Bilderschrift und Piktogramm: Unterschied zwischen den Versionen

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(Bilderschrift als Mythos)
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Man spricht traditionell von ‘Bilderschriften’,  wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegenständen ähneln, die Bezeichnung ‘Bilderschriften’ dient manchmal aber auch als Sammelname für Vorformen von Schrift und schriftartige Mnemotechniken. Man spricht also einerseits von einer bestimmten graphischen [[Gestalt]] und andererseits von einer bestimmten Funktionsweise, der direkten [[Referenz]] auf den Gegenstand, ohne dass notwendig eine Bindung an eine bestimmte Lautung gegeben sein muß. Oft wird auch angenommen, die Ikonizität der Gestalt bedinge eine solche Gebrauchsweise. In diesem zweiten Sinne wären Bilderschriften etwas Ähnliches wie Piktogramme, eine Art mehr oder weniger standardisierte ikonische Kurzformeln.
 
Man spricht traditionell von ‘Bilderschriften’,  wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegenständen ähneln, die Bezeichnung ‘Bilderschriften’ dient manchmal aber auch als Sammelname für Vorformen von Schrift und schriftartige Mnemotechniken. Man spricht also einerseits von einer bestimmten graphischen [[Gestalt]] und andererseits von einer bestimmten Funktionsweise, der direkten [[Referenz]] auf den Gegenstand, ohne dass notwendig eine Bindung an eine bestimmte Lautung gegeben sein muß. Oft wird auch angenommen, die Ikonizität der Gestalt bedinge eine solche Gebrauchsweise. In diesem zweiten Sinne wären Bilderschriften etwas Ähnliches wie Piktogramme, eine Art mehr oder weniger standardisierte ikonische Kurzformeln.
 
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Als Prototyp einer Bilderschrift im ersten Sinn galten lange die ägyptischen Hieroglyphen. Vor ihrer Entzifferung im 19. Jahrhundert gab es v.a. in der Spätantike und im Barock Versuche, die Bedeutung der Hieroglyphen über unterschiedliche Analogiebeziehungen aus dieser Bildlichkeit abzuleiten. Der modernen Ägyptologie gilt dieser Blick auf die ägyptische Schrift schlicht als falsch: Hieroglyphen schreiben eine bestimmte Sprache bzw. Sprachstufe, sie werden gelesen, nicht bloß betrachtet. Ihre Bildlichkeit spielt für ihre primäre Funktion keine Rolle. Das zeigt sich z.B. auch daran, daß „der Normalfall der ägyptischen Schrift […] eine kursive Schreibschrift [ist]“ (<bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidlmayer 2011a</bib>: S. XXX). Ikonische Eigenschaften können aber in bestimmten Gebrauchskontexten für semantische Effekte “ausgebeutet” werden (vgl. <bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidlmayer 2011a</bib>); Assmann spricht in diesem Zusammenhang nachgerade von einer „Etymographie“ (<bib id='Assmann 2011a '>Assmann 2011a</bib>: S. XXX).  
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Als Prototyp einer Bilderschrift im ersten Sinn galten lange die ägyptischen Hieroglyphen. Vor ihrer Entzifferung im 19. Jahrhundert gab es v.a. in der Spätantike und im Barock Versuche, die Bedeutung der Hieroglyphen über unterschiedliche Analogiebeziehungen aus dieser Bildlichkeit abzuleiten. Der modernen Ägyptologie gilt dieser Blick auf die ägyptische Schrift schlicht als falsch: Hieroglyphen schreiben eine bestimmte Sprache bzw. Sprachstufe, sie werden gelesen, nicht bloß betrachtet. Ihre Bildlichkeit spielt für ihre primäre Funktion keine Rolle. Das zeigt sich z.B. auch daran, daß „der Normalfall der ägyptischen Schrift […] eine kursive Schreibschrift [ist]“ (<bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidlmayer 2011a</bib>: S. 124). Ikonische Eigenschaften können aber in bestimmten Gebrauchskontexten für semantische Effekte “ausgebeutet” werden (vgl. <bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidlmayer 2011a</bib>); Assmann spricht in diesem Zusammenhang nachgerade von einer „Etymographie“ (<bib id='Assmann 2011a '>Assmann 2011a</bib>: S. XXX).  
 
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Diesen Zusammenhang hatte im Prinzip auch bereits Wilhelm v. Humboldt erkannt, der in seiner Akademierede von 1824 «Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau» (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 86ff.) zunächst zwischen „Bilderschriften“ (die wie die ägyptischen Hieroglyphen ikonische Zeichen verwenden), „Figurenschriften“, „welche Begriffe bezeichne[n]“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 87) (wie die chinesischen Zeichen) und „Buchstabenschriften“ (Alphabetschriften) unterscheidet, um dann aber klarzumachen, dass die Verhältnisse komplizierter sind. Humboldt stand in Briefkontakt mit Champollion und kannte dessen kurz zuvor (1822) erschienene «Lettre à M. Dacier». Er wußte, dass „die Aegyptier Bilder- und Buchstabenschrift in einander übergehen liessen“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 83), mit anderen Worten die Hieroglyphen einen alphabetischen Anteil haben.  
 
Diesen Zusammenhang hatte im Prinzip auch bereits Wilhelm v. Humboldt erkannt, der in seiner Akademierede von 1824 «Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau» (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 86ff.) zunächst zwischen „Bilderschriften“ (die wie die ägyptischen Hieroglyphen ikonische Zeichen verwenden), „Figurenschriften“, „welche Begriffe bezeichne[n]“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 87) (wie die chinesischen Zeichen) und „Buchstabenschriften“ (Alphabetschriften) unterscheidet, um dann aber klarzumachen, dass die Verhältnisse komplizierter sind. Humboldt stand in Briefkontakt mit Champollion und kannte dessen kurz zuvor (1822) erschienene «Lettre à M. Dacier». Er wußte, dass „die Aegyptier Bilder- und Buchstabenschrift in einander übergehen liessen“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 83), mit anderen Worten die Hieroglyphen einen alphabetischen Anteil haben.  
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Coulmas (<bib id='Coulmas 1999a'>Coulmas 1999a</bib>: S. 382 und 407) hat versucht, diese Unterscheidung zwischen Gestalt und Funktionsweise terminologisch unter den Bezeichnungen ‘inner form’ und ‘outer form’ zu fassen und stellt fest: „No writing system is pictographic with respect to its inner form“ (<bib id='Coulmas 1999a'>Coulmas 1999a</bib>: S. 407). Er faßt damit zusammen, was Konsens in der Forschung ist: Ein voll entwickeltes natürlichsprachliches Schriftsystem wie die Hieroglyphen zeichnet sich dadurch aus, daß es – in den Worten Humboldts – „bestimmte Wörter in bestimmter Folge andeutet“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 110), und diese Funktionsweise ist grundsätzlich unabhängig von der Bildlichkeit der Gestalt. [[Schriftbildlichkeit|schriftbildliche Aspekte]] an der Gestalt des Zeichens können aber ein zusätzliches Bedeutungspotential bergen.<ref>Hinzu kommen natürlich kalligraphische oder [[Typographie|typographische]] Auszeichnungen etc., die aber in den genannten Forschungskontexten in der Regel eine untergeordnete Rolle spielen.</ref>
 
Coulmas (<bib id='Coulmas 1999a'>Coulmas 1999a</bib>: S. 382 und 407) hat versucht, diese Unterscheidung zwischen Gestalt und Funktionsweise terminologisch unter den Bezeichnungen ‘inner form’ und ‘outer form’ zu fassen und stellt fest: „No writing system is pictographic with respect to its inner form“ (<bib id='Coulmas 1999a'>Coulmas 1999a</bib>: S. 407). Er faßt damit zusammen, was Konsens in der Forschung ist: Ein voll entwickeltes natürlichsprachliches Schriftsystem wie die Hieroglyphen zeichnet sich dadurch aus, daß es – in den Worten Humboldts – „bestimmte Wörter in bestimmter Folge andeutet“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 110), und diese Funktionsweise ist grundsätzlich unabhängig von der Bildlichkeit der Gestalt. [[Schriftbildlichkeit|schriftbildliche Aspekte]] an der Gestalt des Zeichens können aber ein zusätzliches Bedeutungspotential bergen.<ref>Hinzu kommen natürlich kalligraphische oder [[Typographie|typographische]] Auszeichnungen etc., die aber in den genannten Forschungskontexten in der Regel eine untergeordnete Rolle spielen.</ref>
 
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==Bilderschrift als typologisches Problem==
 
==Bilderschrift als typologisches Problem==

Version vom 16. Juni 2013, 08:40 Uhr

Unterpunkt zu: Schriftbildlichkeit


Die Grenze zwischen Schrift und Bild

Wenn man die Schriften natürlicher Sprachen in historischer oder systematischer Perspektive kategorisieren, also eine Schriftgeschichte oder –typologie entwerfen möchte, muß man zwei grundsätzliche Fragen beantworten: die Frage nach den “Außengrenzen” des Bereichs der Schrift (was gilt noch als Schrift, was als historische Vorstufe zu voll entwickelten Schriften, was schon als Bild?) und die Frage nach den Funktionsprinzipien unterschiedlicher Schrifttypen (gibt es ein gemeinsames Funktionsprinzip oder mehrere unterschiedliche?). Ein wichtiges Problem in diesem Zusammenhang ist die Beschreibung und die Definition von Bilderschriften, da sich u.a. an diesem Problem die Grenze zwischen Schrift und Bild verhandelt.


Bilderschrift als Mythos

Man spricht traditionell von ‘Bilderschriften’, wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegenständen ähneln, die Bezeichnung ‘Bilderschriften’ dient manchmal aber auch als Sammelname für Vorformen von Schrift und schriftartige Mnemotechniken. Man spricht also einerseits von einer bestimmten graphischen Gestalt und andererseits von einer bestimmten Funktionsweise, der direkten Referenz auf den Gegenstand, ohne dass notwendig eine Bindung an eine bestimmte Lautung gegeben sein muß. Oft wird auch angenommen, die Ikonizität der Gestalt bedinge eine solche Gebrauchsweise. In diesem zweiten Sinne wären Bilderschriften etwas Ähnliches wie Piktogramme, eine Art mehr oder weniger standardisierte ikonische Kurzformeln.

Als Prototyp einer Bilderschrift im ersten Sinn galten lange die ägyptischen Hieroglyphen. Vor ihrer Entzifferung im 19. Jahrhundert gab es v.a. in der Spätantike und im Barock Versuche, die Bedeutung der Hieroglyphen über unterschiedliche Analogiebeziehungen aus dieser Bildlichkeit abzuleiten. Der modernen Ägyptologie gilt dieser Blick auf die ägyptische Schrift schlicht als falsch: Hieroglyphen schreiben eine bestimmte Sprache bzw. Sprachstufe, sie werden gelesen, nicht bloß betrachtet. Ihre Bildlichkeit spielt für ihre primäre Funktion keine Rolle. Das zeigt sich z.B. auch daran, daß „der Normalfall der ägyptischen Schrift […] eine kursive Schreibschrift [ist]“ ([Seidlmayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johannes (2011).
Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild.
In Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen, ???.

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: S. 124). Ikonische Eigenschaften können aber in bestimmten Gebrauchskontexten für semantische Effekte “ausgebeutet” werden (vgl. [Seidlmayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johannes (2011).
Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild.
In Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen, ???.

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); Assmann spricht in diesem Zusammenhang nachgerade von einer „Etymographie“ ([Assmann 2011a]Assmann, Jan (2011).
Schriftbildlichkeit: Etymographie und Ikonographie.
In Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen, XXX.

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: S. XXX).
Diesen Zusammenhang hatte im Prinzip auch bereits Wilhelm v. Humboldt erkannt, der in seiner Akademierede von 1824 «Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau» ([Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm von (1988).
Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau.
In Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III, hg. von Flitner, Andreas & Giel, Klaus, 82-112.

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: S. 86ff.) zunächst zwischen „Bilderschriften“ (die wie die ägyptischen Hieroglyphen ikonische Zeichen verwenden), „Figurenschriften“, „welche Begriffe bezeichne[n]“ ([Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm von (1988).
Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau.
In Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III, hg. von Flitner, Andreas & Giel, Klaus, 82-112.

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: S. 87) (wie die chinesischen Zeichen) und „Buchstabenschriften“ (Alphabetschriften) unterscheidet, um dann aber klarzumachen, dass die Verhältnisse komplizierter sind. Humboldt stand in Briefkontakt mit Champollion und kannte dessen kurz zuvor (1822) erschienene «Lettre à M. Dacier». Er wußte, dass „die Aegyptier Bilder- und Buchstabenschrift in einander übergehen liessen“ ([Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm von (1988).
Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau.
In Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III, hg. von Flitner, Andreas & Giel, Klaus, 82-112.

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: S. 83), mit anderen Worten die Hieroglyphen einen alphabetischen Anteil haben. „Bilderschriften“ können als „Buchstabenschriften“ fungieren. Unterschied Humboldt bereits zwischen den Aspekten Zeichengestalt und Funktion, so sah er in der Schriftbildlichkeit der Hieroglyphen jedoch kein Reservoir für etymographische Lesungen oder ein schriftspielerisches Potential. Vielmehr sah er in der Bildlichkeit der Zeichen eine Ablenkung: Während Buchstabenschriften vor Augen führen, was den Sprachlaut als solchen auszeichnet (nämlich, dass er ein artikulierter Laut ist ([Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm von (1988).
Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau.
In Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III, hg. von Flitner, Andreas & Giel, Klaus, 82-112.

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: S. 93), lenken Bilderschriften durch die zusätzliche Referenz auf den Gegenstand der Rede von dieser selbst ab ([Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm von (1988).
Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau.
In Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III, hg. von Flitner, Andreas & Giel, Klaus, 82-112.

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: S. 86).
Coulmas ([Coulmas 1999a]Coulmas, Florian (1999).
The Blackwell Encyclopedia of Writing Systems. Oxford u.a.: Blackwell.

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: S. 382 und 407) hat versucht, diese Unterscheidung zwischen Gestalt und Funktionsweise terminologisch unter den Bezeichnungen ‘inner form’ und ‘outer form’ zu fassen und stellt fest: „No writing system is pictographic with respect to its inner form“ ([Coulmas 1999a]Coulmas, Florian (1999).
The Blackwell Encyclopedia of Writing Systems. Oxford u.a.: Blackwell.

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: S. 407). Er faßt damit zusammen, was Konsens in der Forschung ist: Ein voll entwickeltes natürlichsprachliches Schriftsystem wie die Hieroglyphen zeichnet sich dadurch aus, daß es – in den Worten Humboldts – „bestimmte Wörter in bestimmter Folge andeutet“ ([Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm von (1988).
Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau.
In Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III, hg. von Flitner, Andreas & Giel, Klaus, 82-112.

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: S. 110), und diese Funktionsweise ist grundsätzlich unabhängig von der Bildlichkeit der Gestalt. schriftbildliche Aspekte an der Gestalt des Zeichens können aber ein zusätzliches Bedeutungspotential bergen.[1]

Bilderschrift als typologisches Problem

Damit sind aber noch nicht sämtliche systematischen Probleme gelöst, die mit dem Begriff der Bilderschriften verbunden sind. Was für Schriftsysteme wie die ägyptischen Hieroglyphen allgemein als geklärt gilt, ist hinsichtlich der allgemeinen Typologie von Schriftsystemen und der Charakterisierung der historischen Vorformen von Schrift immer noch umstritten. Hier geht es um Bilderschriften im zweiten oben angeführten Sinn des Begriffs.

Exemplarisch sei hier auf die Debatte zwischen Sampson ([Sampson 1985a]Sampson, Geoffrey (1985).
Writing Systems. A linguistic introduction. Stanford, California: Stanford University Press.

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) und DeFrancis ([DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989).
Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. Honolulu: University of Hawaii Press.

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) aus den 1980er Jahren verwiesen: Sampson ([Sampson 1985a]Sampson, Geoffrey (1985).
Writing Systems. A linguistic introduction. Stanford, California: Stanford University Press.

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: S. 32ff.) legt eine Einteilung der Schriftsysteme in semasiographische („semasiographic“) und glottographische („glottographic“) Systeme vor. Unter der Bezeichnung ‘semasiographisch’ verbirgt sich ein weiter Schriftbegriff, der Piktogramme und die in Schriftgeschichten weitverbreiteten Felszeichnungen etc. umfaßt; ‘glottographisch’ sind alle Schriftsysteme, insofern sie bestimmte Sprachen schreiben. Sampson räumt durchaus ein, dass man die Bezeichnung ‘Schrift’ auf die Systeme beschränken könnte, die er glottographisch nennt. Es ist für ihn aber theoretisch durchaus vorstellbar, semasiographische Systeme (Piktogramme) so weit auszudifferenzieren, dass sie die Ausdrucksmächtigkeit einer Schrift bekommen – und zwar unabhängig von einer bestimmten Sprache. Die glottographischen Systeme wiederum sind eingeteilt in phonographische („phonographic“) Systeme einerseits (Silbenschriften, Alphabete und Systeme wie das Koreanische, die zwar Silbenschriften sind, aber eine aufgeschlüsselte Binnenstruktur haben) und logographische („logographic“) Systeme andererseits, die Morpheme schreiben, wie das Chinesische.
Der Gegenentwurf von DeFrancis ([DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989).
Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. Honolulu: University of Hawaii Press.

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: S. 58ff.) unterscheidet sich davon vor allem in zwei Punkten: Erstens kann laut DeFrancis das, was Sampson ‘semasiographische Systeme’ nennt auf keinen Fall als Schrift gelten; semasiographische Systeme sind für ihn „dead-end symbols“ ([DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989).
Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. Honolulu: University of Hawaii Press.

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: S. 58), da Piktogramme etc. nicht nur keine Schriften sind, sondern auch nicht zu welchen werden können. Das können sie deshalb nicht, weil echte Schriften für DeFrancis notwendig phonographisch sind ([DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989).
Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. Honolulu: University of Hawaii Press.

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: S. 7). Für DeFrancis, gibt es deswegen zweitens auch grundsätzlich keine logographischen Schriften in dem Sinne wie Sampson den Ausdruck verwendet. Das Chinesische klassifiziert er als „morpho-syllabisch“ ([DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989).
Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. Honolulu: University of Hawaii Press.

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: S. 58), d.h. als eine Silbenschrift, deren Element außerdem auch noch mit Morphemen korrespondieren.
In der neueren Forschung arbeitet etwa Sproat ([Sproat 2010b]Sproat, Richard (2010).
Language, Technology, and Society. Oxford u.a.: Oxford University Press.

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: S. 72) mit einem Schriftbegriff, der etwa der Position von DeFrancis entspricht, dagegen versucht z.B. Elkins ([Elkins 1999a]Elkins, James (1999).
The Domain of Images. London: Cornell University Press.

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: Kap. 8) mit seinen Anmerkungen über semasiographische Zeichen („semasiographs“), die Debatte um die Taxonomie im Grenzbereich zwischen Schrift und Bild neu zu beleben.


Die Kategorie »Bilderschrift« im Kontext schrifttheoretischer Diskussionen

Die Frage nach dem Sinn einer Kategorie »Bilderschrift« hängt so mit der Beantwortung einer Reihe weiterer Fragen zusammen:

  • Sollen Piktogramme und ähnliche Systeme, die (im linguistischen Sinn) keine Syntax aufweisen, aber eine Referenz, als Schriften gelten oder vielleicht eher als Pseudoschriften?
  • Gibt es Schriftzeichen, die wie Piktogramme funktionieren, indem sie als Ideogramme Bedeutungen direkt, ohne Bezugnahme auf die gesprochene Sprache wiedergeben (ohne jedoch wie Piktogramme notwendig ikonisch zu sein)?
  • Gibt es logographische oder morphographische Schriftsysteme[2] oder ist nur der Bezug auf die Lautebene der Sprache typologisch relevant (wie bei Sproat oder DeFrancis)?

Allgemein ist die Debatte auch von deutlich unterschiedlichen Erkenntnisinteressen geprägt: Wer in historischer Perspektive die Konstitutionsprinzipien von Schriften untersucht, wird hier andere Entscheidungen treffen als jemand der Schriften ausschließlich in ihrer Funktion als Notationssysteme für gesprochene Sprachen im Blick hat, und wieder andere Unterscheidungen werden sich ergeben, wenn man die Funktionsprinzipien von Schriften in der Systematik zeichentheoretischer Überlegungen betrachtet.[3]

Anmerkungen
  1. Hinzu kommen natürlich kalligraphische oder typographische Auszeichnungen etc., die aber in den genannten Forschungskontexten in der Regel eine untergeordnete Rolle spielen.
  2. Anders als bei Sampson ([Sampson 1985a]Sampson, Geoffrey (1985).
    Writing Systems. A linguistic introduction. Stanford, California: Stanford University Press.

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    : S. 32) werden diese beiden Termini in der Regel unterschieden: logographische Systeme schreiben Wörter, morphographische Systeme Morpheme (⊳ Morphologie).
  3. Zur Unterscheidung zwischen Funktion- und Konstitutionsprinzip von Schrift vgl. [Stetter 1999a]Stetter, Christian (1999).
    Schrift und Sprache. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, (stw 1415).

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    : S. 62.
Literatur                             [Sammlung]

[Assmann 2011a]: Assmann, Jan (2011). Schriftbildlichkeit: Etymographie und Ikonographie. In: Krämer, Sybille; Cancik-Kirschbaum, Eva & Totzke, Rainer (Hg.): Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Berlin: Akademie, S. XXX.

[Coulmas 1999a]: Coulmas, Florian (1999). The Blackwell Encyclopedia of Writing Systems. Oxford u.a.: Blackwell. [DeFrancis 1989a]: DeFrancis, John (1989). Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. Honolulu: University of Hawaii Press. [Elkins 1999a]: Elkins, James (1999). The Domain of Images. London: Cornell University Press. [Humboldt 1988a]: Humboldt, Wilhelm von (1988). Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau. In: Humboldt, Wilhelm von (Hg.): Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III, hg. von Flitner, Andreas & Giel, Klaus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 82-112. [Sampson 1985a]: Sampson, Geoffrey (1985). Writing Systems. A linguistic introduction. Stanford, California: Stanford University Press. [Seidlmayer 2011a]: Seidlmayer, Stephan Johannes (2011). Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild. In: Krämer, Sybille; Cancik-Kirschbaum, Eva & Totzke, Rainer (Hg.): Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Berlin: Akademie, S. ???. [Sproat 2010b]: Sproat, Richard (2010). Language, Technology, and Society. Oxford u.a.: Oxford University Press. [Stetter 1999a]: Stetter, Christian (1999). Schrift und Sprache. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, (stw 1415).


Hilfe: Nicht angezeigte Literaturangaben

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Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [18] und Elisabeth Birk [13] — (Hinweis)