Bilder als Medien

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Theorieperspektive im Glossar der Bildphilosophie


Der Ausdruck ‘Medium’ und die damit asso­ziier­ten Begrif­fe im hier ange­sproche­nen Rahmen erhal­ten, vor allem im Laufe des 20. Jahrhun­derts, Einzug in die wissen­schaftli­chen Debat­ten. Dies wird durch die rasan­te Entwick­lung der Kommu­nika­tions- und Repro­duktions­techno­logien in dieser Zeit begüns­tigt, denn diese Techno­logien lenken den Blick von den im enge­ren Sinn syntak­tisch-mate­rialen Betrach­tungen einer­seits und den mit Bedeu­tungsphä­nome­nen (im enge­ren Sinn) befass­ten seman­tischen Betrach­tungen ande­rerseits auf eine weite­re Ebe­ne der Kommu­nika­tion, die bis dahin nur wenig Beach­tung fand. Hierbei geht es um Einflüs­se auf das Verhal­ten der Kommu­nizie­renden, die durch das Verwen­den bestimm­ter Kommu­nika­tionsfor­men auftre­ten und die von den Betei­ligten größten­teils als unter­schwellig, indi­rekt und unbe­absich­tigt empfun­den werden. Media­le Betrach­tungen stehen daher in einem engen Zusam­menhang mit pragma­tischen Aspek­ten, wobei es Letzte­ren aber in der Regel vor allem um die von den Kommu­nizie­renden beab­sichtig­ten gegen­seiti­gen Einflüs­se geht, während Medien ihre Einflüs­se eher “hinter dem Rücken der Akteu­re” entfal­ten.


Das Auftreten der Medien

Als eigentlicher Ausgangs­punkt der moder­nen Medien­debat­te kann das Auftre­ten von Film und Kino als neues Medium rela­tiv zu verschie­denen Formen der “tradi­tionel­len” unbe­wegten Bilder, der Schrift und der gespro­chenen Sprache gese­hen werden.

Nachdem das 19. Jhd. mit Photo­graphie, Kine­mato­graphie und Phono­graphie die techni­schen Grundla­gen dafür gelegt hatte, auf ver­hältnis­mäßig einfa­che Art und Weise visu­elle und audi­tive Erfah­rungen zu konser­vieren, trat – im Wesent­lichen mit dem Beginn des 20. Jhds – ein neuer Blick­punkt ins Bewusst­sein der Theore­tiker, nämlich dass die Formen der Kommu­nika­tion durch die massen­hafte Repro­duktion und Verbrei­tung jener technisch-konser­vierten sinnli­chen Erfah­rungen mit jeweils spezi­fischen Neben­effek­ten einher zu gehen scheinen. Die sozia­len, psychi­schen und poli­tischen Folgen dieser Phäno­mene im Gegen­satz insbe­sonde­re zum (anschei­nend) unver­mittel­ten eige­ne Erle­ben einer­seits und der tradi­tionell stark durch ratio­nale Über­prüfungs­instan­zen regle­mentier­ten sprachli­chen Kommu­nika­tion ande­rerseits führten zu einer immer eigen­ständi­geren Debat­te unter­schwelli­ger Auswir­kungen der Art bzw. der Mittel des Kommu­nizie­rens von Erfah­rung ([Benja­min 1939a]Benjamin, Walter (2002).
Das Kunst­werk im Zeit­alter seiner techni­schen Repro­duzier­barkeit.
In Walter Benja­min: Medien­ästhe­tische Schriften, 351–​383, dritte, auto­risier­te letzte Fas­sung, 1939.

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). Insbe­sonde­re die Prota­gonis­ten der philo­sophi­schen Postmo­derne haben sich schließ­lich im Rahmen ihrer gene­rell eher anti-ratio­nalen Einstel­lungen den media­len Betrach­tungen gewid­met und die tradi­tionell sprachzent­rierte Philo­sophie zu “de­konstrui­eren” versucht (etwa Deleuze, Baudril­lard, Viril­lo; ⊳ auch Medio­logie, Kommu­niko­logie). Der in diesem Zusam­menhang ausge­rufe­ne medial turn mit seiner Spiel­art picto­rial, visua­listic oder ico­nic turn weist dabei zunächst vor allem auf die gewach­sene Aufmerk­samkeit hin, die den nicht-sprach­lichen, darun­ter insbe­sonde­re den Bild-Medien zuge­wachsen ist.

Medien “avant la lettre”

Untersuchungen zu dem Verhält­nis zwischen Sprache und Bild, zwischen Laut- und Schrift­sprache oder zwischen den Gattun­gen der schönen Künste sind aller­dings bereits sehr viel früher aufge­treten und haben, ohne den Ausdruck ‘Medium’ zu gebrau­chen, Aspek­te behan­delt, die heute als medien­theore­tisch verstan­den werden. Dazu zählen insbe­sonde­re Platons Betrach­tungen, die zu einer Abwer­tung der Bilder und verwand­ter Darstel­lungsfor­men gegen­über der Sprache bei ratio­nalen Unter­nehmun­gen führten (⊳ auch Mime­sis), und Herders und W. v. Humboldts Auffas­sung von der Sprache als dem „bilden­den Organ des Gedan­kens“ und ihrer sprachphi­loso­phisch orien­tierten Kriti­ken an Kant.

Das Phänomen der Massen­kommu­nika­tion als Teil­aspekt des Aus­drucks ‘Medium’

Bis ins 19. Jhd. war der Buchdruck im wesent­lichen das einzi­ge Verfah­ren, das es erlaub­te, sich mit Meinun­gen und Erfah­rungen an eine sehr große Menge räumlich und zeitlich weit verteil­ter Gegen­über zu wenden. Die theore­tische Aus­einan­derset­zung konzen­trierte sich dabei weit­gehend auf die domi­nant verwen­dete Schrift­sprache.[1] Erst die leichte techni­sche Repro­duzier­barkeit ande­rer, vor allem wahrneh­mungsnä­herer Kommu­nika­tionsfor­men, eröff­nete den Blick auf Gemein­samkei­ten massen­media­ler Kommu­nika­tion und gab so den Impuls für eine allge­meine­re, nun medien­theore­tisch genann­te wissen­schaftli­che Aus­einan­derset­zung. In der Tat wird der Ausdruck ‘Medien’ in der heuti­gen Alltags­sprache insbe­sonde­re für diese Kommu­nika­tionsfor­men gebraucht, bei der eine kleine Gruppe von Sendern sich ohne allzu große Rückmel­demög­lichkei­ten an eine sehr große Gruppe von Empfän­gern richtet.[2] Als »Einweg-Medien« sind sie viel­fach kriti­siert worden. Vor allem die Compu­tertech­nolo­gie hat hier neue Kommu­nika­tionsmög­lichkei­ten eröff­net, die zugleich massen­medial und inter­aktiv sind.

“Neue” Medien

Neben die Massenmedien sind daher in jünge­rer Zeit die so genann­ten ‘Neuen Medien’ in Erschei­nung getre­ten. Gerade unter diesem Ausdruck sind Medien im Alltag beson­ders präsen­t.[3] Zu der dabei fokus­sierten Gruppe von Medien zählen vor allem das Inter­net mit seinen verschie­denen Dienste (z.B. email, WWW, Chatrooms), die Handy­netze eben­falls mit mehre­ren Unter­medien (etwa SMS und MMS), sowie Compu­terspie­le und ähnli­che immer­sive Syste­me. Digi­tali­sierte Bilder spielen dabei häufig eine wichti­ge Rolle. Aller­dings verschiebt die multi­media­le Verbin­dung die Gewich­tung und eini­ge bildty­pische Aspek­te treten weni­ger deutlich, ande­re hinge­gen betont in Erschei­nung (⊳ etwa Cyber­space sowie Hyper­medien).

Ästhetische vs. kommu­nika­tive Aspek­te des Medien­diskur­ses

Bei der Betrachtung von Bildern als Medien tauchen zwei deutlich zu unter­scheiden­de Medien­begrif­fe immer wieder auf, die man genauer als die Wahrneh­mungsme­dien einer­seits und die Kommu­nika­tionsme­dien ande­rerseits bezeich­nen kann. Darin spiegelt sich die Doppel­natur der Bildver­wendung wider, zu der zum einen spezi­fische Wahrneh­mungskom­peten­zen und zum ande­ren bestimm­te Kommu­nika­tionskom­peten­zen beitra­gen.

Medium und Prag­matik

Schließlich ist der medial turn im Zusammen­hang mit dem lingu­istic turn zu sehen. Der lingu­istic turn – d.h. die sprachtheo­reti­sche Wende – steht für die Erkennt­nis, dass sich Begrif­fe (als die inter­subjek­tiven Bezugs­punkte für das Über­prüfen der Geltung prädi­kati­ver Äuße­rungen) nicht unab­hängig von Sprache bestim­men lassen. Der Ausdruck ‘medial turn’ kann als eine Erwei­terung verstan­den werden, inso­fern sprachphi­loso­phische und bild­anthro­polo­gische Betrach­tungen darauf hindeu­ten, dass sich Sprache nicht unab­hängig von ande­ren, insbe­sonde­re wahrneh­mungsna­hen Medien­formen, hat ent­wickeln können.


Die zentralen Fragen im Einzel­nen:

Leider stellt die Medien­wissen­schaft derzeit noch keinen auch nur halbwegs homo­gen defi­nierten, von der Mehrheit der Medien­wissen­schaftler akzep­tierten Medien­begriff zur Verfü­gung:[4] Vielmehr bilden die in der medien­wissen­schaftli­chen Lite­ratur verwen­deten Begrif­fe im Sinne der Wittgen­steinschen Fami­lienähn­lichkei­ten ein Netz aus sehr vielen, besten­falls mehr oder weni­ger weitläu­fig, mit­einan­der verwand­ten Unter­scheidungs­krite­rien.

  • Medien in welchem Sinn sind eigent­lich gemeint, wenn von Bildern als Medien die Rede ist?

Es kann hier nicht der Ort sein, diese miss­liche Gemen­gela­ge der rele­vanten Medien­begrif­fe zu berei­nigen. Doch soll eine gewis­se über­sichtli­che Sortie­rung die Orien­tierung erleich­tern (ohne die Vielfalt über­mäßig einzu­engen). Zu diesem Zweck führt der Hauptpunkt Medien­theorien: Über­sicht in die medien­wissen­schaftli­chen Begriff­lichkei­ten ein. Dabei werden insbe­sonde­re die Medien­begrif­fe näher bestimmt, die für die Diskus­sion der Frage, inwie­fern Bilder Medien sind, eine Rolle spielen.

  • Welche unterschied­lichen Bild­medien gibt es?

Eine Aufteilung des Phänomen­bereichs “Bilder” in verschie­dene Bild­medien hängt entschei­dend ab von der Art des jeweils betrachteten Medien­begriffs.

Als Kommunikationsmedien erfolgt eine Bestim­mung im Wesent­lichen aufgrund mate­rieller (syntak­tischer) und techni­scher Randbe­dingun­gen: In diesem Sinn bilden Film und Video verschie­dene Bildme­dien, da unter­schiedli­che Techni­ken zum Einsatz kommen und das Bildma­terial entspre­chend syntak­tisch vari­iert.

Als Wahrnehmungsmedien ergibt sich die Bestim­mung vor allem über spezi­fische Eigen­heiten der betei­ligten Wahrneh­mungskom­peten­zen: In diesem Sinne bilden Dia­gramme und Holo­gramme jeweils eige­ne Bildme­dien, denn das, was abge­bildet ist, muss dabei auf je spezi­fische Weise gese­hen werden.

  • Welche Bildklassen lassen sich durch spezi­fische Verwen­dungszu­sammen­hänge bilden?

Legt man einen weiteren, handlungs­theore­tisch gefass­ten Medien­begriff zugrun­de, erge­ben sich Klassi­fika­tionen von Bildme­dien, die weni­ger von techni­schen, mate­riellen oder appa­rati­ven Randbe­dingun­gen abhän­gen, als vielmehr von charak­teris­tischen Eigen­heiten des jeweili­gen Verwen­dungszu­sammen­hangs – die also gegen­über der syntak­tischen eine mehr pragma­tische Perspek­tive einneh­men. In einer Kirche mag etwa ein sakra­les Tafel­bild ande­re medi­ale Effek­te erzie­len als in der säku­lari­sierten Umge­bung eines Muse­ums. Damit ergibt sich eine feine­re Unter­teilung der Bild­medien in pragma­tisch bestimm­te Bildver­wendungs­typen. Insbe­sonde­re wird damit ausdrück­lich ins Auge gefasst, dass ein und dersel­be Bildträ­ger in verschie­denen Verwen­dungszu­sammen­hängen als unter­schiedli­che Bilder in Erschei­nung treten kann (Kontex­tuali­sierung).

Anmerkungen
  1. Sie­he aber auch: Frü­he Flug­blät­ter: [Schil­ling 2012a]Schilling, Michael (2012).
    Illustrierte Flugblätter der Frühen Neuzeit. Magdeburg: Kulturhistorisches Museum Magdeburg.

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    .
  2. Da­bei ist zu be­ach­ten, dass der Fo­kus häu­fig ver­scho­ben ist: Wäh­rend bei Me­di­en im en­ge­ren Sinn als Ver­mitt­lungs­ins­tanz für Kom­mu­ni­ka­ti­on we­der der Sen­der noch der Emp­fän­ger als ge­nu­i­ner Teil des Me­di­ums auf­ge­fasst wird, wird beim Aus­druck ‘Mas­sen­me­di­um’ in der All­tags­spra­che meist die Sen­de-Ins­tan­zen als Teil des Me­di­ums ver­stan­den – und da­her auch als ver­ant­wort­lich für die me­di­a­len Ef­fek­te der Kom­mu­ni­ka­ti­on ge­se­hen ([Ador­no & Hork­hei­mer 1947a]Ador­no, Theodor W. & Horkhei­mer, Max (1947).
    Dialek­tik der Aufklä­rung. Amster­dam: Queri­do.

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    ). Hier­bei ver­mi­schen sich dem­nach die im en­ge­ren Sinn me­di­a­len Be­din­gun­gen und Ein­schrän­kun­gen von Kom­mu­ni­ka­ti­on und de­ren un­be­ab­sich­tig­te Aus­wir­kun­gen mit ei­gent­lich se­man­ti­schen und prag­ma­ti­schen As­pek­ten der ver­mit­tel­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on.
  3. Es ist zu­recht häu­fig da­rauf hin­ge­wie­sen wor­den, dass ‘neu’ ei­ne stark kon­text­ab­hän­gi­ge Cha­rak­te­ri­sie­rung dar­stellt und da­her die Rede von ‘neu­en Me­di­en’ nicht be­son­ders glück­lich ge­wählt ist. Ab­ge­se­hen da­von, dass die hier an­ge­spro­che­ne Grup­pe von Me­di­en zu ei­nem be­stimm­ten his­to­ri­schen Zeit­punkt tat­säch­lich mehr oder we­ni­ger neu wa­ren, zeich­nen sie sich durch­aus auch mit an­de­ren Be­son­der­hei­ten aus, die es recht­fer­ti­gen, sie als ei­gen­stän­di­ge Teil­grup­pe von Me­di­en nä­her zu un­ter­su­chen. Das Be­son­de­re der Neu­en Me­di­en wird oft mit den fol­gen­den drei Be­grif­fen um­schrie­ben: »Ver­net­zung«, »In­ter­ak­ti­vi­tät«, »Mul­ti-Me­di­a­li­tät«.
  4. >Sie­he auch Wiki­pedia: Medien­theorie.
Literatur                             [Sammlung]

[Ador­no & Hork­hei­mer 1947a]: Ador­no, Theodor W. & Horkhei­mer, Max (1947). Dialek­tik der Aufklä­rung. Amster­dam: Queri­do.

[Benja­min 1939a]: Benjamin, Walter (2002). Das Kunst­werk im Zeit­alter seiner techni­schen Repro­duzier­barkeit. In: Schöttker, D. (Hg.): Walter Benja­min: Medien­ästhe­tische Schriften. Frank­furt/M.: Suhr­kamp, S. 351–​383, dritte, auto­risier­te letzte Fas­sung, 1939. [Schil­ling 2012a]: Schilling, Michael (Hg.) (2012). Illustrierte Flugblätter der Frühen Neuzeit. Magdeburg: Kulturhistorisches Museum Magdeburg.

Ausgabe 1: 2013

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Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [42], Klaus Sachs-Hombach [3] und Emilia Didier [3] — (Hinweis)