Textur

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
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Definition

Ab­bil­dung 1: Bei­spiel für ein pas­to­ses Pin­sel­werk

‘Tex­tur’ (lat. tex­tu­ra = Ge­we­be) be­zeich­net die Ober­flä­chen­be­schaf­fen­heit ei­nes Ma­te­ri­als oder Ge­gen­stan­des. In die­sem Sin­ne wird der Aus­druck von ei­ner Rei­he un­ter­schied­li­cher Wis­sen­schaf­ten ge­braucht (z.B. in der Geo­lo­gie). In Be­zug auf ein Bild fin­det die Be­zeich­nung auf zwei un­ter­schied­li­chen Ebe­nen Ge­brauch: Zum ei­nem kann er auf die Ober­flä­chen­be­schaf­fen­heit der dar­ge­stell­ten Ma­te­ri­a­li­en und Ge­gen­stän­de be­zo­gen wer­den.

Ab­bil­dung 2: Bei­spiel für das durch die Wit­te­rung be­ding­te Cra­que­lée auf äl­te­ren Ge­mäl­den

Doch kann der Ter­mi­nus ‘Tex­tur’ – und dies ist die kunst- und me­di­en­the­o­re­tisch pro­mi­nen­te­re Ver­wen­dung – sich auch auf die Ober­flä­chen­be­schaf­fen­heit ei­nes Bil­des selbst be­zie­hen (⊳ Bild­mor­pho­lo­gie). Die­se Tex­tur ei­nes Bil­des hängt von ver­schie­de­nen Fak­to­ren ab: der Be­schaf­fen­heit der Ma­te­ri­a­li­en, aus dem das Bild be­steht (et­wa bei ei­nem Ge­mäl­de das Ge­we­be der Lein­wand, die Körnung der Pigmen­te etc.) sowie deren Bear­beitung (bei der Male­rei etwa durch den Pinsel, siehe Abb. 1), schließ­lich aber auch allen anderen physi­kali­schen oder chemi­schen Einwir­kungen auf diese Mate­riali­en, seien diese beab­sichtigt oder nicht (etwa durch die Ein­flüsse der Witte­rung, siehe Abb. 2).[1]


Abgrenzung von anderen Begrif­fen

Ein der Textur verwandter Begriff ist derjenige der Faktur. Meist fungiert Faktur als Unter­kate­gorie der Textur. So versteht man unter ‘Faktur’ übli­cherwei­se die Bear­beitungs­spuren eines Mate­rials (etwa bei einem Gemäl­de das Pinsel­werk), also das Ergeb­nis eines Tuns. Diese Faktur kann sowohl handwerk­lich erzeugt sein, als auch mecha­nisch (letzte­re auch gemäß einer Wort­schöpfung von Henryk Berle­wi als ‘Mecha­no-​Faktur’ bezeich­net). Von der Faktur geht oft die Sugges­tion aus, in ihr würde der handwerk­liche Herstel­lungspro­zess eines Bildes (oder eines ande­ren Gegen­standes) oder sogar – etwa bei einem beson­ders virtu­osen Pinsel­werk – die künstle­rische Perfor­manz unmit­telbar anschau­lich.

Ab­bil­dung 3: Sei­te 41 aus [Mo­ho­ly-​Nagy 1929a]Moho­ly-​Nagy, Lásló (1968).
Von ma­terial zu archi­tektur (1929). Mainz, Berlin: Kupfer­berg.

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mit zwei Bei­spie­len für ei­ne Tex­tur
Der Be­griff der Fak­tur kann je­doch auch als von der Tex­tur ex­pli­zit ab­ge­grenzt ge­se­hen wer­den, so et­wa in Mo­ho­ly-​Nagys «von ma­te­ri­al zu ar­chi­tek­tur» von 1929. Für Lász­ló Mo­ho­ly-​Nagy steht der Be­griff der Tex­tur in en­ger Re­la­ti­on zu dem der Struk­tur. Un­ter letz­te­rem ver­steht er „die un­ver­än­der­ba­re auf­bau­art des ma­te­ri­al­ge­fü­ges“ ([Mo­ho­ly-​Nagy 1929a]Moho­ly-​Nagy, Lásló (1968).
Von ma­terial zu archi­tektur (1929). Mainz, Berlin: Kupfer­berg.

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, al­le Zi­ta­te auf S. 33). Mit ‘Tex­tur’ be­zeich­net man nach Mo­ho­ly-​Nagy „die or­ga­nisch ent­stan­de­ne ab­schluß­flä­che je­der struk­tur nach au­ßen“. In die­sem Sin­ne spricht Mo­ho­ly-​Nagy auch von der Tex­tur als ei­ner „or­ga­ni­schen Epi­der­mis“ (siehe Abb. 3).
Ab­bil­dung 4: Sei­te 43 aus [Mo­ho­ly-​Nagy 1929a]Moho­ly-​Nagy, Lásló (1968).
Von ma­terial zu archi­tektur (1929). Mainz, Berlin: Kupfer­berg.

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mit zwei Bei­spie­len für ei­ne Fak­tur

Von ihr un­ter­schei­det er die Fak­tur oder „künst­li­che Epi­der­mis“, die er als „die art und er­schei­nung, der sinn­lich wahr­nehm­ba­re nie­der­schlag (die ein­wir­kung) des werk­pro­zes­ses, der sich bei je­der be­ar­bei­tung am ma­te­ri­al zeigt. al­so die ober­flä­che des von au­ßen her ver­än­der­ten ma­te­ri­als“ de­fi­niert (sie­he Abb. 4). Da­bei er­gibt sich die Fak­tur nicht nur als Er­geb­nis ar­ti­fi­zi­el­ler Be­ar­bei­tung ei­nes Ma­te­ri­als durch den Men­schen, son­dern kann sich auch aus na­tür­li­chen In­ter­ven­ti­o­nen er­ge­ben, et­wa bei ei­nem Baum durch Pa­ra­si­ten­be­fall. Die­se De­fi­ni­ti­on er­laub­te es Mo­ho­ly-​Nagy, in Hin­blick auf die neu­en Me­dien wie Pho­to­gra­phie und Film von ei­ner Licht-​Fak­tur zu spre­chen.


Darstellung des größe­ren Zusam­menhangs

Obwohl die Textu­ren eines Bildes meist nur visu­ell erfahr­bar werden, evo­zieren sie doch stets auch ein takti­les Erleb­nis. Entspre­chend lassen sie sich einer Textur Eigen­schaften sowohl aus dem Bereich der visu­ellen als auch der takti­len Wahrneh­mung zuord­nen (etwa mittels des Gegen­satzpaa­res​ »glänzend/​matt«​ bzw.​ »glatt/​rau«).​ In der opti­schen Wahrneh­mung werden Textu­ren eines Gegen­standes nicht nur nach­rangig hinter ande­ren Phäno­menen wie etwa Farben regis­triert, sondern werden oft erst dort bewusst wahrge­nommen, wo sie beson­ders heraus­gestellt sind (etwa durch den Verzicht auf Farbe in einem mono­chromen Gemäl­de; [Julesz 1986a]Julesz, Béla (1986).
Texturwahrnehmung.
In Wahrnehmung und visuelles System, 48-57.

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).
Medientheoretisch wird die sichtba­re Textur bei einem Gemäl­de als Störung der darstel­leri­schen “Transpa­renz” betrach­tet. Das ist auch nicht selten der Fall. So hatte etwa bereits Jean-​Auguste-​Domi­nique Ingres darauf hinge­wiesen, dass das sichtba­re Pinsel­werk eines Gemäl­des (touche) die Aufmerk­samkeit des Betrach­ters vom darge­stellten Gegen­stand ablen­ke ([Dela­borde 1870a]Delaborde, Henri (1870).
Ingres, sa vie, ses travaux, sa doctrine, d'après Les Notes Manuscrites et les lettres du maître. Paris: Henri Plon.

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: S. 150). Insbe­sonde­re in der aka­demi­schen Male­rei war es daher üblich, die Gemäl­deober­fläche von allen Spuren des Pinsels zu reini­gen, um so die Textur des Gemäl­des gleichsam unsicht­bar zu machen.
Ab­bil­dung 5: Bei­spiel für ei­nen ma­te­ri­al­mi­me­ti­schen Farb­auf­trag

Sol­che Be­mü­hun­gen, die Tex­tur zu leug­nen, kön­nen je­doch nicht da­rü­ber hin­weg­täu­schen, dass Bil­der als ma­te­ri­el­le Ar­te­fak­te stets ei­ne wie auch im­mer ge­ar­te­te Tex­tur auf­wei­sen (et­wa in der Kör­nung der Pig­men­te, so fein die­se auch ge­mah­len sei­en). Zu­gleich muss je­doch ei­ne he­raus­ge­stell­te Tex­tur nicht not­ge­drun­gen als Be­ein­träch­ti­gung der dar­stel­le­ri­schen Trans­pa­renz wahr­ge­nom­men wer­den. Viel­mehr wur­de in der Ma­le­rei et­wa der Farb­auf­trag oft da­zu ge­nutzt, um die Tex­tur des dar­ge­stell­ten Ge­gen­stan­des zu imi­tie­ren. So er­laubt et­wa ein pas­to­ser Farb­auf­trag (franz. auch une touche beurrée) Butter in hoher mate­rial­mime­tischer Perfek­tion wieder­zuge­ben (Abb. 5).

Historisch gewann die Textur vor allem im Zuge der Indus­triali­sierung und des Aufkom­mens techni­scher Repro­duktions­medien wie etwa der Photo­graphie an Bedeu­tung. Die hohe Homo­geni­tät indus­triell herge­stellter Ober­flächen (bzw. technisch repro­duzier­ter Bilder) wurde oft als Negie­rung hapti­scher Reize wahrge­nommen, wenn dies Phäno­men auch höchst unter­schiedli­che Wertun­gen erfuhr. Während maschi­nell erzeug­te Ober­flächen oft von Hoffnun­gen der Über­windung des Handwerks, des Mate­rials oder des Indi­vidua­lismus geprägt wurden ([Berle­wi 1924a]Berlewi, Henryk (1924).
Mechano-Faktur. In Der Sturm, 15, 155-159.

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), gewan­nen insbe­sonde­re bei den Kriti­kern der Indus­triali­sierung die takti­len Textu­ren handwerk­lich gefer­tigter Ober­flächen an Wertschät­zung (so schon bei Ruskin). So führte etwa der durch das neue Bild­medium der Photo­graphie ausge­übte Konkur­renzdruck in der Male­rei kompen­sato­risch zu einer Beto­nung von Im­pasto und Pinsel­werk. Gegen­über der ano­nymen Ober­fläche indus­triell gefer­tigter Produk­te wohnt manuell erzeug­ten Textu­ren die Ver­heißung inne, in ihr die indi­viduel­le Hand­schrift eines Künstlers (oder Handwer­kers) erken­nen zu können, über die dieser sich in sein Werk (oder Produkt) gleichsam einge­schrieben hat.
Anmerkungen
  1. Nach [Buch­holz & Schir­ra 2001a]Buchholz, Kai & Schirra, Jörg R.J. (1999).
    Das Haus als Gesamt­kunst­werk – Eine Heraus­forde­rung an die Compu­tervi­sualis­tik.
    In Bildhan­deln. Inter­diszi­plinä­re Forschun­gen zur Prag­ma­tik bildhaf­ter Darstel­lungsfor­men, 241-​268.

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    ) wird der Aus­druck ‘Tex­tur’ in der Com­pu­ter­gra­phik noch in ei­ner drit­ten Spiel­art ver­wen­det. Beim com­pu­ter­vi­su­a­lis­ti­schen Her­stel­len von Ab­bil­dun­gen vir­tu­el­ler Sze­nen be­hilft man sich un­ter an­de­rem mit Hilfs­bil­dern, die wie Pho­to­ta­pe­ten auf die in der 3D-​Com­pu­ter­gra­phik zu se­hen­den vir­tu­el­len Ober­flä­chen “ge­klebt” wer­den, um de­ren vi­su­el­le Ober­flä­chen­be­schaf­fen­hei­ten zu si­mu­lie­ren, z.B. di­gi­ta­li­sier­te Pho­tos na­tür­li­cher Ober­flä­chen, die un­ter Um­stän­den noch mit ei­nem Bild­be­ar­bei­tungs­pro­gramm ver­än­dert wer­den. Die auf die­se Wei­se ver­wen­de­ten Hilfs­bil­der wer­den eben­falls ‘Tex­tu­ren’ ge­nannt.
Literatur                             [Sammlung]

[Berle­wi 1924a]: Berlewi, Henryk (1924). Mechano-Faktur. Der Sturm, Nummer: 15, S. 155-159.

[Buch­holz & Schir­ra 2001a]: Buchholz, Kai & Schirra, Jörg R.J. (1999). Das Haus als Gesamt­kunst­werk – Eine Heraus­forde­rung an die Compu­tervi­sualis­tik. In: Sachs-​Hom­bach, K. (Hg.): Bildhan­deln. Inter­diszi­plinä­re Forschun­gen zur Prag­ma­tik bildhaf­ter Darstel­lungsfor­men. Magde­burg: Scriptum, S. 241-​268. [Dela­borde 1870a]: Delaborde, Henri (1870). Ingres, sa vie, ses travaux, sa doctrine, d'après Les Notes Manuscrites et les lettres du maître. Paris: Henri Plon. [Julesz 1986a]: Julesz, Béla (1986). Texturwahrnehmung. In: Ritter, M. (Hg.): Wahrnehmung und visuelles System. Heidel­berg: Spektrum d. Wiss., S. 48-57. [Mo­ho­ly-​Nagy 1929a]: Moho­ly-​Nagy, Lásló (1968). Von ma­terial zu archi­tektur (1929). Mainz, Berlin: Kupfer­berg.


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Ausgabe 1: 2015

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Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [64] und Dimitri Liebsch [2] — (Hinweis)