Bilderschrift und Piktogramm

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
Version vom 16. Juni 2013, 08:51 Uhr von Elisabeth Birk (Diskussion | Beiträge) (Die Kategorie »Bilderschrift« im Kontext schrifttheoretischer Diskussionen)
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Unterpunkt zu: Schriftbildlichkeit


Die Grenze zwischen Schrift und Bild

Wenn man die Schriften natürlicher Sprachen in historischer oder systematischer Perspektive kategorisieren, also eine Schriftgeschichte oder –typologie entwerfen möchte, muß man zwei grundsätzliche Fragen beantworten: die Frage nach den “Außengrenzen” des Bereichs der Schrift (was gilt noch als Schrift, was als historische Vorstufe zu voll entwickelten Schriften, was schon als Bild?) und die Frage nach den Funktionsprinzipien unterschiedlicher Schrifttypen (gibt es ein gemeinsames Funktionsprinzip oder mehrere unterschiedliche?). Ein wichtiges Problem in diesem Zusammenhang ist die Beschreibung und die Definition von Bilderschriften, da sich u.a. an diesem Problem die Grenze zwischen Schrift und Bild verhandelt.


Bilderschrift als Mythos

Man spricht traditionell von ‘Bilderschriften’, wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegenständen ähneln, die Bezeichnung ‘Bilderschriften’ dient manchmal aber auch als Sammelname für Vorformen von Schrift und schriftartige Mnemotechniken. Man spricht also einerseits von einer bestimmten graphischen Gestalt und andererseits von einer bestimmten Funktionsweise, der direkten Referenz auf den Gegenstand, ohne dass notwendig eine Bindung an eine bestimmte Lautung gegeben sein muß. Oft wird auch angenommen, die Ikonizität der Gestalt bedinge eine solche Gebrauchsweise. In diesem zweiten Sinne wären Bilderschriften etwas Ähnliches wie Piktogramme, eine Art mehr oder weniger standardisierte ikonische Kurzformeln.

Als Prototyp einer Bilderschrift im ersten Sinn galten lange die ägyptischen Hieroglyphen. Vor ihrer Entzifferung im 19. Jahrhundert gab es v.a. in der Spätantike und im Barock Versuche, die Bedeutung der Hieroglyphen über unterschiedliche Analogiebeziehungen aus dieser Bildlichkeit abzuleiten. Der modernen Ägyptologie gilt dieser Blick auf die ägyptische Schrift schlicht als falsch: Hieroglyphen schreiben eine bestimmte Sprache bzw. Sprachstufe, sie werden gelesen, nicht bloß betrachtet. Ihre Bildlichkeit spielt für ihre primäre Funktion keine Rolle. Das zeigt sich z.B. auch daran, daß „der Normalfall der ägyptischen Schrift […] eine kursive Schreibschrift [ist]“ ([Seidlmayer 2011a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 124). Ikonische Eigenschaften können aber in bestimmten Gebrauchskontexten für semantische Effekte „ausgebeutet” werden (vgl. [Seidlmayer 2011a]Literaturangabe fehlt.
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); Assmann spricht in diesem Zusammenhang nachgerade von einer „Etymographie“ ([Assmann 2011a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 139).

Diesen Zusammenhang hatte im Prinzip auch bereits Wilhelm v. Humboldt erkannt, der in seiner Akademierede von 1824 «Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau» ([Humboldt 1988a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 86ff.) zunächst zwischen „Bilderschriften“ (die wie die ägyptischen Hieroglyphen ikonische Zeichen verwenden), „Figurenschriften“, „welche Begriffe bezeichne[n]“ ([Humboldt 1988a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 87) (wie die chinesischen Zeichen) und „Buchstabenschriften“ (Alphabetschriften) unterscheidet, um dann aber klarzumachen, dass die Verhältnisse komplizierter sind. Humboldt stand in Briefkontakt mit Champollion und kannte dessen kurz zuvor (1822) erschienene «Lettre à M. Dacier». Er wußte, dass „die Aegyptier Bilder- und Buchstabenschrift in einander übergehen liessen“ ([Humboldt 1988a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 83), mit anderen Worten die Hieroglyphen einen alphabetischen Anteil haben. „Bilderschriften“ können als „Buchstabenschriften“ fungieren. Unterschied Humboldt bereits zwischen den Aspekten Zeichengestalt und Funktion, so sah er in der Schriftbildlichkeit der Hieroglyphen jedoch kein Reservoir für etymographische Lesungen oder ein schriftspielerisches Potential. Vielmehr sah er in der Bildlichkeit der Zeichen eine Ablenkung: Während Buchstabenschriften vor Augen führen, was den Sprachlaut als solchen auszeichnet (nämlich, dass er ein artikulierter Laut ist ([Humboldt 1988a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 93), lenken Bilderschriften durch die zusätzliche Referenz auf den Gegenstand der Rede von dieser selbst ab ([Humboldt 1988a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 86).

Coulmas ([Coulmas 1999a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 382 und 407) hat versucht, diese Unterscheidung zwischen Gestalt und Funktionsweise terminologisch unter den Bezeichnungen ‘inner form’ und ‘outer form’ zu fassen und stellt fest: „No writing system is pictographic with respect to its inner form“ ([Coulmas 1999a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 407). Er faßt damit zusammen, was Konsens in der Forschung ist: Ein voll entwickeltes natürlichsprachliches Schriftsystem wie die Hieroglyphen zeichnet sich dadurch aus, daß es – in den Worten Humboldts – „bestimmte Wörter in bestimmter Folge andeutet“ ([Humboldt 1988a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 110), und diese Funktionsweise ist grundsätzlich unabhängig von der Bildlichkeit der Gestalt. schriftbildliche Aspekte an der Gestalt des Zeichens können aber ein zusätzliches Bedeutungspotential bergen.[1]

Bilderschrift als typologisches Problem

Damit sind aber noch nicht sämtliche systematischen Probleme gelöst, die mit dem Begriff der Bilderschriften verbunden sind. Was für Schriftsysteme wie die ägyptischen Hieroglyphen allgemein als geklärt gilt, ist hinsichtlich der allgemeinen Typologie von Schriftsystemen und der Charakterisierung der historischen Vorformen von Schrift immer noch umstritten. Hier geht es um Bilderschriften im zweiten oben angeführten Sinn des Begriffs.

Exemplarisch sei hier auf die Debatte zwischen Sampson ([Sampson 1985a]Literaturangabe fehlt.
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) und DeFrancis ([DeFrancis 1989a]Literaturangabe fehlt.
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) aus den 1980er Jahren verwiesen: Sampson ([Sampson 1985a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 32ff.) legt eine Einteilung der Schriftsysteme in semasiographische („semasiographic“) und glottographische („glottographic“) Systeme vor. Unter der Bezeichnung ‘semasiographisch’ verbirgt sich ein weiter Schriftbegriff, der Piktogramme und die in Schriftgeschichten weitverbreiteten Felszeichnungen etc. umfaßt; ‘glottographisch’ sind alle Schriftsysteme, insofern sie bestimmte Sprachen schreiben. Sampson räumt durchaus ein, dass man die Bezeichnung ‘Schrift’ auf die Systeme beschränken könnte, die er glottographisch nennt. Es ist für ihn aber theoretisch durchaus vorstellbar, semasiographische Systeme (Piktogramme) so weit auszudifferenzieren, dass sie die Ausdrucksmächtigkeit einer Schrift bekommen – und zwar unabhängig von einer bestimmten Sprache. Die glottographischen Systeme wiederum sind eingeteilt in phonographische („phonographic“) Systeme einerseits (Silbenschriften, Alphabete und Systeme wie das Koreanische, die zwar Silbenschriften sind, aber eine aufgeschlüsselte Binnenstruktur haben) und logographische („logographic“) Systeme andererseits, die Morpheme schreiben, wie das Chinesische.

Der Gegenentwurf von DeFrancis ([DeFrancis 1989a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 58ff.) unterscheidet sich davon vor allem in zwei Punkten: Erstens kann laut DeFrancis das, was Sampson ‘semasiographische Systeme’ nennt auf keinen Fall als Schrift gelten; semasiographische Systeme sind für ihn „dead-end symbols“ ([DeFrancis 1989a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 58), da Piktogramme etc. nicht nur keine Schriften sind, sondern auch nicht zu welchen werden können. Das können sie deshalb nicht, weil echte Schriften für DeFrancis notwendig phonographisch sind ([DeFrancis 1989a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 7). Für DeFrancis, gibt es deswegen zweitens auch grundsätzlich keine logographischen Schriften in dem Sinne wie Sampson den Ausdruck verwendet. Das Chinesische klassifiziert er als „morpho-syllabisch“ ([DeFrancis 1989a]Literaturangabe fehlt.
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: S. 58), d.h. als eine Silbenschrift, deren Element außerdem auch noch mit Morphemen korrespondieren.

In der neueren Forschung arbeitet etwa Sproat ([Sproat 2010b]Literaturangabe fehlt.
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: S. 72) mit einem Schriftbegriff, der etwa der Position von DeFrancis entspricht, dagegen versucht z.B. Elkins ([Elkins 1999a]Literaturangabe fehlt.
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: Kap. 8) mit seinen Anmerkungen über semasiographische Zeichen („semasiographs“), die Debatte um die Taxonomie im Grenzbereich zwischen Schrift und Bild neu zu beleben.


Die Kategorie »Bilderschrift« im Kontext schrifttheoretischer Diskussionen

Die Frage nach dem Sinn einer Kategorie "Bilderschrift" hängt so mit der Beantwortung einer Reihe weiterer Fragen zusammen:

  • Sollen Piktogramme und ähnliche Systeme, die (im linguistischen Sinn) keine Syntax aufweisen, aber eine Referenz, als Schriften gelten oder vielleicht eher als Pseudoschriften?
  • Gibt es Schriftzeichen, die wie Piktogramme funktionieren, indem sie als Ideogramme Bedeutungen direkt, ohne Bezugnahme auf die gesprochene Sprache wiedergeben (ohne jedoch wie Piktogramme notwendig ikonisch zu sein)?
  • Gibt es logographische oder morphographische Schriftsysteme[2] oder ist nur der Bezug auf die Lautebene der Sprache typologisch relevant (wie bei Sproat oder DeFrancis)?

Allgemein ist die Debatte auch von deutlich unterschiedlichen Erkenntnisinteressen geprägt: Wer in historischer Perspektive die Konstitutionsprinzipien von Schriften untersucht, wird hier andere Entscheidungen treffen als jemand der Schriften ausschließlich in ihrer Funktion als Notationssysteme für gesprochene Sprachen im Blick hat, und wieder andere Unterscheidungen werden sich ergeben, wenn man die Funktionsprinzipien von Schriften in der Systematik zeichentheoretischer Überlegungen betrachtet.[3]

Anmerkungen
  1. Hinzu kommen natürlich kalligraphische oder typographische Auszeichnungen etc., die aber in den genannten Forschungskontexten in der Regel eine untergeordnete Rolle spielen.
  2. Anders als bei Sampson ([Sampson 1985a]Literaturangabe fehlt.
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    : S. 32) werden diese beiden Termini in der Regel unterschieden: logographische Systeme schreiben Wörter, morphographische Systeme Morpheme (⊳ Morphologie).
  3. Zur Unterscheidung zwischen Funktion- und Konstitutionsprinzip von Schrift vgl. [Stetter 1999a]Literaturangabe fehlt.
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    : S. 62.
Literatur                             [Sammlung]

[Assmann 2011a]:
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[Coulmas 1999a]:
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[DeFrancis 1989a]:
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[Elkins 1999a]:
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[Humboldt 1988a]:
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[Sampson 1985a]:
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[Seidlmayer 2011a]:
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[Sproat 2010b]:
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[Stetter 1999a]:
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