Russisch: 'obraz'

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
Version vom 19. Oktober 2012, 19:17 Uhr von Maria Wargin (Diskussion | Beiträge) (“Obraz”: Etymologie und Semantik)
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Unterpunkt zu: Bildtermini anderer Sprachen


“Obraz”: Vorläufige Bestimmung

Der zentrale Bild-Begriff der russischen Sprache ist “obraz”.[1] Die semantische Komplexität und die sprachimmanente Spezifik dieses Begriffs lässt seine direkte Übertragung ins Deutsche als “Bild” oder “sinnliche Gestalt”/“Form” nur als behelfsmäßig und eigentlich als inadäquat erscheinen. Innerhalb der russischen Sprachdynamik ist der Begriff tendenziell meliorativ, trotz aller Vielschichtigkeit und semantischen Dialektik dieses Begriffs: Die Nähe zum Ursprünglichen, Wahren und Sakralen zeichnet dieses Bild-Konzept aus. Belegen lässt sich diese Tendenz bereits an der zweiten Grundbedeutung dieses Begriffs. “Obraz” meint auch eine manifeste Abbildung des Heiligen in der Ikone. Eine Ikone erhielt ursprünglich nicht bloß stellvertretend einen Heiligkeitsstatus, sondern sie war durch das Dargestellte selbst heilig. Die Relevanz des Begriffs “obraz” kann für die russische Kultur im Ganzen und für die russische Philosophie im Besonderen kaum überschätzt werden.[2] An dieser Stelle sei nur beispielhaft auf Pavel Florenskijs Schrift Namen verwiesen ([Florenskij 2007a]Literaturangabe fehlt.
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).

“Obraz”: Etymologie und Semantik

Der Begriff ist alt- und gemeinslawischen Ursprungs und seit dem 11. Jahrhundert nachweisbar. Der Wortstamm ist auf das Verb “rezat'” ('schneiden', 'eine Grenze ziehen') zurückzuführen. “Rezat'” meint 'schneiden', in kleinere Einheiten (“raz”) teilen und dadurch Vielheiten schaffen. Der Prozess des Schneidens oder der Prägung gibt dem Gegenstand Form, Gestalt. Demnach meint “obraz” zunächst eine einheitliche Gestalt eines Gegenstandes, die ihn begrenzt und damit bestimmt und unterscheidbar macht. Als etwas Gestaltetes kann es auch ein Vollkommenes sein – so wie auch im Griechischen eikon, typos und morphe. Sergej M. Ėizenštein ([Ėizenštein 1975a]Literaturangabe fehlt.
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) sieht außerdem eine etymologische Verwandtschaft von “obraz” mit “obnaruženie” ('Bloßlegung', 'Hervortreten', 'Entdecken'). Wird diese Bedeutung berücksichtigt, so treten in dem Erscheinen eines Gegenstandes, in seinem obraz, wesentliche Zusammenhänge prozesshaft zutage. Charakteristisch für die Semantik von “obraz” ist die Vereinigung von höchster Konkretheit und Detailliertheit mit Allgemeinheit und Abstraktheit – oder auch von Individualität mit Ganzheitlichkeit.

(1) Als etwas visuell oder, allgemeiner, sinnlich Erfahrbares meint “obraz” eine äußere Erscheinung, Darstellung oder Verkörperung von etwas Nicht-Sichtbarem oder nicht unmittelbar Zugänglichem und in diesem Sinne eine Einheit von Form und Inhalt, von Sinnlichkeit und Sinn. “Obraz” meint die sinnliche Erscheinungsweise des Nichtsinnlichen. Als solche Erscheinung ist obraz tendenziell auch sinnbildlich. Der mimetische Bedeutungsaspekt tritt eher bei etymologisch verwandten Bild-Begriffen in den Vordergrund (z.B. “izobraženie”, “otobraženie”, die 'Bild', 'Abbild' bedeuten). Dementsprechend meint “obraz” im künstlerischen oder literarischen Kontext die Veranschaulichung eines allgemeineren (gedanklichen) Zusammenhangs in einer individuellen Erscheinung oder Figur. Für eine solche sinnliche Darstellung ist Lebendigkeit und Dynamik charakteristisch. Als statisch kann dieses Bild-Konzept nicht begriffen werden, wie es dagegen etwa bei den Begriffen “kopija” (dt. “Kopie”) oder “otobraženie” (dt. “Widerspiegelung”, ”Abbild”) der Fall ist. Der dynamische Aspekt findet sich auch in der Bedeutung von “obraz“ als 'menschliche Gestalt'. Die Ganzheitlichkeit und Dynamik eines obraz lässt sich in einem Erkenntnisprozess nicht vollständig schematisch zerlegen. Jederzeit bleibt ein Bedeutungsüberschuss, eine Vielschichtigkeit, die nicht in einer mimetischen Beschreibung zu erfassen ist.

(2) Das, was sich in einer konkreten sinnlichen Erscheinung zeigt, ist ein Typ, ein allgemeinerer Charakter, ein Maß. Auch dies bringt “obraz” zum Ausdruck. Als ein idealtypisches Bild oder Ebenbild verweist “obraz” auf ein Erstes (“čelovek kak obraz i podobie Boga”: dt. “'der Mensch als Ebenbild Gottes”).

(3) Das ideale Bedeutungsmoment ist es auch, das die Dynamik dieses Bild-Konzepts garantiert. Das Ideale wird implizit als ein Ziel begriffen, aus dem heraus die Form und die Handlungsweise, die Ordnung und die Tradition (“obraz žisni”: dt. “Lebensweise”; “obraz mysli”: dt. “Denkungsart”) entsteht. Das Derivat “obrazec” (dt. “Vorbild”, “Maß”) untermauert die teleologische Nuancierung der Semantik von “obraz”. Vgl. auch das Idiom “poterjat’ obraz čelovečeskij”, das sich als “alles Menschliche einbüßen” ins Deutsche übertragen lässt.

(4) “Obraz” meint auch ein/e lebendige/s anschauliche/s mentale Vorstellung/Bild von etwas. Das etymologisch verwandte Wort “voobraženie” bedeutet ‘Einbildungskraft’, ‘Vorstellungsvermögen’. Überwiegt das Fließende und Dynamische bei einem obraz, so handelt es bei den Vorstellungen um (fiktive) Phantasiebilder; wird jedoch das Wesentliche in einem obraz hervorgehoben, so ist es eine künstlerische Erfassung der Realität und eine zwischen dem Subjekt und der Realität vermittelnde Leistung, die das Reale (oder das Wahre) nacherschafft. Betrachtet man die von “obraz' abgeleiteten Begriffe (“bezobrazie”: dt. “Häßlichkeit”, “moralische Verwerflichkeit”; “preobraženie”: dt. “Verklärung”, “Verwandlung”), so wird offensichtlich, dass “obraz” nicht eine beliebige äußere Form meint, sondern als eng verknüpft mit Schönem, Gutem und Wahrem zu denken ist. Das Böse ist demgegenüber als gestaltlos (d.h. als bez-obraznoe) zu verstehen.

Weitere Bild-Begriffe

Außer “obraz” existieren noch viele andere Bild-Ausdrücke in der russischen Sprache. Neben den schon erwähnten “kopija” und “otobraženie” sei hier nur noch ein weiterer Begriff zusätzlich angeführt: “kartina”. Die Bedeutungssphären der beiden Begriffe “obraz” und “kartina” verhalten sich komplementär zueinander. Wenn “obraz” eher mit dem englischen “image” vergleichbar ist, dann entspricht die Bedeutung von “kartina” eher “picture”. Die materielle und künstliche Beschaffenheit eines Objekts tritt bei diesem Bild-Begriff deutlicher in den Vordergrund. In Abgrenzung zu “obraz” vermittelt “kartina” einen tendenziell statischen Gesamteindruck über eine Reihe von Gestalten.


Anmerkungen
  1. Einen Überblick über diesen und andere Bildbegriffe bieten: Vjačeslav [Ivanov 1985a]Literaturangabe fehlt.
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    , [Vasmer 1986a]Literaturangabe fehlt.
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    , [Černych 2001a]Literaturangabe fehlt.
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    und [Zyganenko 1989a]Literaturangabe fehlt.
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    .
  2. Auch für die russische Kunst- und Literaturwissenschaft ist dieser Begriff von entscheidender Bedeutung. Vgl. beispielsweise den obraz-Begriff bei Gustav Špet, Alexander Potebnja, Viktor Šklovskij. In die literaturwissenschaftliche Terminologie wurde der Begriff 1838 von Vissarion Belinskij (in seinem Aufsatz “Fonvizin i Zagoskin” in der Zeitschrift Moskovskij nabljudatelj') als eine einheitliche Übersetzung der Hegelschen kunstphilosophischen Begriffe “Bild” und “Gestalt” eingeführt. Auf Belinskij geht auch die Formel “poėzija est' myšlenie v obrazach” (“Poesie ist Denken in Bildern”) zurück, die im Kontext der Rezeption Hegels zu sehen ist.
Literatur                             [Sammlung]

[Florenskij 2007a]:
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[Ivanov 1985a]:
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[Vasmer 1986a]:
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[Zyganenko 1989a]:
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[Ėizenštein 1975a]:
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