710a]Leibniz, Gottfried Wilhelm (1710).
Essais de théo­dicée sur la bonté de Dieu, la liber­té de l'homme et l'ori­gine du mal. Amster­dam: Troyel.

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): Eine Propo­sition ist notwen­dig, wenn sie in allen mögli­chen Kontex­ten gilt. Sie ist möglich, wenn es mindes­tens eine Situ­ation gibt, in der sie gilt. Moda­lität im enge­ren Sinn ist also verständ­lich zu machen als Quanti­fika­tion[5] über die Kontex­te, in denen mit der Propo­sition ein Sachver­halt behaup­tet wird.


Modalität der Bildver­wendung

Sind Bilder Zeichen­handlun­gen ohne Kontext­bildung?

Eng verbunden mit dem Problem, ob Bildver­wendun­gen als Zeichen­gebräu­che in der Regel über Sachbe­züge verfü­gen, stellt sich die Frage, ob bei Bildver­wendun­gen wie bei Aussa­gen moda­le Aspek­te auftre­ten. Anders gefragt: Setzt jeder Bildge­brauch einen Akt der Kontex­tbildung voraus, durch den der Kontext mitge­teilt wird, auf den sich ein bildli­cher Sachbe­zug richten sollte?

Ab­bil­dung 1: Ein Fahn­dungs­pho­to

Das ist zwar of­fen­sicht­lich mög­lich – man den­ke et­wa an ein Bild mit ei­nem Ti­tel, der aus ei­ner Orts- und Zeit­an­ga­be be­steht[6] –, nicht aber not­wen­dig der Fall: Bei ei­nem Fahn­dungs­pho­to et­wa geht es ge­mein­hin nicht da­rum, auf nicht-bild­li­che Wei­se auf ei­nen be­stimm­ten Kon­text zu ver­wei­sen, in dem dann gel­ten soll, dass dort der ge­such­te Mensch so po­siert und so aus­ge­se­hen hat. Dass das Pho­to bei ei­ner ganz be­stimm­ten Ge­le­gen­heit ent­stan­den ist ist für die Ver­wen­dung als Fahn­dungs­pho­to weit­ge­hend ir­re­le­vant (Abb. 1). Vielmehr scheint die Bildver­wendung selbst den entsprechenden Kontext zu eröf­fnen.

Die modale Theorie der Bildver­wendung

Offenbar stellt der nicht-refle­xive Gebrauch eines darstel­lenden Bildes selbst eben­falls einen zusätz­lichen situ­ati­ven Kontext zur Verfü­gung, der als Ausgangs­punkt für Nomi­natio­nen und Prädi­katio­nen dienen kann und in aller Regel auch dient ([Schirra 1995a]Schirra, Jörg R.J. (1995).
Under­standing Radio Broad­casts On Soccer. The Concept »Mental Image« and Its Use in Spatial Reasoning.
In Bilder im Geiste: Zur kogni­tiven und erkennt­nistheo­reti­schen Funktion pikto­rialer Reprä­senta­tionen, 107-136.

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). Der Gebrauch des Bildes liefert den Kommu­nika­tionspart­nern jeden­falls genau den Kontext, der für die Aussa­gen über den Bildin­halt (d.h. das Abge­bilde­te) benö­tigt wird. Kontext­bildung wäre demnach die primä­re Funktion jener Bildver­wendun­gen ([Schirra 2001a]Schirra, Jörg R.J. (2001).
Bilder   ——   Kontext­bilder.
In Bildhan­deln. Inter­diszi­plinä­re Forschun­gen zur Pragma­tik bildhaf­ter Darstel­lungs­for­men, 77-100.

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). Ähnlich wie die Erwäh­nung eines Romans den Gesprächs­partnern einen ganz bestimm­ten (fikti­ven) Kontext für die an­schließen­den Nomi­nati­onen und Prädi­kati­onen über die Roman­handlung und deren Prota­gonis­ten eröff­net, versucht jemand durch die Präsen­tation eines Bildes, die Aufmerk­samkeit des Gegen­übers (oder seine eige­ne in der Rolle eines vorge­stellten Gegen­übers) auf eine reale oder fikti­ve Wahrneh­mungssi­tuation zu richten, die in den meisten Fällen nicht mit der tatsäch­lichen Situ­ation der Zeichen­handlung über­einstimmt. Die Kontext­bildung mit Hilfe von Bildern bietet dabei zumin­dest inner­halb gewis­ser Grenzen (etwa der Sinnes­moda­lität) durchaus auch die Möglich­keit, die entspre­chenden Nomi­natio­nen und ihr Zusam­menspiel mit der erwähn­ten Prädi­kation unmit­telbar auf Wahrneh­mung gestützt – also wie im aktu­ellen Äuße­rungskon­text – zu veran­kern.

Dass in der Tat jeder andere Gebrauch eines Gegen­standes als Bild auf der Verwen­dung zur Kontext­bildung beruht liegt nahe: Denn es ist stets zunächst das scheinba­re sinnli­che Verge­genwär­tigen einer meist nicht zugleich anwe­senden Situ­ation, das spezi­ellere Bildge­bräuche über­haupt erst möglich macht. Das Primat der Kontext­bildung bei der Bildhand­lung gemäß der moda­len Bildthe­orie gilt auch für Struktur­bilder, wenn davon ausge­gangen wird, dass zusätz­lich eine meta­phori­sche Über­tragung räumlich-visu­ell darstell­barer Enti­täten auf die an sich nicht-visu­ell wahrnehm­baren Aspek­te des darge­stellten Sujets im Spiel ist: Wieder werden die räumlich-visu­ellen Stellver­treter in einem durch die Bildver­wendung zual­lererst eröff­neten Kontext – dem Bildraum – präsen­tiert und damit unter ande­rem für weite­re Zeichen­handlun­gen mit entspre­chendem Sachbe­zug, der dabei teilwei­se empi­risch veri­fiziert werden kann, zur Verfü­gung gestellt.

Für die modale Theorie ist es die grundle­gende Aufga­be einer Bildver­wendung, den Bildraum als eine neben die Äuße­rungssi­tuation treten­de weite­re gemein­same Wahrneh­mungs- und Handlungs­situ­ation zu öffnen.[7] Erst wenn die von der Prädi­kations­theorie fokus­sierten Prädi­kati­onen auf diesen abge­trennten Kontext bezo­gen werden, sind sie in die Verwen­dung eines Gegen­stands als Bild einbe­zogen. Denn das Charak­teris­tische der Bildver­wendung ist weni­ger, dass damit etwas zu sehen gege­ben wird, als vielmehr, dass damit etwas zu sehen gege­ben wird, was als an ganz ande­rer Stelle oder Zeit gese­hen gelten soll.

Entsprechend kann man sich bei der Verwen­dung eines Fahndungs­photos zusam­men mit den Worten ‘Haben Sie eine Person gese­hen, die aussieht wie diese Person da’ durchaus vorstel­len, dass eine konkre­te Zeige­geste die verwen­deten deikti­schen Aus­drücke (‘diese ... da’) unter­stützt. Aber auf welche Person sollte dabei denn gezeigt werden, ist an der Stelle ›da‹ im aktu­ellen Verhal­tenskon­text der Kommu­nika­tions­part­ner doch tatsäch­lich nur ein Stück bedruck­tes Papier? Die Person ist natür­lich “im” Bild, das heißt: zu sehen in dem mithil­fe des Bildes verge­genwär­tigten situ­ati­ven Kontext. Auch beim Einsatz als Passbild evo­ziert das Vorzei­gen des Bildträ­gers zunächst einen ande­ren Kontext. In diesem Fall erlaubt es dieser Kontext (im Prinzip), eine ande­re, raumzeit­lich meist weit entfern­te Erschei­nung der anwe­senden und zu iden­tifi­zieren­den Person als Refe­renz für eine visu­elle Iden­titäts­prüfung zu nutzen.[8]

Sachbezüge bei Bildver­wendun­gen

Aus der modalen Theorie der Bildver­wendung folgt nun aller­dings, dass eine Bildhand­lung selbst keinen Sachbe­zug im gleichen Sinn haben kann, wie eine Aussa­ge. Denn der Sachbe­zug der Propo­sitio­nen richtet sich stets auf die Sachver­halte in einem (vor-)gege­benen Kontext. Mit Bildern wird gemäß der moda­len Theorie hinge­gen ein Kontext über­haupt eröff­net, auf den sich die Sachbe­züge weite­rer Zeichen­handlun­gen bezie­hen können. Vom Sachbe­zug einer Bildver­wendung kann daher nur in einem abge­leite­ten Sinn die Rede sein: Inso­fern sich über dem durch das Bild gege­benen Kontext und einem ander­weitig (etwa durch einen Text oder durch direk­te Wahrneh­mung) gege­benen Kontext die gleiche Menge an wahren Propo­sitio­nen bilden lässt. Da die Mächtig­keit dieser Menge aber notwen­dig unend­lich groß ist – jeder Kontext kann durch unbe­schränkt viele Propo­sitionen beschrie­ben werden (⊳ Ekphra­sis) – ist dieser abge­leite­te Sachbe­zug im Gegen­satz zu dem Sachbe­zug der Aussa­gen nicht auf endli­che Weise veri­fizier­bar. Bei Bildern sollte entspre­chend nicht ohne Weite­res von Wahrheit gere­det werden.


Referenz und Situiert­heit bei Medien

Der Begriff der Refe­renz eines Zeichens hängt direkt von der jeweils gemein­ten Bezugs­situ­ation ab. Der Situ­ations­bezug von Kommu­nika­tionshand­lungen kann zudem dazu benutzt werden, Typo­logien der Medien zu bilden.

Anmerkungen
  1. Vgl. et­wa auch Wi­ki­pe­dia: Mo­da­li­tät (Phi­lo­so­phie).
  2. Es ist wich­tig, sich den Un­ter­schied zwi­schen Mo­da­li­tät und In­de­xi­ka­li­tät klar­zu­ma­chen. In­de­xi­ka­li­sche Aus­drü­cke, ins­be­son­d­ere ‘die­se/r/s’, sind nor­ma­ler­wei­se Teil ei­ner No­mi­na­ti­on. Da­bei wird der ge­mein­te Ge­gen­stand durch ei­ne kon­kret aus­ge­führ­te (oder auch ei­ne nur ab­strakt vor­ge­stell­te) Zei­ge­hand­lung – al­so durch ei­ne Rich­tungs­an­ga­be ins­be­son­de­re mit Fin­ger, Hand, Arm, Kopf, Au­gen oder (wie et­wa in Na­va­jo) Lip­pen – aus­ge­wählt. Die­ses Zei­gen rich­tet sich da­her be­reits auf die Be­zugs­si­tu­a­ti­on der Pro­po­si­ti­on, die schon vor­her, et­wa durch Orts- und Zeit­an­ga­ben, be­reit­ge­stellt wor­den sein muss. Mo­da­li­tät (im hier ver­folg­ten Sinn) be­trifft hin­ge­gen ge­nau die Hand­lung, mit der die­ser Be­zugs­kon­text zu­al­ler­erst be­reit­ge­stellt wird: die Kon­text­bil­dung.
  3. Ent­spre­chend wur­den rei­ne Aus­sa­gen- und Prä­di­ka­ten­lo­gi­ken un­ab­hän­gig von spe­zi­el­len Mo­dal­lo­gi­ken be­trach­tet (vgl. Wi­ki­pe­dia: Mo­dal­lo­gik). Letz­te­re blie­ben da­bei fast aus­schließ­lich auf die As­pek­te Not­wen­dig­keit und Mög­lic­hkeit be­schränkt. Le­dig­lich die (spä­ter ver­schie­dent­lich auf­ge­grif­fe­ne) „mög­li­che Wel­ten“-In­ter­pre­ta­ti­on von Leib­niz stellt zu­min­dest ei­ne ge­wis­se Ver­bin­dung zwi­schen Not­wen­dig­keit/Mög­lich­keit und der raum­zeit­li­chen Si­tu­iert­heit her, in­dem über die mög­li­chen Gel­tungs­­si­tu­a­ti­o­nen quan­ti­fi­ziert wird (Not­wen­dig­keit als All­quan­ti­fi­zie­rung, Mög­lich­keit als Exis­tenz­quan­ti­fi­zie­rung); vgl. etwa [Krip­ke 1972a]Kripke, Saul A. (1972).
    Naming and Neces­sity.
    In Seman­tics of Natu­ral Lan­guage, 253-355, 763-769.

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    so­wie Wi­ki­pe­dia: Mög­li­che Welt.
  4. Sie­he hier­zu Ex­kurs: Ve­ri­fi­ka­ti­ons­ver­fah­ren.
  5. Vgl. auch Wi­ki­pe­dia: Quan­to­ren.
  6. Auch beim Ein­blen­den von Da­tum und Uhr­zeit in die Auf­nah­me, wie es bei neu­e­ren Pho­to­ap­pa­ra­ten mög­lich ist, han­delt es sich um ei­ne ent­spre­chen­de (par­tiel­le) Kon­text­spe­zi­fi­zie­rung.
  7. Da­bei kann der Bild­raum auch me­ta­pho­risch für nicht­räum­li­che bzw. nicht­vi­su­el­le Be­rei­che ste­hen, wie im Fall der Struk­tur­bil­der; oder ein Bild erhält in re­fle­xi­ver Ver­wen­dung ge­ra­de durch das Ver­wei­gern ei­nes Bild­rau­mes sei­ne kom­mu­ni­ka­ti­ve Funk­ti­on hö­he­rer Ord­nung (⊳ un­ge­gen­ständ­li­che Bil­der).
  8. Na­tür­lich kann die­se vi­su­el­le Iden­ti­täts­prü­fung nur funk­ti­o­nie­ren, weil ent­spre­chen­de so­zi­a­le In­sti­tu­ti­o­nen we­nigs­tens im Prin­zip si­cher­stel­len, dass der ge­zeig­te Kon­text tat­säch­lich den Ab­ge­bil­de­ten zu ei­nem frü­he­ren Zeit­punkt ent­hält, al­so nicht fik­tiv ist.
Literatur                             [Sammlung]

[Aris­tote­les 1949a]: Aris­tote­les (1949). De inter­preta­tione. In: Minio-Palu­ello, L. (Hg.): Aris­tote­lis cate­goriae et liber de inter­preta­tione. Ox­ford: Ox­ford Uni­versity Press, S. 47-72.

[Krip­ke 1972a]: Kripke, Saul A. (1972). Naming and Neces­sity. In: David­son, D. & Harman, G. (Hg.): Seman­tics of Natu­ral Lan­guage. Dordrecht: Reidel, S. 253-355, 763-769. [Leibniz 1710a]: Leibniz, Gottfried Wilhelm (1710). Essais de théo­dicée sur la bonté de Dieu, la liber­té de l'homme et l'ori­gine du mal. Amster­dam: Troyel. [Schirra 1995a]: Schirra, Jörg R.J. (1995). Under­standing Radio Broad­casts On Soccer. The Concept »Mental Image« and Its Use in Spatial Reasoning. In: Sachs-Hom­bach, K. (Hg.): Bilder im Geiste: Zur kogni­tiven und erkennt­nistheo­reti­schen Funktion pikto­rialer Reprä­senta­tionen. Amster­dam: Rodopi, S. 107-136. [Schirra 2001a]: Schirra, Jörg R.J. (2001). Bilder   ——   Kontext­bilder. In: Sachs-Hom­bach, K. (Hg.): Bildhan­deln. Inter­diszi­plinä­re Forschun­gen zur Pragma­tik bildhaf­ter Darstel­lungs­for­men. Magde­burg: Skriptum, S. 77-100. [Tugend­hat 1976a]: Tugend­hat, Ernst (1976). Vorle­sungen zur Einfüh­rung in die sprach­ana­lyti­sche Philo­sophie. Frank­furt/M.: Suhr­kamp.


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Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [26], Klaus Sachs-Hombach [5] und Emilia Didier [1] — (Hinweis)

Zitierhinweis:

[Schirra 2013g-s]Vergleiche vollständigen Eintrag
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Schirra, Jörg R.J. (2013). Modalität. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.): Glossar der Bildphilosophie. (2012-2022).
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