Schriftbildlichkeit: Unterschied zwischen den Versionen

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==Was ist Schriftbildlichkeit?==
 
==Was ist Schriftbildlichkeit?==
  
Der Begriff »Schriftbildlichkeit« (engl. »notational iconicity«) wurde ursprünglich ins Spiel gebracht von Sybille Krämer <bib id='Krämer 2003a'>Krämer 2003a</bib>. Er hat mittlerweile eine recht breite Akzeptanz und Verwendung in unterschiedlichen Disziplinen gefunden, nicht zuletzt institutionell unterstützt durch die Arbeit des DFG-Graduiertenkollegs „Schriftbildlichkeit. Materialität, Wahrnehmbarkeit und Operativität von Notationen“ an der FU Berlin (vgl. [http://www.schriftbildlichkeit.de http://www.schriftbildlichkeit.de]). Die Etablierung des Begriffs Schriftbildlichkeit stand und steht dabei im Kontext von Bemühungen, einen Begriff von Schrift zu entwickeln, der „lautsprachenneutral“ ist. Schrift soll also in dieser Perspektive einerseits nicht mehr länger nur (verkürzt) als aufgeschriebene Sprache gedeutet, sondern in ihrem Eigensinn als spezifisches Medium (etwa neben gesprochener Sprache und dem Bild) erfasst werden. Schrift wird als Medium verstanden, das eigenen Gesetzen folgt, das – gegenüber der gesprochenen Sprache – gerade eigene Möglichkeiten der Wahrnehmbarkeit und des Operierens eröffnet. Zugleich wird der Schrift-Begriff dabei über das Feld sprachbezogener [[Notation]]en hinaus auch auf die Notationen etwa von Tanz und Musik sowie auf formale Schriften, wie sie in der Mathematik, Logik, Informatik und Chemie verwendet werden, ausgeweitet. <ref>Eine Übersicht über die Bemühungen um einen erweiterten, nicht-phonographischen Schriftbegriff und dessen Begründung gibt der Band: „Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine“ <bib id='Grube et al. 2005a'>Grube et al. 2005a</bib>. </ref>   
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Der Terminus ‘Schriftbildlichkeit’ (engl. ‘nota&shy;tional iconic&shy;ity’) wurde ursprüng&shy;lich ins Spiel gebracht von Sybil&shy;le Krämer (<bib id='Krämer 2003a'>Krämer 2003a</bib>). Er hat mittler&shy;weile eine recht breite Akzep&shy;tanz und Verwen&shy;dung in unter&shy;schiedli&shy;chen Diszi&shy;plinen gefun&shy;den, nicht zuletzt insti&shy;tutio&shy;nell unter&shy;stützt durch die Arbeit des DFG-Gradu&shy;ierten&shy;kollegs «Schrift&shy;bildlich&shy;keit. Mate&shy;riali&shy;tät, Wahrnehm&shy;barkeit und Ope&shy;rati&shy;vität von Nota&shy;tionen» an der FU Berlin (vgl. [http://www.schriftbildlichkeit.de www.&zwnj;schrift&shy;bildlich&shy;keit&zwnj;.de]). Die Eta&shy;blierung des Begriffs »Schriftbild&shy;lichkeit« stand und steht dabei im Kontext von Bemü&shy;hungen, einen Begriff von Schrift zu ent&shy;wickeln, der „lautspra&shy;chenneu&shy;tral“ ist. Schrift soll also in dieser Perspek&shy;tive einer&shy;seits nicht mehr länger nur (verkürzt) als aufge&shy;schriebe&shy;ne Sprache gedeu&shy;tet, sondern in ihrem Eigen&shy;sinn als spezi&shy;fisches Medium (etwa neben gespro&shy;chener Sprache und dem Bild) erfasst werden. Schrift wird als Medium verstan&shy;den, das eige&shy;nen Geset&shy;zen folgt, das – gegen&shy;über der gespro&shy;chenen Sprache – gera&shy;de eige&shy;ne Möglich&shy;keiten der Wahrnehm&shy;barkeit und des Ope&shy;rierens eröff&shy;net. Zugleich wird der Schrift-Begriff dabei über das Feld sprachbe&shy;zogener [[Notation|Nota&shy;tionen]] hinaus auch auf die Nota&shy;tionen etwa von Tanz und Musik sowie auf forma&shy;le Schriften, wie sie in der Mathe&shy;matik, Logik, Infor&shy;matik und Chemie verwen&shy;det werden, ausge&shy;weitet.<ref>Ei&shy;ne Über&shy;sicht über die Be&shy;mü&shy;hun&shy;gen um ei&shy;nen er&shy;wei&shy;ter&shy;ten, nicht-pho&shy;no&shy;gra&shy;phi&shy;schen Schrift&shy;be&shy;griff und des&shy;sen Be&shy;grün&shy;dung gibt der Band: «Schrift. Kul&shy;tur&shy;tech&shy;nik zwi&shy;schen Au&shy;ge, Hand und Ma&shy;schi&shy;ne» <bib id='Grube et al. 2005a'>Grube et al. 2005a</bib>. </ref>   
 
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Mit dem Begriff »Schriftbildlichkeit« wird nun in diesem Zusammenhang versucht, genau diejenigen Aspekte von (wohl fast allen) Schriftphänomenen zu artikulieren bzw. zu thematisieren, anhand derer die phänomenale Differenz der Schrift gegenüber Phänomenen der gesprochenen Sprache – und damit der Idee, die Schrift würde den sukzessiven Fluss der Sprache nur neutral, linear aufzeichnen besonders deutlich wird. Linearität und Sequentialität sind zwar durchaus Eigenschaften, die Schriftphänomene mit Sprachphänomenen teilen, darüber hinaus gibt es aber „schriftbildlich“ zu nennende Eigenschaften von (fast allen) Schriften, die stark von denen der Sprache differieren und die das Phänomen Schrift eher in die Nähe des Phänomens Bild rücken lässt: Schriften sind in der Regel Einschreibungen von Symbolen auf Flächen; als solche sind sie in der Regel dauerhaft sichtbar, sie bieten aber zugleich die Möglichkeit des unterschiedlichen graphisch-räumlichen Arrangements dieser Symbole auf der Fläche sowie der Synopsis. Anders als Bilder bestehen sie aber in der Regel aus diskreten Symbolen. Durch diesen „Perspektivwechsel“ <bib id='Krämer 2005a'>Krämer 2005a</bib> in der Betrachtung der Schrift rücken die Operativität und die [[Materialität]] von der Peripherie der Schrifttheorie in ihr Zentrum (vgl. hierzu: <bib id='Krämer et al. 2011a'>Krämer et al. 2011a</bib>; <bib id='Krämer & Giertler 2011a'>Krämer & Giertler 2011a</bib>; sowie: <bib id='Strätling & Witte 2006a'>Strätling & Witte 2006a</bib>).  
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Mit der Bezeichnung ‘Schriftbild&shy;lichkeit’ wird nun in diesem Zusam&shy;menhang versucht, genau dieje&shy;nigen Aspek&shy;te von (wohl fast allen) Schrift&shy;phäno&shy;menen zu arti&shy;kulie&shy;ren bzw. zu thema&shy;tisie&shy;ren, anhand derer die phäno&shy;mena&shy;le Diffe&shy;renz der Schrift gegen&shy;über Phäno&shy;menen der gespro&shy;chenen Sprache – und damit der Idee, die Schrift würde den sukzes&shy;siven Fluss der Sprache nur neutral, linear aufzeich&shy;nen beson&shy;ders deutlich wird. Linea&shy;rität und Sequen&shy;tiali&shy;tät sind zwar durchaus Eigen&shy;schaften, die Schrift&shy;phäno&shy;mene mit Sprach&shy;phäno&shy;menen teilen, darü&shy;ber hinaus gibt es aber ‘schrift&shy;bildlich’ zu nennen&shy;de Eigen&shy;schaften von (fast allen) Schriften, die stark von denen der Sprache diffe&shy;rieren und die das Phäno&shy;men Schrift eher in die Nähe des Phäno&shy;mens Bild rücken lässt: Schriften sind in der Regel Einschrei&shy;bungen von [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Symbo&shy;len]] auf Flächen; als solche sind sie in der Regel dauer&shy;haft sichtbar, sie bieten aber zugleich die Möglich&shy;keit des unter&shy;schiedli&shy;chen graphisch-räum&shy;lichen Arran&shy;gements dieser Symbo&shy;le auf der Fläche sowie der Synop&shy;sis. Anders als Bilder beste&shy;hen sie aber in der Regel aus [[Syntaktische Dichte|diskre&shy;ten]] Symbo&shy;len. Durch diesen „Perspek&shy;tivwech&shy;sel“ (<bib id='Krämer 2005a'>Krämer 2005a</bib>) in der Betrach&shy;tung der Schrift rücken die Ope&shy;rati&shy;vität und die [[Materialität|Mate&shy;riali&shy;tät]] von der Peri&shy;pherie der Schrift&shy;theorie in ihr Zentrum (vgl. hierzu: <bib id='Krämer et al. 2012a'>Krämer et al. 2012a</bib>; <bib id='Krämer & Giertler 2011a'>Krämer & Giert&shy;ler 2011a</bib>; sowie: <bib id='Strätling & Witte 2006a'>Strät&shy;ling & Witte 2006a</bib>).  
 
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Die schriftbildlichen Merkmale fast alles Geschriebenen ermöglichen erstens zugleich immer auch ein exploratives, schematisches und/oder kreatives Operieren mit den jeweiligen Symbolen auf der Schreibfläche: Man denke an das schriftliche Rechnen, das Formalisieren, das Komponieren mit Noten, das Umstellen von Formeln, das Anlegen von Exzerpten, Tabellen, Listen, Übersichten oder Randnotizen in Büchern und Manuskripten, das Erstellen von Mindmaps oder Powerpointfolien. Anders gesagt: Schrift kennzeichnet also (fast) immer eine Duplizität von „Notation“ und „Gestalt“, die sich vielfältig operativ einsetzen lässt. Die mit dem Begriff „Schriftbildlichkeit“ artikulierte „Bildlichkeit der Schrift“ wird entsprechend auch (in Abgrenzung etwa zur Bildlichkeit von künstlerischen Werken der Malerei) als „operative Bildlichkeit“ <bib id='Krämer 2009a'>Krämer 2009a</bib> beschrieben, eine operative Bildlichkeit, die etwa auch [[Diagramm]]en und [[Karte]]n zu eigen ist. Schriften lassen sich über das Moment des Schriftbildlichen in den Bereich [[Diagramm|„diagrammatischer Phänomene“]] im weitesten Sinne einordnen; sowohl der Begriff der Schrift als auch der des Diagramms werden hier über das umgangssprachlich übliche hinaus erweitert, um die genannten epistemischen und explorativen Potentiale dieser Darstellungsformen in den Blick zu bekommen.  
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Die schriftbildlichen Merkmale fast alles Geschrie&shy;benen ermög&shy;lichen erstens zugleich immer auch ein explo&shy;rati&shy;ves, schema&shy;tisches und/oder kreati&shy;ves Ope&shy;rieren mit den jewei&shy;ligen Symbo&shy;len auf der Schreib&shy;fläche: Man denke an das schriftli&shy;che Rechnen, das Forma&shy;lisieren, das Kompo&shy;nieren mit Noten, das Umstel&shy;len von Formeln, das Anle&shy;gen von Exzerp&shy;ten, Tabel&shy;len, Listen, Über&shy;sichten oder Randno&shy;tizen in Büchern und Manu&shy;skripten, das Erstel&shy;len von Mindmaps oder Power&shy;point-“Folien”. Anders gesagt: Schrift kennzeich&shy;net also (fast) immer eine Dupli&shy;zität von »Nota&shy;tion« und »[[Gestalt]]«, die sich vielfäl&shy;tig ope&shy;rativ einset&shy;zen lässt. Die mit dem Wort ‘Schriftbildlichkeit’ arti&shy;kulier&shy;te „Bildlich&shy;keit der Schrift“ wird entspre&shy;chend auch (in Abgren&shy;zung etwa zur Bildlich&shy;keit von künstle&shy;rischen Werken der [[Malerei|Male&shy;rei]]) als „ope&shy;rati&shy;ve Bildlich&shy;keit“ (<bib id='Krämer 2009a'>Krämer 2009a</bib>) beschrie&shy;ben, eine ope&shy;rati&shy;ve Bildlich&shy;keit, die etwa auch [[Diagramm|Diagram&shy;men]] und [[Karte]]n zu eigen ist. Schriften lassen sich über das Moment des Schriftbild&shy;lichen in den Bereich [[Diagramm|„diagram&shy;matischer Phäno&shy;mene“]] im weites&shy;ten Sinne einord&shy;nen; sowohl der Begriff der Schrift als auch der des Diagramms werden hier über das umgangs&shy;sprachlich Übliche hinaus erwei&shy;tert, um die genann&shy;ten epis&shy;temi&shy;schen und explo&shy;rativen Poten&shy;tiale dieser Darstel&shy;lungsfor&shy;men in den Blick zu bekom&shy;men.  
 
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Zweitens haben Schriften (im engeren und weiteren Sinn) als Medien eine bestimmte [[Materialität]]. Ihre typographische oder handschriftliche Gestalt erzeugt eine Semantik, die nicht immer gleichermaßen auffällig und für die jeweilige Gebrauchsweise nicht immer gleichermaßen relevant ist, die aber immer gegeben ist. Darüber hinaus lassen sich Schriften als materiale Gestalten natürlich auch künstlerisch „ausbeuten“ und als Bilder oder Bildelemente verwenden.
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Zweitens haben Schriften (im engeren und weite&shy;ren Sinn) als Medien eine bestimmte [[Materialität|Mate&shy;riali&shy;tät]]. Ihre typo&shy;graphi&shy;sche oder hand&shy;schrift&shy;liche Gestalt erzeugt eine [[Semantik|Seman&shy;tik]], die nicht immer gleicher&shy;maßen auffäl&shy;lig und für die jewei&shy;lige Gebrauchs&shy;weise nicht immer gleicher&shy;maßen rele&shy;vant ist, die aber immer gege&shy;ben ist. Darü&shy;ber hinaus lassen sich Schriften als mate&shy;riale Gestal&shy;ten natür&shy;lich auch künstle&shy;risch “ausbeu&shy;ten” und als Bilder oder Bild&shy;ele&shy;mente verwen&shy;den.
 
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Der „Schriftbildlichkeits“-Begriff ist so darauf angelegt, die traditionelle Dichotomie von Bild und Sprache/Text <ref>Eine Übersicht über die gebräuchlichen Varianten der Dichotomie in diesem Zusammenhang gibt <bib id='Elkins 1999a'>Elkins 1999a</bib>: S.84.</ref> insofern zu unterlaufen, als ikonische Aspekte an Schriften selbst und die Gemeinsamkeiten mit nicht-sprachbezogenen Notationsphänomenen (wie Musik- und Tanznotationen) und diagrammatischen Darstellungen erfasst werden. Er eröffnet also ein Untersuchungsfeld für taxonomische Überlegungen in dem Bereich, der durch die beiden Pole [[Schrift_und_Bild]] abgesteckt ist, sowie für Funktions- und Gebrauchsbeschreibungen in diesem Phänomenbereich.
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Der Schriftbildlichkeits-Begriff ist so darauf ange&shy;legt, die tradi&shy;tionel&shy;le Dicho&shy;tomie von Bild und Spra&shy;che/Text <ref>Ei&shy;ne Über&shy;sicht über die ge&shy;bräuch&shy;li&shy;chen Va&shy;ri&shy;an&shy;ten der Di&shy;cho&shy;to&shy;mie in die&shy;sem Zu&shy;sam&shy;men&shy;hang gibt <bib id='Elkins 1999a'>El&shy;kins 1999a</bib>: S.84.</ref> inso&shy;fern zu unter&shy;laufen, als [[Symbol, Index, Ikon|iko&shy;nische]] Aspek&shy;te an Schriften selbst und die Gemein&shy;samkei&shy;ten mit nicht-sprach&shy;bezo&shy;genen Nota&shy;tionsphä&shy;nome&shy;nen (wie Musik- und Tanz&shy;nota&shy;tionen) und diagram&shy;matischen [[Darstellung|Darstel&shy;lungen]] erfasst werden. Er eröff&shy;net also ein Unter&shy;suchungs&shy;feld für taxo&shy;nomi&shy;sche Über&shy;legun&shy;gen in dem Bereich, der durch die beiden Pole [[Schrift und Bild|»Schrift« und »Bild«]] abge&shy;steckt ist, sowie für Funktions- und Gebrauchs&shy;beschrei&shy;bungen in diesem Phäno&shy;menbe&shy;reich.
  
==Die Unterpunkte: Beispiele für schriftbildliche Phänomene==
 
  
Die Gestaltung des Schriftzuges selbst ist immer semantisiert. Die [[Typographie|typographische]] Gestaltung von Druckwerken kann eher standardisiert sein oder einem künstlerischen Anspruch genügen, man kann sie eher in den Vordergrund stellen wie oft in Werbeplakaten (⊳ [[Werbung]]) oder eher unauffällig gestalten wie in wissenschaftlichen Publikationen; sie impliziert aber in jedem Fall eine ästhetische Entscheidung, die das Leseverhalten beeinflusst und bestimmte Konnotationen mit sich bringt.<ref>Vgl. exemplarisch dazu Mareike Giertlers Analysen zu Kafka-Editionen <bib id='Giertler 2011a'>Giertler 2011a</bib>.</ref> In der [[Kalligraphie]] wird in gewisser Weise der meist handschriftliche Schriftzug selbst zum Bild. In alphabetisch geprägten Kulturen ist sie im Vergleich zu anderen Kunstformen eher ein Randphänomen, im Einflussbereich der chinesischen und arabischen Schriftkulturen nimmt sie dagegen einen ungleich höheren Stellenwert ein. Darüber hinaus können ganze Textseiten verwendet werden, um Bildeffekte unterschiedlichster Art zu erzeugen, von den mittelalterlichen Figurengedichten bis hin zur [[Text als Bild, konkrete Poesie|konkreten Poesie]]. Über die Schriften im umgangssprachlichen Sinn hinaus sind in diesem Zusammenhang auch die [[Pseudoschriften]] zu erwähnen, ein Sammelbegriff für schriftähnliche Markierungen, in der [[bildende Kunst|bildenden Kunst]], oder als spezielle Markierungen, von magischen Symbolen bis zu Markensymbolen. Bei den genannten Begriffen handelt es sich natürlich nicht um einander systematisch ausschließende Kategorien, vielmehr weisen sie auf unterschiedliche künstlerische und handwerkliche Traditionen hin.
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==Die Unterpunkte: Beispiele für schrift&shy;bildli&shy;che Phäno&shy;mene==
 
 
Wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegenständen ähneln, spricht man traditionell von [[Bilderschrift_und_Piktogramm|„Bilderschriften“]]. Als Prototyp einer solchen galten die [[Hieroglyphen, Hieroglyphendiskurs|ägyptischen Hieroglyphen]], und vor ihrer Entzifferung im 19. Jahrhundert entwickelte sich nachgerade ein mystifizierender [[Hieroglyphen, Hieroglyphendiskurs|„Hieroglyphendiskurs“]], der die Bedeutung der Hieroglyphen über unterschiedliche Analogiebeziehungen aus dieser Bildlichkeit ableitete. Die moderne Ägyptologie hat diese Vorstellung von Bilderschriften streng in ihre Schranken verwiesen, Hieroglyphen werden als Schriftzeichen gelesen, ohne dass ihre Bildlichkeit dabei eine Rolle spielt; sie kann lediglich in bestimmten Gebrauchskontexten für semantische Effekte „ausgebeutet“ werden (vgl. <bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidlmayer 2011a</bib>).
 
 
 
Für die Schrifttypologie erhebt sich hier ein grundsätzliches Problem, das über die Frage nach der Funktionsweise der Hieroglyphen weit hinausgeht: die Frage, ob es Schriften gibt, die wie [[Bilderschrift und Piktogramm|Piktogramme]] funktionieren, indem sie als [[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|Ideogramme]] [[Bedeutung und Referenz|Bedeutungen]] direkt, ohne Bezugnahme auf die gesprochene Sprache wiedergeben (ohne jedoch wie Piktogramme notwendig ikonisch zu sein). Insbesondere am Beispiel der chinesischen Schriftzeichen wurde diskutiert, ob es sich um [[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|Ideogramme, Logogramme (Zeichen für Wörter)]] oder um Zeichen für Morpheme oder Silben handelt. Leibniz sah in den chinesischen „Ideogrammen“ ein Vorbild für eine universale Gedankenschrift, eine [[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|characteristica universalis]], die moderne Sinologie weist diese Charakterisierung zurück (vgl. <bib id='Erlbaugh 2002a'>Erlbaugh 2002a</bib>). Eine offene Frage in der Schrifttypologie bleibt jedoch der Status und die Funktionsweise logographischer Zeichen.
 
 
 
Mit den genannten Unterpunkten werden  einige Begriffe erläutert, die markante Phänomene bzw. Phänomenbereiche von „Schriftbildlichkeit“ beschreiben, – selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn der Begriff eröffnet ein weites Untersuchungsfeld für zahlreiche Disziplinen.
 
  
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Die Gestaltung des Schriftzuges selbst ist immer seman&shy;tisiert. Die [[Typographie|typo&shy;graphi&shy;sche]] Gestal&shy;tung von Druck&shy;werken kann eher standar&shy;disiert sein oder einem künstle&shy;rischen Anspruch genü&shy;gen, man kann sie eher in den Vorder&shy;grund stellen wie oft in Werbe&shy;plaka&shy;ten (⊳ [[Werbung]]) oder eher unauf&shy;fällig gestal&shy;ten wie in wissen&shy;schaftli&shy;chen Publi&shy;katio&shy;nen; sie impli&shy;ziert aber in jedem Fall eine ästhe&shy;tische Entschei&shy;dung, die das Lese&shy;verhal&shy;ten beein&shy;flusst und bestimm&shy;te Konno&shy;tati&shy;onen mit sich bringt.<ref>Vgl. exem&shy;pla&shy;risch da&shy;zu Ma&shy;rei&shy;ke Giert&shy;lers Ana&shy;ly&shy;sen zu Kaf&shy;ka-Edi&shy;ti&shy;o&shy;nen <bib id='Giertler 2011a'>Giert&shy;ler 2011a</bib>.</ref> In der [[Kalligraphie|Kalli&shy;graphie]] wird in gewis&shy;ser Weise der meist handschrift&shy;liche Schrift&shy;zug selbst zum Bild. In alpha&shy;betisch gepräg&shy;ten Kultu&shy;ren ist sie im Vergleich zu ande&shy;ren Kunstfor&shy;men eher ein Randphä&shy;nomen, im Einfluss&shy;bereich der chine&shy;sischen und ara&shy;bischen Schriftkul&shy;turen nimmt sie dage&shy;gen einen ungleich höhe&shy;ren Stellen&shy;wert ein. Darü&shy;ber hinaus können ganze Text&shy;seiten verwen&shy;det werden, um Bild&shy;effek&shy;te unter&shy;schiedlich&shy;ster Art zu erzeu&shy;gen, von den mittel&shy;alter&shy;lichen Figu&shy;renge&shy;dichten bis hin zur [[Text als Bild, konkrete Poesie|konkre&shy;ten Poesie]]. Über die Schriften im umgangs&shy;sprachli&shy;chen Sinn hinaus sind in diesem Zusam&shy;menhang auch die [[Pseudoschriften|Pseudo&shy;schriften]] zu erwäh&shy;nen, ein Sammel&shy;begriff für schrift&shy;ähnli&shy;che Markie&shy;rungen, in der [[bildende Kunst|bilden&shy;den Kunst]], oder als spezi&shy;elle Markie&shy;rungen, von magi&shy;schen Symbo&shy;len bis zu Marken&shy;symbo&shy;len. Bei den genann&shy;ten Begrif&shy;fen handelt es sich natür&shy;lich nicht um einan&shy;der syste&shy;matisch aus&shy;schließen&shy;de Kate&shy;gorien, vielmehr weisen sie auf unter&shy;schiedli&shy;che künstle&shy;rische und handwerk&shy;liche Tradi&shy;tionen hin.
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Wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegen&shy;ständen ähneln, spricht man tradi&shy;tionell von ‘[[Bilderschrift und Piktogramm|Bilder&shy;schriften]]’. Als Proto&shy;typ einer solchen galten die [[Hieroglyphen, Hieroglyphendiskurs|ägyp&shy;tischen Hiero&shy;glyphen]], und vor ihrer Entzif&shy;ferung im 19. Jahrhun&shy;dert ent&shy;wickel&shy;te sich nachge&shy;rade ein mysti&shy;fizieren&shy;der ''[[Hieroglyphen, Hieroglyphendiskurs|Hiero&shy;glyphen&shy;diskurs]]'', der die Bedeu&shy;tung der Hiero&shy;glyphen über unter&shy;schiedli&shy;che Ana&shy;logie&shy;bezie&shy;hungen aus dieser Bildlich&shy;keit ablei&shy;tete. Die moder&shy;ne Ägyp&shy;tolo&shy;gie hat diese Vorstel&shy;lung von Bilder&shy;schriften streng in ihre Schranken verwie&shy;sen, Hiero&shy;glyphen werden als Schrift&shy;zeichen gele&shy;sen, ohne dass ihre Bildlich&shy;keit dabei eine Rolle spielt; sie kann ledig&shy;lich in bestimm&shy;ten Gebrauchs&shy;kontex&shy;ten für seman&shy;tische Effek&shy;te “ausge&shy;beutet” werden (vgl. <bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidl&shy;mayer 2011a</bib>).
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Für die Schrifttypologie erhebt sich hier ein grundsätz&shy;liches Problem, das über die Frage nach der Funktions&shy;weise der Hiero&shy;glyphen weit hinaus&shy;geht: die Frage, ob es Schriften gibt, die wie [[Bilderschrift und Piktogramm|Pikto&shy;gramme]] funktio&shy;nieren, indem sie als [[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|Ideo&shy;gramme]] [[Bedeutung und Referenz|Bedeu&shy;tungen]] direkt, ohne Bezug&shy;nahme auf die gespro&shy;chene Sprache wieder&shy;geben (ohne jedoch wie Pikto&shy;gramme notwen&shy;dig iko&shy;nisch zu sein). Insbe&shy;sonde&shy;re am Beispiel der chine&shy;sischen Schrift&shy;zeichen wurde disku&shy;tiert, ob es sich um [[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|Ideo&shy;gramme, Logo&shy;gramme (Zeichen für Wörter)]] oder um Zeichen für [[Morphologie und Syntax|Morphe&shy;me]] oder Silben handelt. Leibniz sah in den chinesischen „Ideo&shy;grammen“ ein Vorbild für eine uni&shy;versa&shy;le „Gedan&shy;kenschrift“, eine „[[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|charac&shy;teris&shy;tica uni&shy;versa&shy;lis]]“ (<bib id='Leibniz 1966a'></bib>). Die moder&shy;ne Sino&shy;logie weist diese Charakterisierung zurück (vgl. <bib id='Erlbaugh 2002a'>Erl&shy;baugh 2002a</bib>). Eine offe&shy;ne Frage in der Schrift&shy;typo&shy;logie bleibt jedoch der Status und die Funktions&shy;weise logo&shy;graphi&shy;scher Zeichen.
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Mit den genannten Unter&shy;punkten werden eini&shy;ge Begrif&shy;fe erläu&shy;tert, die markan&shy;te Phäno&shy;mene bzw. Phäno&shy;menbe&shy;reiche von »Schrift&shy;bildlich&shy;keit« beschrei&shy;ben, – selbst&shy;verständ&shy;lich ohne Anspruch auf Vollstän&shy;digkeit, denn der Begriff eröff&shy;net ein weites Unter&shy;suchungs&shy;feld für zahlrei&shy;che Diszi&shy;plinen.
  
 
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* [[Bilderschrift und Piktogramm]]
 
* [[Bilderschrift und Piktogramm]]
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* [[Chinesische Kalligraphie|Chinesische Kalligraphie]]
 
* [[Hilfe:Entschuldigung1|Hieroglyphen, Hieroglyphendiskurs -]]  
 
* [[Hilfe:Entschuldigung1|Hieroglyphen, Hieroglyphendiskurs -]]  
 
* [[Hilfe:Entschuldigung1|Ideogramm,  Logogramm und characteristica universalis -]]
 
* [[Hilfe:Entschuldigung1|Ideogramm,  Logogramm und characteristica universalis -]]
* [[Hilfe:Entschuldigung1|Kalligraphie -]]
+
* [[Hilfe:Entschuldigung1|Kalligraphie (allgemein) -]]
 
* [[Pseudoschriften]]
 
* [[Pseudoschriften]]
 
* [[Hilfe:Entschuldigung1|Schrift und Bild -]]
 
* [[Hilfe:Entschuldigung1|Schrift und Bild -]]
* [[Hilfe:Entschuldigung1|Text als Bild, konkrete Poesie -]]
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* [[Text als Bild, konkrete Poesie]]
* [[Hilfe:Entschuldigung1|Typographie -]]
+
* [[Typographie]]
  
 
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Aktuelle Version vom 21. Dezember 2014, 19:11 Uhr

Hauptpunkt zu: Bild und Sprache


Was ist Schriftbildlichkeit?

Der Terminus ‘Schriftbildlichkeit’ (engl. ‘nota­tional iconic­ity’) wurde ursprüng­lich ins Spiel gebracht von Sybil­le Krämer ([Krämer 2003a]Krämer, Sybille (2003).
“Schrift­bildlich­keit” oder: Über eine (fast) verges­sene Dimen­sion der Schrift.
In Bild, Schrift, Zahl, 157-176.

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). Er hat mittler­weile eine recht breite Akzep­tanz und Verwen­dung in unter­schiedli­chen Diszi­plinen gefun­den, nicht zuletzt insti­tutio­nell unter­stützt durch die Arbeit des DFG-Gradu­ierten­kollegs «Schrift­bildlich­keit. Mate­riali­tät, Wahrnehm­barkeit und Ope­rati­vität von Nota­tionen» an der FU Berlin (vgl. www.‌schrift­bildlich­keit‌.de). Die Eta­blierung des Begriffs »Schriftbild­lichkeit« stand und steht dabei im Kontext von Bemü­hungen, einen Begriff von Schrift zu ent­wickeln, der „lautspra­chenneu­tral“ ist. Schrift soll also in dieser Perspek­tive einer­seits nicht mehr länger nur (verkürzt) als aufge­schriebe­ne Sprache gedeu­tet, sondern in ihrem Eigen­sinn als spezi­fisches Medium (etwa neben gespro­chener Sprache und dem Bild) erfasst werden. Schrift wird als Medium verstan­den, das eige­nen Geset­zen folgt, das – gegen­über der gespro­chenen Sprache – gera­de eige­ne Möglich­keiten der Wahrnehm­barkeit und des Ope­rierens eröff­net. Zugleich wird der Schrift-Begriff dabei über das Feld sprachbe­zogener Nota­tionen hinaus auch auf die Nota­tionen etwa von Tanz und Musik sowie auf forma­le Schriften, wie sie in der Mathe­matik, Logik, Infor­matik und Chemie verwen­det werden, ausge­weitet.[1]
Mit der Bezeichnung ‘Schriftbild­lichkeit’ wird nun in diesem Zusam­menhang versucht, genau dieje­nigen Aspek­te von (wohl fast allen) Schrift­phäno­menen zu arti­kulie­ren bzw. zu thema­tisie­ren, anhand derer die phäno­mena­le Diffe­renz der Schrift gegen­über Phäno­menen der gespro­chenen Sprache – und damit der Idee, die Schrift würde den sukzes­siven Fluss der Sprache nur neutral, linear aufzeich­nen – beson­ders deutlich wird. Linea­rität und Sequen­tiali­tät sind zwar durchaus Eigen­schaften, die Schrift­phäno­mene mit Sprach­phäno­menen teilen, darü­ber hinaus gibt es aber ‘schrift­bildlich’ zu nennen­de Eigen­schaften von (fast allen) Schriften, die stark von denen der Sprache diffe­rieren und die das Phäno­men Schrift eher in die Nähe des Phäno­mens Bild rücken lässt: Schriften sind in der Regel Einschrei­bungen von Symbo­len auf Flächen; als solche sind sie in der Regel dauer­haft sichtbar, sie bieten aber zugleich die Möglich­keit des unter­schiedli­chen graphisch-räum­lichen Arran­gements dieser Symbo­le auf der Fläche sowie der Synop­sis. Anders als Bilder beste­hen sie aber in der Regel aus diskre­ten Symbo­len. Durch diesen „Perspek­tivwech­sel“ ([Krämer 2005a]Krämer, Sybille (2005).
“Ope­ra­tions­raum Schrift”: Über einen Per­spek­tiven­wechsel in der Be­trach­tung der Schrift.
In Schrift. Kultur­technik zwischen Auge, Hand und Maschi­ne, 23-57.

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) in der Betrach­tung der Schrift rücken die Ope­rati­vität und die Mate­riali­tät von der Peri­pherie der Schrift­theorie in ihr Zentrum (vgl. hierzu: [Krämer et al. 2012a]Krämer, Sybille; Cancik-Kirsch­baum, Eva & Totzke, Rainer (2012).
Schrift­bild­lich­keit. Wahr­nehm­bar­keit, Mate­ria­li­tät und Ope­rati­vität von Nota­tionen. Berlin: Aka­demie.

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; [Krämer & Giert­ler 2011a]Krämer, Sybille & Giertler, Mareike (2011).
Schrift­bildlich­keit. Pader­born: W. Fink, Themen­heft der Zeit­schrift Sprache und Lite­ratur, 42/107.

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; sowie: [Strät­ling & Witte 2006a]Strätling, Susanne & Witte, Georg (2006).
Die Sicht­bar­keit der Schrift. München: Fink.

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).
Die schriftbildlichen Merkmale fast alles Geschrie­benen ermög­lichen erstens zugleich immer auch ein explo­rati­ves, schema­tisches und/oder kreati­ves Ope­rieren mit den jewei­ligen Symbo­len auf der Schreib­fläche: Man denke an das schriftli­che Rechnen, das Forma­lisieren, das Kompo­nieren mit Noten, das Umstel­len von Formeln, das Anle­gen von Exzerp­ten, Tabel­len, Listen, Über­sichten oder Randno­tizen in Büchern und Manu­skripten, das Erstel­len von Mindmaps oder Power­point-“Folien”. Anders gesagt: Schrift kennzeich­net also (fast) immer eine Dupli­zität von »Nota­tion« und »Gestalt«, die sich vielfäl­tig ope­rativ einset­zen lässt. Die mit dem Wort ‘Schriftbildlichkeit’ arti­kulier­te „Bildlich­keit der Schrift“ wird entspre­chend auch (in Abgren­zung etwa zur Bildlich­keit von künstle­rischen Werken der Male­rei) als „ope­rati­ve Bildlich­keit“ ([Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009).
Ope­rati­ve Bildlich­keit: Von der Gramma­tolo­gie zu einer Diagram­mato­logie? Refle­xionen über erken­nendes ‚Sehen’.
In Logik des Bild­lichen. Zur Kritik der iko­nischen Vernunft, 94-123.

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) beschrie­ben, eine ope­rati­ve Bildlich­keit, die etwa auch Diagram­men und Karten zu eigen ist. Schriften lassen sich über das Moment des Schriftbild­lichen in den Bereich „diagram­matischer Phäno­mene“ im weites­ten Sinne einord­nen; sowohl der Begriff der Schrift als auch der des Diagramms werden hier über das umgangs­sprachlich Übliche hinaus erwei­tert, um die genann­ten epis­temi­schen und explo­rativen Poten­tiale dieser Darstel­lungsfor­men in den Blick zu bekom­men.

Zweitens haben Schriften (im engeren und weite­ren Sinn) als Medien eine bestimmte Mate­riali­tät. Ihre typo­graphi­sche oder hand­schrift­liche Gestalt erzeugt eine Seman­tik, die nicht immer gleicher­maßen auffäl­lig und für die jewei­lige Gebrauchs­weise nicht immer gleicher­maßen rele­vant ist, die aber immer gege­ben ist. Darü­ber hinaus lassen sich Schriften als mate­riale Gestal­ten natür­lich auch künstle­risch “ausbeu­ten” und als Bilder oder Bild­ele­mente verwen­den.

Der Schriftbildlichkeits-Begriff ist so darauf ange­legt, die tradi­tionel­le Dicho­tomie von Bild und Spra­che/Text [2] inso­fern zu unter­laufen, als iko­nische Aspek­te an Schriften selbst und die Gemein­samkei­ten mit nicht-sprach­bezo­genen Nota­tionsphä­nome­nen (wie Musik- und Tanz­nota­tionen) und diagram­matischen Darstel­lungen erfasst werden. Er eröff­net also ein Unter­suchungs­feld für taxo­nomi­sche Über­legun­gen in dem Bereich, der durch die beiden Pole »Schrift« und »Bild« abge­steckt ist, sowie für Funktions- und Gebrauchs­beschrei­bungen in diesem Phäno­menbe­reich.


Die Unterpunkte: Beispiele für schrift­bildli­che Phäno­mene

Die Gestaltung des Schriftzuges selbst ist immer seman­tisiert. Die typo­graphi­sche Gestal­tung von Druck­werken kann eher standar­disiert sein oder einem künstle­rischen Anspruch genü­gen, man kann sie eher in den Vorder­grund stellen wie oft in Werbe­plaka­ten (⊳ Werbung) oder eher unauf­fällig gestal­ten wie in wissen­schaftli­chen Publi­katio­nen; sie impli­ziert aber in jedem Fall eine ästhe­tische Entschei­dung, die das Lese­verhal­ten beein­flusst und bestimm­te Konno­tati­onen mit sich bringt.[3] In der Kalli­graphie wird in gewis­ser Weise der meist handschrift­liche Schrift­zug selbst zum Bild. In alpha­betisch gepräg­ten Kultu­ren ist sie im Vergleich zu ande­ren Kunstfor­men eher ein Randphä­nomen, im Einfluss­bereich der chine­sischen und ara­bischen Schriftkul­turen nimmt sie dage­gen einen ungleich höhe­ren Stellen­wert ein. Darü­ber hinaus können ganze Text­seiten verwen­det werden, um Bild­effek­te unter­schiedlich­ster Art zu erzeu­gen, von den mittel­alter­lichen Figu­renge­dichten bis hin zur konkre­ten Poesie. Über die Schriften im umgangs­sprachli­chen Sinn hinaus sind in diesem Zusam­menhang auch die Pseudo­schriften zu erwäh­nen, ein Sammel­begriff für schrift­ähnli­che Markie­rungen, in der bilden­den Kunst, oder als spezi­elle Markie­rungen, von magi­schen Symbo­len bis zu Marken­symbo­len. Bei den genann­ten Begrif­fen handelt es sich natür­lich nicht um einan­der syste­matisch aus­schließen­de Kate­gorien, vielmehr weisen sie auf unter­schiedli­che künstle­rische und handwerk­liche Tradi­tionen hin.

Wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegen­ständen ähneln, spricht man tradi­tionell von ‘Bilder­schriften’. Als Proto­typ einer solchen galten die ägyp­tischen Hiero­glyphen, und vor ihrer Entzif­ferung im 19. Jahrhun­dert ent­wickel­te sich nachge­rade ein mysti­fizieren­der Hiero­glyphen­diskurs, der die Bedeu­tung der Hiero­glyphen über unter­schiedli­che Ana­logie­bezie­hungen aus dieser Bildlich­keit ablei­tete. Die moder­ne Ägyp­tolo­gie hat diese Vorstel­lung von Bilder­schriften streng in ihre Schranken verwie­sen, Hiero­glyphen werden als Schrift­zeichen gele­sen, ohne dass ihre Bildlich­keit dabei eine Rolle spielt; sie kann ledig­lich in bestimm­ten Gebrauchs­kontex­ten für seman­tische Effek­te “ausge­beutet” werden (vgl. [Seidl­mayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johan­nes (2011).
Ägyp­tische Hiero­glyphen zwischen Schrift und Bild.
In Schrift­bild­lich­keit. Wahr­nehm­bar­keit, Mate­riali­tät und Ope­rati­vität von Nota­tionen, 123-138.

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).
Für die Schrifttypologie erhebt sich hier ein grundsätz­liches Problem, das über die Frage nach der Funktions­weise der Hiero­glyphen weit hinaus­geht: die Frage, ob es Schriften gibt, die wie Pikto­gramme funktio­nieren, indem sie als Ideo­gramme Bedeu­tungen direkt, ohne Bezug­nahme auf die gespro­chene Sprache wieder­geben (ohne jedoch wie Pikto­gramme notwen­dig iko­nisch zu sein). Insbe­sonde­re am Beispiel der chine­sischen Schrift­zeichen wurde disku­tiert, ob es sich um Ideo­gramme, Logo­gramme (Zeichen für Wörter) oder um Zeichen für Morphe­me oder Silben handelt. Leibniz sah in den chinesischen „Ideo­grammen“ ein Vorbild für eine uni­versa­le „Gedan­kenschrift“, eine „charac­teris­tica uni­versa­lis“ ([Leibniz 1966a]Leibniz, Gottfried Wilhelm (1966).
Zur allgemeinen Charakteristik. Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie. Philosophische Werke Band 1. Hamburg: Meiner.

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). Die moder­ne Sino­logie weist diese Charakterisierung zurück (vgl. [Erl­baugh 2002a]Erbaugh, Mary S. (2002).
Diffi­cult Charac­ters: Inter­disci­plinary Studies of Chi­nese and Japa­nese Writing. Colum­bus, Ohio: Na­tional East Asian Lan­guage Re­source Center.

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). Eine offe­ne Frage in der Schrift­typo­logie bleibt jedoch der Status und die Funktions­weise logo­graphi­scher Zeichen.

Mit den genannten Unter­punkten werden eini­ge Begrif­fe erläu­tert, die markan­te Phäno­mene bzw. Phäno­menbe­reiche von »Schrift­bildlich­keit« beschrei­ben, – selbst­verständ­lich ohne Anspruch auf Vollstän­digkeit, denn der Begriff eröff­net ein weites Unter­suchungs­feld für zahlrei­che Diszi­plinen.

Anmerkungen
  1. Ei­ne Über­sicht über die Be­mü­hun­gen um ei­nen er­wei­ter­ten, nicht-pho­no­gra­phi­schen Schrift­be­griff und des­sen Be­grün­dung gibt der Band: «Schrift. Kul­tur­tech­nik zwi­schen Au­ge, Hand und Ma­schi­ne» [Grube et al. 2005a]Grube, Gernot; Kogge, Werner & Krämer, Sybil­le (2005).
    Schrift. Kultur­technik zwischen Auge, Hand und Maschi­ne. München: Fink.

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    .
  2. Ei­ne Über­sicht über die ge­bräuch­li­chen Va­ri­an­ten der Di­cho­to­mie in die­sem Zu­sam­men­hang gibt [El­kins 1999a]Elkins, James (1999).
    The Domain of Im­ages. Itha­ca, London: Cornell Uni­versity Press.

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    : S.84.
  3. Vgl. exem­pla­risch da­zu Ma­rei­ke Giert­lers Ana­ly­sen zu Kaf­ka-Edi­ti­o­nen [Giert­ler 2011a]Giertler, Mareike (2011).
    Lesen als Akt des Sehens der Schrift – Am Beispiel von Kafkas Betrach­tungen im Erst­druck. In Sprache und Lite­ratur, 42, 107, 25-36.

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    .
Literatur                             [Sammlung]

[El­kins 1999a]: Elkins, James (1999). The Domain of Im­ages. Itha­ca, London: Cornell Uni­versity Press.

[Erl­baugh 2002a]: Erbaugh, Mary S. (Hg.) (2002). Diffi­cult Charac­ters: Inter­disci­plinary Studies of Chi­nese and Japa­nese Writing. Colum­bus, Ohio: Na­tional East Asian Lan­guage Re­source Center. [Giert­ler 2011a]: Giertler, Mareike (2011). Lesen als Akt des Sehens der Schrift – Am Beispiel von Kafkas Betrach­tungen im Erst­druck. Sprache und Lite­ratur, Band: 42, Nummer: 107, S. 25-36. [Grube et al. 2005a]: Grube, Gernot; Kogge, Werner & Krämer, Sybil­le (Hg.) (2005). Schrift. Kultur­technik zwischen Auge, Hand und Maschi­ne. München: Fink. [Krämer & Giert­ler 2011a]: Krämer, Sybille & Giertler, Mareike (Hg.) (2011). Schrift­bildlich­keit. Pader­born: W. Fink, Themen­heft der Zeit­schrift Sprache und Lite­ratur, 42/107. [Krämer 2003a]: Krämer, Sybille (2003). “Schrift­bildlich­keit” oder: Über eine (fast) verges­sene Dimen­sion der Schrift. In: Krämer, S. & Brede­kamp, H. (Hg.): Bild, Schrift, Zahl. München: Fink, S. 157-176. [Krämer 2005a]: Krämer, Sybille (2005). “Ope­ra­tions­raum Schrift”: Über einen Per­spek­tiven­wechsel in der Be­trach­tung der Schrift. In: Grube, G.; Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.): Schrift. Kultur­technik zwischen Auge, Hand und Maschi­ne. München: Fink, S. 23-57. [Krämer 2009a]: Krämer, Sybille (2009). Ope­rati­ve Bildlich­keit: Von der Gramma­tolo­gie zu einer Diagram­mato­logie? Refle­xionen über erken­nendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.): Logik des Bild­lichen. Zur Kritik der iko­nischen Vernunft. Biele­feld: trans­cript, S. 94-123. [Krämer et al. 2012a]: Krämer, Sybille; Cancik-Kirsch­baum, Eva & Totzke, Rainer (Hg.) (2012). Schrift­bild­lich­keit. Wahr­nehm­bar­keit, Mate­ria­li­tät und Ope­rati­vität von Nota­tionen. Berlin: Aka­demie. [Leibniz 1966a]: Leibniz, Gottfried Wilhelm (1966). Zur allgemeinen Charakteristik. Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie. Philosophische Werke Band 1. Hamburg: Meiner. [Seidl­mayer 2011a]: Seidlmayer, Stephan Johan­nes (2011). Ägyp­tische Hiero­glyphen zwischen Schrift und Bild. In: Krämer, S.; Cancik-Kirsch­baum, E. & Totzke, R. (Hg.): Schrift­bild­lich­keit. Wahr­nehm­bar­keit, Mate­riali­tät und Ope­rati­vität von Nota­tionen. Berlin: Aka­demie, S. 123-138. [Strät­ling & Witte 2006a]: Strätling, Susanne & Witte, Georg (Hg.) (2006). Die Sicht­bar­keit der Schrift. München: Fink.

Ausgabe 1: 2013

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra [34], Elisabeth Birk [11] und Klaus Sachs-Hombach [6] — (Hinweis)