Stil: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 11. Juli 2012, 19:41 Uhr


Unterpunkt zu: Auswirkungen der Bildlichkeit


Darstellung des gr. Zusammenhangs

Es ist schwierig bis unmöglich, eine bündige Antwort auf die Frage zu geben, was Stil sei, aber soviel lässt sich doch sagen, dass Stil immer eine Modalität darstellt, mit deren Hilfe etwas auf spezifische Weise formuliert wird; Stil betrifft mithin immer das Wie der Durchführung: sei es eines Handlungsvollzugs oder des Erlebens, einer [[Darstellung_(historisch)|Darstellung] oder Narration, des Denkens oder Wahrnehmens. Stets sind es Unterschiede in der Art und Weise der Ausführung, der Gestaltung, in der Manier oder Eigenart, die zwei Handlungen oder Erzählungen, zwei Darstellungen oder Sichtweisen voneinander unterscheidbar machen, und es sind die Modi der Darstellung, die das Dargestellte erst zu dem werden lassen, was es ist. Ursprünglich ein Begriff aus der Rhetorik, später stark okkupiert für Bereiche der Mode und des äußeren Erscheinungsbildes von Menschen und Dingen, in Verruf geraten durch seinen Mangel an analytischer Trennschärfe, wird er gelegentlich mißbraucht zur oberflächlichen Rubrizierung singulärer Werke.

Was auch immer sich zeigt oder dargestellt wird und wer auch immer in Erscheinung tritt, es ist unvermeidlich, dieses auf eine bestimmte Art und Weise zu tun; man hat, wie Lessing bemerkt, “seinen eignen Stil, so wie seine eigne Nase.” Deswegen kann es Wohnstile, Fahrstile, Fürhungsstile und Politikstile geben, nur eine wirkliche Stil-Losigkeit, nicht im Sinne eines fehlenden Gespürs fürs Angemessene, sondern im Sinne einer völligen Neutralität oder Stilfreiheit ist nicht denkbar, weil eben auch eine vermeintlich neutrale – etwa nüchterne oder wertungsfreie – Darstellung noch die Form einer Darstellung ist. Auffällig ist, dass der Stilbegriff zugleich subsumierend als auch differenzierend fungiert, zugleich Kollektives von epochaler Allgemeinheit als auch Individuelles von singulärer Unvergleichlichkeit erfassen will. Ist damit folglich einerseits die besondere Eigenart und persönliche Charakteristik eines Individuums gemeint, lassen sich damit andererseits kollektive Zuordnungen vornehmen, etwa zu einer Gruppe, Epoche oder Lokalität. So gilt bspw. Rembrandt mit der Einzigartigkeit seines persönlichen Duktus doch zugleich als exponierter Vertreter des niederländischen Barock, typisch für eine ganze Nation und Epoche. Das Inkommensurable und das Repräsentative greifen also im Stilbegriff auf merkwürdige Weise ineinander. Die Parallelität von individualpsychologischen und historischen Tendenzen, von persönlichen und nationalen bzw. epochalen Mentalitäten bildet einen schwer zu durchschauenden und ebenso schwer zu erklärenden Konnex, besonders in der Kunstgeschichte. Natürlich wirken Zeiten und Schulen verhaltensnormierend auf Individuen, aber umgekehrt bilden auch Individuen eine Epoche, ohne dass es dafür eine allgemeingültige Erklärung gäbe.

Eine grundlegende Dichotomie kennzeichnet alle Stilfragen: Äußere Form einer (sprachlichen oder pikturalen) Darstellung auf der einen Seite steht dem dargestellten Inhalt, der Bedeutung oder dem Kern der Sache gegenüber.

In der Folge ergeben sich daraus gewisse Vorbehalte gegen alles vermeintlich oder tatsächlich Ästhetische, das als nur äußerlich, beliebig, womöglich bloße Mode gegenüber der Bedeutung oder dem Inhalt herabgesetzt wird. Solche Kritik übersieht indessen, dass in einem emphatischeren Verständnis Stil nie nur austauschbare Hülle sein kann, sondern als Ausdruck einer Haltung oder sogar Lebensform ernst genommen werden muss. Grundlegender als solche Einschätzungen ist jedoch der Umstand, dass die Disjunktion von Stil und Wahrheit das Vorhandensein einer gestaltlosen Rohmasse von Daten, Dingen oder Fakten voraussetzt, welche – wiewohl denk-notwendig – empirisch nicht anzutreffen sind. Zwar ist es konstitutionslogisch notwendig, sobald man vom Stil einer Darstellung oder Erscheinung redet, auch eine dargestellte oder erscheinende Sache vorauszusetzen, die theoretisch und praktisch auch anders dargestellt werden oder erscheinen könnte, und daher in irgendeiner Form gegeben sein muss, um auf diese oder auf jene Weise realisiert werden zu können. Immer aber muss sie sich auf eine bestimmte, diese und keine andere Weise realisieren und ist daher niemals vollkommen stil-frei.

Nach wie vor sind Heinrich Wölfflins ([Wölfflin 1915a]Wölfflin, Heinrich (1915).
Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. München: Bruckmann.

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) Überlegungen zum Stil in der bildenden Kunst von maßgeblicher Bedeutung sind, vor allem in Bezug auf den Zusammenhang von Darstellung und Wahrnehmung. Wölfflin beschreibt Stil als „die Art, wie das Gesehene auf eine Form gebracht ist.“ „Aller Ausdruck ist an bestimmte optische Möglichkeiten gebunden, die in jedem Zeitalter andere sind. Der gleiche Inhalt könnte zu verschiedenen Zeiten nicht in gleicher Weise ausgedrückt werden, nicht weil die Gefühlstemperatur sich geändert hat, sondern weil die Augen sich geändert haben.“ Selbstverständlich hat Wölfflin einen komplexen Begriff vom Sehen als einer kulturellen Tätigkeit, welche auf Anschauungen und [[Darstellung und Vorstellung|Vorstellungen] basiert. Im Nachwort zur achten Auflage seiner Grundbegriffe beschreibt Wölfflin Sehen als die „Art wie sich [...] in der Vorstellung die Dinge gestalten“. Malerisch oder plastisch sehen heißt demnach, gemäß den Vorstellungen zu sehen, die Wölfflin mit Hilfe der Begriffspaare linear-malerisch, Fläche-Tiefe, geschlossene Form- offene Form, Vielheit-Einheit und Klarheit-Unklarheit zu kategorisieren suchte. Dass solches Sehen viel mit Denkstilen und Sichtweisen zu tun hat, liegt auf der Hand. „Die Art des Sehens“ oder – so ergänzt Wölfflin in Replik auf die Kritik an seinem Sprachgebrauch im Vorwort zur sechsten Auflage – „sagen wir also des anschaulichen Vorstellens ist nicht von Anfang an und überall dieselbe, sondern hat, wie alles Lebendige, ihre Entwicklung.“

Sieht man von Wölfflins voraussetzungsreichen, geschichtsphilosophischen Annahmen einmal ab, bleibt vor allem die Einsicht, dass Stil auf einer vorstellungs-basierten und vorstellungs-bildenden optischen Schematisierung basieren könnte. Wirklich ist „nicht alles zu allen Zeiten möglich“, weder technisch und empirisch noch symbolisch und aisthetisch. Der Stil einer Darstellung ist von werthaften Sichtweisen nicht zu entkoppeln, weil, wie wir sahen, selbst eine neutrale Sicht eine Sichtweise ist.

Eine solche Auffassung findet auch bei moderneren Autoren ihren Widerhall: Stil, schreibt Manfred Frank in seiner Untersuchung zum Stil in der Philosophie, sei „die individuelle Art und Weise, wie der Autor seine eigentümliche Sicht der Welt sprachlich zum Ausdruck bringt.“ ([Frank 1990a]Frank, Manfred (1992).
Stile in der Philosophie. Stuttgart: Reclam.

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: S. 11) Und Arthur Danto verdanken wir die Einsicht, dass der Stil einer Darstellung uns veranlaßt, dasjenige, von dem sie handelt, „mit einer bestimmten Einstellung und in einer besonderen Sicht zu sehen.“ ([Danto 1993a]Danto, Arthur C. (1993).
Die philosophische Entmündigung der Kunst. München: Fink.

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: S. 255)


Auswirkungen auf andere Begriffe

WeltbildPerspektivik

Anmerkungen
Literatur                             [Sammlung]

[Danto 1993a]: Danto, Arthur C. (1993). Die philosophische Entmündigung der Kunst. München: Fink.

[Frank 1990a]: Frank, Manfred (1992). Stile in der Philosophie. Stuttgart: Reclam. [Wölfflin 1915a]: Wölfflin, Heinrich (1915). Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. München: Bruckmann.


Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

Verantwortlich:

Eva Schürmann

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [15], Eva Schürmann [6] und Sebastian Spanknebel [4] — (Hinweis)