Psychoanalytische Theorien des Bildes

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Unterpunkt zu: Bildtheoretische Ansätze


Allgemeine Charakteris­tika psycho­ana­lyti­scher Bild­theorie

Im Gegensatz zu den Kunstwissen­schaften, die über umfang­reiche und gut doku­mentier­te psycho­ana­lytisch orien­tierte Theorie­tradi­tionen verfü­gen, stellen psycho­ana­lyti­sche Ansät­ze inner­halb der allge­meinen Bild­theorie bisher ein Forschungs­desi­derat im Spannungs­feld phäno­meno­logi­scher, femi­nisti­scher sowie post­struktu­ralis­tischer Zugänge dar. Als ‘psycho­ana­lytisch’ wird eine Bild­theorie zumeist dann charak­teri­siert, wenn sie sich unter Rückgriff auf klassi­sche psycho­ana­lyti­sche sowie ideo­logie- und diskurs­kriti­sche Theorie­ansät­ze mit den Blickver­hältnis­sen und Blickre­gimen beschäf­tigt, die sich in Bildern als Sympto­me eines vorgän­gigen Weltver­hältnis­ses mani­festie­ren. Dies schließt die sozi­ale Konsti­tution von Sichtbar­keit und Bildlich­keit eben­so ein wie das Verhält­nis von Wahrneh­mung und Affekt im Sinne einer Affekt­öko­nomie des Bildli­chen. Die für psycho­ana­lyti­sche Ansät­ze grundle­gende Denkfi­gur lautet: Bilder werden als Mani­festa­tionen laten­ter Sinnge­halte oder Welt-/​Macht-/​Seinsver­hältnis­se verstanden (Traum­ana­logie).

Die Psychoanalyse ist eine Mytho­graphie des Selbst, die das Unbe­wusste als einen Code bestimmt, der entschlüs­selt werden muss, um zum eigent­lichen Sinnge­halt durchzu­dringen. Die psycho­ana­lyti­sche Metho­de ist dabei zutiefst von der herme­neuti­schen Tradi­tion geprägt, die im zwanzig­sten Jahrhun­dert wiede­rum durch die Psycho­ana­lyse entschei­dende Impul­se erhal­ten hat (vgl. [Ricoeur 1974a]Ricœur, Paul (1974).
Die Inter­preta­tion. Ein Versuch über Freud. Frank­furt/M.: Suhr­kamp.

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). Dieser Umstand trug während dieses Zeitab­schnitts eben­so zur enor­men Wirkung des psycho­ana­lyti­schen Denkens wie zu dessen “Nieder­gang” bei. Die Gründe für die verhält­nismä­ßig gerin­ge Sichtbar­keit psycho­ana­lyti­scher Ansät­ze inner­halb der heuti­gen bildwis­senschaft­lichen Forschung sind eben hierin zu suchen, denn als zutiefst herme­neutisch gepräg­te Metho­de und Theorie wider­spricht die Psycho­ana­lyse – welcher die Tendenz zuge­schrieben wird, die Phäno­mene stets als Sympto­me eines tiefer liegen­den, “eigent­lichen” Sinnge­halts zu beschrei­ben – medien­theore­tischen, phäno­meno­logi­schen, kogni­tionsthe­oreti­schen und/​oder poststruk­tura­listi­schen Prämis­sen bild­wissen­schaftli­cher Theorie­bildung zu Beginn des 21. Jahrhun­derts. Einer­seits scheint die Psycho­ana­lyse aufgrund ihres starken Fokus auf tiefen­herme­neuti­sche Aspek­te weitge­hend diskre­ditiert, ande­rerseits erfreu­en sich Ansät­ze vor allem Lacan’scher Prove­nienz konstan­ter Popu­lari­tät. Dieser Umstand spiegelt jene Bandbrei­te psycho­ana­lyti­scher Theorie­bildung wider, die bereits bei Freud ange­legt ist und die seitdem stetig erwei­tert wurde und wird.


Kernelemente psychoanalytischer Bild­theorie

Freud

Eine via regia zur Entschlüsselung unbe­wussten Sinns ist der Traum – oder genauer: die Traumar­beit, die von Sigmund Freud in dessen Traumdeu­tung (vgl.[Freud 1900a]Freud, Sigmund (1991).
Die Traum­deutung. Leipzig, Wien: Franz Deu­ticke.

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) als ein Prozess darge­stellt wird, der sprachlich und propo­sitio­nal verfass­te „Traumge­danken“ in „Traum­bilder“ über­setzt. Diese Umfor­mung ist notwen­dig, da – Freuds Modell des psychi­schen Appa­rats zufol­ge – eine inner­psychi­sche Zensur den eigent­lichen Gehalt des Traumge­dankens nicht direkt, sondern nur in verschlüs­selter Form zugäng­lich machen kann (vgl. [Freud 1915a]Freud, Sigmund (1975).
Die meta­psycho­logi­schen Schriften von 1915.
In Psycho­logie des Unbe­wußten. Studien­ausga­be Band III, 69-213.

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, [Freud 1900a]Freud, Sigmund (1991).
Die Traum­deutung. Leipzig, Wien: Franz Deu­ticke.

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). Diese verschlüs­selte Form ist dann zum Beispiel das Traumbild (ande­re Formen sind Witz, Verspre­cher und ande­re „Psycho­patho­logien des Alltags“ sowie die patho­logi­schen Zustän­de – Neuro­se, Psycho­se etc. –, die als solche laut Freud nur Zerrbil­der des psychi­schen Appa­rats in seinem “Normal­zustand” sind) und aus diesem Grund gibt es bereits in der Traumdeu­tung eine ausge­arbei­tete Bildtheo­rie, die darzu­stellen versucht, wie aus Traumge­danken (die für Freud gene­rell sprachlich verfasst sind) Bilder entste­hen. In zentra­len Kapi­teln der Traumdeu­tung wird daher beschrie­ben, wie die Traumar­beit mittels „Verdich­tung“ und „Verschie­bung“ ihre bildli­chen Gehal­te erzeugt und unter „Rücksicht auf Darstell­barkeit“ insze­niert (vgl. [Freud 1900a]Freud, Sigmund (1991).
Die Traum­deutung. Leipzig, Wien: Franz Deu­ticke.

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: S. 285ff., S. 309ff., S. 341ff.). Traumbil­der weisen eine hohe „Verdich­tungsquo­te“ auf, die laut Freud als solche „unbe­stimmbar“ sei (vgl. ebd.: S. 285).

Für Freud sind Träume eine in der Ordnung des Visu­ellen arbe­itende Auffüh­rungspra­xis des Unbe­wussten, in der es um „Verbild­lichung des abstrak­ten Gedan­kens“ (ebd.: S. 344) gehe. Zu diesem Zweck bedie­ne sich die Traumar­beit eines ganzen Arse­nals von Möglich­keiten, aus logi­schen Bezie­hungen Bilder zu model­lieren, die dann durch Entstel­lung, Verdich­tung und Verschie­bung für das „phantas­tische Geprä­ge“ (ebd.: S. 327) des Traums verant­wortlich seien. Logi­sche Verhält­nisse wie „Kausal­bezie­hung“, „Entwe­der-​Oder“ oder „Nachein­ander“ würden in der Traum­arbeit zu bestimm­ten Bildkon­stella­tionen verdich­tet, die dann die „Traumre­quisi­ten“ (ebd.: S. 339) bereit­stellten oder auch sich der Ausfor­mung ins Bildli­che verwei­gerten, sodass der Traum diesen Miss­stand durch weite­re Entstel­lung und Verschie­bung umge­hen müsse, um zur Darstel­lung zu gelan­gen. Bildtheo­retisch rele­vant bleibt auch Freuds Antwort auf die Frage, warum der Traumge­danke über­haupt der Bilder bedarf, um “zur Sprache” zu kommen. Dabei zeigt sich, dass es hier vor allem um Proble­me der Effi­zienz geht, also das Unbe­wusste die Tendenz zu haben scheint, große Poly­semie auf kleinsten Raum zu proji­zieren. Bilder scheinen zu diesem Zwecke ein geeig­nete­res Medium zu sein als Sprache:

Das Bildliche ist für den Traum darstel­lungsfä­hig, lässt sich in eine Situ­ation einfü­gen, wo der abstrak­te Ausdruck der Traumdar­stellung ähnli­che Schwierig­keiten berei­ten würde wie ein poli­tischer Leitartikel einer Zeitung der Illus­tration“ (ebd.: S. 342).

Das Bildliche ist gegenüber dem Begriff­lichen „anknüp­fungsrei­cher“ (ebd.: S. 343) und kommt damit Zensur und Verdich­tung entge­gen.

Neben jener impliziten Bildtheorie, die Bestand­teil der Traumdeu­tung ist, hat sich Freud zu verschie­denen Zeiten auch mit Bildnis­sen aus der Kunstge­schichte befasst. Hervor­zuhe­ben sind hier vor allem die Studien «Eine Kindheits­erin­nerung des Leonar­do Da Vinci» (vgl. [Freud 1910a]Freud, Sigmund (2001).
Eine Kind­heits­erin­nerung des Leonar­do da Vinci.
In Bilden­de Kunst und Lite­ratur. Studien­ausga­be Bd. X, 87-​161.

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) und «Der Moses des Michel­ange­lo» (vgl. [Freud 1914a]Freud, Sigmund (2001).
Der Moses des Michel­ange­lo.
In Bilden­de Kunst und Lite­ratur. Stu­dien­ausga­be Bd. X, 195-​223.

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). Von hier aus lassen sich zwei verschie­dene Zugangs­weisen einer psycho­ana­lyti­schen Bild­theorie im Anschluss an Freud rekon­struie­ren: Die an der Biogra­phie des Künstlers orien­tierte und von Freud soge­nannte Patho­graphie (Leonar­do-​Studie) und eine am Werk selbst ausge­richte­te Form­ana­lyse, welche vor dem Hinter­grund der Sichtbar­keit und Mate­riali­tät des jewei­ligen Bildnis­ses Rück­schlüsse auf Affekt­öko­nomie, Inten­tion und ästhe­tische Erfah­rung gewäh­ren soll (Moses-​Aufsatz).

Lacan

Jacques Lacan ist für jene Erneu­erung der Psycho­ana­lyse verant­wortlich, die im Zeichen struktu­ralis­tischer und post-​struktu­ralis­tischer Theorie bis heute von zentra­ler Bedeu­tung für die meisten film­wissen­schaftli­chen, kunst­histo­rischen und bild­theore­tischen Zugän­ge psycho­ana­lyti­scher Prove­nienz geblie­ben ist. Ihr Einfluss reicht von Louis Althus­sers Imple­mentie­rung psycho­ana­lyti­scher Theorie in eine marxis­tisch-​struktu­ralis­tische Metho­dik, die in Marx’ eige­ner Inter­preta­tionspra­xis eine Form von „sympto­mati­scher Lektü­re“ aufzu­zeigen versucht (vgl. [Althus­ser & Bali­bar 1972a]Althusser, Louis & Bali­bar, Etienne (1972).
Das Kapi­tal lesen. Reinbek: Rowohlt.

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), über die für die Film­wissen­schaften entschei­denden Arbei­ten eines Christian Metz (vgl. [Metz 2000a]Metz, Christian (2000).
Der ima­ginä­re Signi­fikant. Psycho­ana­lyse und Kino. Münster: Nodus.

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) oder Michel Chion (vgl. [Chion 1999a]Chion, Michel (1999).
The Voice in Cin­ema. New York: Colum­bia Uni­vers­ity Press.

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) bis zu medien- und bild­wissen­schaftli­chen Ansät­zen (vgl. [Kittler 2002b]Kittler, Friedrich (2002).
Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999. Berlin: Merve.

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, [Pfaller 2002a]Pfaller, Robert (2002).
Die Illusion des Anderen. Frank­furt/M.: Suhr­kamp.

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, [Blümle & von der Heiden 2005a]Blümle, Claudia & von der Heiden, Anne (2005).
Blick­zähmung und Augen­täuschung. Zu Jacques Lacans Bild­theorie. Zürich, Berlin: Diapha­nes.

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und die dort enthal­tene Biblio­grafie) jünge­ren Datums. Lacan hat sich im Gegen­satz zu Freud von Anfang an mit Bildlich­keit, Optik und dem Feld des Sichtba­ren befasst. Eini­ge der wichtig­sten Grund­theore­me und Begrif­fe Lacans – etwa ‘Spiegel­stadium’, ‘Ima­ginä­res’, ‘Tableau’ – sind direkt der Optik und dem Feld des Sichtba­ren entnom­men und zu psycho­ana­lyti­schen Denkfi­guren transfor­miert worden. Lacans Theorie ist – darin dem Freud’schen Vorbild verpflich­tet – nicht nur eine Theorie des Psychi­schen, sondern immer auch eine philo­sophisch-​ethisch ausge­richte­te Kultur­theorie, in der Lacan stets eine ihm eige­ne struktu­ralis­tische Radi­kali­sierung klassisch psycho­ana­lyti­scher Posi­tionen mit philo­sophi­schen, natur­wissen­schaftli­chen, kunst­histo­rischen und epis­temo­logi­schen Ansät­zen (um nur eini­ge zu nennen) eng verkop­pelt.
Der Aufsatz «Das Spiegel­stadium als Bildner der Ich-​Funktion» (vgl. [Lacan 1949a]Lacan, Jacques (1973).
Das Spiegel­stadium als Bildner der Ich-​Funktion wie sie uns in der psycho­ana­lyti­schen Er­fah­rung er­scheint.
In Schriften I, 61-71.

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) beschreibt auf der Grundla­ge der Freud’schen Narzis­smus-​Theorie (vgl. [Freud 1914b]Freud, Sigmund (1975).
Zur Einfüh­rung in den Narziss­mus.
In Psycho­logie des Unbe­wußten. Studien­ausga­be Band III, 37-69.

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) eine Frühpha­se der Subjekt­konsti­tution, welche durch das früh­kindli­che Auftre­ten der drei Lacan’schen Ordnun­gen​ (»Reales«,​ »Symbolisches«,​ »Imaginäres«)​ gekenn­zeichnet ist. Das Spiegel­stadium bezeich­net dabei eine Phase inner­halb der Entwick­lung des Kleinkin­des, in der es sich zum ersten Mal im Spiegel zu erken­nen glaubt, wobei zentral ist, dass dieses Erken­nen von Lacan als ein Verken­nen konzi­piert ist, das ab diesem Zeitpunkt als „Drama“ ([Lacan 1949a]Lacan, Jacques (1973).
Das Spiegel­stadium als Bildner der Ich-​Funktion wie sie uns in der psycho­ana­lyti­schen Er­fah­rung er­scheint.
In Schriften I, 61-71.

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: S. 67) das Subjekt für alle Zeiten bestim­men wird. Das Verken­nen besteht in dem Umstand, dass das Spiegel­bild dem Infans eine Inte­grität vorspie­gelt, die es aufgrund seines körper­lichen Entwick­lungssta­diums jedoch noch nicht hat. Lacan wird zeitle­bens von dieser Grundstruk­tur nicht ab­rücken und hier das Urdra­ma der Subjekt­werdung veror­ten. „Jubi­lato­risch“ ist die Aufnah­me des Spiegel­bildes deshalb, weil es das Gefühl der Ohnmacht und exis­tenziel­len Abhän­gigkeit suspen­diert und in einen ersten Akt der Selbster­mächti­gung mündet, welcher aller­dings illu­sorisch ist, da die fakti­sche Schwäche des kleinen Menschen ja dadurch nur kurzei­tig „verges­sen“, nicht jedoch abge­schafft wird. Das Medium dieser Suspen­sion ist das Bild und hierin wird dann die Film- und Bild­theorie einen wichti­gen Faktor der Faszi­nations­kraft des Bildli­chen ent­decken. Dies ist das erste Auftre­ten jener Ordnung, die Lacan ein paar Jahre später „das Ima­ginä­re“ nennen wird und die als der Bereich des „Bildes und der Vorstel­lung, der Täuschung und Enttäu­schung“ ([Evans 2002a]Evans, Dylan (2002).
Wörter­buch der Lacan­schen Psycho­ana­lyse. Wien: Turia + Kant.

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: S. 146) gilt. Wichtig ist zu beto­nen, dass es sich hierbei nicht um eine „Phase“ handelt, die vom Subjekt über­wunden werden kann. Es geht nicht um eine Illu­sion, die abzu­schütteln wäre. Das Ima­ginä­re bleibt konsti­tutiv für das Subjekt und steht in einem perma­nenten psycho­dyna­mischen Austausch­verhält­nis mit dem Realen und dem Symbo­lischen. Das Ima­ginä­re ist wesent­lich für die Ich-​Konsti­tution im Sinne des Selbst­bildes (Ima­go) und bestimmt das Verhält­nis zum Ande­ren. Auf Lacan aufbau­end, hat Gilles De­leuze eine Theorie der "Bildwer­dung" ent­wickelt, die mit Mela­nie Klein Lacans Theorie bild­theore­tisch entschei­dend erwei­tert (vgl. [De­leuze 1993a]Deleuze, Gilles (1993).
Logik des Sinns. Frank­furt/M.: Suhr­kamp.

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: S. 231-​267).
Diese Konzeption erlaubt es Lacan dann unter Hinzu­ziehung phäno­meno­logi­scher Posi­tionen (vgl. v.a. [Sartre 1943a]Sartre, Jean-Paul (2010).
Das Sein und das Nichts. Reinbek: Rowohlt.

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: S. 457-539) die Entwick­lung des für eine Bild­theorie zentra­len Konzepts der „Spaltung von Auge und Blick“. Innerhalb der ima­ginä­ren Ordnung veror­tet sich das Subjekt selbst über eine Verken­nungsfunk­tion, die ihr Modell im Konzept des Spiegel­stadiums hat. Für die sozi­ale Subjekt­konsti­tution ist jedoch nicht so sehr das eige­ne Sehen, sondern das Gese­hen-​Werden von entschei­dender Bedeu­tung (vgl. [Lacan 1996a]Lacan, Jaques (41996).
Schriften I [1973]. Weinheim: Quadriga.

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: S. 73-​112). Dieses Gese­hen-​Werden ist jener Blick, den Lacan in Anleh­nung an Sartre vom Auge (im Sinne visu­eller Sinnes­wahrneh­mung) abkop­pelt. Die Attrak­tivi­tät dieser Konzep­tion gera­de für post-​struktu­ralis­tische Theorie­bildung besteht darin, dass die Blick­verhält­nisse von Inten­tiona­litä­ten sehen­der Subjek­te unab­hängig sind und somit auch in Dingen (und damit auch Bildern) veror­tet werden können. Die Formel „Was wir sehen blickt uns an“ (vgl. [Didi-​Huber­man 1999a]Didi-Huberman, Georges (1999).
Was wir sehen blickt uns an. Zur Meta­psycho­logie des Bildes. München: Fink.

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) bezieht nicht zuletzt hieraus ihre Plausi­bili­tät. Für Lacan ist entschei­dend: „Statt in inte­resse­loser Distanz zu verhar­ren, wird das Subjekt als sehen­des und begeh­rendes von den Bildern getrof­fen“ ([Blümle & von der Heiden 2005a]Blümle, Claudia & von der Heiden, Anne (2005).
Blick­zähmung und Augen­täuschung. Zu Jacques Lacans Bild­theorie. Zürich, Berlin: Diapha­nes.

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: S. 9) - „getrof­fen“, weil das Subjekt als Ange­blicktes selbst zum Objekt unter ande­ren wird.

Hieraus resultiert schließlich Lacans Kritik an der frühneu­zeitli­chen Epis­temo­logie Des­cartes’, die er exem­plarisch in Form der Zentral­perspek­tive verkör­pert sieht. Was hier laut Lacan zuta­ge tritt, ist eine zu einem Dispo­sitiv geron­nene Selbst­ermäch­tigungs­phanta­sie des Subjekts, dessen Ganzheits­phantas­ma sich im despo­tischen Blick der Zentral­perspek­tive mani­festiert. Das carte­siani­sche Subjekt setzt sich als Geome­tral- und Perspek­tivpunkt selbst in den blinden Fleck des zentral­perspek­tivi­schen Bildes ein und bringt das Feld des Sehens dadurch in seine Gewalt. Die Ana­morpho­se wiede­rum subver­tiert diese Bild­ordnung mit den Mitteln der Zentral­perspek­tive und erin­nert „im Vorbei­gehen“ den Betrach­ter an seinen chiasti­schen Platz im Feld der Sichtbar­keit – als gleichzei­tig sehen­des und gese­henes Objekt unter ande­ren, als Bildfunk­tion:

Die Psychoanalyse Lacans bricht [...] mit einer carte­siani­schen Geo­metrie, der gemäß der Mensch als ›punctus subjec­tivus‹ einer ausge­dehnten Gegen­standswelt gegen­über­steht, eben­so wie mit dem meta­physi­schen Dualis­mus, dem gemäß das Objekt dasje­nige sei, was vorge­stellt wird und den Sinn affi­ziert. ([Runte 2005a]Runte, Annette (2005).
Dinge sehen dich an: Die Melan­cholie des leeren Platzes in der meta­physi­schen Ma­lerei.
In Blick­zähmung und Augen­täuschung. Zu Jacques Lacans Bild­theorie, 393-​424.

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: S. 415-​416)[1]


Anwendungs­felder

Nach Reiche (vgl. [Reiche 2001a]Reiche, Reimut (2001).
Mutter­seelen­allein. Kunst, Form, Psycho­ana­lyse. Basel: Stroem­feld.

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) lassen sich fünf Wege der Anwen­dung ausma­chen, auf dessen Pfaden eine psycho­ana­lytisch orien­tierte Bild­theorie bisher veror­tet werden kann:

1. Der Einbau der Psychoanalyse in eine globa­le Kunst­theorie. Hiermit beschreibt Reiche die Inte­gration psycho­ana­lyti­scher Metho­den und Denkfi­guren in ein bereits exis­tieren­des Denkge­bäude, wobei er quali­tativ zwischen „gelun­genen Assi­mila­tionen“ (ebd.: S. 26) und „äußer­lichem Anbau“ (ebd.) unter­scheidet.

2. „Ein psychopathographischer, über die Autor­psyche laufen­der Zugang“ (ebd.: S. 28). Jener Zugang, der in Freuds Leonar­do-​Studie sein Vorbild hat (s.o.), gilt heute als wissen­schaftlich weitge­hend diskre­ditiert und findet kaum mehr Anwen­dung.

3. In der Nachfolge von Phyllis Greenacre, Marion Milner und Donald W. Winni­cott kann die thera­peuti­sche Situ­ation selbst als ästhe­tisches Ensem­ble beschrie­ben werden. Da dieser Ansatz „nicht so sehr das Werk, als den Prozess seiner Erschaf­fung“ (ebd.: S. 28) in den Mittel­punkt stellt, werden hier Psycho­dyna­miken der Werkge­nese und damit Aspek­te der Kreati­vität fokus­siert.

4. Die „Gegenübertragungs­these“ hat insbe­sonde­re inner­halb der Film­wissen­schaft eine lange Tradi­tion und wurde von Alfred Loren­zer zu einer „tiefen­herme­neuti­schen Kultur­ana­lyse“ ausge­baut. Der aus der thera­peuti­schen Praxis stammen­de Begriff der Gegen­über­tragung birgt aller­dings nicht unbe­trächtli­che Risi­ken: „Die große Attrak­tion dieser Metho­de für alle Freunde der Psycho­ana­lyse ist zugleich ihre Achil­lesver­se: die je meini­ge Gefühls­antwort auf das Werk wird in den Mittel­punkt gestellt und als Gegen­über­tragung dekla­riert.“ (ebd.: S. 30)

5. „Zugänge über die Form“ (ebd.: S. 32), welche von Reiche selbst favo­risiert werden, nehmen im Falle Reiches ihren Ausgang sowohl von Freuds Bild­theorie der Traum­arbeit als auch von jenen Form­ana­lysen, die Freud in «Der Moses des Michel­ange­lo» erprobt hat. Ob dabei jedoch von einer „Struktur­ana­logie von Traum und Kunst­werk“ (ebd.: S. 34) auszu­gehen ist muss dahin­gestellt bleiben.

Anmerkungen
  1. Zur psy­cho­ana­ly­tisch mo­ti­vier­ten Kri­tik der Zen­tral­per­spek­ti­ve im An­schluss an Freud und La­can siehe [Da­misch 1987a]Damisch, Hubert (1987).
    L'ori­gine de la perspec­tive. Paris: Flamma­rion.

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    .
Literatur                             [Sammlung]

[Althus­ser & Bali­bar 1972a]: Althusser, Louis & Bali­bar, Etienne (1972). Das Kapi­tal lesen. Reinbek: Rowohlt.

[Blümle & von der Heiden 2005a]: Blümle, Claudia & von der Heiden, Anne (Hg.) (2005). Blick­zähmung und Augen­täuschung. Zu Jacques Lacans Bild­theorie. Zürich, Berlin: Diapha­nes. [Chion 1999a]: Chion, Michel (1999). The Voice in Cin­ema. New York: Colum­bia Uni­vers­ity Press. [Da­misch 1987a]: Damisch, Hubert (1987). L'ori­gine de la perspec­tive. Paris: Flamma­rion. [De­leuze 1993a]: Deleuze, Gilles (1993). Logik des Sinns. Frank­furt/M.: Suhr­kamp. [Didi-​Huber­man 1999a]: Didi-Huberman, Georges (1999). Was wir sehen blickt uns an. Zur Meta­psycho­logie des Bildes. München: Fink. [Evans 2002a]: Evans, Dylan (Hg.) (2002). Wörter­buch der Lacan­schen Psycho­ana­lyse. Wien: Turia + Kant. [Freud 1900a]: Freud, Sigmund (1991). Die Traum­deutung. Leipzig, Wien: Franz Deu­ticke. [Freud 1910a]: Freud, Sigmund (2001). Eine Kind­heits­erin­nerung des Leonar­do da Vinci. In: Mitscher­lich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.): Bilden­de Kunst und Lite­ratur. Studien­ausga­be Bd. X. Frank­furt/M.: Fischer, S. 87-​161. [Freud 1914a]: Freud, Sigmund (2001). Der Moses des Michel­ange­lo. In: Mitscher­lich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.): Bilden­de Kunst und Lite­ratur. Stu­dien­ausga­be Bd. X. Frank­furt/M.: Fischer, S. 195-​223. [Freud 1914b]: Freud, Sigmund (1975). Zur Einfüh­rung in den Narziss­mus. Psycho­logie des Unbe­wußten. Studien­ausga­be Band III. Frank­furt/M.: Fischer, S. 37-69. [Freud 1915a]: Freud, Sigmund (1975). Die meta­psycho­logi­schen Schriften von 1915. Psycho­logie des Unbe­wußten. Studien­ausga­be Band III. Frank­furt/M.: Fischer, S. 69-213. [Kittler 2002b]: Kittler, Friedrich (2002). Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999. Berlin: Merve. [Lacan 1949a]: Lacan, Jacques (1973). Das Spiegel­stadium als Bildner der Ich-​Funktion wie sie uns in der psycho­ana­lyti­schen Er­fah­rung er­scheint. Schriften I. Olten, Frei­burg im Breis­gau: Walter, S. 61-71. [Lacan 1996a]: Lacan, Jaques (41996). Schriften I [1973]. Weinheim: Quadriga. [Metz 2000a]: Metz, Christian (2000). Der ima­ginä­re Signi­fikant. Psycho­ana­lyse und Kino. Münster: Nodus. [Pfaller 2002a]: Pfaller, Robert (2002). Die Illusion des Anderen. Frank­furt/M.: Suhr­kamp. [Reiche 2001a]: Reiche, Reimut (2001). Mutter­seelen­allein. Kunst, Form, Psycho­ana­lyse. Basel: Stroem­feld. [Ricoeur 1974a]: Ricœur, Paul (1974). Die Inter­preta­tion. Ein Versuch über Freud. Frank­furt/M.: Suhr­kamp. [Runte 2005a]: Runte, Annette (2005). Dinge sehen dich an: Die Melan­cholie des leeren Platzes in der meta­physi­schen Ma­lerei. In: Blümle, C. & von der Heiden, A. (Hg.): Blick­zähmung und Augen­täuschung. Zu Jacques Lacans Bild­theorie. Zürich, Berlin: Dia­phanes, S. 393-​424. [Sartre 1943a]: Sartre, Jean-Paul (2010). Das Sein und das Nichts. Reinbek: Rowohlt.


Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

Ausgabe 1: 2013

Verantwortlich:

Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Markus Rautzenberg [25], Joerg R.J. Schirra [22], Mark A. Halawa [1] und Dimitri Liebsch [1] — (Hinweis)