Schriftbildlichkeit

Aus GIB - Glossar der Bildphilosophie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hauptpunkt zu: Bild und Sprache


Was ist Schriftbildlichkeit?

Der Terminus ‘Schriftbildlichkeit’ (engl. ‘nota­tional iconic­ity’) wurde ursprüng­lich ins Spiel gebracht von Sybil­le Krämer ([Krämer 2003a]Krämer, Sybille (2003).
"Schriftbildlichkeit" oder: Über eine (fast) vergessene Dimension der Schrift.
In Bild, Schrift, Zahl, 157-176.

  Eintrag in Sammlung zeigen
). Er hat mittler­weile eine recht breite Akzep­tanz und Verwen­dung in unter­schiedli­chen Diszi­plinen gefun­den, nicht zuletzt insti­tutio­nell unter­stützt durch die Arbeit des DFG-Gradu­ierten­kollegs «Schrift­bildlich­keit. Mate­riali­tät, Wahrnehm­barkeit und Ope­rati­vität von Nota­tionen» an der FU Berlin (vgl. www.‌schrift­bildlich­keit‌.de). Die Eta­blierung des Begriffs »Schriftbild­lichkeit« stand und steht dabei im Kontext von Bemü­hungen, einen Begriff von Schrift zu ent­wickeln, der „lautspra­chenneu­tral“ ist. Schrift soll also in dieser Perspek­tive einer­seits nicht mehr länger nur (verkürzt) als aufge­schriebe­ne Sprache gedeu­tet, sondern in ihrem Eigen­sinn als spezi­fisches Medium (etwa neben gespro­chener Sprache und dem Bild) erfasst werden. Schrift wird als Medium verstan­den, das eige­nen Geset­zen folgt, das – gegen­über der gespro­chenen Sprache – gera­de eige­ne Möglich­keiten der Wahrnehm­barkeit und des Ope­rierens eröff­net. Zugleich wird der Schrift-Begriff dabei über das Feld sprachbe­zogener Nota­tionen hinaus auch auf die Nota­tionen etwa von Tanz und Musik sowie auf forma­le Schriften, wie sie in der Mathe­matik, Logik, Infor­matik und Chemie verwen­det werden, ausge­weitet.[1]
Mit der Bezeichnung ‘Schriftbild­lichkeit’ wird nun in diesem Zusam­menhang versucht, genau dieje­nigen Aspek­te von (wohl fast allen) Schrift­phäno­menen zu arti­kulie­ren bzw. zu thema­tisie­ren, anhand derer die phäno­mena­le Diffe­renz der Schrift gegen­über Phäno­menen der gespro­chenen Sprache – und damit der Idee, die Schrift würde den sukzes­siven Fluss der Sprache nur neutral, linear aufzeich­nen – beson­ders deutlich wird. Linea­rität und Sequen­tiali­tät sind zwar durchaus Eigen­schaften, die Schrift­phäno­mene mit Sprach­phäno­menen teilen, darü­ber hinaus gibt es aber ‘schrift­bildlich’ zu nennen­de Eigen­schaften von (fast allen) Schriften, die stark von denen der Sprache diffe­rieren und die das Phäno­men Schrift eher in die Nähe des Phäno­mens Bild rücken lässt: Schriften sind in der Regel Einschrei­bungen von Symbo­len auf Flächen; als solche sind sie in der Regel dauer­haft sichtbar, sie bieten aber zugleich die Möglich­keit des unter­schiedli­chen graphisch-räum­lichen Arran­gements dieser Symbo­le auf der Fläche sowie der Synop­sis. Anders als Bilder beste­hen sie aber in der Regel aus diskre­ten Symbo­len. Durch diesen „Perspek­tivwech­sel“ ([Krämer 2005a]Krämer, Sybille (2005).
"Operationsraum Schrift": Über einen Perspektivenwechsel in der Betrachtung der Schrift.
In Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine, 23-57.

  Eintrag in Sammlung zeigen
) in der Betrach­tung der Schrift rücken die Ope­rati­vität und die Mate­riali­tät von der Peri­pherie der Schrift­theorie in ihr Zentrum (vgl. hierzu: [Krämer et al. 2012a]Literaturangabe fehlt.
Bitte in der Bibliographie-Sammlung einfügen als:
- Buch,
- Artikel in Zeitschrift,
- Beitrag in Sammelband,
- Sammelband,
- andere Publikation,
- Glossarlemma.
; [Krämer & Giert­ler 2011a]Krämer, Sybille & Giertler, Mareike (2011).
Schriftbildlichkeit..

  Eintrag in Sammlung zeigen
; sowie: [Strät­ling & Witte 2006a]Strätling,Susanne & Witte, Georg (2006).
Die Sichtbarkeit der Schrift. München: Fink.

  Eintrag in Sammlung zeigen
).
Die schriftbildlichen Merkmale fast alles Geschrie­benen ermög­lichen erstens zugleich immer auch ein explo­rati­ves, schema­tisches und/oder kreati­ves Ope­rieren mit den jewei­ligen Symbo­len auf der Schreib­fläche: Man denke an das schriftli­che Rechnen, das Forma­lisieren, das Kompo­nieren mit Noten, das Umstel­len von Formeln, das Anle­gen von Exzerp­ten, Tabel­len, Listen, Über­sichten oder Randno­tizen in Büchern und Manu­skripten, das Erstel­len von Mindmaps oder Power­point-“Folien”. Anders gesagt: Schrift kennzeich­net also (fast) immer eine Dupli­zität von »Nota­tion« und »Gestalt«, die sich vielfäl­tig ope­rativ einset­zen lässt. Die mit dem Wort ‘Schriftbildlichkeit’ arti­kulier­te „Bildlich­keit der Schrift“ wird entspre­chend auch (in Abgren­zung etwa zur Bildlich­keit von künstle­rischen Werken der Male­rei) als „ope­rati­ve Bildlich­keit“ ([Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009).
Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’.
In Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft, 94-123.

  Eintrag in Sammlung zeigen
) beschrie­ben, eine ope­rati­ve Bildlich­keit, die etwa auch Diagram­men und Karten zu eigen ist. Schriften lassen sich über das Moment des Schriftbild­lichen in den Bereich „diagram­matischer Phäno­mene“ im weites­ten Sinne einord­nen; sowohl der Begriff der Schrift als auch der des Diagramms werden hier über das umgangs­sprachlich Übliche hinaus erwei­tert, um die genann­ten epis­temi­schen und explo­rativen Poten­tiale dieser Darstel­lungsfor­men in den Blick zu bekom­men.

Zweitens haben Schriften (im engeren und weite­ren Sinn) als Medien eine bestimmte Mate­riali­tät. Ihre typo­graphi­sche oder hand­schrift­liche Gestalt erzeugt eine Seman­tik, die nicht immer gleicher­maßen auffäl­lig und für die jewei­lige Gebrauchs­weise nicht immer gleicher­maßen rele­vant ist, die aber immer gege­ben ist. Darü­ber hinaus lassen sich Schriften als mate­riale Gestal­ten natür­lich auch künstle­risch “ausbeu­ten” und als Bilder oder Bild­ele­mente verwen­den.

Der Schriftbildlichkeits-Begriff ist so darauf ange­legt, die tradi­tionel­le Dicho­tomie von Bild und Spra­che/Text [2] inso­fern zu unter­laufen, als iko­nische Aspek­te an Schriften selbst und die Gemein­samkei­ten mit nicht-sprach­bezo­genen Nota­tionsphä­nome­nen (wie Musik- und Tanz­nota­tionen) und diagram­matischen Darstel­lungen erfasst werden. Er eröff­net also ein Unter­suchungs­feld für taxo­nomi­sche Über­legun­gen in dem Bereich, der durch die beiden Pole »Schrift« und »Bild« abge­steckt ist, sowie für Funktions- und Gebrauchs­beschrei­bungen in diesem Phäno­menbe­reich.


Die Unterpunkte: Beispiele für schrift­bildli­che Phäno­mene

Die Gestaltung des Schriftzuges selbst ist immer seman­tisiert. Die typo­graphi­sche Gestal­tung von Druck­werken kann eher standar­disiert sein oder einem künstle­rischen Anspruch genü­gen, man kann sie eher in den Vorder­grund stellen wie oft in Werbe­plaka­ten (⊳ Werbung) oder eher unauf­fällig gestal­ten wie in wissen­schaftli­chen Publi­katio­nen; sie impli­ziert aber in jedem Fall eine ästhe­tische Entschei­dung, die das Lese­verhal­ten beein­flusst und bestimm­te Konno­tati­onen mit sich bringt.[3] In der Kalli­graphie wird in gewis­ser Weise der meist handschrift­liche Schrift­zug selbst zum Bild. In alpha­betisch gepräg­ten Kultu­ren ist sie im Vergleich zu ande­ren Kunstfor­men eher ein Randphä­nomen, im Einfluss­bereich der chine­sischen und ara­bischen Schriftkul­turen nimmt sie dage­gen einen ungleich höhe­ren Stellen­wert ein. Darü­ber hinaus können ganze Text­seiten verwen­det werden, um Bild­effek­te unter­schiedlich­ster Art zu erzeu­gen, von den mittel­alter­lichen Figu­renge­dichten bis hin zur konkre­ten Poesie. Über die Schriften im umgangs­sprachli­chen Sinn hinaus sind in diesem Zusam­menhang auch die Pseudo­schriften zu erwäh­nen, ein Sammel­begriff für schrift­ähnli­che Markie­rungen, in der bilden­den Kunst, oder als spezi­elle Markie­rungen, von magi­schen Symbo­len bis zu Marken­symbo­len. Bei den genann­ten Begrif­fen handelt es sich natür­lich nicht um einan­der syste­matisch aus­schließen­de Kate­gorien, vielmehr weisen sie auf unter­schiedli­che künstle­rische und handwerk­liche Tradi­tionen hin.

Wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegen­ständen ähneln, spricht man tradi­tionell von ‘Bilder­schriften’. Als Proto­typ einer solchen galten die ägyp­tischen Hiero­glyphen, und vor ihrer Entzif­ferung im 19. Jahrhun­dert ent­wickel­te sich nachge­rade ein mysti­fizieren­der Hiero­glyphen­diskurs, der die Bedeu­tung der Hiero­glyphen über unter­schiedli­che Ana­logie­bezie­hungen aus dieser Bildlich­keit ablei­tete. Die moder­ne Ägyp­tolo­gie hat diese Vorstel­lung von Bilder­schriften streng in ihre Schranken verwie­sen, Hiero­glyphen werden als Schrift­zeichen gele­sen, ohne dass ihre Bildlich­keit dabei eine Rolle spielt; sie kann ledig­lich in bestimm­ten Gebrauchs­kontex­ten für seman­tische Effek­te “ausge­beutet” werden (vgl. [Seidl­mayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johannes (2011).
Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild.
In Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen, ???.

  Eintrag in Sammlung zeigen
).
Für die Schrifttypologie erhebt sich hier ein grundsätz­liches Problem, das über die Frage nach der Funktions­weise der Hiero­glyphen weit hinaus­geht: die Frage, ob es Schriften gibt, die wie Pikto­gramme funktio­nieren, indem sie als Ideo­gramme Bedeu­tungen direkt, ohne Bezug­nahme auf die gespro­chene Sprache wieder­geben (ohne jedoch wie Pikto­gramme notwen­dig iko­nisch zu sein). Insbe­sonde­re am Beispiel der chine­sischen Schrift­zeichen wurde disku­tiert, ob es sich um Ideo­gramme, Logo­gramme (Zeichen für Wörter) oder um Zeichen für Morphe­me oder Silben handelt. Leibniz sah in den chinesischen „Ideo­grammen“ ein Vorbild für eine uni­versa­le „Gedan­kenschrift“, eine „charac­teris­tica uni­versa­lis“ ([Leibniz 1966a]Literaturangabe fehlt.
Bitte in der Bibliographie-Sammlung einfügen als:
- Buch,
- Artikel in Zeitschrift,
- Beitrag in Sammelband,
- Sammelband,
- andere Publikation,
- Glossarlemma.
). Die moder­ne Sino­logie weist diese Charakterisierung zurück (vgl. [Erl­baugh 2002a]Erbaugh, Mary S. (2002).
Difficult Characters: Interdisciplinary Studies of Chinese and Japanese Writing. Columbus, Ohio: National East Asian Language Resource Center.

  Eintrag in Sammlung zeigen
). Eine offe­ne Frage in der Schrift­typo­logie bleibt jedoch der Status und die Funktions­weise logo­graphi­scher Zeichen.

Mit den genannten Unter­punkten werden eini­ge Begrif­fe erläu­tert, die markan­te Phäno­mene bzw. Phäno­menbe­reiche von »Schrift­bildlich­keit« beschrei­ben, – selbst­verständ­lich ohne Anspruch auf Vollstän­digkeit, denn der Begriff eröff­net ein weites Unter­suchungs­feld für zahlrei­che Diszi­plinen.

Anmerkungen
  1. Ei­ne Über­sicht über die Be­mü­hun­gen um ei­nen er­wei­ter­ten, nicht-pho­no­gra­phi­schen Schrift­be­griff und des­sen Be­grün­dung gibt der Band: «Schrift. Kul­tur­tech­nik zwi­schen Au­ge, Hand und Ma­schi­ne» [Grube et al. 2005a]Grube, Gernot; Kogge, Werner & Krämer, Sybille (2005).
    Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. München: Fink.

      Eintrag in Sammlung zeigen
    .
  2. Ei­ne Über­sicht über die ge­bräuch­li­chen Va­ri­an­ten der Di­cho­to­mie in die­sem Zu­sam­men­hang gibt [El­kins 1999a]Elkins, James (1999).
    The Domain of Images. Ithaca, London: Cornell University Press.

      Eintrag in Sammlung zeigen
    : S.84.
  3. Vgl. exem­pla­risch da­zu Ma­rei­ke Giert­lers Ana­ly­sen zu Kaf­ka-Edi­ti­o­nen [Giert­ler 2011a]Giertler, Mareike (2011).
    Lesen als Akt des Sehens der Schrift - Am Beispiel von Kafkas Betrachtungen im Erstdruck. In Sprache und Literatur, 42, 107, 25-36, Themenheft „Schriftbildlichkeit“, hg. von Sybille Krämer und Mareike Giertler.

      Eintrag in Sammlung zeigen
    .
Literatur                             [Sammlung]

[El­kins 1999a]: Elkins, James (1999). The Domain of Images. Ithaca, London: Cornell University Press.

[Erl­baugh 2002a]: Erbaugh, Mary S. (Hg.) (2002). Difficult Characters: Interdisciplinary Studies of Chinese and Japanese Writing. Columbus, Ohio: National East Asian Language Resource Center. [Giert­ler 2011a]: Giertler, Mareike (2011). Lesen als Akt des Sehens der Schrift - Am Beispiel von Kafkas Betrachtungen im Erstdruck. Sprache und Literatur, Band: 42, Nummer: 107, S. 25-36, Themenheft „Schriftbildlichkeit“, hg. von Sybille Krämer und Mareike Giertler. [Grube et al. 2005a]: Grube, Gernot; Kogge, Werner & Krämer, Sybille (Hg.) (2005). Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. München: Fink. [Krämer & Giert­ler 2011a]: Krämer, Sybille & Giertler, Mareike (2011). Schriftbildlichkeit.
Themenheft der Zeitschrift ''Sprache und Literatur'' 107/42..
[Krämer 2003a]: Krämer, Sybille (2003). "Schriftbildlichkeit" oder: Über eine (fast) vergessene Dimension der Schrift. In: Krämer, S. & Bredekamp, H. (Hg.): Bild, Schrift, Zahl. München: Fink, S. 157-176. [Krämer 2005a]: Krämer, Sybille (2005). "Operationsraum Schrift": Über einen Perspektivenwechsel in der Betrachtung der Schrift. In: Grube, G.; Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.): Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. München: Fink, S. 23-57. [Krämer 2009a]: Krämer, Sybille (2009). Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.): Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. Bielefeld: transcript, S. 94-123. [Krämer et al. 2012a]:
Literaturangabe fehlt.
Bitte in der Bibliographie-Sammlung einfügen als:
- Buch,
- Artikel in Zeitschrift,
- Beitrag in Sammelband,
- Sammelband,
- andere Publikation,
- Glossarlemma.
[Leibniz 1966a]:
Literaturangabe fehlt.
Bitte in der Bibliographie-Sammlung einfügen als:
- Buch,
- Artikel in Zeitschrift,
- Beitrag in Sammelband,
- Sammelband,
- andere Publikation,
- Glossarlemma.
[Seidl­mayer 2011a]: Seidlmayer, Stephan Johannes (2011). Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild. In: Krämer, Sybille; Cancik-Kirschbaum, Eva & Totzke, Rainer (Hg.): Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Berlin: Akademie, S. ???. [Strät­ling & Witte 2006a]: Strätling,Susanne & Witte, Georg (Hg.) (2006). Die Sichtbarkeit der Schrift. München: Fink.

Ausgabe 1: 2013

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [34], Elisabeth Birk [11] und Klaus Sachs-Hombach [6] — (Hinweis)