Prädikation

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
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Prädikation als ungesättigte Teilhandlung der Proposition

Die Prädikation bildet neben der Nomination die zweite zentrale Teilzeichenhandlung des Sachbezugs der Aussagen. Prädikation ist die Teilhandlung, mit der mitgeteilt oder vorgeschlagen wird, dass eine gemeinsame Unterscheidungsgewohnheit jetzt relevant und auf die Gegenstände anwendbar sei, die durch die Nominationen der Propositionen aus dem – den beteiligten Kommunikationspartnern gemeinsamen – Diskursuniversum herausgegriffen werden. Es wird mithin Bezug genommen auf eine Art abstrakten Maßstab für die betrachtete Unterscheidungsdimension, der traditionell ein Begriff genannt wird. Damit soll – im Gegensatz zur Nomination – zudem etwas mitgeteilt werden, das dem Gegenüber noch nicht bekannt war (cf. [Kamlah & Lorenzen 1973a]: § 2, sowie [Gerhardus et al. 1975a]: S. 25).

Da die nominatorische Verwendungsweise von Bildern sehr problematisch bleibt, während zugleich eine Gleichsetzung mit Propositionen der fehlenden funktionalen Binnengliederung wegen als wenig überzeugend gilt, gehen viele Bildwissenschaftler davon aus, dass Bildverwendungen grundlegend als Prädikationen zu deuten seien (vgl. [Goodman 1968a] oder [Sachs-Hombach 2003a]).


Arten und Voraussetzungen der Prädikation

Prädikationen können einfache Unterscheidungsgewohnheiten, d.h. nur jeweils einen einzigen Begriff, ins Spiel bringen oder komplexe Unterscheidungsgewohnheiten, die sich aus mehreren Begriffen zusammensetzen: ‹... ist rot› vs. ‹... ist rot und grün gestreift mit gelben, violett gerahmten Pünktchen›. Zudem werden die in diesen Beispielen vorliegenden einstelligen prädikativen Prädikationen unterschieden von den mehrstelligen relationalen Prädikationen, wie etwa: ‹... verhandelt mit ... über ...›. Da mit einer Unterscheidungspraxis zwei Fälle differenziert werden, kommen Prädikationen immer paarweise vor: etwa ‹... ist rot› und ‹... ist nicht rot› (bzw. ‹... ist unrot›). Die Beziehung zwischen den beiden Aspekten der betrachteten Unterscheidung wird interne Negation genannt.[1]

Voraussetzung für erfolgreiche Ausführungen von Prädikationen ist offensichtlich, dass die beteiligten Kommunikationspartner (a) über dieselben Begriffe verfügen und (b) die gleiche Assoziation zwischen ihren Begriffen und entsprechenden sprachlichen Ausdrücken verwenden.

Begriffe, begriffliche Argumente und logisches Schließen

Werden Begriffe im Sinne Wittgensteins verstanden als gemeinsame, kommunikativ ausgehandelte oder zumindest kommunikativ aushandelbare Unterscheidungsgewohnheiten, dann ergibt sich, dass sie als abstrakte Aspekte bestimmter kommunikativer Handlungen, genauer gesagt: aller diesen Begriff erläuternden Handlungen, verstanden werden müssen.[2] Ihre Funktion ist es insbesondere, als Bezugspunkte zur (interindividuellen) Überprüfung der Geltung prädikativer Sätze zu dienen. Wer über den Begriff »X« verfügt, der sollte also nicht nur Instanzen von X von Dingen (im weiten Sinn) unterscheiden können, die keine Instanzen von X sind; er sollte zudem erklären können, was diesen Unterschied eigentlich ausmacht; und er sollte beurteilen können, wann jemand einen entsprechenden klassifizierenden Ausdruck richtig verwendet hat (vgl. [Ros 1999a]).

Um zu überprüfen, ob sie denselben Begriff meinen, müssen zwei Kommunikationspartner sich daher ihren jeweiligen begrifflichen Erläuterungen zuwenden. Die begrifflichen Argumentationen, die sie zu diesem Zweck führen, basieren im Wesentlichen (i) auf singulären intensionalen Propositionen, mit denen den jeweiligen Begriffen als abstrakten Entitäten bestimmte Eigenschaften zu oder abgesprochen bzw. durch die mehrere Begriffe miteinander in gewisse Relationen gesetzt werden, oder aber (ii) auf extensionalen generellen Aussagen über alle Gegenstände, die unter die jeweiligen Begriffe fallen und deren notwendigen Eigenschaften oder Relationen. Beide Formen sind äquivalent, wobei man sich allerdings klarmachen sollte, dass in der extensionalen Form tatsächlich nicht Behauptungen über die Gegenstände, sondern Vorschläge für die gemeinsame Praxis des Redens über diese (Art von) Gegenstände(n) zum Ausdruck kommen.[3]

Prädikation und Kennzeichnung

Prädikationen werden offensichtlich mit Ausdrücken vollzogen, die Unterscheidungen kommunizieren können. Umgekehrt werden aber unterscheidende Ausdrücke nicht nur zu Prädikationen verwendet. Insbesondere mit Kennzeichnungen liegt eine Art von Nomination vor, für die unterscheidende Ausdrücke außerhalb der prädikativen Nutzung eine zentrale Rolle spielen. Tatsächlich zeigt sich hierin die enge Verquickung zwischen Nomination – als der Verankerung im bereits Bekannten – und Prädikation – als Aspekt des Neuen, noch nicht gemeinsam Bekannten –, der für Propositionen charakteristisch ist: Kennzeichnungen greifen zur Identifikation von Gegenständen die Unterscheidungen auf, die irgendwann zuvor durch eine entsprechende Prädikation gemeinsam etabliert worden sind.[4] Dieses mehrere Propositionen übergreifende Wechselspiel von Prädikation und kennzeichnender Nomination ist eine wesentliche Bedingung für die Möglichkeit, Aussagen zu zusammenhängenden Texten zu verflechten.

Bilder als Prädikation?

Mit dem Begriff des Exemplifizierens hat Nelson Goodman die Grundlage der meisten Prädikationstheorien des Bildes gelegt. Bei einer Exemplifikation funktioniert ein Zeichen als ein Muster, mit dem eine Unterscheidungsgewohnheit – genauer: ein Begriff – durch eine Instanz, die unter diese Unterscheidung fällt, ins kommunikative Feld geführt wird. Das passiert bei Bildern insbesondere hinsichtlich Farbunterscheidungen, Formbegriffen und Begriffen für relative räumliche Anordnungen. Eine Bildpräsentation kann daher als eine entsprechende Prädikation verstanden werden.

Offensichtlich muss es sich in der Regel um ziemlich komplexe Prädikationen handeln, denn monochrome Bilder, Bilder mit zwei oder drei Farbflächen, die in einem einfachen Anordnungsverhältnis stehen oder Bilder mit einem einzigen einfachen geometrischen Gegenstand machen nur einen sehr geringen und eher untergeordneten Teil aller möglichen Bilder aus. Die Mehrzahl insbesondere der darstellenden Bilder, deren Inhalt im Wesentlichen aus räumlichen Anordnungen (mehr oder weniger) materieller Körper besteht, bringen die recht komplexe Prädikation, mit der diese spezielle Art der räumlichen Anordnung genau dieser Art von materiellen Gegenständen von anderen Anordnungen der gleichen oder anderer Arten von Gegenständen unterscheidet, ins Spiel.

Die prädikative Theorie der Bildverwendung in der von [Sachs-Hombach 2003a] skizzierten Fassung geht ebenfalls davon aus, dass durch einen Gegenstand, um überhaupt als Bild verwendet werden zu können, beim Gegenüber (oder bei einem selber in der Rolle eines anderen) ein Begriff in den Fokus der Aufmerksamkeit gebracht wird, indem einige charakteristische Eigenschaften dessen, was unter diesen Begriff fällt, exemplarisch “vor Augen geführt” werden – sofern jene Eigenschaften im jeweiligen Zusammenhang als wichtig erachtet werden. Dass der Begriff in den Fokus der Aufmerksamkeit gebracht wird habe dabei primär die Funktion, den Adressaten in die Lage zu versetzen, die dadurch bestimmte Unterscheidungsgewohnheit zu einer vollen Proposition ergänzen zu können. Das Bild soll also als Muster für die betrachtete Unterscheidungsgewohnheit – etwa »rot (sein)« – wirken, mit dessen Hilfe weitere Einzelgegen­stände hinsichtlich dieser Unterscheidungsdimension beurteilt werden können.

Abbildung 1: Gegenstand „... sieht so (!) aus“

Die Standardfunktion der Präsentation eines Photos, wie des gezeigten Beispielbildes (Abb. 1), müsste dann prädikatorisch folgendermaßen verstanden werden: „... sieht so (!) aus“, wobei das Photo eine sehr komplizierte visuelle Unterscheidungsgewohnheit anspricht, die verbal durch die deiktische Partikel ‘so’ als (Teil der) Prädikation eingebunden wird (das ‘!’ markiere die Zeigegeste). Diese tatsächlich aus vielen Begriffen zusammengesetzte Unterscheidungsgewohnheit mag in einem zweiten Schritt auf einzelne Komponenten eingeschränkt werden, durch die momentane visuelle Erscheinungsweisen räumlich-materieller Gegenstände voneinander unterschieden werden. In einem dritten Schritt kann dann das Teil für das Ganze genommen werden: Das Beispielbild vermittelt dann etwa die Prädikation ‹... ist eine Hängebrücke›.

Piktoriale Nominationen als abgeleitete Verwendungsweise

Abgeleitet von der grundlegend prädikatorischen Verwendungsweise kann, nach Sachs-Hombach, ferner der Begriff selbst als Thema eingeführt und somit eine Verständigung über das Muster als solches angeregt werden (analog einer möglichen Verwendung eines generellen Terminus in nominativem Gebrauch: ‚das Rote an sich’): ‚das so (!) Aussehen an sich’ bzw. ‚der Begriff des so (!) Aussehens’ oder auch ‚der Begriff der Hängebrücke’.

Andererseits könne die Aufmerksamkeit auch auf eine bestimmte Instanz des Begriffs (analog einer deiktischen Kennzeichnung ‚diese rote Hängebrücke’) gerichtet werden, über die (mit einer anderen, etwa sprachlichen Prädikation) etwas Weiteres mitgeteilt werde (‚... wurde 1937 eingeweiht.’). In beiden Fällen ist das exemplarische Einführen einer bestimmten komplexen visuellen Unterscheidungsfähigkeit Voraussetzung, ohne die die nominatorischen Verwendungsweisen nicht möglich wären.

Probleme der Prädikationstheorie des Bildes

Der prädikativen Bildtheorie zufolge sind Bilder in kommunikativer Hinsicht prinzipiell „ungesättigt“. Sie liefern Prädikate, die ergänzt werden müssen und dann auf komplexerer Ebene eine prädikative oder nominatorische Funktion übernehmen können. Dass uns die kommunikative Unvollständigkeit der Verwendung von Bildern in der Regel nicht auffällt sei darin begründet, dass wir zahlreiche Konventionen herausgebildet haben, die in verschiedenen Zusammenhängen eine entsprechende Ergänzung nahe legen und auf diese Weise mehr oder weniger automatisch ergänzt würden.

Problematisch erscheint an der prädikativen Bildtheorie vor allem, dass in der Bildverwendung Begriffe exemplarisch, also über eine entsprechende unter den jeweiligen Begriff fallende Instanz mitgeteilt werden sollen. Das gilt insbesondere für die als zentral geltenden Darstellungen raumzeitlicher materieller Gegenstände mit ihren charakteristischen Individuationskriterien. Um den Begriff zu erhalten, der der entsprechenden Prädikation zugrunde liegt, muss demnach ein zugehöriges unter den Begriff fallendes Individuum zunächst vorhanden sein, um dann damit auf den Begriff aufmerksam zu machen. Diese Funktion, Gegenstände zumindest in gewisser Weise zur Verfügung zu stellen – die Kontextbildung – wäre demnach vorrangig vor der Funktion der Prädikation, die durch sie erst ermöglicht wird (vgl. [Schirra 2006a]).

Prädikation, Prädikator, Prädikat und genereller Terminus

Die sprachlichen Ausdrücke, mit deren Hilfe eine Prädikation vollzogen wird, werden ‘Prädikatoren’ genannt.[5] Als Pendant zur Bezeichnung ‘singuläre Termini’ für Nominatoren werden Prädikatoren einer älteren Tradition folgend auch als ‘generelle Termini’ bezeichnet. Linguistisch sind die Prädikatoren im allgemeinen durch die Verben (in einem weiten Sinn) zusammen mit den indefiniten Nominalphrasen der betrachteten Sätze und den damit gebildeten Präpositionalphrasen (sofern jene nicht als Satzadverbien wirken) gegeben.

Der Ausdruck ‘Prädikat’ wird manchmal synonym mit Prädikator oder Prädikation verwendet, was aber seiner diversen weiteren Bedeutungen wegen nicht sehr glücklich ist. Oft bezeichnet ‘Prädikat’ auch, als grammatischer Begriff, die unterscheidenden Ausdrücke, unabhängig davon, ob sie prädikatorisch genutzt werden oder als Teil einer Nomination in einer Kennzeichnung auftreten.

Anmerkungen
  1. Die interne Negation ist nicht identisch mit der externen Negation, einem Operator zwischen Propositionen, wie in der Aussagenlogik betrachtet.
  2. Die alternative Betrachtungsweise der bewusstseinstheoretischen Philosophie des 17. bis 19. Jhd.s, dass Begriffe mentale Gebilde seien, deren Existenz ihrer kommunikativ-sprachlichen Nutzung als Bedeutung von Prädikaten vorausgeht, führt, wie etwa Wittgenstein im Tractatus [Wittgenstein 1922a] gezeigt hat, zu gravierenden Aporien.
  3. Andernfalls verwechselte man Objekt- und Beobachterebene. Vgl. auch Exkurs:Beispiele begrifflicher Aussagen.
  4. Oder: Etabliert worden sein könnten. – Das gilt etwa für direkt wahrgenommene Unterscheidungen zur Identifikation von Gegenständen.
  5. Eingeführt wurde die Bezeichnung ‘Prädikator’ von Carnap ([Carnap 1947a] zweite Auflage; S. 6). Siehe auch Wikipedia: Prädikator.
Literatur                             [Sammlung]

[Carnap 1947a]: Carnap, Rudolf (1947). Meaning and Necessity: A Study in Semantics and Modal Logic. Chicago, IL: Univ. Press.

[Gerhardus et al. 1975a]: Gerhar­dus, Diet­fried; Kledzik, Silke M. & Reitzig, Gerd H. (1975). Schlüs­si­ges Argu­mentie­ren – Logisch-propä­deuti­sches Lehr- und Arbeits­buch. Göttin­gen: Vanden­hoeck & Ruprecht. [Goodman 1968a]: Goodman, Nelson (1968). Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976. [Kamlah & Lorenzen 1973a]: Kamlah, Wilhelm & Loren­zen, Paul (1973). Lo­gi­sche Pro­pä­deutik. Vor­schu­le des ver­nünf­tigen Redens. München: BI Wis­sen­schafts­ver­lag. [Ros 1999a]: Ros, Arno (1999). Was ist Philo­sophie?. In: Raatzsch, R. (Hg.): Philo­sophie­ren über Philo­sophie. Leipzig: Leipzi­ger Uni­versi­tätsver­lag, S. 36–58. [Sachs-Hombach 2003a]: Sachs-​Hom­bach, Klaus (2003). Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Köln: Halem. [Schirra 2006a]: Schirra, Jörg R.J. (2006). Begriffs­gene­tische Betrach­tungen in der Bildwis­senschaft: Fünf Thesen. In: Sachs-Hom­bach, K. (Hg.): Bild und Medium. Kunstge­schichtli­che und philo­sophi­sche Grundla­gen der inter­diszi­plinä­ren Bildwis­senschaft. Köln: Halem, S. 197-215. [Wittgenstein 1922a]: Wittgen­stein, Ludwig (1922). Trac­tatus Logi­co-Philo­sophi­cus. London: Kegan Paul.


Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

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Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [44], Klaus Sachs-Hombach [4] und Emilia Didier [1] — (Hinweis)