Morphologie und Syntax: Unterschied zwischen den Versionen

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K (Isolierende, polysynthetische, fusionierende und agglutinierende Zeichensysteme)
 
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==Grammatik versus Morphologie==
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==Grammatik versus Morpho&shy;logie==
  
Da die Idee der Grammatik in Form der generativen Syntax<ref>vgl.hierzu [http://de.wikipedia.org/wiki/Generative_Grammatik Wikipedia:Generative Grammatik].</ref>  im Bereich der Sprache sehr fruchtbar gewirkt hat, ist verschiedentlich vorgeschlagen worden, analog die Bildsyntax mithilfe einer [[Bildgrammatik]] zu studieren. Allerdings blieb diesen Ansätzen wenig Erfolg beschieden, denn die kompositionale Syntax interessiert sich vor allem für syntaktisch korrekte Kompositionen von ''Wörtern'' – als den elementaren Sprachzeichen – zu ''Sätzen'' – als den komplexen Sprachzeichen. Ein überzeugendes piktoriales Analogon zu Wörtern derart, dass Bilder als daraus gebildete “Sätze” zu verstehen wären, ist bislang nicht vorgeschlagen worden. Mit der Morphologie ist allerdings ein weiterer Bereich der syntaktischen Studien von Sprache gegeben, der Wörter selbst als komplexe Gebilde untersucht:<ref>Obwohl die Bezeichnung ‘Morphologie’ bereits 1859 von August Schleicher (unter dem Einfluss von Goethes morphologischer Theorie des Pflanzenwachstums) in die Sprachforschung eingeführt worden ist, wurde eine spezifisch morphologische Untersuchung von Wörtern – im Gegensatz zu den syntakto-grammatischen Studien über den Satzbau und unabhängig von der Phonologie – erst ab den 1970er Jahren vorangetrieben; <bib id='Schleicher 1859a'></bib>; vgl. auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Morphologie_%28Sprache%29 Wikipedia:Morphologie (Sprache)].</ref> Wie sollte die innere Struktur von Wörtern und das Verhältnis verschiedener grammatischer Formen eines Wortes bzw. die Relationen zwischen verwandten Wörtern sinnvoll beschrieben werden? Auch hierbei wird in der Regel von einem generativen Ansatz ausgegangen, der sich allerdings deutlich von den grammatischen Satzstrukturen unterscheidet. Das liegt unter anderm daran, dass die morphologische Analyse nicht auf die Unterscheidung zwischen Satz und Wort angewiesen ist. Anders gesagt: Während die grammatische Kompositionalität nur für [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|wort/satzsprachlich organisierte Zeichensysteme]] Sinn macht, können morphologische Betrachtungen allgemeiner für beliebige Zeichensysteme mit komplexen Zeichen durchgeführt werden.     
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Da die Idee der Grammatik in Form der genera&shy;tiven Syntax<ref>Vgl. hier&shy;zu [http://de.wikipedia.org/wiki/Generative_Grammatik Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Ge&shy;ne&shy;ra&shy;ti&shy;ve Gram&shy;ma&shy;tik].</ref>  im Bereich der Sprache sehr frucht&shy;bar gewirkt hat, ist verschie&shy;dentlich vorge&shy;schlagen worden, ana&shy;log die Bild&shy;syntax mithil&shy;fe einer [[Bildgrammatik|Bildgram&shy;matik]] zu studie&shy;ren. Aller&shy;dings blieb diesen Ansät&shy;zen wenig Erfolg beschie&shy;den, denn die kompo&shy;sitio&shy;nale Syntax inte&shy;ressiert sich vor allem für syntak&shy;tisch korrek&shy;te Kompo&shy;sitio&shy;nen von ''Wörtern'' – als den ele&shy;menta&shy;ren Sprach&shy;zeichen – zu ''Sätzen'' – als den komple&shy;xen Sprach&shy;zeichen. Ein über&shy;zeugen&shy;des pikto&shy;riales Ana&shy;logon zu Wörtern derart, dass Bilder als daraus gebil&shy;dete “Sätze” zu verste&shy;hen wären, ist bislang nicht vorge&shy;schlagen worden. Mit der Morpho&shy;logie ist aller&shy;dings ein weite&shy;rer Bereich der syntak&shy;tischen Studien von Sprache gege&shy;ben, der Wörter selbst als komple&shy;xe Gebil&shy;de unter&shy;sucht:<ref>Ob&shy;wohl die Be&shy;zeich&shy;nung ‘Mor&shy;pho&shy;lo&shy;gie’ be&shy;reits 1859 von Au&shy;gust Schlei&shy;cher (un&shy;ter dem Ein&shy;fluss von Goe&shy;thes mor&shy;pho&shy;lo&shy;gi&shy;scher The&shy;o&shy;rie des Pflan&shy;zen&shy;wachs&shy;tums) in die Sprach&shy;for&shy;schung ein&shy;ge&shy;führt wor&shy;den ist, wur&shy;de ei&shy;ne spe&shy;zi&shy;fisch mor&shy;pho&shy;lo&shy;gi&shy;sche Un&shy;ter&shy;su&shy;chung von Wör&shy;tern – im Ge&shy;gen&shy;satz zu den syn&shy;tak&shy;to-gram&shy;ma&shy;ti&shy;schen Stu&shy;di&shy;en über den Satz&shy;bau und un&shy;ab&shy;hän&shy;gig von der Pho&shy;no&shy;lo&shy;gie – erst ab den 1970er Jah&shy;ren vor&shy;an&shy;ge&shy;trie&shy;ben; <bib id='Schleicher 1859a'>Schlei&shy;cher 1859a</bib>; vgl. auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Morphologie_%28Sprache%29 Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Mor&shy;pho&shy;lo&shy;gie (Spra&shy;che)].</ref> Wie sollte die inne&shy;re Struktur von Wörtern und das Verhält&shy;nis verschie&shy;dener gramma&shy;tischer Formen eines Wortes bzw. die Rela&shy;tionen zwischen verwand&shy;ten Wörtern sinnvoll beschrie&shy;ben werden? Auch hierbei wird in der Regel von einem gene&shy;rati&shy;ven Ansatz ausge&shy;gangen, der sich aller&shy;dings deutlich von den gramma&shy;tischen Satz&shy;struktu&shy;ren unter&shy;scheidet. Das liegt unter anderm daran, dass die morpho&shy;logi&shy;sche Ana&shy;lyse nicht auf die Unter&shy;scheidung zwischen Satz und Wort ange&shy;wiesen ist. Anders gesagt: Während die gramma&shy;tische Kompo&shy;sitio&shy;nali&shy;tät nur für [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|wort/satz&shy;sprachlich orga&shy;nisier&shy;te Zeichen&shy;syste&shy;me]] Sinn macht, können morpho&shy;logi&shy;sche Betrach&shy;tungen allge&shy;meiner für belie&shy;bige Zeichen&shy;syste&shy;me mit komple&shy;xen Zeichen durchge&shy;führt werden.<ref>Mit an&shy;de&shy;ren Wor&shy;ten: In der “Mik&shy;ro&shy;struk&shy;tur” der ein&shy;zel&shy;nen Wör&shy;ter von wort/satz&shy;sprach&shy;lich or&shy;ga&shy;ni&shy;sier&shy;ten Zei&shy;chen&shy;sys&shy;te&shy;men spie&shy;gelt sich ei&shy;ne ge&shy;gen&shy;über der “ma&shy;kro&shy;struk&shy;tu&shy;rel&shy;len” Zu&shy;sam&shy;men&shy;stel&shy;lung von Wör&shy;tern zu Sät&shy;zen äl&shy;te&shy;re Form der se&shy;mi&shy;o&shy;ti&shy;schen Kom&shy;po&shy;si&shy;ti&shy;on struk&shy;tu&shy;rier&shy;ter Zei&shy;chen&shy;trä&shy;ger.</ref>      
 
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Bildphilosophisch schließt sich daher die Frage an, ob die morphologische Perspektive besser geeignet ist als die grammatische, um bildsyntaktische Zusammenhänge zu erfassen.
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Bildphilosophisch schließt sich daher die Frage an, ob die morpho&shy;logi&shy;sche Perspek&shy;tive besser geeig&shy;net ist als die gramma&shy;tische, um bild&shy;syntak&shy;tische Zusam&shy;menhän&shy;ge zu erfas&shy;sen. Ein genau&shy;erer Blick auf die morpho&shy;logi&shy;schen Struktu&shy;ren bei sprachli&shy;chen Zeichen&shy;syste&shy;men im enge&shy;ren Sinn ([[#Sprache: Morpheme und morpho&shy;logi&shy;sche Ope&shy;rato&shy;ren|2]]) und auf damit zusam&shy;menhän&shy;gende Betrach&shy;tungen zu allge&shy;meinen Sprach&shy;typen ([[#Isolierende, polysynthe&shy;tische, fusio&shy;nieren&shy;de und agglu&shy;tinie&shy;rende Sprach&shy;syste&shy;me|3]]) ist zur Beant&shy;wortung dieser Frage sinn&shy;voll.
  
==Sprache: Morpheme und morphologische Operatoren==
 
  
In morphologischen Analysen wird ein Wort als aus Segmenten zusammengesetzt verstanden, die zur Bedeutung oder grammatischen Funktion des Wortes beitragen und ‘Morpheme’ genannt werden.<ref>Der Ausdruck “Morphem” ist um 1881 von B. de Courtenay vorgeschlagen und von L. Bloomfield weiter ausgearbeitet worden; <bib id='Bloomfield 1933a'></bib>; Vgl. auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Morphem Wikipedia:Morphem].</ref> Die Nachsilbe ‘-ed’ im Englischen etwa, die Vorsilbe ‘pré-’ im Französischen oder der Stamm ‘-wend-’ im Deutschen sind typische Beispiele von Morphemen. Morphologische Elemente werden vor allem durch die Substitutionsregel identifiziert und zu Klassen zusammengestellt: Beispielsweise können einige französische Wörter, die mit ‘pré-’ beginnen, in andere französische Wörter transformiert werden, indem jeweils die Vorsilbe durch ‘re-’, ‘con-’, ‘de-’ etc. ersetzt wird.  
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==Sprache: Morpheme und morpho&shy;logi&shy;sche Ope&shy;rato&shy;ren==
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In morphologischen Analysen wird ein Wort als aus Segmen&shy;ten zusam&shy;menge&shy;setzt verstan&shy;den, die zur Bedeu&shy;tung oder gramma&shy;tischen Funktion des Wortes beitr&shy;agen und ‘Morphe&shy;me’ genannt werden.<ref>Der Aus&shy;druck ‘Mor&shy;phem’ ist um 1881 von B. de Cour&shy;te&shy;nay vor&shy;ge&shy;schla&shy;gen und von L. Bloom&shy;field wei&shy;ter aus&shy;ge&shy;ar&shy;bei&shy;tet wor&shy;den; <bib id='Bloomfield 1933a'>Bloom&shy;field 1933a</bib>; Vgl. auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Morphem Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Mor&shy;phem].</ref> Die Nachsil&shy;be ‘-ed’ im Engli&shy;schen etwa, die Vorsil&shy;be ‘pré-’ im Franzö&shy;sischen oder der Stamm ‘-wend-’ im Deutschen sind typi&shy;sche Beispie&shy;le von Morphe&shy;men. Morpho&shy;logi&shy;sche Ele&shy;mente werden vor allem durch die Substi&shy;tutions&shy;regel iden&shy;tifi&shy;ziert und zu Klassen zusam&shy;menge&shy;stellt: Beispiels&shy;weise können eini&shy;ge franzö&shy;sische Wörter, die mit ‘pré-’ begin&shy;nen, in ande&shy;re franzö&shy;sische Wörter transfor&shy;miert werden, indem jeweils die Vorsil&shy;be durch ‘re-’, ‘con-’, ‘de-’ etc. ersetzt wird.
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Morpheme bestehen nicht notwendig aus einer ganz bestimm&shy;ten Laut- bzw. Buchsta&shy;benfol&shy;ge. So kann etwa im Engli&shy;schen das den Plural eines Substan&shy;tivs anzei&shy;gende Morphem in zwei Vari&shy;anten, den so genannten Allo&shy;morphen, erschei&shy;nen: ‘-s’ oder ‘-es’.<ref>Pho&shy;ne&shy;tisch er&shy;ge&shy;ben sich je nach be&shy;trach&shy;te&shy;tem Sub&shy;stan&shy;tiv so&shy;gar noch mehr Al&shy;lo&shy;mor&shy;phe, da ‘-s’ bzw. ‘-es’ kon&shy;text&shy;ab&shy;hän&shy;gig stimm&shy;haft oder stimm&shy;los aus&shy;ge&shy;spro&shy;chen wer&shy;den kön&shy;nen.</ref> Obwohl viele Morphe&shy;me bedeu&shy;tungsmo&shy;difi&shy;zierend wirken, müssen sie nicht unbe&shy;dingt eine eige&shy;ne Bedeu&shy;tung haben: Die meisten Morphe&shy;me sind nicht selbst auch Wörter. Morphe&shy;me, die zugleich Wörter sind und daher eine eige&shy;ne Bedeu&shy;tung tragen, werden ''freie'' Morphe&shy;me oder ''Lexe&shy;me'' genannt; die ande&shy;ren heißen ''gebun&shy;den''. Die seman&shy;tische oder gramma&shy;tische Funktion eines Morphems kann zudem vieldeu&shy;tig sein und sich in verschie&shy;denen Kompo&shy;sitio&shy;nen unter&shy;schei&shy;den (etwa das Morphem ‘-(e)s’ als Flexions&shy;nachsil&shy;be oder als Plural&shy;nachsil&shy;be im Engli&shy;schen). Es sind vor allem die Stamm-Morphe&shy;me, die eine Kernbe&shy;deutung vermit&shy;teln, welche durch morpho&shy;logi&shy;sche Ope&shy;ratio&shy;nen modi&shy;fiziert werden kann.  
 
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Morpheme bestehen nicht notwendig aus einer ganz bestimmten Laut- bzw. Buchstabenfolge. So kann etwa im Englischen das den Plural eines Substantivs anzeigende Morphem in zwei Varianten, den so genannten Allomorphen, erscheinen: ‘-s’ oder ‘-es’.<ref>Phonetisch ergeben sich je nach betrachtetem Substantiv sogar noch mehr Allomorphe, da ‘-s’ bzw. ‘-es’ kontextabhängig stimmhaft oder stimmlos ausgesprochen werden können.</ref> Obwohl viele Morpheme bedeutungsmodifizierend wirken, müssen sie nicht unbedingt eine eigene Bedeutung haben: Die meisten Morpheme sind nicht selbst auch Wörter. Morpheme, die zugleich Wörter sind und daher eine eigene Bedeutung tragen, werden ''freie'' Morpheme oder ''Lexeme'' genannt; die anderen heißen ''gebunden''. Die semantische oder grammatische Funktion eines Morphems kann zudem vieldeutig sein und sich in verschiedenen Kompositionen unterscheiden (etwa das Morphem ‘-(e)s’ als Flexionsnachsilbe oder als Pluralnachsilbe im Englischen). Es sind vor allem die Stamm-Morpheme, die eine Kernbedeutung vermitteln, welche durch morphologische Operationen modifiziert werden kann.  
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Morphologische Operationen spielen eine zentra&shy;le Rolle bei der Neubil&shy;dung von Wörtern. Allge&shy;mein können sie diffe&shy;renziert werden in ''inter&shy;ne'' Modi&shy;fika&shy;tionen, bei denen im Wesen&shy;tlichen Vokal&shy;wechsel erfol&shy;gen (etwa engl. ‘come’ zu ‘came’), und ''exter&shy;ne'' Modi&shy;fika&shy;tionen durch Anhän&shy;gen so genann&shy;ter Affi&shy;xe – damit werden neben Vor- und Nachsil&shy;ben (d.h. Prä- und Post&shy;fixe) auch Circum&shy;fixe (gleich&shy;zeiti&shy;ge Verwen&shy;dung von Vor- und Nachsil&shy;ben) und In&shy;fixe (Einfü&shy;gen einer Zwischen&shy;silbe) zusam&shy;menge&shy;fasst – oder durch Kompo&shy;sita-Bildung, die etwa im Deutschen für viele sponta&shy;ne Wortneu&shy;bildun&shy;gen verant&shy;wortlich ist (z.B. ‘Banken&shy;schutzschirm’). Während inter&shy;ne Modi&shy;fika&shy;tionen gewis&shy;serma&shy;ßen die “Farbe” eines Wortes austau&shy;schen, verän&shy;dern exter&shy;ne Modi&shy;fika&shy;tionen seine Gestalt und Größe.  
 
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Morphologische Operationen spielen eine zentrale Rolle bei der Neubildung von Wörtern. Allgemein können sie differenziert werden in ''interne'' Modifikationen, bei denen im Wesentlichen Vokalwechsel erfolgen (etwa engl. ‘come’ zu ‘came’), und ''externe'' Modifikationen durch Anhängen so genannter Affixe – damit werden neben Vor- und Nachsilben (d.h. Prä- und Postfixe) auch Circumfixe (gleichzeitige Verwendung von Vor- und Nachsilben) und Infixe (Einfügen einer Zwischensilbe) zusammengefasst – oder durch Komposita-Bildung, die etwa im Deutschen für viele spontane Wortneubildungen verantwortlich ist (z.B. ‘Bankenschutzschirm’). Während interne Modifikationen gewissermaßen die “Farbe” eines Wortes austauschen, verändern externe Modifikationen seine Gestalt und Größe.  
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Am besten versteht man Morphe&shy;me als Träger unge&shy;sättig&shy;ter Teilhand&shy;lungen einer Gesamt&shy;zeichen&shy;handlung ohne unab&shy;hängi&shy;ge [[Pragmatik, Semantik, Syntax|pragma&shy;tische]] Funktion, die auf mehr oder weni&shy;ger spezi&shy;fische Weise die Bedeu&shy;tung oder gramma&shy;tische Funktion (und damit die Verwen&shy;dungswei&shy;se) des Wortgan&shy;zen beein&shy;flussen, selbst aber nicht als Zeichen&shy;handlun&shy;gen gelten können.<ref>Die&shy;se Ein&shy;schrän&shy;kung un&shy;ter&shy;schei&shy;det sie et&shy;wa von [[Prädikation|Prä&shy;di&shy;ka&shy;ti&shy;on]] und [[Nomination|No&shy;mi&shy;na&shy;ti&shy;on]], die tat&shy;säch&shy;lich un&shy;ge&shy;sät&shy;ti&shy;gte Teil&shy;''zei&shy;chen''&shy;hand&shy;lun&shy;gen sind und je&shy;weils sehr spe&shy;zi&shy;fi&shy;sche prag&shy;ma&shy;ti&shy;sche Funk&shy;ti&shy;o&shy;nen tra&shy;gen.</ref>
  
Am besten versteht man Morpheme als Träger ungesättigter Teilhandlungen einer Gesamtzeichenhandlung ohne unabhängige pragmatische Funktion, die auf mehr oder weniger spezifische Weise die Bedeutung oder grammatische Funktion des Wortganzen beeinflussen, selbst aber nicht als Zeichenhandlungen gelten können.<ref>Diese Einschränkung unterscheidet sie etwa von [[Prädikation]] und [[Nomination]], die tatsächlich ungesättigte Teil''zeichen''handlungen sind und jeweils sehr spezifische pragmatische Funktionen tragen.</ref>
 
  
==Isolierende, polysynthetische, fusionierende und agglutinierende Zeichensysteme==
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==Isolierende, polysynthe&shy;tische, fusio&shy;nieren&shy;de und agglu&shy;tinie&shy;rende Sprach&shy;syste&shy;me==
Formale Satzbildungsgrammatik und wortbildende morphologische Zusammenhänge sind zwei polare Organisationsprinzipien, zwischen denen sich die verschiedenen Sprachen auf einer Skala einordnen lassen. Stellt man die mittlere Anzahl von Morphemen, die in einer Sprache (oder allgemeiner einem wortsprachlichen Zeichensystem) verwendet werden, der hauptsächlichen Art des grammatischen Satzbaus gegenüber, so ordnen sich die natürlichen Sprachen im Wesentlichen entlang einer Diagonalen:<ref>Diese Beobachtung geht letztlich auf W. v. Humbold und A. W. v. Schlegel zurück. Vgl. auch <bib id='Haase 2007a'></bib> und <bib id='Lehmann online'></bib>, sowie [http://de.wikipedia.org/wiki/Sprachtypologie Wikipedia: Sprachtypologie].</ref>  
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Formale Satzbildungsgrammatik und wortbil&shy;dende morpho&shy;logi&shy;sche Zusam&shy;menhän&shy;ge sind zwei pola&shy;re Orga&shy;nisa&shy;tionsprin&shy;zipien, zwischen denen sich die verschie&shy;denen (natür&shy;lichen) Sprachen auf einer Skala einord&shy;nen lassen. Stellt man die mittle&shy;re Anzahl von Morphe&shy;men, die in einer Sprache (oder allge&shy;meiner einem wortsprach&shy;lichen Zeichen&shy;system) verwen&shy;det werden, der hauptsäch&shy;lichen Art des gramma&shy;tischen Satzbaus gegen&shy;über, so ordnen sich die natür&shy;lichen Sprachen im Wesent&shy;lichen entlang einer Diago&shy;nalen:<ref>Die&shy;se Be&shy;ob&shy;ach&shy;tung geht letzt&shy;lich auf W. v. Hum&shy;bold und A. W. v. Schle&shy;gel zu&shy;rück. Vgl. auch <bib id='Haase 2007a'>Haa&shy;se 2007a</bib> und <bib id='Lehmann online'>Leh&shy;mann on&shy;line</bib>, so&shy;wie [http://de.wikipedia.org/wiki/Sprachtypologie Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Sprach&shy;ty&shy;po&shy;lo&shy;gie].</ref>  
  
 
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Sprachen, bei denen grammatische Satzstrukturen den Aufbau dominieren, werden ''isolierend'' Sprachen genannt. Verzichtet eine Sprache fast gänzlich auf grammatische Satzbildungsregeln und stützt sich vor allem auf morphologische Wortbildungsregeln, so spricht man von ''fusionierende'' Sprachen. Die Extreme reichen also beispielsweise von einer Kasusbildung nur über Präpositionen einerseits bis zu einem am Wort selbst markierten Kasussystem mit deutlich mehr als vier Fällen andererseits. Die meisten Sprachen bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen (hier als ‘''agglutinierend''’ bezeichnet).<ref>Dies ist eine etwas vereinfachet Darstellung: Der isolierende Sprachtypus ist dadurch charakterisiert, dass grammatische Funktionen jeweils in Wörtern separiert, der agglutinierende, dass sie jeweils über Morpheme an Wortstämme “angeklebt” werden. Beim fusionierenden Sprachtypus verschmelzen schließlich sogar verschiedene grammatische Funktionen in einem Morphem, so dass sehr komplexe grammatische Beziehungen in einem einzelnen Wort ausgedrückt werden. In den meisen natürlichen Sprachen werden alle drei Typen nebeneinander in jeweils charakteristischem Masse verwendet. Als weitere Eigenschaft müsste eigentlich noch die Flexibilität der Wortstellung berücksichtigt werden. Die beide Dimensionen sind nicht völlig unabhängig voneinander und in der Tabelle unter ‘Grammatikalität’ zusammengefasst.</ref> Andererseits werden Sprachen, deren Wörter im Mittel aus vielen Morphemen bestehen, als ''polysynthetisch'' bezeichnet, während Sprachen, bei denen Wörter aus sehr wenigen Morphemen, oft nur einem einzigen Lexem gebildet sind, ''isolierend'' heißen. ''Synthetische'' Sprachen nehmen dabei eine Mittelstellung ein. Wie in der Tabelle angedeutet, sind die menschlichen Sprachen im Wesentlichen entlang der Diagonale zwischen analytisch-isolierenden Systemen und polysynthetisch-fusionierenden angeordnet. Vergleicht man etwa Deutsch mit Englisch, so befinden sich zwar beide eher im Mittelfeld, doch basiert Englisch auf kürzeren Wörtern (eher isolierend), die in einer eher festen Satzstellung gebraucht werden, während das Deutsche stärker zu Kompositabildungen neigt, in deutlich höherem Masse auf Wortflexionen angewiesen ist (eher fusionierend), zugleich aber eine weitaus freiere Wortstellung erlaubt.
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Sprachen, bei denen grammatische Satzstruk&shy;turen den Aufbau domi&shy;nieren, werden ''iso&shy;lierende'' Sprachen genannt. Verzich&shy;tet eine Sprache fast gänzlich auf gramma&shy;tische Satzbil&shy;dungsre&shy;geln und stützt sich vor allem auf morpho&shy;logi&shy;sche Wortbil&shy;dungsre&shy;geln, so spricht man von ''fusio&shy;nierenden'' Sprachen. Die Extre&shy;me reichen also beispiels&shy;weise von einer Kasus&shy;bildung nur über Präpo&shy;sitio&shy;nen einer&shy;seits bis zu einem am Wort selbst markier&shy;ten Kasus&shy;system mit deutlich mehr als vier Fällen ande&shy;rerseits. Die meisten Sprachen bewe&shy;gen sich zwischen diesen beiden Extre&shy;men (hier als ‘''agglu&shy;tinie&shy;rend''’ bezeich&shy;net).<ref>Dies ist ei&shy;ne et&shy;was ver&shy;ein&shy;fach&shy;te Dar&shy;stel&shy;lung: Der iso&shy;lie&shy;ren&shy;de Sprach&shy;ty&shy;pus ist da&shy;durch cha&shy;rak&shy;te&shy;ri&shy;siert, dass gram&shy;ma&shy;ti&shy;sche Funk&shy;ti&shy;o&shy;nen je&shy;weils in Wör&shy;tern se&shy;pa&shy;riert, der ag&shy;glu&shy;ti&shy;nie&shy;ren&shy;de, dass sie je&shy;weils über Mor&shy;phe&shy;me an Wort&shy;stäm&shy;me “an&shy;ge&shy;klebt” wer&shy;den. Beim fu&shy;si&shy;o&shy;nie&shy;ren&shy;den Sprach&shy;ty&shy;pus ver&shy;schmel&shy;zen schließ&shy;lich so&shy;gar ver&shy;schie&shy;de&shy;ne gram&shy;ma&shy;ti&shy;sche Funk&shy;ti&shy;o&shy;nen in ei&shy;nem Mor&shy;phem, so dass sehr kom&shy;ple&shy;xe gram&shy;ma&shy;ti&shy;sche Be&shy;zie&shy;hun&shy;gen in ei&shy;nem ein&shy;zel&shy;nen Wort aus&shy;ge&shy;drückt wer&shy;den. In den meis&shy;ten na&shy;tür&shy;li&shy;chen Spra&shy;chen wer&shy;den al&shy;le drei Ty&shy;pen ne&shy;ben&shy;ein&shy;an&shy;der in je&shy;weils cha&shy;rak&shy;te&shy;ris&shy;ti&shy;schem Ma&shy;ße ver&shy;wen&shy;det. Als wei&shy;te&shy;re Ei&shy;gen&shy;schaft müss&shy;te ei&shy;gent&shy;lich noch die Fle&shy;xi&shy;bi&shy;li&shy;tät der Wort&shy;stel&shy;lung be&shy;rück&shy;sich&shy;tigt wer&shy;den. Die bei&shy;de Di&shy;men&shy;si&shy;o&shy;nen sind nicht völ&shy;lig un&shy;ab&shy;hän&shy;gig von&shy;ein&shy;an&shy;der und in der Ta&shy;bel&shy;le un&shy;ter ‘Gram&shy;ma&shy;ti&shy;ka&shy;li&shy;tät’ zu&shy;sam&shy;men&shy;gefasst.</ref> Ande&shy;rerseits werden Sprachen, deren Wörter im Mittel aus vielen Morphe&shy;men beste&shy;hen, als ''poly&shy;synthe&shy;tisch'' bezeich&shy;net, während Sprachen, bei denen Wörter aus sehr weni&shy;gen Morphe&shy;men, oft nur einem einzi&shy;gen Lexem gebil&shy;det sind, ''iso&shy;lierend'' heißen. ''Synthe&shy;tische'' Sprachen nehmen dabei eine Mittel&shy;stellung ein. Wie in der Tabelle ange&shy;deutet, sind die menschli&shy;chen Sprachen im Wesent&shy;lichen entlang der Diago&shy;nale zwischen ana&shy;lytisch-iso&shy;lieren&shy;den Syste&shy;men und poly&shy;synthe&shy;tisch-fusio&shy;nieren&shy;den ange&shy;ordnet. Vergleicht man etwa Deutsch mit Englisch, so befin&shy;den sich zwar beide eher im Mittel&shy;feld, doch basiert Englisch auf kürze&shy;ren Wörtern (eher iso&shy;lierend), die in einer eher festen Satz&shy;stellung gebraucht werden, während das Deutsche stärker zu Kompo&shy;sita&shy;bildun&shy;gen neigt, in deutlich höhe&shy;rem Maße auf Wortfle&shy;xionen ange&shy;wiesen ist (eher fusio&shy;nierend), zugleich aber eine weitaus freie&shy;re Wortstel&shy;lung erlaubt.
 
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In extrem analytisch-isolierenden Sprachen, wie etwa Chinesisch, werden Wörter, die aus nur sehr wenigen Morphemen bestehen, niemals morphologisch verändert. Alle grammatischen Relationen werden durch spezielle Wörter ausgedrückt<ref>Dazu zählen z.B. das Anhängen des Wortes ‘men’ (们) zur Pluralbildung, Wortverdopplung als Steigerungsform (‘gut’: 好, ‘besser’: 好好) , Verwendung von Fragepartikeln (‘ma’ - 吗) oder Vergangenheitspartikeln (‘le’ - 了).</ref> oder durch die Position des Wortes im Satz bestimmt (etwa S-P-O). Sätze sind direkte Gruppierungen von Wörtern, wobei für gewöhnlich eine recht strikte Reihenfolge einzuhalten ist. Eine extrem polysynthetisch-agglutinierende Sprache würde im Gegensatz dazu nur aus Einwort-Sätzen bestehen, wobei die Wörter allerdings meist auf ausgesprochen viele Morpheme zurückgehen, die miteinander verschmolzen sind, um die vollständige Bedeutung entsprechend zu modifizieren. Viele Sprachen der amerikanischen Ureinwohner, wie etwa Náhuatl, nähern sich diesem Extrem stark an.<ref>Unter anderem wegen dieser Eignart wurde im Zweiten Weltkrieg Navaho als unbrechbarer Geheimcode eingesetzt.</ref>
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In extrem analytisch-isolieren&shy;den Sprachen, wie etwa Chine&shy;sisch, werden Wörter, die aus nur sehr weni&shy;gen Morphe&shy;men beste&shy;hen, niemals morpho&shy;logisch verän&shy;dert. Alle gramma&shy;tischen Rela&shy;tionen werden durch speziel&shy;le Wörter ausge&shy;drückt<ref>Da&shy;zu zäh&shy;len z.B. das An&shy;hän&shy;gen des Wor&shy;tes ‘men’ (们) zur Plu&shy;ral&shy;bil&shy;dung, Wort&shy;ver&shy;dopp&shy;lung als Stei&shy;ge&shy;rungs&shy;form (‘gut’: 好, ‘bes&shy;ser’: 好好), Ver&shy;wen&shy;dung von Fra&shy;ge&shy;par&shy;ti&shy;keln (‘ma’ - 吗) oder Ver&shy;gan&shy;gen&shy;heits&shy;par&shy;ti&shy;keln (‘le’ - 了).</ref> oder durch die Posi&shy;tion des Wortes im Satz bestimmt (etwa S-P-O). Sätze sind direk&shy;te Gruppie&shy;rungen von Wörtern, wobei für gewöhn&shy;lich eine recht strikte Reihen&shy;folge einzu&shy;halten ist. Eine extrem poly&shy;synthe&shy;tisch-agglu&shy;tinie&shy;rende Sprache würde im Gegen&shy;satz dazu nur aus Einwort-Sätzen beste&shy;hen, wobei die Wörter aller&shy;dings meist auf ausge&shy;sprochen viele Morphe&shy;me zurück&shy;gehen, die mitein&shy;ander verschmol&shy;zen sind, um die vollstän&shy;dige Bedeutung entspre&shy;chend zu modi&shy;fizie&shy;ren. Viele Sprachen der ame&shy;rika&shy;nischen Urein&shy;wohner, wie etwa Náhuatl, nähern sich diesem Extrem stark an.<ref>Un&shy;ter an&shy;de&shy;rem we&shy;gen die&shy;ser Ei&shy;gen&shy;art wur&shy;de im Zwei&shy;ten Welt&shy;krieg Na&shy;va&shy;ho als un&shy;brech&shy;ba&shy;rer Ge&shy;heim&shy;code ein&shy;ge&shy;setzt.</ref>
 
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Beispielsweise kann die morphologische Struktur des Einwort-Satzes ‘matgībulhahumš’ im ägyptischen Arabisch wörtlich ungefähr übersetzt werden zu ‹nicht -Ihr-solltet-bringen-ihr-sie-Ding› (d.h.: ‘Ihr solltet sie nicht zu ihr bringen’). Das Wort besteht aus den beiden Circumflexen ‘''ma...š''’ (‹nicht … Ding›, Negation) und ‘''t(i)...u''’ (Marker für Imperfekt der zweiten Person Plural im jussiven Modus: etwa ‹Ihr solltet tun›), den beiden Morphemen ‘''l(ī)ha''’ (Dativ der dritten Person Singular feminin: ‹ihr›), ‘''hum''’ (Akkusativ der dritte Person Plural ‹sie›), sowie, als Stamm, ein intern modifiziertes Lexem ‘''gīb''’, das die imperfektive Form von ‘''gāb''’ darstellt und im Deutschen dem Stamm von ‘bringen’ entspricht:   
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Beispielsweise kann die morpho&shy;logi&shy;sche Struktur des Einwort-Satzes ‘matgībulhahumš’ im ägyp&shy;tischen Ara&shy;bisch wörtlich unge&shy;fähr über&shy;setzt werden zu ‹nicht -Ihr-solltet-bringen-ihr-sie-Ding› (d.h.: ‘Ihr solltet sie nicht zu ihr bringen’). Das Wort besteht aus den beiden Circum&shy;flexen ‘''ma...š''’ (‹nicht … Ding›, Nega&shy;tion) und ‘''t(i)...u''’ (Marker für Imper&shy;fekt der zweiten Person Plural im jussi&shy;ven Modus: etwa ‹Ihr solltet tun›), den beiden Morphe&shy;men ‘''l(ī)ha''’ (Dativ der dritten Person Singu&shy;lar femi&shy;nin: ‹ihr›), ‘''hum''’ (Akkusa&shy;tiv der dritte Person Plural ‹sie›), sowie, als Stamm, ein intern modi&shy;fizier&shy;tes Lexem ‘''gīb''’, das die imper&shy;fekti&shy;ve Form von ‘''gāb''’ darstellt und im Deutschen dem Stamm von ‘bringen’ entspricht:   
  
 
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All diese morphologischen Elemente sind in ein einziges Wort amalgamiert, das als Satz verwendet wird. Das Schema einer solch komplexen Kombination durch Verschmelzung von Morphemen mit partiellen Phonem-Auslassungen zusammen mit der Verwendung umschließender und einfügender Affixe kann in der Tat die Vorstellung bildsyntaktischer Strukturen viel eher evozieren, als das Schema formaler Grammatiken.
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All diese morphologischen Elemente sind in ein einzi&shy;ges Wort amal&shy;gamiert, das als Satz verwen&shy;det wird. Das Schema einer solch komple&shy;xen Kombi&shy;nation durch Verschmel&shy;zung von Morphe&shy;men mit parti&shy;ellen Phonem-Auslas&shy;sungen zusam&shy;men mit der Verwen&shy;dung umschlie&shy;ßender und einfü&shy;gender Affi&shy;xe kann in der Tat die Vorstel&shy;lung bildsyn&shy;takti&shy;scher Struktu&shy;ren viel eher evo&shy;zieren, als das Schema forma&shy;ler Gramma&shy;tiken.
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==Übertragung auf Bilder==
 
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Offensichtlich sind die geometrischen Elemente eines Bildträgers und ihre relative Anordnung entscheidend für Bedeutung und pragmatische Funktion eines Bildes, ohne dass ihnen doch jeweils eine klar umrissene eigene Bedeutung unabhängig vom Bildganzen zugeordnet werden könnte. Ein kleiner orangerot ausgefüllter Kreis kann – unter anderem – als Nase eines Schneemanns dienen oder als untergehende Sonne. Flächig zusammengeschmolzen bilden diese Elemente eine in sich abgeschlossene morphologische Einheit, die eine deutliche Analogie zu den Ein-Wort-Sätzen einer polysynthetischen Sprache aufweist. Da eine derartige Verschmelzung von funktionsmodifizierenden Komponenten in ein einziges Zeichen nicht von der Wort/Satz-Unterscheidung abhängig ist, wie sie für Sprache (im engeren Sinn) konstitutiv ist, legt sich eine morphologische Betrachtung der Bildsyntax nicht in gleicher Weise auf Grundelemente und Kompositionsregeln fest, die für bildgrammatische Analysen bislang den Erfolg verhinderten. Diese Idee wird im Artikel ⊳ [[Bildmorphologie]] näher betrachtet.<ref>Vergleiche aber auch die Ausführungen in [[Bilderschrift und Piktogramm|Bilderschrift und Piktogramm]].</ref>
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Offensichtlich sind die [[Raum und Geometrie|geo&shy;metri&shy;schen Ele&shy;mente]] eines Bild&shy;trägers und ihre rela&shy;tive Anord&shy;nung entschei&shy;dend für Bedeu&shy;tung und pragma&shy;tische Funktion eines Bildes, ohne dass ihnen doch jeweils eine klar umris&shy;sene eige&shy;ne Bedeu&shy;tung unab&shy;hängig vom Bildgan&shy;zen zuge&shy;ordnet werden könnte. Ein kleiner oran&shy;gerot ausge&shy;füllter Kreis kann – unter ande&shy;rem – als Nase eines Schnee&shy;manns dienen oder als unter&shy;gehen&shy;de Sonne. Flächig zusam&shy;menge&shy;schmolzen bilden diese Ele&shy;mente eine in sich abge&shy;schlosse&shy;ne morpho&shy;logi&shy;sche Einheit, die eine deutli&shy;che Ana&shy;logie zu den Ein-Wort-Sätzen einer poly&shy;synthe&shy;tischen Sprache aufweist. Da eine derar&shy;tige Verschmel&shy;zung von funktions&shy;modi&shy;fizie&shy;renden Kompo&shy;nenten in ein einzi&shy;ges Zeichen nicht von der Wort/Satz-Unter&shy;scheidung abhän&shy;gig ist, wie sie für Sprache (im enge&shy;ren Sinn) konsti&shy;tutiv ist, legt sich eine morpho&shy;logi&shy;sche Betrach&shy;tung der Bildsyntax nicht in gleicher Weise auf Grund&shy;ele&shy;mente und Kompo&shy;sitions&shy;regeln fest, die für bild&shy;gramma&shy;tische Ana&shy;lysen bislang den Erfolg verhin&shy;derten. Diese Idee wird im Artikel ⊳ [[Bildmorphologie|Bild&shy;morpho&shy;logie]] näher betrach&shy;tet.<ref>Ver&shy;glei&shy;che aber auch die Aus&shy;füh&shy;run&shy;gen in [[Bilderschrift und Piktogramm|Bil&shy;der&shy;schrift und Pik&shy;to&shy;gramm]].</ref>
  
 
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Aktuelle Version vom 15. Dezember 2019, 18:02 Uhr

Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht


Grammatik versus Morpho­logie

Da die Idee der Grammatik in Form der genera­tiven Syntax[1] im Bereich der Sprache sehr frucht­bar gewirkt hat, ist verschie­dentlich vorge­schlagen worden, ana­log die Bild­syntax mithil­fe einer Bildgram­matik zu studie­ren. Aller­dings blieb diesen Ansät­zen wenig Erfolg beschie­den, denn die kompo­sitio­nale Syntax inte­ressiert sich vor allem für syntak­tisch korrek­te Kompo­sitio­nen von Wörtern – als den ele­menta­ren Sprach­zeichen – zu Sätzen – als den komple­xen Sprach­zeichen. Ein über­zeugen­des pikto­riales Ana­logon zu Wörtern derart, dass Bilder als daraus gebil­dete “Sätze” zu verste­hen wären, ist bislang nicht vorge­schlagen worden. Mit der Morpho­logie ist aller­dings ein weite­rer Bereich der syntak­tischen Studien von Sprache gege­ben, der Wörter selbst als komple­xe Gebil­de unter­sucht:[2] Wie sollte die inne­re Struktur von Wörtern und das Verhält­nis verschie­dener gramma­tischer Formen eines Wortes bzw. die Rela­tionen zwischen verwand­ten Wörtern sinnvoll beschrie­ben werden? Auch hierbei wird in der Regel von einem gene­rati­ven Ansatz ausge­gangen, der sich aller­dings deutlich von den gramma­tischen Satz­struktu­ren unter­scheidet. Das liegt unter anderm daran, dass die morpho­logi­sche Ana­lyse nicht auf die Unter­scheidung zwischen Satz und Wort ange­wiesen ist. Anders gesagt: Während die gramma­tische Kompo­sitio­nali­tät nur für wort/satz­sprachlich orga­nisier­te Zeichen­syste­me Sinn macht, können morpho­logi­sche Betrach­tungen allge­meiner für belie­bige Zeichen­syste­me mit komple­xen Zeichen durchge­führt werden.[3]

Bildphilosophisch schließt sich daher die Frage an, ob die morpho­logi­sche Perspek­tive besser geeig­net ist als die gramma­tische, um bild­syntak­tische Zusam­menhän­ge zu erfas­sen. Ein genau­erer Blick auf die morpho­logi­schen Struktu­ren bei sprachli­chen Zeichen­syste­men im enge­ren Sinn (2) und auf damit zusam­menhän­gende Betrach­tungen zu allge­meinen Sprach­typen (3) ist zur Beant­wortung dieser Frage sinn­voll.


Sprache: Morpheme und morpho­logi­sche Ope­rato­ren

In morphologischen Analysen wird ein Wort als aus Segmen­ten zusam­menge­setzt verstan­den, die zur Bedeu­tung oder gramma­tischen Funktion des Wortes beitr­agen und ‘Morphe­me’ genannt werden.[4] Die Nachsil­be ‘-ed’ im Engli­schen etwa, die Vorsil­be ‘pré-’ im Franzö­sischen oder der Stamm ‘-wend-’ im Deutschen sind typi­sche Beispie­le von Morphe­men. Morpho­logi­sche Ele­mente werden vor allem durch die Substi­tutions­regel iden­tifi­ziert und zu Klassen zusam­menge­stellt: Beispiels­weise können eini­ge franzö­sische Wörter, die mit ‘pré-’ begin­nen, in ande­re franzö­sische Wörter transfor­miert werden, indem jeweils die Vorsil­be durch ‘re-’, ‘con-’, ‘de-’ etc. ersetzt wird.

Morpheme bestehen nicht notwendig aus einer ganz bestimm­ten Laut- bzw. Buchsta­benfol­ge. So kann etwa im Engli­schen das den Plural eines Substan­tivs anzei­gende Morphem in zwei Vari­anten, den so genannten Allo­morphen, erschei­nen: ‘-s’ oder ‘-es’.[5] Obwohl viele Morphe­me bedeu­tungsmo­difi­zierend wirken, müssen sie nicht unbe­dingt eine eige­ne Bedeu­tung haben: Die meisten Morphe­me sind nicht selbst auch Wörter. Morphe­me, die zugleich Wörter sind und daher eine eige­ne Bedeu­tung tragen, werden freie Morphe­me oder Lexe­me genannt; die ande­ren heißen gebun­den. Die seman­tische oder gramma­tische Funktion eines Morphems kann zudem vieldeu­tig sein und sich in verschie­denen Kompo­sitio­nen unter­schei­den (etwa das Morphem ‘-(e)s’ als Flexions­nachsil­be oder als Plural­nachsil­be im Engli­schen). Es sind vor allem die Stamm-Morphe­me, die eine Kernbe­deutung vermit­teln, welche durch morpho­logi­sche Ope­ratio­nen modi­fiziert werden kann.

Morphologische Operationen spielen eine zentra­le Rolle bei der Neubil­dung von Wörtern. Allge­mein können sie diffe­renziert werden in inter­ne Modi­fika­tionen, bei denen im Wesen­tlichen Vokal­wechsel erfol­gen (etwa engl. ‘come’ zu ‘came’), und exter­ne Modi­fika­tionen durch Anhän­gen so genann­ter Affi­xe – damit werden neben Vor- und Nachsil­ben (d.h. Prä- und Post­fixe) auch Circum­fixe (gleich­zeiti­ge Verwen­dung von Vor- und Nachsil­ben) und In­fixe (Einfü­gen einer Zwischen­silbe) zusam­menge­fasst – oder durch Kompo­sita-Bildung, die etwa im Deutschen für viele sponta­ne Wortneu­bildun­gen verant­wortlich ist (z.B. ‘Banken­schutzschirm’). Während inter­ne Modi­fika­tionen gewis­serma­ßen die “Farbe” eines Wortes austau­schen, verän­dern exter­ne Modi­fika­tionen seine Gestalt und Größe.

Am besten versteht man Morphe­me als Träger unge­sättig­ter Teilhand­lungen einer Gesamt­zeichen­handlung ohne unab­hängi­ge pragma­tische Funktion, die auf mehr oder weni­ger spezi­fische Weise die Bedeu­tung oder gramma­tische Funktion (und damit die Verwen­dungswei­se) des Wortgan­zen beein­flussen, selbst aber nicht als Zeichen­handlun­gen gelten können.[6]


Isolierende, polysynthe­tische, fusio­nieren­de und agglu­tinie­rende Sprach­syste­me

Formale Satzbildungsgrammatik und wortbil­dende morpho­logi­sche Zusam­menhän­ge sind zwei pola­re Orga­nisa­tionsprin­zipien, zwischen denen sich die verschie­denen (natür­lichen) Sprachen auf einer Skala einord­nen lassen. Stellt man die mittle­re Anzahl von Morphe­men, die in einer Sprache (oder allge­meiner einem wortsprach­lichen Zeichen­system) verwen­det werden, der hauptsäch­lichen Art des gramma­tischen Satzbaus gegen­über, so ordnen sich die natür­lichen Sprachen im Wesent­lichen entlang einer Diago­nalen:[7]

  Mittlere Anzahl von Morphemen pro Wort
analytisch synthetisch polysythetisch
"Gram-
mati-
kali-
tät"
isolierend Chinesisch
agglutinierend Englisch
Deutsch
fusionierend Athapaskisch

Sprachen, bei denen grammatische Satzstruk­turen den Aufbau domi­nieren, werden iso­lierende Sprachen genannt. Verzich­tet eine Sprache fast gänzlich auf gramma­tische Satzbil­dungsre­geln und stützt sich vor allem auf morpho­logi­sche Wortbil­dungsre­geln, so spricht man von fusio­nierenden Sprachen. Die Extre­me reichen also beispiels­weise von einer Kasus­bildung nur über Präpo­sitio­nen einer­seits bis zu einem am Wort selbst markier­ten Kasus­system mit deutlich mehr als vier Fällen ande­rerseits. Die meisten Sprachen bewe­gen sich zwischen diesen beiden Extre­men (hier als ‘agglu­tinie­rend’ bezeich­net).[8] Ande­rerseits werden Sprachen, deren Wörter im Mittel aus vielen Morphe­men beste­hen, als poly­synthe­tisch bezeich­net, während Sprachen, bei denen Wörter aus sehr weni­gen Morphe­men, oft nur einem einzi­gen Lexem gebil­det sind, iso­lierend heißen. Synthe­tische Sprachen nehmen dabei eine Mittel­stellung ein. Wie in der Tabelle ange­deutet, sind die menschli­chen Sprachen im Wesent­lichen entlang der Diago­nale zwischen ana­lytisch-iso­lieren­den Syste­men und poly­synthe­tisch-fusio­nieren­den ange­ordnet. Vergleicht man etwa Deutsch mit Englisch, so befin­den sich zwar beide eher im Mittel­feld, doch basiert Englisch auf kürze­ren Wörtern (eher iso­lierend), die in einer eher festen Satz­stellung gebraucht werden, während das Deutsche stärker zu Kompo­sita­bildun­gen neigt, in deutlich höhe­rem Maße auf Wortfle­xionen ange­wiesen ist (eher fusio­nierend), zugleich aber eine weitaus freie­re Wortstel­lung erlaubt.

In extrem analytisch-isolieren­den Sprachen, wie etwa Chine­sisch, werden Wörter, die aus nur sehr weni­gen Morphe­men beste­hen, niemals morpho­logisch verän­dert. Alle gramma­tischen Rela­tionen werden durch speziel­le Wörter ausge­drückt[9] oder durch die Posi­tion des Wortes im Satz bestimmt (etwa S-P-O). Sätze sind direk­te Gruppie­rungen von Wörtern, wobei für gewöhn­lich eine recht strikte Reihen­folge einzu­halten ist. Eine extrem poly­synthe­tisch-agglu­tinie­rende Sprache würde im Gegen­satz dazu nur aus Einwort-Sätzen beste­hen, wobei die Wörter aller­dings meist auf ausge­sprochen viele Morphe­me zurück­gehen, die mitein­ander verschmol­zen sind, um die vollstän­dige Bedeutung entspre­chend zu modi­fizie­ren. Viele Sprachen der ame­rika­nischen Urein­wohner, wie etwa Náhuatl, nähern sich diesem Extrem stark an.[10]

Beispielsweise kann die morpho­logi­sche Struktur des Einwort-Satzes ‘matgībulhahumš’ im ägyp­tischen Ara­bisch wörtlich unge­fähr über­setzt werden zu ‹nicht -Ihr-solltet-bringen-ihr-sie-Ding› (d.h.: ‘Ihr solltet sie nicht zu ihr bringen’). Das Wort besteht aus den beiden Circum­flexen ‘ma...š’ (‹nicht … Ding›, Nega­tion) und ‘t(i)...u’ (Marker für Imper­fekt der zweiten Person Plural im jussi­ven Modus: etwa ‹Ihr solltet tun›), den beiden Morphe­men ‘l(ī)ha’ (Dativ der dritten Person Singu­lar femi­nin: ‹ihr›), ‘hum’ (Akkusa­tiv der dritte Person Plural ‹sie›), sowie, als Stamm, ein intern modi­fizier­tes Lexem ‘gīb’, das die imper­fekti­ve Form von ‘gāb’ darstellt und im Deutschen dem Stamm von ‘bringen’ entspricht:

m a t g ī b u l h a h u m š
(gāb)
gīb
t(i) u
l(ī)ha
hum
ma . . . š

All diese morphologischen Elemente sind in ein einzi­ges Wort amal­gamiert, das als Satz verwen­det wird. Das Schema einer solch komple­xen Kombi­nation durch Verschmel­zung von Morphe­men mit parti­ellen Phonem-Auslas­sungen zusam­men mit der Verwen­dung umschlie­ßender und einfü­gender Affi­xe kann in der Tat die Vorstel­lung bildsyn­takti­scher Struktu­ren viel eher evo­zieren, als das Schema forma­ler Gramma­tiken.


Übertragung auf Bilder

Offensichtlich sind die geo­metri­schen Ele­mente eines Bild­trägers und ihre rela­tive Anord­nung entschei­dend für Bedeu­tung und pragma­tische Funktion eines Bildes, ohne dass ihnen doch jeweils eine klar umris­sene eige­ne Bedeu­tung unab­hängig vom Bildgan­zen zuge­ordnet werden könnte. Ein kleiner oran­gerot ausge­füllter Kreis kann – unter ande­rem – als Nase eines Schnee­manns dienen oder als unter­gehen­de Sonne. Flächig zusam­menge­schmolzen bilden diese Ele­mente eine in sich abge­schlosse­ne morpho­logi­sche Einheit, die eine deutli­che Ana­logie zu den Ein-Wort-Sätzen einer poly­synthe­tischen Sprache aufweist. Da eine derar­tige Verschmel­zung von funktions­modi­fizie­renden Kompo­nenten in ein einzi­ges Zeichen nicht von der Wort/Satz-Unter­scheidung abhän­gig ist, wie sie für Sprache (im enge­ren Sinn) konsti­tutiv ist, legt sich eine morpho­logi­sche Betrach­tung der Bildsyntax nicht in gleicher Weise auf Grund­ele­mente und Kompo­sitions­regeln fest, die für bild­gramma­tische Ana­lysen bislang den Erfolg verhin­derten. Diese Idee wird im Artikel ⊳ Bild­morpho­logie näher betrach­tet.[11]

Anmerkungen
  1. Vgl. hier­zu Wi­ki­pe­dia: Ge­ne­ra­ti­ve Gram­ma­tik.
  2. Ob­wohl die Be­zeich­nung ‘Mor­pho­lo­gie’ be­reits 1859 von Au­gust Schlei­cher (un­ter dem Ein­fluss von Goe­thes mor­pho­lo­gi­scher The­o­rie des Pflan­zen­wachs­tums) in die Sprach­for­schung ein­ge­führt wor­den ist, wur­de ei­ne spe­zi­fisch mor­pho­lo­gi­sche Un­ter­su­chung von Wör­tern – im Ge­gen­satz zu den syn­tak­to-gram­ma­ti­schen Stu­di­en über den Satz­bau und un­ab­hän­gig von der Pho­no­lo­gie – erst ab den 1970er Jah­ren vor­an­ge­trie­ben; [Schlei­cher 1859a]Schleicher, August (1859).
    Zur Morphologie der Sprache. In Mémoires de l'académdie impériale des sciences de St. Pétersbourg, 1?, 7, 1-38.

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    ; vgl. auch Wi­ki­pe­dia: Mor­pho­lo­gie (Spra­che).
  3. Mit an­de­ren Wor­ten: In der “Mik­ro­struk­tur” der ein­zel­nen Wör­ter von wort/satz­sprach­lich or­ga­ni­sier­ten Zei­chen­sys­te­men spie­gelt sich ei­ne ge­gen­über der “ma­kro­struk­tu­rel­len” Zu­sam­men­stel­lung von Wör­tern zu Sät­zen äl­te­re Form der se­mi­o­ti­schen Kom­po­si­ti­on struk­tu­rier­ter Zei­chen­trä­ger.
  4. Der Aus­druck ‘Mor­phem’ ist um 1881 von B. de Cour­te­nay vor­ge­schla­gen und von L. Bloom­field wei­ter aus­ge­ar­bei­tet wor­den; [Bloom­field 1933a]Bloomfield, Leonard (1933).
    Language. New York: Henry Holt and Co.

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    ; Vgl. auch Wi­ki­pe­dia: Mor­phem.
  5. Pho­ne­tisch er­ge­ben sich je nach be­trach­te­tem Sub­stan­tiv so­gar noch mehr Al­lo­mor­phe, da ‘-s’ bzw. ‘-es’ kon­text­ab­hän­gig stimm­haft oder stimm­los aus­ge­spro­chen wer­den kön­nen.
  6. Die­se Ein­schrän­kung un­ter­schei­det sie et­wa von Prä­di­ka­ti­on und No­mi­na­ti­on, die tat­säch­lich un­ge­sät­ti­gte Teil­zei­chen­hand­lun­gen sind und je­weils sehr spe­zi­fi­sche prag­ma­ti­sche Funk­ti­o­nen tra­gen.
  7. Die­se Be­ob­ach­tung geht letzt­lich auf W. v. Hum­bold und A. W. v. Schle­gel zu­rück. Vgl. auch [Haa­se 2007a]Haase, Martin (2007).
    Sprachtypologie: Eine Einführung in die Erforschung der Vielfalt der Sprachen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

      Eintrag in Sammlung zeigen
    und [Leh­mann on­line]Lehmann, Christian (2012/13).
    Sprachtypologie und Universalienforschung..

      Eintrag in Sammlung zeigen
    , so­wie Wi­ki­pe­dia: Sprach­ty­po­lo­gie.
  8. Dies ist ei­ne et­was ver­ein­fach­te Dar­stel­lung: Der iso­lie­ren­de Sprach­ty­pus ist da­durch cha­rak­te­ri­siert, dass gram­ma­ti­sche Funk­ti­o­nen je­weils in Wör­tern se­pa­riert, der ag­glu­ti­nie­ren­de, dass sie je­weils über Mor­phe­me an Wort­stäm­me “an­ge­klebt” wer­den. Beim fu­si­o­nie­ren­den Sprach­ty­pus ver­schmel­zen schließ­lich so­gar ver­schie­de­ne gram­ma­ti­sche Funk­ti­o­nen in ei­nem Mor­phem, so dass sehr kom­ple­xe gram­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen in ei­nem ein­zel­nen Wort aus­ge­drückt wer­den. In den meis­ten na­tür­li­chen Spra­chen wer­den al­le drei Ty­pen ne­ben­ein­an­der in je­weils cha­rak­te­ris­ti­schem Ma­ße ver­wen­det. Als wei­te­re Ei­gen­schaft müss­te ei­gent­lich noch die Fle­xi­bi­li­tät der Wort­stel­lung be­rück­sich­tigt wer­den. Die bei­de Di­men­si­o­nen sind nicht völ­lig un­ab­hän­gig von­ein­an­der und in der Ta­bel­le un­ter ‘Gram­ma­ti­ka­li­tät’ zu­sam­men­gefasst.
  9. Da­zu zäh­len z.B. das An­hän­gen des Wor­tes ‘men’ (们) zur Plu­ral­bil­dung, Wort­ver­dopp­lung als Stei­ge­rungs­form (‘gut’: 好, ‘bes­ser’: 好好), Ver­wen­dung von Fra­ge­par­ti­keln (‘ma’ - 吗) oder Ver­gan­gen­heits­par­ti­keln (‘le’ - 了).
  10. Un­ter an­de­rem we­gen die­ser Ei­gen­art wur­de im Zwei­ten Welt­krieg Na­va­ho als un­brech­ba­rer Ge­heim­code ein­ge­setzt.
  11. Ver­glei­che aber auch die Aus­füh­run­gen in Bil­der­schrift und Pik­to­gramm.
Literatur                             [Sammlung]

[Bloom­field 1933a]: Bloomfield, Leonard (1933). Language. New York: Henry Holt and Co.

[Haa­se 2007a]: Haase, Martin (2007). Sprachtypologie: Eine Einführung in die Erforschung der Vielfalt der Sprachen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. [Leh­mann on­line]: Lehmann, Christian (2012/13). Sprachtypologie und Universalienforschung.
online Hypertext.
link: www.christianlehmann.eu/ling/typ/index.html.
[Schlei­cher 1859a]: Schleicher, August (1859). Zur Morphologie der Sprache. Mémoires de l'académdie impériale des sciences de St. Pétersbourg, Band: 1?, Nummer: 7, S. 1-38.


Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [28], Klaus Sachs-Hombach [5] und Emilia Didier [1] — (Hinweis)

Zitierhinweis:

[Schirra 2013g-t]Literaturangabe fehlt.
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[Schirra 2013g-t]:
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