Syntaktisch unkorrekte Bilder

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
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Unterpunkt zu: Bildsyntax


Kann es bei Bildern syntaktische Fehler geben?

Der Begriff der syntaktischen Korrekt­heit ist zunächst in seinem sprachli­chen Anwen­dungsfall vertraut:

  • Beispiel 1: ‘colorless green ideas sleep furiously’;
  • Beispiel 2: ‘sleep ideas green furiously color­less’.
Der Unterschied zwischen einem syntak­tisch wohlge­formten Satz einer­seits (s. Beispiel 1), mag er Bedeu­tung haben und praktisch verwend­bar sein oder nicht, und einer syntak­tisch nicht korrek­ten Folge von Wörtern[1] ande­rerseits (s. Beispiel 2) ist für jeden, der Grundkennt­nisse der engli­schen Sprache hat, evi­dent ([Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957).
Syn­tac­tic Struc­tures. Den Haag: Mouton.

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: S. 15). Das histo­rische Beispiel bezieht sich zwar nur auf die engli­sche Sprache, doch gilt durchaus, dass Sprache gene­rell – im Sinne von ‘la langue’ – aus der Mannig­faltig­keit der mögli­chen Folgen syntak­tischer Ele­mente nur einen kleinen Teil als wohlge­formte Zeichen­träger klassi­fiziert und von syntak­tisch unkor­rekten Kombi­natio­nen abgrenzt. Syntak­tische Wohlge­formtheit unter­scheiden zu können soll, so Chomsky, in der Sprachkom­petenz selbst begrün­det liegen.

Kann man mit Erfolg für eine ana­loge Unter­scheidung bei Bildern argu­mentie­ren? Hierbei ist zunächst einmal zu beach­ten, dass es bei dieser Frage letztlich stets weni­ger um Bilder (im eigent­lichen, d.h. vollen Wort­sinn) als um poten­tielle Bildträ­ger geht: Der Ausdruck ‘Bild’ ist besten­falls unge­nau (und schlimmsten­falls schlicht verkehrt), wenn pragma­tische und seman­tische Gesichts­punkte expli­zit außer Acht gelas­sen werden sollen.

Auf den ersten Blick scheint es tatsäch­lich keine vergleich­bare, also nur auf die Struktur des (poten­tiellen) Bildträ­gers bezo­gene Klassi­fika­tion zu geben (cf. [Langer 1984a]Langer, Susanne (1984).
Philo­sophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Frank­furt/M.: Fischer.

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). Eine räumli­che Umord­nung syntak­tischer (oder morpho­logi­scher) Ele­mente allein, dem Sprachbei­spiel nachemp­funden, genügt offen­sichtlich nicht:[2] Das Ergeb­nis wird nach wie vor ein akzep­tabler Bildträ­ger sein – wovon sich im Übri­gen jeder an einem compu­terge­stützten Bildbe­arbei­tungssys­tem selbst leicht über­zeugen kann.[3] Zwar gilt für bestimm­te Teilklas­sen von Bildern, d.h. gewis­se bildhaf­te Zeichen­syste­me, die nur einen kleinen Teil aller mögli­chen Bildträ­ger umfas­sen, durchaus, dass sich die zuge­höri­gen Zeichen­träger nach sprachar­tigen syntak­tischen Regeln in wohlge­formte und nicht-​wohlge­formte unter­teilen lassen – das System der techni­schen Zeichnun­gen mag als Beispiel dienen. Doch lässt sich hier nicht ohne Weite­res sehen, wie dieser Regel­bezug auf Bilder ganz allge­mein über­tragen und damit in der Bildkom­petenz selbst begrün­det werden könnte ([Plüma­cher 1999a]Plümacher, Marti­na (1999).
Wohl­geformt­heits­be­dingun­gen für Bilder?.
In Bild­gramma­tik. Inter­diszi­plinä­re Forschun­gen zur Syntax bild­licher Darstel­lungsfor­men, 47-56.

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).
Das vermutete Fehlen eines echten Krite­riums syntak­tischer Wohlge­formtheit steht dabei in engem Zusam­menhang mit dem oft behaup­teten Fehlen eines bildhaf­ten Alpha­bets (⊳ Bildgram­matik): Während für sprachli­che Zeichen­syste­me stets gilt, dass eine echte Teilmen­ge der prinzi­piell mögli­chen Phone­me oder Graphe­me als Baustei­ne komple­xer Zeichen verwen­det werden, scheint sich kein entspre­chendes beschränk­tes graphi­sches Alpha­bet ange­ben zu lassen, das Bildern ganz allge­mein zugrun­de läge ([Sachs-​Hombach 1999a]Sachs-Hom­bach, Klaus (1999).
Gibt es ein Bild­alpha­bet?.
In Bild­gram­ma­tik. Inter­diszi­plinä­re For­schun­gen zur Syntax bild­licher Dar­stellungs­formen, 57-66.

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). Da das Fehlen eines Alpha­bets auch die kombi­nato­rischen Regeln des korrek­ten Zusam­menset­zens obso­let macht, die syntak­tische Wohlge­formtheit bei Sprache aber auf den jewei­ligen Kombi­nations­regeln für komple­xe Zeichen aus den Basis­ele­menten des betrach­teten Alpha­bets beruht, folgt nun, dass sich für Bilder kein entspre­chendes Krite­rium bilden ließe.

Zur genaueren Behandlung der Frage, ob es syntak­tisch unkor­rekte Bilder geben kann, hat sich die Unter­scheidung zwischen der geomet­rischen Basis­struktur und den visu­ellen Marker­dimen­sionen als hilfreich heraus­gestellt.


Echte syntaktische Fehler: Störun­gen im geo­metri­schen Grund­gefü­ge

In der Tat führen ja alle Änderun­gen sowohl an der Menge und Auswahl der vorhan­denen geome­trischen Ele­mente und ihrer Anord­nung, wie auch an der Zuord­nung visuell unter­scheidba­rer Markie­rungen der geome­trischen Teile immer nur zu ande­ren Bildträ­gern, von denen sich ledig­lich sagen lässt, dass sie hinsicht­lich bestimm­ter bildprag­mati­scher Funkti­onen besser oder schlechter zu gebrau­chen sind, nicht aber, dass sie syntak­tisch unkor­rekt, also allein wegen gewis­ser Eigen­heiten des Mate­rials keine richti­gen Bilder wären. Wie im Begriff der syntak­tischen Dichte gefasst, führen bei Bildern im Prinzip belie­big kleine Verän­derun­gen am Zeichen­träger zu ande­ren Bildern: Daraus folgt, dass auch jede Folge solcher mini­malen Verän­derun­gen eben­falls wieder zu einem Bild führt. Es kann mithin keine durch Verschie­ben oder Austau­schen von Gebie­ten erzeug­bare Verän­derung einer Bildflä­che geben, die nicht wiede­rum zu einer syntak­tisch akzep­tablen Bildflä­che führt.

Ab­bil­dung 1: Ein syn­tak­tisch un­kor­rek­tes Bild? (A. E. Ark­hi­pov: «Bau­ern­mäd­chen» (1920er), mit ei­nem Riss des Bild­trä­gers)

Al­ler­dings gibt es durch­aus ganz all­täg­li­che Hand­lun­gen an ei­nem Bild­trä­ger, die ganz un­mit­tel­bar sei­ne Bild­trä­ger­funk­ti­on von Grund auf be­ein­träch­ti­gen: näm­lich das Durch­lö­chern oder teil­wei­se Zer­schnei­den oder Zer­rei­ßen des Pa­piers, der Lein­wand etc. und ähn­li­che Be­schä­di­gun­gen. Ein Ge­mäl­de (etwa von Rem­brandt), ei­ne Skiz­ze (bei­spiels­wei­se von Pi­cas­so), der Pa­pier­aus­zug der Auf­nah­me ei­ner Wär­me­bild­ka­me­ra eben­so wie ein Fa­mi­li­en­schnapp­schuss wer­den je­weils mit ei­nem Schnitt oder Loch nicht ein­fach zu ei­nem an­de­ren Bild, son­dern zu dem­sel­ben Bild mit ei­ner Be­schä­di­gung (⊳ Iden­ti­täts­kri­te­ri­en für Bild­trä­ger und Iden­ti­tät bild­haf­ter Zei­chen). Was ge­schieht hier­bei, syn­tak­tisch-mor­pho­lo­gisch ge­se­hen?

Wenn ein Bildträger auf die erwähnte Art verletzt wird, so wird letztlich die Topo­logie der zwei­dimen­siona­len geomet­rischen Basis­struktur partiell stark gestört: An Stelle der homo­genen (d.h. gleich­mäßig verteil­ten) und iso­tropen (d.h. in allen Rich­tungen der Bildflä­che gleicher­maßen gülti­gen) Nachbar­schaftsbe­ziehun­gen zwischen den Raumstel­len treten nun Lücken zwischen ursprüng­lich benach­barten Orten auf, die nicht zum Bildträ­ger gehö­ren, so dass diesen Raumstel­len nun echte Nachbar­pixe­me einfach fehlen.[4] Die gesam­te geomet­rische Orga­nisa­tion des Bildträ­gers ist damit gestört, denn auch alle Pixe­me höhe­rer Ordnung (⊳ Bildmor­pholo­gie), die auf diesen Nachbar­schaften beru­hen, sind davon tangiert. Solche Ruptu­ren betref­fen also insbe­sonde­re die geome­trische Basis­struktur, die nun unvoll­ständig und inkon­sistent gewor­den ist.[5]

Auch die Annahme, dass Beschnei­dungen am Rand gegen­über Schnitten inner­halb der Bildflä­che als quali­tativ weni­ger gravie­rend gelten, da dabei zwar seman­tische und pragma­tische Aspek­te verän­dert, nicht aber der Zusam­menhang der Orte inner­halb der Bildflä­che gestört wird, spricht dafür, das Fehlen von Störun­gen im geome­trischen Grundge­füge als die Basis für syntak­tische Wohlge­formtheit von Bildern anzu­setzen. Die vollstän­digen Abtren­nungen eines Teils des Bildträ­gers führen letztlich zu zwei ande­ren (beschnit­tenen) Bildern, wobei die Art der Abtren­nung eher neben­sächlich ist: Auch ein geris­sener Rand bildet einen akzep­tablen Rahmen. Im Gegen­satz dazu bleiben bei parti­ellen Ruptu­ren die beide nun aufge­trennten Seiten Teil dersel­ben Bildflä­che, deren gestör­te geome­trische Basis­struktur die Wahrne­hmung des Bildes beein­trächtigt.

Eine Störung der geometrischen Basis­struktur muss im Übri­gen unter­schieden werden von transpa­renten Bildstel­len, wie sie etwa bei Glasma­lerei oder Bildfen­stern auftre­ten: Solche transpa­renten Berei­che entspre­chen ganz regu­lären Pixe­men mit einer spezi­ellen, wenn auch im Vergleich aller Bilder weni­ger häufig verwen­deten Markie­rung. In der Tat haben syntak­tische Sonder­fälle wie Refle­xion und Transpa­renz in Bildern eine impli­zit deikti­sche Quali­tät: Hier spielen Aspek­te der Umge­bung des Bildträ­gers hinein. Bei Betrach­tung des Bild­(träger)s aus nur einer Perspek­tive fallen sie daher nicht unbe­dingt auf – es könnte sich um eine entspre­chende regu­läre Farbge­bung der Stelle handeln. Erst eine Bewe­gung des Betrach­ters und die damit erreich­te perspek­tivi­sche Verschie­bung lässt deutlich werden, dass diese Stellen vari­abel sind und von der Umge­bung abhän­gen.[6]

Dieser Zusammenhang macht das Anfüh­ren syntak­tisch unkor­rekter Bilder oft proble­matisch: Wenn nämlich statt des zerstör­ten Bildträ­gers selbst ein Bild von ihm präsen­tiert wird. Wie in Abbil­dung 1 demon­striert, ist die Abbil­dung eines syntak­tisch unkor­rekten Bildes tatsäch­lich selbst wiede­rum (in aller Regel) ein syntak­tisch wohlge­formtes Bild: Der Schnitt wird dabei durch ein regel­rechtes Pixem mit ganz norma­len Farbmar­kierun­gen darge­stellt, die Topo­logie der Basis­struktur ist nicht beein­trächtigt.


Pragmato-syntaktische Fehler: Störun­gen in der Marker­zuord­nung

Während Beschädigungen des räumli­chen Zusam­menhalts der geome­trischen Basis­struktur zu echten syntak­tischen Fehlern führen, die also allein schon aufgrund syntak­tischer Eigen­schaften unter­scheidbar sind, können Proble­me in den Dimen­sionen der Marker­werte nur solche Störun­gen der Syntax auslö­sen, die ledig­lich durch pragma­tische Fakto­ren als solche bestimm­bar sind. Das Absplit­tern von Pigmen­ten, das den Grund sichtbar werden lässt, kann nur rela­tiv zu einem für das jeweils betrach­tete Bild ange­setzten Normal­zustand als Fehler in der Zuord­nung der Marker­werte und damit als Nicht-Pixem ermit­telt werden. Es könnte sich eben­so gut um Absicht, also um ein in dieser Form inten­diertes Pixem handeln (vgl. etwa Sgraffi­to-Techni­ken). Das zeigt sich auch darin, dass das bildhaf­te Anfüh­ren eines so gestör­ten Bildes deutlich weni­ger proble­matisch ist: Die Farb- und Textur­werte, die das Zitat an der geschä­digten Stelle aufzeigt, befin­det sich ja in der Tat im beschä­digten Ori­ginal an dieser Stelle.


Reflexive Nutzung syntaktisch unkor­rekter Bilder

Als indirektes bildhaftes Zitat stellt Abbil­dung 1 einen typi­schen Fall refle­xiver Bildnut­zung dar: Mit der Präsen­tation des Bildes soll hier nicht auf ein Bauern­mädchen hinge­wiesen werden, sondern exem­plarisch auf eini­ge Aspek­te der Bildver­wendung selbst. So, wie das Beispiel einer syntak­tisch unkor­rekten Wortfol­ge in einem Buch zur Sprachsyn­tax zitiert wird, wird das Beispiel eines geome­trisch gestör­ten Bildträ­gers als nega­tives Exem­pel für die syntak­tische Wohlge­formtheit von Bildträ­gern gezeigt.

Ab­bil­dung 2: Lu­cio Fon­ta­na: «Con­cet­to Spa­zia­le» (1965)
Re­fle­xiv ge­nutz­te syn­tak­tisch un­kor­rek­te Bil­der di­rekt tre­ten an­son­sten auch im künst­le­ri­schen Kon­text auf: Ins­be­son­de­re L. Fon­ta­na (1899–​1968) spielt mit der Ab­wei­chung von syn­tak­tisch wohl­ge­form­ten Bild­trä­gern. Sei­ne Schnitt­bil­der sind re­fle­xiv ver­wen­de­te Bild­trä­ger, mit de­ren Hil­fe die Auf­merk­sam­keit durch ei­ne ne­ga­ti­ve Exem­pli­fi­ka­ti­on auf die Ma­te­ri­a­li­tät als Grund­be­din­gung des Bild­ge­brauchs ge­lenkt wer­den kann (cf. [Whit­field 1999a]Whitfield, Sarah (1999).
Lucio Fonta­na. London: Hay­ward Gallery Publ..

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, [Hynes 2005a]Hynes, Maria (2005).
Re­thinking Re­duc­tionism. In Cul­ture Ma­chine, 7, online journal.

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und [Sachs-​Hom­bach 2003a]Sachs-​Hom­bach, Klaus (2003).
Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Köln: Halem.

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: S. 212ff). Ge­ra­de durch ih­re Ver­let­zung sticht die Vo­raus­set­zung ei­ner un­ge­stör­ten zwei­di­men­si­o­na­len Räum­lich­keit als geo­met­ri­sche Ba­sis­struk­tur des phy­si­schen Bild­trä­gers für die re­gu­lä­re Bild­ver­wen­dung ins Au­ge.[7]

Demnach wären “Bilder”, von der Art des in Abbil­dung 2 wieder­gege­bene Beispiels, wenn man sie nicht ohne­hin als Grenzfäl­le zur Skulptur verste­hen möchte, nur in demsel­ben unei­gentli­chen Sinn Bilder, wie die Buchsta­benfol­ge in Beispiel 2 oben in einem nur unei­gentli­chen Sinn als Satz eines Lingu­istik­lehrbuchs auftritt. Begrif­fe man sie hinge­gen als ganz regu­läre Bilder, über­ginge man gera­de die Pointe, die etwa auch den wesent­lichen Unter­schied zwischen dem Bild ‘Abbil­dung 2’ selbst und dem dort wieder­gege­benen Werk von Fonta­na ausmacht.


Syntaktische (Un-)Korrekt­heit bei spezi­ellen Bild­klassen

Diagramme, technische Zeichnungen und andere Gruppen von Struktur­bilder sind in der Regel mit bestimm­ten expli­ziten Darstel­lungskon­venti­onen verbun­den. Diese Regeln lassen sich teilwei­se auf syntak­tischer Ebene prüfen, so dass sich für diese Bildgrup­pen dann auch aus entspre­chenden Ver­stößen gegen die jewei­lige Darstel­lungskon­vention eine Form der syntak­tischen Unkor­rektheit defi­nieren lässt. Ähnli­ches gilt für ande­re Konven­tionen zur Abgren­zung eines Teilbe­reichs von Bildern oder eines Bildme­diums, sofern diese Konven­tionen sich anhand syntak­tischer Merkma­le bestim­men lassen. Das kann insbe­sonde­re Aspek­te des Stils betref­fen, so dass sich etwa hinsicht­lich einer bestimm­ten kunstge­schichtli­chen Epo­che ein Bild als syntak­tisch wohlge­formt oder aber unkor­rekt beur­teilen läßt.

Ursache sind in der Regel syntak­tisch diskre­te Subsys­teme, die in die an sich syntak­tisch dichten Dimen­sionen bildhaf­ter Zeichen einge­bettet sind. Das gilt mithin auch für die einfa­cheren Versi­onen von Digi­talbil­dern mit ihren örtli­chen (gege­benen­falls auch zeitli­chen) und den Farbraum betref­fenden Raste­rungen. Rela­tiv zu den einge­schränkten Bildman­nigfal­tigkei­ten, die durch einen solchen Nota­tionsfor­malis­mus umfasst werden, müssen Bilder mit Pixe­men jenseits der Raste­rung als syntak­tisch unkor­rekt gelten. Praktisch ist dieser Fall für die Compu­tervisu­alis­tik wenig rele­vant, da übli­cherwei­se dann statt eines solchen syntak­tisch hinsicht­lich der Digi­tali­sierungs­konven­tion unkor­rekten Bildes einfach das ähnlich­ste syntak­tisch korrek­te Bild substi­tuiert wird, was häufig ausreicht.

Allerdings können verschiede­ne techni­sche Proble­me auch in der Compu­tervi­sualis­tik zum Auftre­ten syntak­tisch unkor­rekter Bilder im enge­ren Sinn führen. Natür­lich geht es hierbei nicht um digi­tale Bilder von syntak­tisch unkor­rekten Bildern (wie etwa Abb. 1), die in der Regel ja selbst durchaus syntak­tisch korrekt sind. So können etwa Störun­gen der Marker­werte entste­hen durch Fehler beim Projek­tionsver­fahren: “Blinde” Stellen des Bildschirms führen etwa dazu, dass an bestimm­ten Orten die Farbdar­stellung nicht mehr richtig funkti­oniert. Noch gravie­render sind techni­sche Proble­me beim Über­tragen oder Abspei­chern, die zu Fehlern in der Nota­tion führen: Die syntak­tische Beschrei­bung des Bildträ­gers kann unvoll­ständig oder inkon­sistent werden. Im Grenzfall lassen sich dann immer noch Teile der Bildflä­che proji­zieren, doch gibt es, wie im Fall der zerris­senen Leinwand, Flächen inner­halb des Rahmens, die tatsäch­lich gar nicht zum Bildträ­ger gehö­ren – also eine massi­ve Störung der geomet­rischen Basis­struktur dieses Bildes.

Anmerkungen
  1. Tat­säch­lich ist bei Bei­spiel 2 kei­nes­wegs klar, dass die ver­wen­de­ten En­ti­tä­ten tat­säch­lich als Wör­ter ge­se­hen wer­den soll­ten oder nicht viel­mehr als blo­ße Buch­sta­ben­fol­gen; vgl. et­wa [Ros 1979a]Ros, Arno (1979).
    Objekt­konsti­tution und ele­menta­re Sprachhand­lungsbe­griffe. König­stein/Ts.: Hain.

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    : S. 174f.
  2. Man stel­le sich et­wa vor, zwei be­lie­bi­ge gleich gro­ße und gleich ge­form­te Be­rei­che ei­nes Bil­des wer­den aus­ge­tauscht.
  3. Da bei Be­trach­tung der syn­tak­ti­schen Wohl­ge­formt­heit se­man­ti­sche und prag­ma­ti­sche As­pek­te aus­drück­lich nicht be­rück­sich­tigt wer­den, spielt es kei­ne Rol­le, wenn sich für den ent­ste­hen­den Bild­trä­ger kei­ne sinn­voll er­schei­nen­den se­man­ti­schen oder prag­ma­ti­schen Zu­sam­men­hän­ge auf­drän­gen. For­mal er­füllt die Neu­kom­bi­na­ti­on al­les, was von ei­nem Bild­trä­ger er­war­tet wird, ganz im Ge­gen­satz zu der Um­ord­nung der Wör­ter im sprach­li­chen Bei­spiel.
  4. Auf der se­man­ti­schen Ebe­ne tre­ten al­so mit­ten im Bild­raum un­de­fi­nier­te Nicht-Or­te auf.
    In ge­wis­sen Gren­zen sind die­se syn­tak­ti­schen Stö­run­gen mit den Aus­wir­kun­gen von Be­schä­di­gun­gen der Netz­haut oder be­stimm­ter neu­ro­lo­gi­scher Stö­run­gen in den vi­su­el­len Zent­ren ver­gleich­bar, die zu stel­len­wei­ser Blind­heit (Sko­tom) füh­ren, wel­che aber oft von den Be­trof­fe­nen gar nicht be­merkt wird (vgl. [Sacks 1996a]Sacks, Oliver (1996).
    Migräne. Ham­burg: Rowohlt.

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    ): Die “un­ge­se­he­nen Or­te” wer­den zu ei­nem nicht-wahr­nehm­ba­ren “Un-Raum”.
  5. Für ei­ne äqui­va­len­te syn­tak­ti­sche Stö­rung im Me­di­um der zeit­ba­sier­ten Zei­chen­sys­te­me, et­wa der Mu­sik, muss ent­spre­chend die Kon­ti­nu­i­tät der zeit­li­chen Ba­sis­struk­tur ver­letzt sein: Ei­ne “sprin­gen­de” Vi­nyl­plat­te mag da­für ein an­“schau”­li­ches Bei­spiel ge­ben. Feh­ler­haf­te Wie­der­ga­be oh­ne Stö­run­gen der tem­po­ra­len Nach­bar­schafts­be­zie­hun­gen, et­wa zu­ge­füg­tes Rau­schen, sind kei­ne syn­tak­ti­schen Feh­ler, da die Ge­räu­sche des Rau­schens auch als re­gu­lä­re Mar­ker­wer­te ver­wen­det wer­den kön­nen.
  6. Ganz ähn­lich kön­nen “blin­de Stel­len” ei­nes Fern­seh­bild­schirms – al­so Or­te, an de­nen in­fol­ge ei­nes tech­ni­schen De­fekts kein Licht emit­tiert wird – nur er­kannt wer­den, wenn das ge­zeig­te Bild be­wegt ist, so dass ein Wech­sel der Mar­ker­werte zu er­war­ten wä­re. Da das nicht ge­schieht, kann die Schirm­stel­le als nicht tat­säch­lich zur geo­met­ri­schen Ba­sis­struk­tur des Bil­des ge­hö­rig be­ur­teilt wer­den.
  7. Da es sich um Ar­gu­men­te han­delt, die ganz klar auf der prag­ma­ti­schen Ebe­ne spie­len, wird die iro­ni­sche Dopp­lung von Pin­sel­strich und Schnitt, die eben­falls im Hin­ter­grund von Fon­ta­nas Wer­ken steht, an die­ser Stel­le nicht wei­ter be­rück­sich­tigt.
Literatur                             [Sammlung]

[Chomsky 1957a]: Chomsky, Noam (1957). Syn­tac­tic Struc­tures. Den Haag: Mouton.

[Hynes 2005a]: Hynes, Maria (2005). Re­thinking Re­duc­tionism. Cul­ture Ma­chine, Band: 7, online journal. [Langer 1984a]: Langer, Susanne (1984). Philo­sophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Frank­furt/M.: Fischer. [Plüma­cher 1999a]: Plümacher, Marti­na (1999). Wohl­geformt­heits­be­dingun­gen für Bilder?. In: Sachs-​Hom­bach, K. & Rehkäm­per, K. (Hg.): Bild­gramma­tik. Inter­diszi­plinä­re Forschun­gen zur Syntax bild­licher Darstel­lungsfor­men. Magde­burg: Scriptum, S. 47-56. [Ros 1979a]: Ros, Arno (1979). Objekt­konsti­tution und ele­menta­re Sprachhand­lungsbe­griffe. König­stein/Ts.: Hain. [Sachs-​Hombach 1999a]: Sachs-Hom­bach, Klaus (1999). Gibt es ein Bild­alpha­bet?. In: Sachs-Hom­bach, K. & Reh­käm­per, K. (Hg.): Bild­gram­ma­tik. Inter­diszi­plinä­re For­schun­gen zur Syntax bild­licher Dar­stellungs­formen. Magde­burg: Scrip­tum, S. 57-66. [Sachs-​Hom­bach 2003a]: Sachs-​Hom­bach, Klaus (2003). Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Köln: Halem. [Sacks 1996a]: Sacks, Oliver (1996). Migräne. Ham­burg: Rowohlt. [Whit­field 1999a]: Whitfield, Sarah (1999). Lucio Fonta­na. London: Hay­ward Gallery Publ..


Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

Ausgabe 1: 2013

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Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [29], Dimitri Liebsch [8] und Emilia Didier [1] — (Hinweis)