Referenz, Denotation, Exemplifikation

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
Version vom 21. Dezember 2012, 11:12 Uhr von Elisabeth Birk (Diskussion | Beiträge) (Der Begriff der Referenz und das Problem der Ähnlichkeit)
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Unterpunkt zu: Bildsemantik


Der Begriff der Referenz und das Problem der Ähnlichkeit
Eine der grundlegenden Debatten in der Bildtheorie beschäftigt sich mit der Frage, ob Ähnlichkeit konstitutiv für ikonische Darstellung ist. Neuestens hat etwa F. Stjernfelt im Rückgriff auf Peirce diese Position vertreten (vgl. [Stjernfelt 2007a]Stjernfelt, Frederik (2007).
Dia­gram­mato­logy. An Inves­tiga­tion on the Border­lines of Pheno­meno­logy, Onto­logy, and Semio­tics. Dord­recht: Springer.

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). Eine der Gegenpositionen gegen eine solche Ähnlichkeitstheorie vertreten Autoren, die Abbildbeziehungen auf Bezugnahmerelationen zurückführen. Man verwendet für solche Theorien manchmal den Ausdruck "Referenzsemantik" (vgl. etwa [Nöth 2000b]Nöth, Winfried (2000).
Handbuch der Semio­tik. Stutt­gart, Weimar: Metzler.

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: S.152ff.). Im engeren Sinn meint "Referenzsemantik" die Auffassung, daß die Bedeutung eines Begriffs durch die Gegenstände (im weitesten Sinn) bestimmt ist, auf die der Begriff zutrifft, sich bezieht, referiert. Für die Bildtheorie ist aber vor allem die Verallgemeinerung dieses Gedankens auf unterschiedlichste Arten von Symbolen interessant: Es wäre dann die Referenz, die bestimmt, was etwa ein Bild bedeutet, und ebenfalls die Referenz, die es zu einem Bild von etwas macht.

Nelson Goodmans Symboltheorie ist eine der komplexesten und für die Bildtheorie interessantesten Theorien dieses Typs: Er führt neben der Denotation einen weiteren Typ von Bezugnahmerelation ein, die Exemplifikation, und macht seine Theorie dadurch allgemein anwendbar.Vor allem in diesem Punkt unterscheidet sich Goodmans Theorie auch von der Herangehensweise anderer, ebenfalls einer Referenzsemantik zugerechneter Autoren wie Russell oder Carnap.

Denotation und Exemplifikation als Modi der Referenz

„Denotation“ nennt man die Bezugnahmerelation zwischen einem Symbol und dem, was es bezeichnet. In diesem Sinn stammt der Begriff aus der Logik, wo man den Begriffsumfang (dem, worauf er zutrifft, der Extension) und dem Inhalt eines Begriffs (dem, was er besagt, der Intension) unterscheidet. „Denotation“ in diesem Sinne bezieht sich auf die Extension und wird in vielen Fällen auch gleichbedeutend mit „Referenz“ allgemein verwendet. [1]

Im Zusammenhang der Bildtheorie kommt der Begriff da ins Spiel, wo es um die Frage geht, was ein Bild zu einem Bild von etwas macht. Nelson Goodman hat diese Frage in Sprachen der Kunst folgendermaßen beantwortet: “The plain fact is that a picture, to represent an object, must be a symbol for it, stand for it, refer to it; […] Denotation is the core of representation […].” ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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: S.5) Goodman erweitert den Begriff der Denotation von einem bestimmten Typ sprachlicher Ausdrücke auf alle Arten von Symbolen und wendet sich damit gegen die Vorstellung, Abbildbeziehungen beruhten auf Ähnlichkeit.[2]

Um den Referenzbegriff allgemein für jeden Symbolgebrauch anwendbar zu machen, genügt es aber nicht, den Denotationsbegriff zu erweitern, denn es gibt eine ganze Reihe von semantischen Problemen, die auf diese Weise nicht zu lösen sind, z.B.:

  • die Frage der Nulldenotation (was stellen Bilder von fiktionalen Gestalten oder Fabelwesen eigentlich dar?),
  • die Frage nach der Semantik ungegenständlicher Bilder,
  • die Frage nach dem Ausdruck oder der Stimmung eines Bildes sowie
  • die Frage nach Unterschieden in der Darstellungsweise.
Um solche Probleme zu lösen führt Goodman den Begriff der Exemplifikation ein. Exemplifikation ist neben Denotation der zweite Modus der Bezugnahme. Sie verläuft in umgekehrter Richtung zur Denotation, also vom symbolisierten Gegenstand zum Symbol – der Gegenstand fungiert als Muster oder Beispiel für das Symbol bzw. die Eigenschaften “that the picture makes manifest, selects, focuses upon, exhibits, heightens in our consciousness – those that it shows forth – in short, those properties, that it does not merely possess but exemplifies, stands as a sample of.” ([Goodman 1978a]Goodman, Nelson (1978).
Ways of World­making. India­napolis: Hackett.

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: S. 65)

Goodman erläutert die Eigenschaften der Exemplifikation am Beispiel von Stoffmustern in einem Musterbuch:

  • Exemplifikation ist selektiv (so wie das Stoffmuster ein Muster für die Farbe, aber in der Regel nicht für die Größe des zu verkaufenden Stoffstücks ist) (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
    Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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    : S. 53). Welche Eigenschaften wir jeweils für relevant halten ist kontextabhängig (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
    Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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    : S. 54) (im Falle des Stoffkaufs gehört es zu unserem Weltwissen, dass die Größe des Musters irrelevant ist).
  • Ein Muster kann nur Eigenschaften exemplifizieren, die es auch hat: „Exemplification is possession plus reference.“ ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
    Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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    : S. 53) (Wir verwenden solche Stoffmuster nicht, um zwischen Vasen unterschiedlicher Formen zu entscheiden.)
  • Alles kann denotiert werden, aber nur Symbole können exemplifiziert werden (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
    Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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    : S. 57).

Mit Hilfe der Exemplifikation lassen sich die oben genannten Probleme der Referenz lösen, denn auch Symbole können natürlich Gegenstände von Symbolisierung sein und damit ihrerseits alle diejenigen Symbole exemplifizieren, die auf sie zutreffen.

  • Bilder mit Nulldenotation denotieren nichts, aber sie exemplifizieren etwas, Bilder von Fabelwesen etwa einen bestimmten Bildtyp, z.B. „Einhornbilder“ (vgl. ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
    Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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    : S. 66). Dadurch erklärt sich auch, weshalb wir Bilder von etwas erkennen, was wir noch nie gesehen haben – nämlich dadurch, dass wir z.B. andere solche Bilder kennen.
  • Die Frage nach der Semantik ungegenständlicher Bilder und nach dem Ausdruck oder der Stimmung eines Bildes klären sich auf analoge Weise: Symbole können auch Begriffe wie „Traurigkeit“ oder „Bedrängnis“ exemplifizieren, wenn diese Eigenschaften auf sie zutreffen. Allerdings können Bilder und andere Symbole nicht im wörtlichen Sinne traurig sein; die entsprechenden Denotationen und Exemplifikationen sind metaphorisch: „What is expressed is metaphorically exemplified“ ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
    Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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    : S. 85; vgl. auch Bild in reflexiver Verwendung).
  • Die Frage nach Unterschieden in der Darstellungsweise hat ebenfalls mit Exemplifikation zu tun. Einige der Eigenschaften, die ein Symbol hat, sagen etwas darüber aus, wie es seinen Gegenstand darstellt. Ein Bild das, um ein Beispiel von Goodman zu verwenden, den Herzog von Wellington darstellt, kann ihn als alten oder jungen Mann darstellen, als Zivilisten oder in Uniform, je nachdem, welchen Typ von Bild es exemplifiziert (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
    Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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    : S. 30). Viele dieser Exemplifikationen sind ebenso vertraut wie unauffällig. Auffällig werden sie, wo eine Darstellung widersprechende Typen von Bildern exemplifiziert, z.B. eine Karikatur, die den erwachsenen Winston Churchill als Kind darstellt, ist sowohl ein Mann-Bild als auch ein Kind-Bild und exemplifiziert diese Bildtypen auch – in dieser doppelten Exemplifikation liegt der Witz der Karikatur. Goodman spricht in solchen Fällen von „Repräsentation–als“ im engeren Sinne. (Vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
    Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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    : S. 27ff.)

Auf diese Weise sichert die Einführung des Exemplifikationsbegriffs die allgemeine Anwendbarkeit der Symboltheorie.

Exemplifikation als Symptom des Ästhetischen
In Sprachen der Kunst geht es Goodman unter anderem darum, formale Eigenschaften von Symbolgebrauch zu finden, die als „symptoms of the aesthetic“ ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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: S. 252) gelten können, die also einen Hinweis darauf geben können, dass eine Darstellung als Kunstwerk gelten könnte. Exemplifikation ist eines dieser Symptome, denn Exemplifikationsrelationen haben mit dem zu tun, was sich an einer Darstellung zeigt. Allerdings ist Exemplifikation für sich genommen nicht mit einem emphatischen Begriff des „Zeigens“ oder „Sich-Zeigens“ gleichzusetzen. Erstens gibt es Exemplifikationen, die digital sind, d.h. es gibt normierte Muster, an denen sich nur zeigt, was zuvor festgelegt wurde. Zweitens sagt Exemplifikation nichts über Präsenz, Unmittelbarkeit oder Ähnliches aus, lediglich etwas über das Verhältnis von Gegenständen und den Symbolen, die auf sie zutreffen aus: „‘immediacy’ becomes a matter of exemplification rather than of intimacy – a function of direction rather than of distance.“ ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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: S. 253)



Anmerkungen
  1. In einem anderen Sinn wird die Bezeichnung „Denotation“ auch manchmal als Gegenbegriff zu „Konnotation“. verwendet, um den deskriptiven, situationsunabhängigen Sinn eines Begriffs zu bezeichnen.
  2. Kurz gesagt, ist Goodmans Argumentation die folgende: Ähnlichkeit kann weder eine hinreichende Bedingung für bildliche Darstellung sein (da die Ähnlichkeitsrelation symmetrisch und reflexiv ist, die Abbildbeziehung aber nicht), noch kann sie eine notwendige Bedingung sein: „Pei’s pyramid can denote my cat, if we establish a convention to that effect.“ ([Elgin 1993a]Elgin, Catherine Z. (1993).
    Re­locat­ing Aesthet­ics. Goodman’s Epis­temic Turn. In Revue Inter­natio­nale de Philo­sophie, 46, 171-186.

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    : S. 173) Entscheidend ist aber, dass wir überhaupt kein Kriterium dafür haben, welche der unzähligen Ähnlichkeiten zwischen zwei Objekten hier die ausschlaggebende ist: “[F]or the object before me is a man, a swarm of atoms, a complex of cells, a fiddler, a friend, a fool, and much more. [...] If all are ways the object is, then none is the way the object is. I cannot copy all these at once” ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968).
    Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976.

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    : S. 6f.). (Zu den genannten Punkten vgl. [Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004).
    Bild, Dar­stel­lung, Zeichen. Philo­sophi­sche Theo­rien bild­hafter Dar­stellun­gen. Frank­furt/M.: Kloster­mann.

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    : S.17ff.)
Literatur                             [Sammlung]

[Elgin 1993a]: Elgin, Catherine Z. (1993). Re­locat­ing Aesthet­ics. Goodman’s Epis­temic Turn. Revue Inter­natio­nale de Philo­sophie, Nummer: 46, S. 171-186.

[Goodman 1968a]: Goodman, Nelson (1968). Lan­guages of Art. India­napolis: Hackett, 2. rev. Aufl. 1976. [Goodman 1978a]: Goodman, Nelson (1978). Ways of World­making. India­napolis: Hackett. [Nöth 2000b]: Nöth, Winfried (2000). Handbuch der Semio­tik. Stutt­gart, Weimar: Metzler. [Scholz 2004a]: Scholz, Oliver R. (2004). Bild, Dar­stel­lung, Zeichen. Philo­sophi­sche Theo­rien bild­hafter Dar­stellun­gen. Frank­furt/M.: Kloster­mann. [Stjernfelt 2007a]: Stjernfelt, Frederik (2007). Dia­gram­mato­logy. An Inves­tiga­tion on the Border­lines of Pheno­meno­logy, Onto­logy, and Semio­tics. Dord­recht: Springer.


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